Außerhalb des Anfangs

Vollmond 01.08.15

Die Dunkelheit allein bestanden

ernüchtert von Träumen

war das

wonach ich suchte

die Momentaufnahme

eines zauberhaften Augenblicks?

*

Ich lag da

starrte an die Decke

während sich Worthülsen in

den Schöpfungen meines Geistes

durch eine Vergangenheit spreizten

die mich halten

bestreicheln wollte

heiß und ungewaschen

in sublimer Transzendenz.

*

Allein in meiner Wüste

war es die leere Frühe

die ganz zarte todgelöste Bande

glücklich wie ich

einmal war

belebt von innen

mittels Missvertrauen

in die Asche

des Morgens löste.

*

Ich sagte:

Rede doch

ohne Kalkül!

fraglos gläubig

nur das eine ist gewiss:

wer spricht lebt noch

nur was dein Auge sieht

existiert wirklich

ist die Beute

der Wahrnehmung

dahinter ruht es

verschweigt sich

arglos in Abwesenheit.

*

Der Vollmond wehte

unaufhörlich

durchs Fenster

ausserhalb des Lichts

ein niedergebrochener

Blumengeruch

war es Sommerjasmin?

*

In der Wirklichkeit

schlafloser Phantasie

kamst du näher

ohne große Worte

fandest mich

rührte mich

dein Schein

still an

bis alles verging

was gelitten war.

*

Danach die Erschöpfung

in den Schemen der Dinge

um mich herum

der Zusammenhang

lag nach innen gedreht

außerhalb des Anfangs

ergriff ich

die Substanz der Dunkelheit

als sei sie

der Sinn einer Stunde

in den gefallenen Zeigern

deines rückgratlosen

Schweigens

zu schwach

um voll zu geben.

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Kleine Frau

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Sie hörte das Geräusch bereits seit ein paar Stunden: Ein leises Schnaufen, dazwischen kleine Schluchzer und ein Rumoren, als würden Gegenstände im Raum bewegt. Zwischendurch hatte sie nach ihr geschaut, angeklopft, die Nasenspitze in das Zimmer gesteckt, nur um ein weiteres Mal unwirsch hinausgeschickt zu werden. „Lass mich allein!“, kam es jedes Mal von dem Mädchen im Zimmer. Es räumte herum, dann wieder saß es auf dem Bett und hielt sich den Kopf mit den zerzausten blonden Haaren.

Sie erledigte ihre Arbeit um sich von dem Drama im Zimmer nebenan abzulenken. Versenkte sich in die Artikel, markierte Textstellen und stellte Sätze um. Als sie später auf Zehenspitzen wieder an der geschlossenen Zimmertür vorbeikam, war es dahinter ruhig. Wahrscheinlich hatte sie sich müde geweint. Sie lauschte eine Weile und begab sich dann wieder zurück an die Arbeit.

