Angenommen

Ein Korollar, angeregt durch das Gedicht ‘Im Winter bis zur Dunkelheit’ von Björg Volquardsen, zu dem ich mit seinem freundlichen Einverständnis hinverweisen möchte:
https://schattenwandern.wordpress.com/2015/09/03/im-winter-bis-zur-dunkelheit/
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Angenommen  

 

angekommen

packstück 

das du immer wieder bist

zurückgelassen

von der letzten asphaltgrauen nacht

verschlungen

ausgespien

von leeren straßen 

verschnürt

ungeöffnet

absender unbekannt

angenommen


Wer weiß das schon?

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Ich kam von meiner Physiotherapeutin. Diese hatte mir heute versucht meine vor unerfüllten Wünschen, zu viel Ärger und Kummer aufgeplusterte Leber zu entquetschen. Zu diesem Zwecke bohrte sie Daumen und Zeigefinger und zu guter Letzt ihre Handkante zwischen meine unteren hinteren Rippenbögen um die Wirbelsäulen-Ringblockade aufzubrechen, die sich dort seit einem Treppensturz vor zehn Jahren festgesetzt hat und die mir zeitweise die Luft zum Atmen nimmt. Sie fragte mich ob ich mich in letzter Zeit geärgert hätte, traurig gewesen sei oder unerfüllte Wünsche hätte? Das schlüge sich nämlich auf die Leber, die sich dann aufblasen würde. Ich dachte an das Jammertal von der Größe der UdSSR und der Antarktis zusammengenommen in mir drin und verfiel während des Entquetschens und Dehnens meiner Leber sowie der daranhängenden Gallenblase und der Rippenbögen, vermutlich infolge der dabei entstehenden höllischen Schmerzen in nahezu unmäßige verzweifelte Heiterkeit. Während ich versuchte das völlig unpassend in mir aufsteigende Lachen und Gekicher mit Stöhnen und Schreien zu unterdrücken, erzählte ich mir einen völlig durchgeknallten Witz nach dem anderen und schließlich auch meiner Physiotherapeutin, die daraufhin nur umso stärker zudrückte, bis mir endgültig die Luft ausging und mir nicht einmal mehr die einfachsten Kinder-Witze einfielen. Die verzweifelte Heiterkeit indes blieb mir treu, fand nun allerdings keinerlei Ventil mehr, um sich irgendwo auslassen zu können.
Nach der physiotherapeutischen Tortur und um zwei leberentquetschende Übungen für Zuhause reicher, wollte ich mich auf den Heimweg begeben, den nächsten Foltertermin für Freitag hatte ich auch bereits in der Jackentasche. Ich bekam etwas besser Luft und überlegte schon, wo ich einen Tennisball herbekommen könne, auf dem ich zukünftig herumrollen soll um meine vor Ärger, Kummer und Wut aufgeplusterte Leber noch effektiver zu entquetschen, gestattete mir keinerlei Illusionen welcherart Schmerzen mich erwarten würden und freute mich darüber, seit Jahren mal wieder freier durchatmen zu können, weil diese Wirbelsäulen-Ringblockade mich bereits seit zehn Jahren immer wieder dann entlüftet wenn ich so richtig viel Luft gerade wirklich gut gebrauchen kann, außerdem für eine unangenehm fiese Verspannung im Nacken rechts sorgt.
Mit dem Rennrad konnte ich leider nicht zur Praxis fahren, weil es nämlich seit Stunden Bindfäden regnete und auch nach dem Termin nicht beabsichtigte, damit in den kommenden Stunden aufzuhören. Die Leute auf der Straße schauten dementsprechend missmutig aus der Wäsche, so dass ich überhaupt keine Lust hatte, mich auch nur einem einzigen davon auf weniger als mindestens zwanzig Meter Abstand zu nähern. An der Bushaltestelle tummelten sich die üblichen Verdächtigen und besetzten die kleine Wartebank zwanzig Mann hoch. Alle sturzbesoffen. Also alles wie immer. Ich dachte einen Augenblick an die Lebern dieser armen Menschen und spürte förmlich, wie meine eigene Leber begann sich zu ducken und zusammenzukrümmen bei der bloßen Vorstellung eines Alkoholpegels, wie diese Leute ihn zu diesem Zeitpunkt bereits hatten.
Einer kotzte den Mülleimer voll. Mir wurde schlecht beim Anblick dieser Speierei, darum begab ich mich auf schnellstem Wege auf den Fußweg, Richtung Zuhause.
Ich überholte zügigen Schrittes einen kleinen alten gebückten Mann mit einem dieser Rollatoren, der mir von hinterwärts seine Augen in den Rücken bohrte. Meine Leber….ach, lassen wir das!

