Verwunschener Advent 2

Liebe blogfreunde,

Auch der zweite Advent in der Natur war ein verwunschener.
Der Frost hatte die Landschaft in eine Kristallwelt verwandelt, in
gefrorenem Gras funkelten Eisdiamanten. Die Bäume glitzerten
weiß überpuderzuckert, still und starr ruhte der Wald auch ohne Schnee.

Ich hoffe, Ihr hattet einen schönen zweiten Advent und wünsche Euch nun viel Spaß mit meinen adventösen Impressionen aus der Senne, der größten zusammenhängenden Heidelandschaft Nordrhein-Westfalens.

Eure Karfunkelfee

 

Inbetween Weihnachten

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Deine flatterte als erste in den Briefkasten. Ich staunte Bauklötze. Mit allem möglichen hatte ich gerechnet, nur damit nicht. Ich nahm deine Karte aus dem Kuvert und schlug sie auf. Na, dachte ich, das ist doch mal eine Handschrift! So etwas mag ich. Klar, ausdrucksstark, eine ziemlich klare und markante Schrift, wenn du mich fragst. Wobei ich über keinerlei graphologische Kenntnisse verfüge. Doch das Stil nichts mit Besen zu tun hat, sah ich auf den ersten Blick. Ein feiner Unterschied ist das. Wer wünscht denn heute noch wem eine gesegnete Weihnachtszeit und meint es so? Auch zwischen deinen Zeilen schwingt unausgesprochen etwas, von dem wir beide wissen, weil wir um denselben Menschen trauern. Sie hat mir dabei geholfen dich besser zu verstehen, wenn ich mit meinem Verständnis an keiner Stelle mehr weiterkam.

So ist sie wohl, diese Liebe. Sie wirkt tatsächlich über den Tod hinaus. Sie hilft dabei, Menschen zu verstehen, wenn sie unverständlich sind. Du hast ordentlich gekämpft, Mann. Das zollt mir einen Haufen Respekt vor dir ab, egal, wie du über manches denken magst. Dies steht unbenommen zwischen uns, wir pflegen über einige grundsätzliche Dinge unterschiedliche Ansichten. Der nostalgische Weihnachtsmann auf der Karte, schlicht und schön, trotzdem herrlich prunkig, sieht dir etwas ähnlich. Ist dir das aufgefallen? Oder hast du ihn eher unbewusst als Kartenmotiv gewählt? Wäre nicht das Schlechteste. Denn dieser Weihnachtsmann stenzt zwar leicht karnevalistisch ernst aus der roten Weihnachtsmann-Montur, doch er hängt zweifellos mit Würde an dem Fichten-Ast, an den ihn irgendwer zu Dekorationszwecken verdonnerte um ihn dann fürs Postkarten-Foto abzuschießen.

Dein Weihnachtskartenmann lächelt also mit ordentlich Biss. Das ist ein richtiger gewachsener Kerl mit dem zu rechnen ist. Gefällt mir gut. Solche Weihnachtsmänner auf Weihnachtskarten lobe ich mir. Der Rauschebart-Typ spricht für dich wo du selbst es vornehm lässt und dich damit dezent in den Hintergrund Deiner Wunschworte buchstabierst. Weißt du was für ein rauschegoldener Anfang das ist? Es ist tierisch schwer sich selbst eisern zurückzuhalten, von  all diesen Sehnsüchten geplagt, von den eigenen Bedürfnissen ausgehungert und infiziert mit dieser ekelhaft unstillbaren Einsamkeit. Feine Zurückhaltung in Kenntnis um alles andere spürte ich aus deiner Karte leuchten. Den Wunsch einen Stil zu pflegen, der tiefer reicht als oberflächlich abgerundeter Anti-Depri-Small Talk. Sie wusste das und es war auch dein Gentleman, den sie an dir besonders liebte. Ein Gentleman hält die Tür auf statt vor anderen drüber zu sprechen dass er es  tut und er schert sich dabei einen Teufel um dämliche Reaktionen. Es sind immer diese unerwarteten Weihnachtskarten, wie deine, die gestern ankam. Und nun jährt sich ihr Todestag bald wieder.

Ich bin stolz auf dich, sie wäre das auch. Auf das, was du allein auf die Kette brachtest, während ich den Schutz und die Ablenkung meiner Familie, meiner Kinder um mich herum hatte, warst du uneingeschränkt konzentriert auf deine gewaltige Trauer wie die Nadel in den Punkt sticht. Wie du das angegangen bist und dich langsam aus sämtlichen Süchten herausschältest, bedeutete jeden Tag Kampf. Glaub nicht, dass ich das nicht wüsste. Zwischendurch hingst du durch, aber sowas von. Da wusste ich manchmal nicht mehr weiter. Ich setzte mich über alle und jede Meinung hinweg, bin immer wieder froh, dass ich das kann, auch wenn es mir mit dem Älterwerden immer schwerer fällt, gegen Wind, Strömung und Fremdmeinungsmache zu trotzen. Meine Zweifel werden dabei auch nicht gerade kleiner, vor allem nicht die über mich selbst.