Noch eine Weile später hatte sie den Artikel zu ihrer Zufriedenheit umgeschrieben und klopfte erneut an die geschlossene Tür des Zimmers nebenan. Dieses Mal kam ein leises, beinahe unhörbares: ‚Herein?“ Das Mädchen saß auf dem Bett und hielt sich den Kopf. Ihr Gesicht war rot und verschwollen, weil sie viel geweint hatte und ihre blonden langen Haare standen verstrubbelt nach allen Seiten ab. Sie setzte sich neben sie und legte ihren Arm um die schmalen Schultern des Mädchens. Spürte, wie der kleinere Körper sich an sie drückte. Der schwere blonde Kopf fiel gegen ihren Arm. So saßen die Beiden eine Weile einfach da. Im Zimmer hing noch das Schweigen nach dem Sturm, eine Art Mattigkeit, die sich auf die Puppen im Regal, auf dem Schreibtisch  wild verteilten Buntstifte und in das Knäuel von Kleidung auf dem Fußboden gelegt hatte. Das Handy in der hellblauen Glitzerhülle lag neben ihr. Ihre Hände waren verschwitzt und zu Fäusten geballt, im Körper war noch die Anspannung fühlbar, die nun jedoch langsam entwich, wie die Luft aus einem Ballon. Nun flossen auch wieder Tränen, doch keine wütenden mehr. Sie umfasste den Körper des Mädchens noch ein wenig fester. „Lass sie laufen, sie machen dich wieder sauber.“ Ihre Worte blieben in der Raumstille hängen, klangen nach. Die Zeit dehnte sich aus, während nun der Tränenstrom des Mädchens noch einmal anschwoll und sich freilief. Sie tropften auf ihren Schoß und liefen an ihrem T-Shirt herunter. Doch ihr Körper wurde zusehends weicher und der Atem beruhigte sich. Das Mädchen strich sich die Haare glatt und bewegte sich zögerlich in ihrem Arm. Dann stand es auf, holte eine kleine Schachtel, die auf dem Schreibtisch in dem wilden Durcheinander der Buntstifte gelegen hatte und gab sie ihr. Sie öffnete die Schachtel und sah hinein. Darin befand sich eine Kette, silbern mit einem zierlichen Engelanhänger. Sie lächelte und fragte: „Für ihn? Ein Geburtstagsgeschenk?“ Das Mädchen gab keine Antwort, stand auf und holte eine weitere Schachtel vom Schreibtisch, in Herzform, gefüllt mit Nuss-Nugat-Pralinen. Dann wühlte es in dem Stapel Bilder herum und suchte einen Brief heraus. Es hatte jeden Buchstaben in einer anderen Farbe gemalt und die Ränder des Briefes mit roten Herzchen verziert. „Dafür also ist das Taschengeld der letzten Wochen draufgegangen. Ein wunderschönes Geschenk, sogar ein dreiteiliges.“ „Er hat doch morgen Geburtstag!“, kam es trotzig von dem Mädchen. „Was mache ich denn nun damit? Soll ich es ihm in der Schule geben?“

„Was hat er denn zu dir gesagt?“, wollte sie wissen. In die Augen des Mädchens schlich ein verräterischer feuchter Glanz und sie hoffte, mit dieser Frage nicht eine weitere Tränenflut losgetreten zu haben. Doch das Mädchen blieb gefasst und ruhig: „Er sagte, er wolle eine Pause haben. Es sei ihm zu viel gewesen und zu eng. Er wolle mich auch nicht einladen zu seinem Geburtstag, sondern nur alle seine Freunde. Er sagte, er wüsste nicht, ob wir uns lieben. Nun weiß ich nicht, was ich machen soll. Ihm die Geschenke in die Schule mitbringen und ihm geben? Auch, wenn wir nun nicht mehr zusammen gehen?“ Sie fragte: „Willst Du ihm die Geschenke geben?“ Das Mädchen betrachtete die Dinge, die sie von ihrem Taschengeld gekauft hatte und überlegte. „Ja“, sagte sie schließlich, „das will ich schon. Sie sind für ihn bestimmt.“ Das Mädchen nahm die Kette aus der Schachtel und hielt sie hoch. Der Engel an der Kette baumelte hin und her. „Das ist ein sehr persönliches und wertvolles Geschenk“, sagte sie zu dem Mädchen. „Eines, das für etwas steht. Doch das, für das es stand, hat sich jetzt verändert, nicht wahr?“ Sie sah das Mädchen an. „Versprichst du dir etwas davon, wenn du ihm diese Dinge, auch den Liebesbrief dennoch gibst? Wie ist dein Gefühl dabei. Solltest du es tun oder eher nicht?“ Das Mädchen raufte sich in den Haaren herum und überlegte. „Vielleicht ändert es etwas?“, sagte es schließlich, doch eher kraftlos, so, als würde es nicht wirklich daran glauben, dass sich durch das Schenken der Liebesgaben wirklich etwas veränderte. Das Mädchen lehnte sich wieder an sie. „Was würdest du denn tun? Ich weiß es nicht, ich denke schon die ganze Zeit darüber nach! Ich weiß es einfach nicht. Alles ist so…so seltsam und anders jetzt. Ich dachte, er liebt mich. Nun sagt er etwas anderes und lädt mich nicht einmal zu seinem Geburtstag ein und dennoch will ich ihm etwas geben, denn er ist doch mein Freund!“ Nun flossen auch wieder trotzige Tränen und tropften auf die herzförmige Schachtel mit den Pralinen. „Gut“, sagte sie zu dem Mädchen, „es wäre eine Möglichkeit, ihm die Pralinen zu schenken, um ihm etwas zu schenken, doch den persönlichen Brief und die wertvolle Kette würde ich ihm nun nicht mehr geben, es wäre vielleicht unangemessen, weil diese Dinge sinnbildlich für etwas stehen, das er so nicht mehr will. Pralinen sind unverfänglich, du hast an den Geburtstag gedacht und die Form gewahrt. Mehr nicht. So würde ich es machen.“ Das Mädchen ließ die silbernen Kettenglieder über ihre Finger laufen. „Was mache ich damit?“ Nachdenklich betrachtete sie den kleinen silbernen Engel.