Dann überholte ich noch einen fluchenden Radfahrer, eine Mutter mit einem tropfnassen vor Griesgrämigkeit brüllenden Kleinkind im besten Trotzalter und zwei Jugendliche, die mir vor die Füße spuckten. Ich dachte an die ungefähr zwei Kilometer, die ich noch Straße zu laufen hätte. Rechts lockte der klatschnasse Wald. Ich überlegte nicht lange und schwenkte von der Straße in den Waldweg ein. Umweg! protestierte mein entrüsteter Verstand (sowie meine Leber), doch ich knebelte beide kurzerhand und betrat ohne weitere Umschweife den matschigen vollgepfützten Weg.
Es ist ein großer Wald. So einer von dieser Sorte, durch den man stundenlang laufen kann, ohne an Zivilisation und ihre Unbillen denken zu müssen. Regentropfen klatschten in mein Gesicht und je weiter ich in das Dickicht der Bäume vordrang, desto leiser wurde es um mich herum. Nun hörte ich nur noch den Regen und vereinzeltes Knacken der Äste. Ich blieb einen Moment lang stehen und atmete tief durch. Um mich herum eine Symphonie aus Tropfenklängen. Patschnasses Moos. Pilzgeruch und der Duft der Nässe im von Tannenzapfen, Kiefernnadeln und Bucheckern übersäten Waldboden. Erdig. Erste leicht bittere Fäulnisnuancen des kommenden Herbstes. All das sog ich tief in mich ein, während ich mich umschaute und alle meine Gedanken aus meinem Kopf in das Nirwana des grünen mich umgebenden Dämmerlichtes schoss. Irgendwohin, Hauptsache weg von mir. Ich wollte nicht denken. In meiner Kindheit spielte ich im Wald oft ein Spiel mit mir: Wie leise kann ich mich bewegen? So, dass kein Geräusch entsteht während ich laufe. Um das hinzubekommen, musste ich mich sehr auf den Weg konzentrieren. Kleine Kalksteine klickerten unter den Sohlen meiner Schuhe, also bewegte ich mich auf dem schmalen Grasstreifen in der Mitte, bis ein anderer Weg abzweigte, der ausschließlich aus Erde und Gras bestand. Diesen schlug ich ein und lauschte dabei dem Tropfenkonzert in den Bäumen. Einige schlugen einen tiefen Ton an, wenn sie aus großer Höhe aus den Wipfeln auf die Erde und in das Untergehölz fielen. Andere klangen leise und hoch, während sie wie in einem Klangspiel von Blatt zu Blatt wanderten. Nur das Geräusch des Regens war vernehmbar und mein Kopf wurde leicht und frei.

