In den Zeiten des Flusses (aus den Geist(er)geschichten)

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Routen durch das Land
Bekannte und fremde
Straßen, Waldwege in
weißem Sand.

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Die Räder fliegen rollen, richten sich aus nach dem Sonnenstand, westlich das Erntedankgrollen der schweren Ackermaschinen,
Sonne steht tief im Westen, das Geschenk ihrer Abendstrahlen eingesammelt und als Schatz auf dem Dachboden verwahrt.

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Nur zaghaft traut sich der Verstand, dem verkannten Orientierungssinn eine Lanze zu brechen, zu ihm in den Worten zu sprechen, die keine Sprache sind, nur gefühlt werden können.
Worte wie Wolken in Lauten, die beim Versuch sie hörbar zu machen, tief im Halse stecken bleiben, weil sie sich selbst nicht trauten.

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So still die Straßen, die Wege, die Brücken schweigen.
Hinter den vertrauten Fassaden verbirgt sich das andere, das Unbekannte und Fremde. Es hat vor Angst solche schweißnassen Hände. Es ahnt in jedem Anfang eines Weges das vorprogrammierte traurige Ende.
Es schlägt die Augen nieder und summt nur noch leise die bekannten Strophen mit in den verfremdeten Coverversionen alter Liebeslieder.

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Die Straßen des Herbstes verlangen nach erhöhter Achtsamkeit.
Sie sind mit Sommerblattleichen gepflastert, leicht fällt es sich auf die Seite wie ein toter Gaul, fasst keine Bremse auf den leichten Körperhüllen, vollgesogen vom letzten Sturmregen.
Auf den herbstlichen Wegen sollten die Bewegungen umsichtig, aufmerksam und vorausschauend sein.
Mit den eigenen Schmerzen bleibt ein jeder für sich und allein, wie es auch sei.

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Braun und traurig will das Land werden. Es hat sich im Sommer verschwendet an lauter Lebensfreude.
Es nimmt die Ruhezeit in Kauf, weiß es doch um den ewigen Kreislauf von Wachsen und Werden, gibt es doch diese Hoffnung auch im tiefsten Schlaf, bedeckt, erstarrt in Eis und Frost, niemals auf.
Nah am Erdkern ist das Land flüssig und heiß
unter allem Schnee und Eis. Dieses alte Wissen um den Ursprung des Lebens ist beständige Bewegung, der Welt veränderlicher Lauf in den Lavagefühlen, der Erdweisheit, ein Teil zu sein, Dank, nichts Unbeseeltes sein zu müssen, Energie sein zu dürfen inmitten körperlicher Erdigkeit , der Bodenhaftung, beweglicher Teil sein zu können.

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Zwei Räder wandern, manchmal auch vier, in den Zeiten des Flusses. Nun stehen sie im Schlaf, in den langen Schatten, die die tiefe Sonne tröstend auf die Wartenden warf. Die Gedanken weit und offen, das Land erzählt in jeder Umdrehung von Dir, das Land ist Wachsen, Werden und Hoffen.

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Schattenherz

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Schattenherz
schwarz
dunkler Umriss
an der Wand
scherenschnittscharf
wie mit
dem Messer
ausgeschnitten

Jeder
Sonnenschein
alljahrlang
nahm dich
mir immer
wieder
aus der Brust
klatschte dich
an die
weiße Wand.
Dort bliebst du
kleben
neben der
offenen Tür
ganz nach
deiner
Schattenherzmanier,

Wolltest figürlich
werden
schwarze Tränen
warf die Mauer
zurück
in meine
wasserfarbenverliebten
Augen.

Tröste dich
mit den Wolken
sei tapfer
wir müssen
weiter
seien
die Tage
auch noch
so gnadenlos
heiter
wir müssen weiter.

Umfließe dich
mit Nebel
vom Berg
lass dich
einhüllen vom
Blätterwind
schau:
im alten Sommerlaub
spielt mit Kastanien
ein trauriges
verlorenes
sich selbst
unvertrautes Kind.

Es ist hilflos
taubstumm
blind
nimm dich
seiner
menschlichen
Monströsitäten
seiner
unbewussten
Skrupellosigkeiten
Heimlichkeiten
Eigenarten
wie seiner Würde
gewissenhaft
an
bis es
sich
in deinen leeren
entmaterialisierten
Schattenaugen
wiedererkennen
kann
wird es
vielleicht von dir
lernen
Schattenherz
ausgerechnet
von dir -
alle Arten Liebe.

Die seligen Erinnerungen

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Herzausreißer sind sie, die mystifizierten seligen Erinnerungen.
Sie tragen strahlende Nimben um ihre Häupter, sind eitel und selbstgefällig und ihre Umarmung ist so leer und kalt wie ein verlassenes Zimmer.