„Behalte sie, bewahre sie irgendwo auf, das ist mein Rat. Vielleicht gibt es irgendwann eine Gelegenheit, sie ihm doch zu schenken, vielleicht behältst du sie selbst oder aber du lernst jemand anderen kennen und möchtest ihm diese Kette als Symbol eurer Verbindung schenken.“ Das Mädchen legte die Kette zurück in die kleine Schmuckschachtel und schloss den Deckel. „Leg sie an einen guten Ort, wo sie sicher verwahrt ist. Sie ist wunderschön und du hast dir viele liebevolle Gedanken gemacht. Auch der Brief ist sehr schön, doch diesen würde ich beseite legen. Er ist nicht länger aktuell und ich kann dir nur sagen: Persönliche Geschenke, die einen Zweck verfolgen, um eine Meinung oder eine Einstellung zu ändern, verfehlen ihr Ziel, denn sie schießen ins Blaue und ein Herz lässt sich nicht manipulieren oder lenken. Schon gar nicht durch materielle Dinge. Und wenn doch, dann ist es ein dünkelhaftes und verlogenes Herz und die Geschenke, die du gibst nicht wert. Gestehe ihm seine Entscheidung zu und versuche, ihm nicht böse zu sein.“ Das Mädchen nahm den Brief und sah ihn sich lange an. „Ich will ihn aber nicht wegheften, er tut mir weh zu lesen!“ „Vielleicht denkst du in ein paar Jahren anders darüber? Findest ihn und erinnerst dich daran, dass du dir einmal sehr viele schöne und aufmerksame Gedanken um jemanden gemacht hast?“, gab sie zu bedenken und staunte, mit welcher Akribie das Mädchen jeden Buchstaben des kleinen Liebes-Gedichtes auf dem Brief in einer anderen Farbe gemalt hatte. „Dieser Brief tut mir weh!“, kam es erneut trotzig und traurig zugleich von dem Mädchen. Dann nahm es den Brief und zerriss ihn in lauter kleine Fetzen. Sie fragte: „Geht es dir jetzt besser, nachdem du den verräterischen Brief zerrissen hast wie ein kleiner Papierteufel?“ Zum ersten Mal lächelte das Mädchen. „Ja,“, sagte es, „nun geht es mir besser. Ich werde ihm morgen in der Schule gratulieren und die Pralinen geben, dann ist es gut.“ „Ja“, sagte sie und strich dem Mädchen über die Haare, „dann soll es gut sein, kleine Frau.“

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Rückreise

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Seltsam, wie die Vergangenheit Atem holte und durch einen Telefonhörer, scheinbar mühelos die Unbeschwertheit der Jugend über dreißig Jahre hinweg zurück an mein Ohr brachte. Mit einem Mal war ich bei dir, stand ich neben dir, roch dein Rasierwasser in Sandelholz- und Patchoulinoten und es schien, als könne ich deine Familie sehen, ohne konkret zu wissen, ob du Kinder hast. Doch im Hintergrund hörte ich die Stimme einer Frau und deine Mutter hatte mir zuvor erzählt, dass es deine sei. Es blieb ein Gefühl ohne jede Bitterkeit, dass die tausend Kilometer zwischen uns am Ende eine zu große Distanz darstellten, um zueinander zu finden. Es genügte, deiner durch die Telefonleitung leicht verzerrten Stimme mit dem norwegischen Akzent zu lauschen, den ich so sehr bei dir mochte. Dieser heutige Juliabend legte seine Aquarellfarben, eher verwischt und ermüdet nach einem warmen Sommertag in die späte Dämmerung und am Himmel stand ein blasser kleiner Mond.

