Dìa de muertos- Allerseelen

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Auch du
und du.
Ihr.
Gelbe Blütenblätter weisen den Weg.

Allerseelen wählten mich
kein Friedhof kann euch bergen
ihr ward
grenzensprengend
offene Areale
Brücken
die Abgründe überspannten
weit offene Pforten
hinter denen ich euch
jederzeit fand
mit offenen Armen.

Ihr ward Vertraute
bleibt mir im Herzen
treuer Trost ohne Klage
will an euch denken
bringe euch Licht
ein wissendes Lächeln
in meinem Clownsgesicht
feiere mit euch
weil es euch für mich gab
das, was im Herzen
an Liebe verbleibt
ist unsterblich
braucht kein Grab
vererbt sich
still unaussprechlich
weiter
darum seht ihr mich heute nicht traurig
sondern heiter.

Das Leben
nimmt seinen Lauf
Jahr um Tag
mit Allerseelen
den geliebten
vergangenen
Begleitern.

Große Freiheit Nummer Sieben

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Nun weine, bist endlich alleine
also weine
weine im tiefen Sonnenstand
in deinen Schatten geh zum Rand
ganz nah dran, auf die Knie
mach die Leinen los
lass dir die Richtung vom Wind verklickern
spring ab
sei die Sehnsucht nach dem Land
dem Heimathafen
auch noch so groß.

Geh beide Seiten ab
hol das Zeug ein
das noch draußen hängt
verzurre es gut
auch wenn es sperrig ist
nach außen drängt
prüfe gut den großen Mast auf Brüche
singe ein paar Seemannslieder
klopfe ein paar coole Sprüche
große Freiheit Nr. Sieben
wo ist nur
dein Hansalbersaugenblau
geblieben?
ach, Junge
komm doch bald wieder
es schmettert sich schlecht
Shanties allein im Chor
einsam übers Meer
führt der Weg
wohin der Wind trägt
mitten durch die Nordwestpassage
und wieder zurück
bis vor das letzte Tor
es lockt mit Glück.

Eine Kunst
auf dieser Reise nicht zu vereisen
dem salzigen Meer
immer wieder
guten Mut zu beweisen
nicht zu verlieren
die Reiselust am Reisezwang
nicht resigniert
nur Flaute zu spüren
auch zu wissen
um der Freiheit fröhlichen Wellenüberschwang
den Drang
wagemutig den Kahn
durch alle Wetter zu führen
dauerte die Fahrt auch noch so lang
ihn nicht übermäßig zu beschweren
mit alten Zweifelsteinen
sondern vor Fahrtbeginn
die Ladung zu klären.

Einmal in See gestochen
sieht niemand mehr
deine Traurigkeit
dass du gebrochen bist und wen vermisst
hier darfst du weinen
hier bist du alleine
auf großer Fahrt
kein Land, so weit das Auge reicht
in Sicht.

Nur Möwen
deine Pflicht
deine Verantwortung
du selbst
wie du mit dir sprichst
als wenn du ausländisch radebrächest
als wenn du zu jemand Fremdem sprächest
unverschnörkelt schlicht
wie Salzgischt sich
mit grünem Wellenwasser vermischt
erlischt im Meer
der Sonne glutrotwarmer Trost.

Und es war Tag
es war Abend
ist mittlerweile Nacht geworden.
Navigierend nach den Sternen
steuerst du ergeben
dem Leben treu geblieben
in Richtung unbekannte Fernen
der Kurs steht in Sternbildern
längst am Himmel geschrieben:
Große Freiheit,
Nummer Sieben.

Freie Fahrt voraus

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Vorweg:

Gestern, nein, vorgestern kam ein Seemannsgarn heraus aus mir, wollte in See stechen, ich machte also den alten Eisbrecher flott, studierte Seekarten und wienerte schonmal das Deck. Das war, bevor ich mich an Màna und ihre Ballade erinnerte, diese mich wiederum mich an Pucchini und seine Schmetterlingsmadama erinnerte. Am nächsten Morgen, nachdem das Gedicht draußen war, sich irgendwie selbst schrieb, dabei sich jedoch immer wieder drehte und einzelne Worte im Schreibkanal steckenblieben sich wie Fischgräten querstellten, und ich mir schon die Haare raufte, bis ich aussah wie der Klabautermann höchstselbst, völlig coco loco, begann das Gedicht mit mir eine Diskussion.
Es gibt solche Texte.
Die hinterfragen sich, manchmal sofort, manchmal erst später und dann kann es unterschiedlich ausgehen:
Es könnte ein Schubladengedicht werden, ganz zuunterst unter den humorvollen Sachen, damit es nicht so auffällt.
Papier ist geduldig, auch mein Notizenarchiv, frisst nicht viel Speicherplatz, also packte ich den Wort-Stoff kurzerhand am friesengenerzten Kragen und wollte ihn gerade diskret verschwinden lassen, da bollerte das Gedicht plötzlich mit markanter Stimme los:
Eeey! Was soll das?
Ich bin eine Stimmung, ich will Freiheit!
Hoch die Flaggen, auf in See!
Schmetterte es in schönster Shanty-Manier, leicht selbstmitleidig, weil es sich Mühe gegeben hatte, ein gutes Gedicht sein zu wollen.

