das war’s

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Gestern Nacht stand ich auf meinem Balkon. Ein kühler Wind strich mir über die Haut und auf der Straße vor dem Haus ging es hektisch zu, betriebsam und laut. Ich sah eine Truppe Jugendlicher mit einem Ghettoblaster Richtung Wald ziehen, grölend und angetrunken. Ich dachte, wie kann ich diesem Grobrohen entfliehen, wo sind die alten schönen Traditionen geblieben? Wie tief sind wir gesunken, ein Armutszeugnis, ein sinnfreier Affront an das Liebliche, dieses hirnlose Gegröle, dieses Blindsaufen, zum Haareraufen ist dies doch! Menschheit, nimm den Spaten dir, geh und grabe deinem Stumpfsinn das letzte schwarze Loch, schaufele ordentlich Erde drauf, was für ein Hype, was für ein degenerierter Spaß! So trieb es mir durch den Sinn, nachdem es endlich auf der Straße wieder still geworden war und unten vor dem Haus duftete nass das junge Gras. In mir eine Erinnerung von Maienliedern. Eine Nacht vor vielen Jahren, ähnlich der vergangenen. Eine von hohem schönen Rang, denn als ich damals auf dem Balkon draußen stand, mit Blick auf den Wald, hörte ich diesen Gesang. Der Wind trug mir die Stimmen eines Männerchores zu, voll und schön,  in feierlichem Überschwang. Am Kirchturm hörte ich die Glocke zur mitternächtlichen Stunde gehn. Ich war bewegt und ergriffen, ahnte, das was mich erregt, ist vollendet, schön geschliffen und reicht bis hinab in meinen ganzesten Grund. Ich erkannte in den fernen Stimmen meine Liebe zur Vergangenheit, wusste, sie war im Gegensatz zu mir unbefangen geblieben, jung und gesund. Später ging ich hinunter und pflückte den ersten grünen Birkenzweig. Frühlingsherz, es ist soweit und einst sangen Männer dem Mai das höchste Lob im starken Chor, das Alte wurde geachtet. Doch höre ich jetzt dessen gegrölte Wiederholung den blanken versoffenen Hohn, frei nach Hegel, des Ursprünglichen verzerrte  Farce. Erscheinst du mir Menschheit verroht und  geistig umnachtet. Und ein Teil von mir trauert: Deutschland, Land der Dichter und Denker, ich ahne Böses. Das war’s…

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Schmetterlinge…

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…denke ich

sehe deinen Mund vor mir

den ich gut kenne

wundere mich

wie gut ich ihn kenne

unaufhörlich

tanzen sie

in mir

wenn ich an deinen Mund denke

dann weiter

an deine Augen

oder an die sachte Stelle

in deinem

Nacken

wie ich sie küsse

wie Schmetterlinge fliegen

vielleicht…

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