Ich lief weiter, einen Fuß vor den anderen setzend, streng darauf bedacht, kein einziges Geräusch zu verursachen, das diese Ruhe hier stören hätte können. Da trat es zwischen zwei Bäumen heraus, sehr überraschend. Es blieb sofort stehen, lief nicht weg, schaute mich aus dunklen feuchten Augen an. Huch, wollte es wohl sagen. Ein Mensch! Und das bei dem Wetter! Was macht der denn hier? Ich hätte wohl am liebsten: Hach! Ein Reh, wie süß, Bambi! denken wollen, doch da ich mir untersagt hatte irgend etwas zu denken, blieb ich einfach ebenfalls stehen ohne nachzudenken und schaute zurück. Das Reh war nah, vielleicht zwei Armeslängen von mir entfernt und rührte sich nicht. Der Wind stand anscheinend so günstig, dass es meinen Menschengestank nicht unmittelbar in die Nase bekam. Allerdings hatte ich seit Samstag kein einziges bisschen Fleisch mehr gegessen, vielleicht stank ich auch aus diesem Grund nicht so erbärmlich wie sonst, weil ich mich rein pflanzlich ernährt hatte. Möglicherweise dachte es auch, dass meine Haarfarbe so ähnlich war wie sein Fell. Oder es dachte überhaupt nicht und war einfach nur überrascht, dass bei diesem Wetter, wo Reh ja eigentlich annehmen hätte können, dass es keinen dieser bescheuerten Zweibeiner in den Wald treibt, eben doch ein solcher darin herumstaksen musste. Was auch immer es dachte oder auch nicht dachte, rannte es jedenfalls nicht wie es diesen Tieren sonst zueigen ist, mit mir zugewandter Blümchen-Kehrseite schleunigst davon, sondern beäugte mich sogar recht interessiert. Es hatte wunderschöne schwarze tiefe Augen und ein recht helles Fell. Vielleicht noch ein junges Tier. Ich konnte es riechen, sein nasses Fell und den Wildgeruch, der warm und leicht scharf daraus aufstieg. Also stand ich wohl gegen den Wind, obwohl überhaupt kein Wind ging. Nur der Regen fiel, der allerdings größtenteils durch die Baumwipfel abgefangen wurde und meinen Kopf nur in wenigen Tropfen überhaupt erreichte. Das Reh zuckte mit der Nase, ging an eine Baumrinde und knabberte ein wenig daran herum. Muss wohl ein klasse Zwischendurchsnack für Rehe sein, denn es sah gelassen und völlig glücklich aus während es vor sich hin mümmelte. Dann wandte es wieder den Kopf und schaute mich an. Ich rührte mich nicht und dachte auch nichts. Gar nichts. Nicht mal der kleinste Gedanke schlich sich an. Sogar meine aufgeplusterte entquetschte Leber hatte ich völlig vergessen. Wie lange wir dort herumstanden und uns tief in die Augen äugten, das Reh und ich – ich kann es nicht mehr sagen, weil mir das Zeitgefühl völlig abhanden gekommen war.

Es können Minuten gewesen sein oder eine Stunde – ich kann es nicht einschätzen. Wir standen dort rein vom Gefühl her eine ganz schön lange Weile im tropfenden Wald herum und staunten uns gegenseitig an. Irgendwann drehte sich das Reh langsam um und trottete in aller Ruhe in die Richtung in den Wald zurück, aus der es gekommen war. In mich kam nun auch endlich wieder Leben zurück und auch ich lief so leise wie ich zuvor unterwegs gewesen war weiter, ohne über die Begegnung weiter nachzudenken. Erst als ich zuhause angekommen war, noch frei im Kopf, mit deutlich entquetschter und entspannter Leber, machte ich es mir bequem und dachte, ich solle diese Begegnung im Regenwald mal aufschreiben. Nun durften auch wieder Gedanken in meinen Kopf und wie eine Horde ungebärdiger Kinder kamen sie allesamt angepoltert. Mit schwarzen Waldfüßen, roten Backen, herrlich entspannten Lebern und Wirbelsäulen sowie regenfeuchten Augen. Oder waren die Augen noch aus einem anderem Grund feucht?
Wer weiß das schon.