Du warst mein Ritter des Anstands, wir kamen nie über leidenschaftliche Küsse hinaus, denn ich war zu jung und du wusstest ganz genau, dass du das Potential besaßest, einem jungen Mädchen, wie ich es damals war, in jenem Urlaub, das Herz brechen zu können. Jetzt gerade erzähltest du mir von deiner Mutter und ihrem Geburtstag, von deinem Bruder und seinen Kindern und einen Moment lang war ich am Herrenhaus, oben auf dem Berg und blickte mit dir über den Fjord. Du sagtest, das Wetter sei schön, entspräche dem kurzen intensiven skandinavischem Sommer und ich sah das Licht über die blaugrünen kleinen Wellen des großen Fjordes tanzen und hatte dabei wieder Tchaikovsky im Ohr, als sei gestern heute und als stünden dazwischen nicht dreißig Jahre voneinander unabhängig geführten Lebens. Ich sagte nicht viel, es genügte mir, dir zu lauschen und während ich dir lauschte, die sich herandrängenden Fragen nach deinem Leben nicht zu stellen. Du bist in die Politik gegangen, wie es damals bereits dein Ziel war und in deiner immer noch jugendlichen Stimme schwang die Liebe zu deinem Land mit, das du mir einmal in Eindrücken schenktest, vor langer Zeit.

Ich hätte dich gern nach den alten Freunden gefragt, was aus ihnen in der Zwischenzeit geworden war. Das Abendlicht spielte in den Gardinen am Fenster, leicht bewegt vom warmen Wind. Noch während ich über die Frage nachdachte und dir jede Menge Glück und Gesundheit an den Hals wünschte, kam deine Mutter an den Apparat und ich bemerkte, dass die Vergangenheit tief ausatmete, brüchig wurde und sich in der schleppenden Last vieler gelebter Jahre in ihre Stimme mit dem Bremer Akzent legte. Mir wurde die Kehle eng als ich sie so sprechen hörte. Wie viel Zeit muss vergehen, bis sich das Alter in Jahren auf Stimmbänder legt? Und doch war es unverkennbar sie, einmal in den Sprechfluss gekommen, wieder mit der gleichen Lebendigkeit in ihrer Stimme, wie ich sie von ihr kannte. Ich wünschte ihr alles Gute und dachte an die Felsen, unten am Fjord, von denen aus wir in das kalte Wasser sprangen, bis mich der schwarze Labrador, schon lange in den ewigen Jagdgründen, wieder am Genick herausziehen würde, weil er tatsächlich glaubte ich könne im Fjord ersaufen.

Dann warst du wieder am Telefon und sagtest, du müssest nun zurück zu den anderen, mit deiner Mutter ihren achtzigsten Geburtstag feiern und ich staunte, wie vertraut du mir immer noch warst, bis die fröhliche Stimme meines Kindes mich in die Gegenwart zurückholte und ihr Lachen mich daran erinnerte, dass ich ihr gern das wilde Land, deinen Norden zeigen würde. Dann wieder die Idee, dass sie später einmal ihre eigenen Erfahrungen machen würde und der Wunsch, sie würde das, was unvergessen blieb, so wie ich, in alten Fotos bebildert und in Tagebucheinträgen beschrieben finden, als sei es erst gestern so gewesen und als sei es heute nicht ein weiterer unbekannter Sommer in einer Zukunft, die damals als ein schmaler weißer Streifen Licht in der Mittsommernacht am Horizont über der Wasserfläche des Skageraks stand. Im Kielwasser der Fähre Richtung Christiansund schwammen  die Tümmler und vor mir lag dein großes unbekanntes Land und ich war wie noch wie bei jedem neuen Kennenlernen, bis an den Rand angefüllt mit Freude, Abenteuerlust, Erwartung und Spannung ohne indes zu ahnen, dass das Neue die unwissende Wahrheit einer Ankunft tragen sollte, die sich heute, nach all den Jahren eher wie eine dankbare Heimkehr anfühlt.

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