Wenn sie küssen, saugen sie der Seele die Träume aus, bis das Herz in Tränen trieft, dann nehmen sie den zuckenden roten Klumpen Fleisch einfach an sich, als gehöre er ihnen, als hätten sie irgendein Recht darauf, als hätten sie irgend ein Recht auf irgendetwas.

Sie tragen immer helle Kleidung, die schlimmsten lauern in Gerüchen, in vertrauten Aromen, sogar fragmentarisch in Einzelbestandteilen gleich wiedererkannt, wahrgenommen, vor ihnen davongerannt.

Andere suchen in scheinbar vertrauten Silhouetten und Gesichtern nach Ähnlichkeit und jammern laut, untröstlich, wenn sie hinter vertraut scheinenden Maskierungen doch immer nur wieder gleichgültige nur sich selbst zugewandte Gesichter sehen, die Augen abgewandt, die Köpfe weggedreht.
Geliebte Gesichter, gleich wiedererkannt in verzerrten Wolkenspiegeln die auf dreckigen Pfützen schwimmen.

Erinnerungen wie Lichtspielmomente, großes Herz-Kino, ein Film mit einem erhofften Happy-End und jede Szene brennt wie Feuer. Dann fällt der Vorhang wieder und die Lichter flammen auf, alles drängt zum Ausgang hin, ein jeder orientiert sich wieder an der Realität, sucht dort Glück, Sein und Sinn.

Erinnerungen sind einzelne Gesichter, die aus den anderen herausstechen in langen tiefen Augen-Blicken, sie lächeln freundlich, scheinbar jovial, doch sich von ihrem Charme ein ums andere Mal becircen und bezaubern zu lassen – fatal…

Erinnerungen sammeln salzig sich wie Meerwasser in Tränenkanälen. Sie wollen sich wie Glück anfühlen, die heiße Stirne kühlen, doch ihre Hände sind tot, starr und kalt.
Ihre Absicht ist invasiver Natur, in scheinbar herzwärmendes trunkenes Glücksgefühl verwandelt sich tückisch ihre fließende Gestalt. Sie sind zeitlos, nicht jung nicht alt, Zeithüter im synaptischen Blitzlichtgewitter, beidgeschlechtliche Zwitterwesen und nur, wer es sich zutraut, stark genug ist, ihrer Faszination Verstand und Sachlichkeit entgegenzusetzen, in ihrer Schönheit eine oberflächliche zweidimensionale erkennt, kann aus ihren von Lebenslinien ungezeichneten leeren Momentangesichtern wie in den Segmentringen weißer Larven seine Zukunft lesen.

Zeit für ein Liebeslied

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Zeit für ein
Liebeslied haben
suchen
nach passenden
Worten
an bedeutungsvollen
geheimen Orten
fliegt es
bomberschwer
im Bauch.
Wie viele Tonnen können Schmetterlinge wiegen,
als alle Worte schwiegen,
wie dankbar kann
Frieden sein,
wenn das Schlachtfeld
noch raucht?
Der Gang
selbst zu zwein
geht sich
dennoch allein
manchmal
Richtung Canossa.
Er nimmt die
Vergangenheit
demütig
hin, seine Ziele
sind mit den
Wünschen und Träumen
nach Nähe
im Zeitstromtreiben
Richtung Zukunft
geflossen.
Mensch bleibt Mensch.
mutig unverdrossen
Wort um Tat
Idee und Rat
Hand in Hand
unverwandt
Liebe als Band
im veränderlichen
Sand
der Zeit.
Wir sind bereit.

Saisonabschied (aus den Geist(er)geschichten)

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Es war die Geist(er)zeit, eine Traumsaison
das Grün, es geriet
außer Façon, tanzte sich welk, huschte die Straßen voran, Laubblätter wie die Späher der kalten Zeit, der Geist leise und schnell wie ein apokalyptischer Reiter, der dem Ende des Grüns entgegenjagt, umtanzt von toter leichter Erinnerung, warm und bunt.

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Vor dem Steinbruch stehen, zu sehen die sandsedimentierte geschichtete Zeit, kalkig weiß, wie eine Wunde im Berg, den nicht die Zeit ihm schlug mit Weile, abgeschlagen Bruch um Bruch, gewaltsam und mit Eile.
Ungeduldig Menschenwerk.

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Sich hochkreisen zu dem alten Gemäuer, fast weiß strahlt die alte Räuberburg, als hätte sie dem Zahn der Zeit nie widerstehen müssen, als zähle für sie einzig der Weitblick über schutzbefohlene Stadtdächer bis ins Land.