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Die Brücke

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Sie sitzen auf dem Brückengeländer, unter ihnen mäandert der kleine Bach träge vor sich hin. Der Sommer hat noch einen weiteren warmen Tag verschenkt. Sie lassen die Füße im Wasser baumeln. Ey, Marvin, hier, schau dir das mal an. Der ältere der beiden mit einem Schopf weißblonder Haare, hält seinem Freund das Handy vor die Nase: Ey, ich glaube es einfach nicht, sieh doch mal! Ist das wohl echt? Das hat einer meiner Facebook-Freunde gepostet, gerade eben. Der dünne große Junge mit den braunen Haaren starrt auf das ihm vor die Nase gehaltene Handy-Display, sieht dann seinen Freund an: Das ist doch ein Fake, oder? Der andere schüttelt den Kopf und bewegt leicht die Füße im Wasser. Schaut in das Sonnenlicht, das in den Bäumen spielt. Ich weiß nicht. Es ist in Syrien aufgenommen worden. Angeblich. Ich glaub nicht, dass es gefaked ist. Es muss echt sein. Gib mal her, das Ding. Ich will mir das mal näher ansehen. Der schlaksige Junge nimmt seinem Freund das Handy ab und zoomt das Bild größer. Sein langer Körper gerät unter Spannung, angestrengt versucht er mehr Details auf dem kleinen Bild im Display zu erkennen. Ey, Leon, was ist das für eine kranke Scheiße, sag an? Leon, ungefähr siebzehn Jahre alt, schaut in das Wasser des Baches. Und wenn schon. Ist doch bloß ein Facebook-Post. Ich glaube da längst nicht alles, was meine Freunde posten. Das sieht doch gestellt aus, oder? Marvin zoomt das Bild noch größer und hält es dicht vor seine Augen. Ey, Mann, das ist echt! Die sind alle tot! Die haben die alle aneinander aufgehängt. Schau mal! Wie Schweine haben sie die aufgehängt! An dieser Brücke da! Sieh doch mal genauer hin! Das ist echt, Mensch Alter, das ist völlig krank! Die Jungs da, sind doch höchstens mal acht oder neun Jahre alt! Die Frau sieht tot aus! Die sehen alle tot aus! Ey, was hast Du für Facebook-Freunde, Alter? Das geht doch mal gar nicht, oder?
Leon nimmt die Füße aus dem Wasser und verändert seine Sitzposition so, dass er nun rittlings auf dem Brückengeländer der kleinen hölzernen Brücke sitzt, die den Bach überspannt. Es ist heiß, über dreißig Grad. Auf den Armen der beiden Jungen perlt Schweiß. Komm, gib es mir wieder, lass mal sehen, Mann. Marvin reicht das Handy an seinen Freund zurück. Es ist ein wenig feucht, vom Anfassen. Nachdenklich schaut er auf den Gehweg mit den Spaziergängern. Ein alter Mann mit einem Pudel spaziert langsam den Weg entlang und etwas weiter vorn laufen zwei dunkelhaarige junge Mädchen, die sich an den Händen halten. Sie unterhalten sich während sie in Richtung Stadtzentrum durch den Park weitergehen. Als die Spaziergänger außer Sichtweite sind, wird es wieder still. Vereinzelt rufen Vögel in die Sommerwärme. Das ist ein geteilter Beitrag, warte mal, hier steht: von Estebàn Velazquez. Wer immer das auch sein mag. Und der hat ihn auch wieder geteilt. Ich hab ihn von Daniel Wagner. Das ist ein um hundert Ecken entfernter Verwandter meiner Sippe. So ein christlich Angehauchter, du verstehst? Der postet immer so komische Sachen. Von der Kirche und so Glaubensscheiße, Gebete und Kerzen, solche Sachen. Seltsamer Vogel. Manchmal postet er auch so Niedlich-Bilder, kennst du die? Marvin grinst schief: du meinst zahnende süßkitschige Rammel-Karnickelchen und solche Sachen? Spielende Kitzekätzchen und Kuschelhundis? Sowas? Leon prustet vor Lachen: Ja, Mann, genau! Solche Sachen eben. Du scheinst ihn zu kennen! Doch manchmal postet er halt auch solche Sachen wie das hier. Bilder von toten Embyos, misshandelte Tiere und lauter solche perverse kranke Scheiße eben. Da wird mir manchmal richtig schlecht von. Warte mal, was hat er da drüber geschrieben, hier lies mal: Dies Verbrechen an syrische Mutter mit zwei Kindern, hingerichtet, weil Christenglauben waren. Dies zurückführen auf Milizen islamistischen Radikal. Authentischen Bilder. Boah, Marvin, dieser Übersetzer macht mich fertig! Da ist lauter Spanisch zwischen, ich kann kein Spanisch! Und darunter ist Arabisch, das ist noch krauser!