Das ist mir alles zu trotzig, da und da!
Meckerte ich und markierte Textstellen und Versfüße in neongelbgrünblaurot.
Aber ich bin ja auch ein Ruf in die Ferne, lockende Freiheit und Du brauchtest das doch!
Kam prompt die mißmutige Antwort von dem Seefahrerpoem zurück.
Wenn Worte sprechen könnten, Zungen hätten, wie viel könnten sie zwischen Zeilen sagen,
schwadronierte ich gewichtig…
Aber duuuu! (und an der Stelle strich ich einen kompletten Absatz ersatzlos (!) raus und piekte dem widerborstigen Text meinen Cursor vor die Buchstaben:
Aber duuuu! Du tust ja grad so, als sei das der einzige Ausweg!
Aus und weg, abhauen und pseudoheroisch in See stechen, ach, Quatsch, das alles!
Mir reicht das Herumgeschippere im ewigen Eis!
Und jetzt?
Das Gedicht fing an zu weinen, das kann man bei ihm lesen.
Es heulte wie ein Schlosshund, versweise, überraschend leise für so einen kernigen Textkerl.
Komm, sagte ich zum Gedicht, wir kommen so nicht weiter und drehen uns im Kreis, wir gehören schließlich zusammen und nun schauen wir, was wir tun, ich mach Dir mal einen Vorschlag:

Jetzt durch die Nordwestpassage zu fahren, wäre glatter Selbstmord. Der Winter kommt. Sowas macht man im Frühling, sonst kommen wir nicht durch das Eis.
Soweit klar?
Das Gedicht verste eine zuversichtliche Silbenanordnung, die synchron alle Däumchen reckte.
Du bist nicht so, wie ich dich wollte, sagte ich dem Gedicht. Doch ich lass dich genauso wie du jetzt bist, weil ich dich so mag wie du bist, bist schließlich mein Gedicht, mein Freiheitsgedicht, mitten durch die Nordwestpassage willst Du, ein Entdecker- und Abenteurergedicht und die Fracht ist ein echtes lebendiges verfluchtes Herz, das in einer verschlossenen Kiste unter Deck steht.
Jack Sparrow lässt grüßen und die Geister sind auch schon alle da.
Also, Gedicht, wir warten, ja?
Im Trockendock und flicken den Kahn erstmal und versiegeln ihn neu gegen Korrosion und Rost.
Du…?
Darfst trotzdem raus in die Welt, ist schon gut, ich steh zu dem, was mir zu mir sich gehörig anfühlen will, das war schon immer so und wird so bleiben.
Aber: ich stehe nur bedingt hinter Deiner oberflächlichen Freiheitsaussage, denn ich meine:

Manchmal kann es sinnvoll sein abzuwarten und die Kräfte zu sammeln, das Land zu respektieren und ihm nicht Gram zu sein, wenn es fremd bleiben will und keine Heimat werden.
Heimatland ruht im Herzen und es ist immer da und überall und es ist das Gefühl, überhaupt so ein Land zu kennen, das man so nennen kann: Heimat, Zuhause, sicherer Hafen.
Wohin wir auch zu fliehen versuchen, sage ich dem Gedicht über Freiheit, wir nehmen uns mit, wohin wir auch gehen und die Heimaterde im Säckchen um den Hals ist gute Erinnerung genug.
Im Frühling reisen wir wieder.
Mit diesen letzten Worten verabschiedete ich mein Freiheitsgedicht durch die Nordwestpassage und nun lasse ich es vorgehen und einfach in dem, was es sein will (Mut, Trost, Zwiesprache)
für sich stehen.

Bald schon wird es frieren

Liebe Blogleser, angeregt durch Konrad Weiss’s Herbstgedicht, das ich bei der geschätzten Frau Wildgans im Blog fand, entstand wie so oft, etwas Eigenes.

Hier der Link zu Frau Wildgans’ Blog und dem Gedicht von Konrad Weiss:

http://wildgans.wordpress.com/2014/10/29/heute-kein-himmel/

Einstweilen wünsche ich den Bloglesern viel Freude beim Lesen und Stöbern.

Herzliche Grüße
von der
Karfunkelfee
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Himmel
und sei es einer
der sich grau macht
wie eine alte
ehrwürdige Eminenz
mit steifen
hochgestellten Wolken
und Regenstöckchen
die zersplittern
im Gesicht.

Doch noch Blätter
hier und da
hängen an Bäumen
welk und matt
übrig geblieben
weil sie
zu lange
von Sommer
träumten.