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Mit dem Johannisbach flussaufwärts wandern, herb umfangen in der Umarmung des Waldes, die Auen entlang, in denen immer noch der Sommer zirpt und fliegt. Den Berg hochstrampeln im Blick über jungkeimgrüne Wintersaaten, zarte Hälmchen, draußen den Landfrieden, im Herzen den Krieg.

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Immer wieder die Grenzgänger, schon entlaubt, sind sie wehmütig, verändert, über das gleichgültige Land, die immerselbe Aussicht, so wunderschön sie auch sei, sie jeden Tag Leben immer gleich sehen, Stürmen zu trotzen, als sei Stehenzubleiben, Auszuhalten eines Baumes geduldige Pflicht.

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Sie vorbeiziehen lassen, hinter sich lassen, Sonne von vorn warm im Gesicht, an den Beinen auf Haut, traut sich das Herz neue Wege zu suchen, im Gewirr der Straßen der Stadt. Trinkt sich an Begegnungen, heute alle lächelnd, satt und zufrieden, fährt die alten Wege ab, zu prüfen, was übrig sei aus der Vergangenheit, fand es an bemalten Häuserwänden, einer Eingangstür, Bild eines Kindes mit aufgeschürften Knien in einem weiß-grün gepunkteten Kleid, Kindheit, von der an das Leben lauter Kleinemädchenfragen übrig blieben:
Warum ist mein Schatten größer als ich?

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Schauen, was die mit Stein und rosa Kreide vor langer Zeit aufs Pflaster gemalten Sonnenuhren dazu sagen.

Heute sind sie fortgewaschen, die Steine noch die gleichen,
das Herz zerrt weg von diesem alten Ort, er war einmal Geborgenheit, doch sie starb mit den Menschen, die sie einst gaben, sie muss für ein Leben lang reichen.
Es war, flüstert der Geist in jeder vorandrängenden Umdrehung seiner Naben, alles hinter sich lassend, die ganze lange Zeit in Jahren in einen Rückenwindstoß fassend. Es eilt. Fahr schneller…

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Der Wind stemmt sich in Böen, wie leicht wirft es sich aus der Bahn, scheint was sicher sich glaubte, nun verhaltener, vorsichtiger zu sein, wie auf Seife rutschen die schmalen Reifen durch nasses Laub, nun heißt es, konzentriert den Lenker fester zu greifen, angstgeklammert im schleifenden, nichtfassenwollenden Bremsgeräusch, es nützt nichts, hier greifen sie nicht, Augen auf und Bremsen verboten, ansonsten den Asphalt küssen mit blutigen Knien und Pfoten.

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Die Stadt, scheinbar vertraut in Einzelorten wie Ergebnissen aus Gleichungen mit unbekannten Lösungswegen, die, im Kennenlernen, Abfahren unbekannter Straßen sich beginnen wie die Maschen eines Netzes zu verbinden und sich zusammenfinden in Knotenpunkten, auch aus den Sackgassen findet ein Geist Auswege, lässt sich leicht über Treppen tragen und rollt gutmütig, ohne zu klagen über Wiesen, Stock und Stein, querstadtfeldaus- und -ein.
Er scheint führerlos, doch will ein Führer sein.

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Zeitweilig die Atemnot, immer mal wieder, das kleine klamme Gefühl in den schönen alten großen Windgesängen, dann wieder ruhig und frei in den Gedanken mit der Landschaft weitertreiben
leer und ohne Ziel,
von diesem Gefühl noch viel mehr wollen, unbeschwert weiterrollen bis zum nächsten Berg.
Ihn wütend traurig hochtoben, verausgabt sich, es ist im Herzen Sommerschlussverkauf, alles wird verschleudert, zu Billigpreisen, entwertete bunte Träume auf Wühltischen
alles muss raus.
In der Natur stellenweise schon in ganzen Gruppen gedeckte Farben, wintermaßgeschneidert.
Die Sonne höhnt warm, als wär’s noch Sommer.

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Nach Hause kommen, es sehen wie die goldene Stadt, die Zuflucht, der traute Stall. Fing auf noch immer jeden schweren Fall, viel wert, ein Lager zu haben, in das man jederzeit gehen kann.
Nun steht der Geist, Lenker Richtung Tür, sie ist immer offen.
Der Geist weiß genau weswegen, wofür, lockt mit dem Draußen, es schmeckt verwegen nach Freisein, Frieden und Hoffen.

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Zum Todestag von Ingeborg Bachmann

Schlaf, Große,
Dein Leben war
kein Traum.
Alles echt
alle Deine
Worte
so wahr
dass sie
ohne Dich
lebendig
weitergehen
bis in alle Zeiten
so zeitlos schön
dass sie bewahrt
bleiben
vor dem Verfall
wohin ich auch
gehe, sehe
stehenbleibe
Deine Worte
finde ich
überall.