Marvin hat die Füße aus dem Bach gezogen und lehnt am Geländer der Brücke. Er hat seine Stirn in nachdenkliche Falten gelegt und einen Finger an sein Kinn. Leon, wenn dieses Bild echt ist…schau doch mal bitte, wer das ursprünglich gepostet hat? Leon blickt angestrengt auf das Display seines Handys: Warte mal, hier, glaube ich, das ist der Autor: Azmi Dakhil Al-Assad. Ey, Marvin, der hat da gestanden und sich diese Leichen angesehen und ein Bild davon geschossen Irgendwie unheimlich, was da abgeht, oder? Ich meine, die wurden ermordet und da aufgehängt, weil sie Christen waren. Ich kriege echt Gänsehaut, Mann. Was geht da bloß ab in Syrien?
Gib das Ding nochmal her, Leon. Ich möchte mir das da nochmal genauer ansehen! Marvin streckt fordernd die Hand nach Leons Handy aus.
Ey, Marvin, bist du krank oder sensationsgeil oder was? Ich will das disliken. Daumen runter. Sowas geht gar nicht! Und den Daniel nehme ich aus meiner Freundesliste raus. Ich will von diesem kranken Arschloch nichts mehr sehen oder lesen! Er reicht Marvin jedoch das Handy hinüber und sieht ihn fragend an. Marvin betrachtet noch einmal das Bild und wendet sich dann seinem Freund zu: Auf der anderen Seite ist es aber doch auch wichtig, dass so etwas gezeigt wird, oder? Wir wohnen hier so sicher in Deutschland und wir haben es mit einer Menge Rechtsradikaler zu tun. In letzter Zeit konnte ich auf dem Schulhof rechte Parolen hören. Der Ausländerhass wegen der ganzen Flüchtlinge hat echt zugenommen. Vielleicht helfen solche Bilder ja oder bewirken etwas Gutes? Ich meine, Ahmed aus unserer Klasse ist letztens von ein paar anderen Jungs verprügelt worden, weil er denen sagte, sie sollen ihr rassistisches Maul halten und aufhören, ihre Parolen gegen seine Landsleute zu brüllen. Da haben sie ihn sich hergenommen. Die wissen doch gar nicht, was in Ländern wie Syrien, dem Libanon und im Irak abgeht mit den IS-Milizen! Ich finde solche Posts gut und wichtig.
Nein, Marvin, Alter! Das geht gar nicht! Solche Bilder bewirken doch nichts, außer dass sie diejenigen schocken, die sowieso dagegen sind. Ich find die grenzwertig. Werde das meinem Vater zeigen. Der soll da mal was zu sagen. Das sind echte Tote, Mann! Die haben doch auch eine Würde, oder? Statt die abzuschneiden und anständig zu begraben, halten die lieber ihre Kamera drauf, das ist doch irgendwie völlig pervers, oder? Ey, das brauche ich nicht, wirklich nicht!
Ich meine, dass es wichtig ist. Aufklärung und so. Auf jeden Fall! Aber so? Auf solche Weise? So Tote haben doch auch eine Würde, oder? Die wird ihnen doch genommen, wenn man die so abknipst und dann im Netz verbreitet. Das ist doch, als würde man die nochmal umbringen. Schlimm, dass die gestorben sind, ja. Doch ich finde das irgendwie völlig krank, wenn man dann die Leichen fotografiert und jedem ihre Gesichter zeigt.
Marvin schaltet das Handy aus. Okay, Leon, ich glaube, ich weiß schon, was du meinst. Ich stimme dir zu. Doch Aufklärung ist auch wichtig! Komm, wir gehen mal. Die beiden Jungen ziehen sich die Schuhe an, die sie ins Wiesengras geworfen haben. Wollen wir zur Eisdiele? Okay, gute Idee, Marvin. Gehen wir.