Wind Wolkenscherge,
Ihro grauer
Himmelshochwürden
treuester Diener
erfüllt seine Pflicht
bestimmt
den Herbst
als die Zeit
des jüngsten Gerichts
schneidet gnädig
messerscharf
die Sommertoten
von den
Bäumen ab
bereitet ihnen
zuhauf
ein buntes Grab
unter den ernsten
würdevoll
grau schweigend
Treibenden.

Es scheint
als wollten Wolken
frisch verwaisten
Bäumen kondolieren.
Bald schon
wird es
frieren.

Im Spiegel

Liebe Blogleser,

In den letzten Tagen durfte ich sehr kluge Beiträge von Frau Knobloch und Candy Bukowski lesen. Es geht um Herzensentscheidungen und Werte.
Aus dem Kommentar, den ich Frau Knobloch schrieb, da uns alle ein ähnliches Thema umzutreiben scheint, wenn auch mit unterschiedlichen Geschichten dahinter, entstand ein eigenständiger Text.

Frau Knobloch und Candy, es wäre mir eine Freude, wenn ich an dieser Stelle zu Euch hinlinkwinken dürfte- darf ich?
Eure Texte, die Kommentare dazu haben in mir tiefen Eindruck hinterlassen. Ein volles Maß Lebenserfahrung gibt es hier zu entdecken in den vielzähligen Berichten und Gedanken.

http://bittemito.wordpress.com/2014/10/26/ja-oder-ja/

http://candybukowski.com/2014/10/27/think-about-werte/comment-page-1/#comment-3043

Herzliche Grüße
von der Karfunkelfee

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Im Spiegel

Wann immer ich versuchte, mein Herz in den Kopf zu zwingen, scheiterte ich, wann immer ich dachte, ich könne das Tempo, in dem mein Herz zu heilen versucht, vorantreiben, verursachte ich Leid, mir und anderen. Wann immer ich versuchte, mir woanders als in meinem Bauch Absolution für meine Gewissensentscheidungen, meine Moral und meine Selbstzweifel zu holen, bekam ich statt mehr Kraft mehr Variationen eines spekulativen illusionären Themas, doch es machte mich schwerer und nicht leichter, wie ich erhoffte.

Ich dachte, ich könne mich irgendwie schützen vor den Entscheidungen anderer und blieb für mich.
Die Herzensentscheidungen treffen die anderen, die davon betroffen sind, aktiv mit, bewusst und unbewusst, durch ihr Verhalten, das Gesprochene und das, was in ihrem Schweigen verbleibt.

Wir sind Resonanzkörper, Spiegelwesen.
Unsere Gefühle verschleiern manchmal das, was wir nicht gern wahrnehmen wollen und unser Kopf denkt, er hätte alles mit dem Verstand in der Hand.

Wir fühlen ‘Nein’ und denken dabei ‘Ja’. Wir fallen aus dem scheinbar vertrauten ‘Wir’ in das fremdere distanziertere und perspektivisch sich umschauende ‘Du-und-Du’ zurück. Der ständig hoffende Verstand will Brücken schlagen und kämpft mit der Gewissheit des Herzens, die uns doch schon so lange immer wieder in Zweifeln hinterfragen wollte, auf die zu hören, es so schwer fällt, weil die Erkenntnis schon lange schwarz die Spiegel verhängte und das Erkennen im anderen Augenpaar ein Blick wurde, der nur noch den Schatten der Bewegung aus dem Seitenblick wahrnahm.

Unser Auge ist nicht in der Lage ein wahrhaft scharfes Bild von dem was wir sehen, an das Gehirn weiterzuleiten. Um ein Bild zu erhalten, muss unser Gehirn Details aus früher gespeicherten erinnerten Bildern und Eindrücken zu Hilfe nehmen. So funktioniert unser Sehen.

Warum sollte dies bei der Seele anders sein? Auch sie greift zurück auf die Erinnerungen, um ein schärferes Bild zu zeichnen.

Darum sind wir angewiesen auf unsere Erinnerungen. Sie dienen der Orientierung. Andere funktionieren genauso und was wissen wir wirklich über sie, die anderen?

Was, lassen sie uns sehen? Wie tief muss Vertrauen reichen, damit das Herz, sich selbst annehmen kann, auch wenn es verlassen wird?

Wir sind Spiegelwesen, Resonanzkörper und wir folgen unserer inneren Führung, der unsere Werte voranstehen, die die Richtung vorgeben für den zukünftigen Straßenverlauf.

Wir suchen bei anderen Ähnlichkeit, Synchronschwingungen, weil sie uns in uns selbst stärken, motivieren und glücklich machen wie Kinder, die angenommen und geliebt werden, in dem wie sie sind und für das, was sie sind, lange bevor sie gelernt haben, sich selbst im Spiegel zu erkennen und dabei tatsächlich zu denken, sie sähen ein ganzes Bild von sich.