Was machst du heute Abend, Alter? Wollen wir zocken oder skypen? Marvin kickt einen Tannenzapfen vor sich her. Leon ist unschlüssig. Weiß noch nicht. Da ist eine Demo in der City. Will vielleicht mal dahin. Ist eine muslimische Kundgebung gegen Rechts, Nazis und so. Marvin verzieht zweifelnd und missbilligend sein Gesicht: Pah! Als würden die damit etwas erreichen! Parolen gegen Parolen brüllen, was? Terror gegen Terror! Ich meine, was soll das denn bringen? Das ist doch ein gegenseitiges Treten gegen Schienbeine und weiter nichts. Wie zur Bestätigung tritt er noch einmal kräftig gegen den Tannenzapfen, der gegen einen Baum fliegt und einen leisen Knall erzeugt als er vom Stamm abprallt und auf den Boden fällt. Was würdest du denn tun? fragt Leon seinen Freund. Marvin streicht sich gedankenverloren eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn. Ey, was hältst du davon, wenn wir Ahmed besuchen? Seine Mutter macht diesen Bulgur-Salat. Da steh ich voll drauf. Und ich sehe seine Schwester Sarife wieder, die ist echt hübsch, Mann. Leon lacht los: Sag bloß, du stehst auf die? Eine leichte Röte überzieht Marvins Gesicht. Ja, ich find die halt nett. Sie hat gute Ansichten. Ey, pass bloß auf, was du sagst, Alter!
Schon gut, Mann. Sie ist eine Hübsche, aber vergiss nicht: sie ist eine Muslimin, du musst vorsichtig sein, die sehen das gar nicht gern, wenn sich ein deutscher Junge in eine von denen verknallt. Marvin hat sich einen neuen Tannenzapfen gesucht und kickt diesen in das nächste Gebüsch. Laut raschelnd flüchtet ein kleines Tier durch das Untergehölz.
Ich weiß, Kumpel. Ich pass schon auf, dass ich keinen Ärger bekomme. Ahmeds Familie ist echt streng. Was ist, kommst du mit? Leon überlegt, bewegt unschlüssig den Kopf hin und her. Los, ruf Ahmed an und frag, ob er Zeit hat. Ich komme mit. Marvin, meinst du es wäre gut, mal mit Ahmed über diesen Facebook-Post zu sprechen? Oder das seiner Familie zu zeigen? Die sind doch Syrer!
Ich weiß nicht, Leon. Vielleicht wäre es gut. Frag doch mal deinen Vater, was der dazu meint. Ich meine, die sollten wissen, was für Bilder bei Facebook verbreitet werden. Damit sie vorbereitet sind, oder so.
Leon bleibt stehen: Vorbereitet? Er runzelt die Stirn. Was meinst du mit „vorbereitet“?
Marvin bückt sich und hebt einen der länglichen Kiefernzapfen auf, dreht ihn in der Hand und betrachtet ihn. Na, wegen des Bildes von der toten erhängten Familie. Das schürt doch auch wieder Hass gegen Muslime, oder? Gegen den Islam und so. Gewalt gegen Gewalt. So erscheint mir das. Die Familie von Ahmed sollte wissen, was da bei Facebook verbreitet wird.
Ey, Marvin, jetzt mach mal halblang! Das sind einfach Muslime, das sind doch keine Radikalen!
Nee, Leon, das nicht, aber die Radikalen sind auch Muslime und das ist das eigentliche Schlimme an der Sache. Oder glaubst du, die Christen, die sich solche Bilder reinziehen oder posten, machen da noch große Unterschiede? Schau dir bloß mal diese Hater-Kommentare an unter dem Bild. Und das sind Christen, die sowas schreiben: Murkst die Muslime alle ab. Die gehören alle abgeschossen. Ey, Mann, 115 Kommentare im O-Ton! Noch Fragen?
Die sehen was sie sehen wollen und hauen beim nächsten Muslimen, der ihnen über den Weg läuft drauf, das meine ich…ich halte solche Mord-Bilder für richtig gefährlich!
Das, wo es sowieso gerade hochkocht in unserem Land. Die haben eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf bei Hameln angezündet. Hat mein Vater mir erzählt. Da war noch eine Familie aus Simbabwe drin. Die konnten gerade noch entkommen…voll für’n Arsch, solche Aktionen, wenn du mich fragst! Daran siehst du doch, wie vernagelt Deutschland wirklich ist!
Echt, Mann? Habe ich noch gar nicht mitbekommen! Was geht ab hier und wo soll das noch hinführen?
Marvin lässt den Zapfen fallen und kickt ihn wieder vor sich her. Seine Miene ist ernst, er knetet, während er läuft seine Hände. Leon, der neben ihm herläuft streicht sich durch das weißblonde Haar und kratzt an einem Mückenstich an seinem Arm.
Also, was ist? will Marvin wissen. Wollen wir das Bild der toten syrischen Mutter mit ihren Kindern Ahmeds Vater zeigen? Mit ihnen reden, dass sie sich vorsehen sollen? Sie warnen?
Okay, überzeugt. Ich finde Ahmeds Vater etwas unheimlich, weil er immer so ernst aus der Wäsche schaut. Doch mich würde auch interessieren, was sie zu solchen Bildern sagen, was für eine Meinung sie haben. Außerdem willst du ja sowieso nur dahin, um Sarife wiederzusehen…
Leon grinst Marvin an.
Ey, Alter, wenn du jetzt noch einmal ihren Namen erwähnst, dann gibt das Ärger!
Ich tickere mal gerade Ahmed an, ob er Zeit hat.
Marvin holt sein Handy aus der Tasche und tippt eine kurze Nachricht auf What’s App an Ahmed.
Er steckt das Handy wieder ein und geht weiter mit Leon. Die Sonne spielt in den Blättern der Bäume, Schatten tanzen auf dem Weg. Die beiden Jungen schweigen, jeder ist in seine Gedanken vertieft.
Aus Marvins Hosentasche ertönt ein kurzes Pling.
Er zieht das Handy aus der Tasche.
Ey, Leon, das ist Ahmed. Er sagt, er hat Zeit.

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Frage- und Antwortspiel.

Für Dich, liebe Chaos:

Liebe Leutz,

Bereits am 31. Dezember 2014 fragte mich die Bloggerin Chaos (hier: https://meinkopfchaos.wordpress.com)
ein paar Dinge.
Wie es so meine Art sein kann, versuchte ich mich erst einmal davor zu drücken.
Doch inzwischen finde ich mich unhöflich und obendrein unkommunikativ.
Außerdem ist mir die Dame sympathisch.
Darum habe ich mich entschlossen, mich dem Fragenkatalog zu stellen und endlich zu antworten.

Hier sind also die Fragen und meine Antworten.

Liebe Grüße an Frau Chaos und herzlichen Dank für Dein Interesse!

Die Karfunkelfee

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Stöckchen von Mein Kopfchaos vom 31.12.2014:

1.Was ist faszinierend und inspirierend?

Das Leben.

2.Welche Farbe hat der Himmel?

Blau. Nein. Grau. Also…im Moment Grau. Aber darüber ist er blau.

3.Schicksal oder Zufall?

Kein Zufall.

4.Übersinnliches?

Klaro. Bin doch eine Fee…..

5.Wie verbringst du deinen Silvesterabend?

Allein. Nein, nicht ganz: Mit meinen Zahnschmerzen. :)

6. Dein Wunsch fürs neue Jahr?

Heile, heile, Gänschen…

7. Die digitale Welt. Fluch oder Segen? Und Warum?

Der Fluch des Abstrakten und der virtuellen Unpersönlichkeit.
Der Segen, neue Menschen kennenzulernen und die virtuelle Unpersönlichkeit in Persönlichkeit und reale Kontakte zu verwandeln.

8. Du kannst drei Leute zu einem Abendessen einladen (tot oder lebendig). Wer bekommt eine Einladung?

Goethe (zum Reden)
Bocuse (zum Kochen)
Hugh Jackman (Tischdekoration)

9. Was ist das Schönste am Leben?

Die Liebe.

10. Die Liebe fürs Leben? Gibts die?

Schon möglich.

11. Du bist eingeschneit, was tun?

Mich schön warm halten und schauen, wie ich aus diesem Dilemma schnellstens herauskomme.