Na und? Geh doch in den Supermarkt zu der netten Verkäuferin, sagte ich. Du hieltest dagegen, du könnest nicht zwanzig Mal am Tag in den Supermarkt rennen und einen Artikel kaufen nur, weil du die Verkäuferin so nett fändest. Dich zu widerlegen und zu verneinen, bereitet mir immer wieder teuflische Freude, weißt du das? Vor allem wenn ich Recht habe in etwas und das genau weiß. Also erklärte ich dir die Sache mit Buddha nochmal. Du weißt schon, jener Weg von tausend Meilen, der mit einem ersten Schritt beginnt.

Meile Eins, freute ich mich also wie ein Kind darüber, dass du an einem Tag sieben Mal im Supermarkt warst um der Kassiererin zu begegnen und ein Lächeln von ihr zu ergattern. Also du fragtest was ich mit Meile Eins meinte, kam ich dir mit Buddha und ermunterte dich: Na, das ist doch mal  was! Und legte dir nahe, das nächste Mal den Supermarkt mit einer anschließenden Tasse Kaffe im Café im Ort zu verbringen, die Leute zu beobachten. Die kennen mich aber doch alle und wissen was für ein Schlimmer ich bin, hast du protestiert, etwas larmoyant. Ich fragte dich bei dieser Gelegenheit, warum du mit deiner Eitelkeit kokettieren würdest? Du hattest befürchtet, dass jemand schlecht von dir denkt. Schäm dich, Du Narr! flötete ich so sanft ich konnte in den Telefonhörer obwohl der Rowdie in mir dich schon wieder gegen das Schienbein und in deinen Hintern treten wollte. Die Leute sind die Leute und die denken sowieso, was sie wollen über dich. Doch sie sind auch veränderlich, vor allem in ihrer Meinung. Sie sehen was sie sehen, was sich ihnen darstellt. Sie sehen dich, wie du Kaffee trinkst und die Sonne genießt. Ist das etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Irgendwann haben sie  kapiert, dass du wieder im Leben angekommen bist. Sie hatten Angst vor deiner großen Trauer um deine Liebe. Doch mittlerweile findest du wieder andere Themen und dann kommen sie auch wieder an, reden mit dir, fragen nach dir. Trauen sich das überhaupt, nach dir zu fragen. Denn vorher war das gefährlich, weil dann nämlich du über sie kamst wie Sintflut. Der Tsunami deines Arme Deers. Dabei kannten sie dich doch ganz anders. Mit ihr zusammen, ja. Da warst du lustig und eine gute Gesellschaft. Sei deswegen nicht traurig oder verbittert. Menschen sind so. Trauer ist etwas Abschreckendes. Für die meisten ist der Umgang mit trauernden Menschen schwierig. Manchmal hielt ich deine Schwere kaum aus, Mann. Du warst ein kapitaler Brocken. Ich musste erst einmal schauen, von welcher Seite ich dich Schwergewicht überhaupt anpacken konnte. Ich schimpfte oft mit ihrem Geist. Hätte sie sich nicht jemand Einfacheren zum Lieben aussuchen können? Wieso ausgerechnet dich? Manches ist und bleibt zum Haareausraufen kompliziert.

Nun kommen bald die Raunächte inbetween Weihnachten. Dieses ist das erste Jahr, in dem ich das Fest wieder bis tief  in seine Bedeutung hinein zu erspüren versuche. Eine Wiederannäherung wenn du so willst, währenddessen ich frohgemut auch anderen Göttern und Bräuchen zuwinke. Denn in den vergangenen Jahren hatte ich zu viel Pech um Weihnachten herum. Da war ich oft traurig, verkroch mich und dann kam die Trauer um sie natürlich auch noch erschwerend hinzu. Du hast mich nie gefragt wie es mir geht. Ich teilte es dir in wenigen Sätzen dennoch mit: Es geht eigentlich gar nicht. Es war zu früh. Gott kann aber gar nichts dafür, sagt Samuel Beckett und ich denke nicht daran, auf ihn warten zu wollen weil ich ihn nach Verantwortlichkeiten fragen will.

Frag mal die Einsamen wann ihre Einsamkeit aufhört? Inbetween Weihnachten vor allem. Inbetween diesem allen, in dem ich mich selbst oft nicht mehr wiederfinde. Während ich zwischen Terminen herumhetze, arbeite und Pflichten erfülle, träume ich von ganz anderen Sachen. Auf diesen Flügeln reise ich, während sich meine Füße den Weg in die Wirklichkeit weiterbahnen. Frag mal Mrs. Niemand nach dem Wesen des Alleinseins zwischen Menschen. Manchmal flüchte ich mich innerlich überlaut pochend in das Dunkle der Schmalgassen zwischen Weihnachtsmarktbuden, weil ich dieses ganze lärmende schnatternde fremde Zuviel um mich herum kaum noch aushalten kann. Ich sehe wie sich die dicken Kabel für die Lichterketten der Buden gleich Stromvenen über- und untereinander am Boden winden. Den Müll dazwischen. Ich, inbetween.

Ich habe die Zelte der Wahrsager und Auguren immer gemieden. Es ist schlecht, Zukunft vorwegnehmen zu wollen durch vage Prognosen, durch Manipulationen oder Strategien. Es ist besser, sich die neuen Wege selbst zu bereiten, seien es auch dunkle Täler, die ich so lange durchquere bis ich ihre geologischen Eigenheiten so gut kenne wie die Wege, die durch sie hindurchführen. Unsere Einsamkeiten einen uns mehr als du weißt. Es ist auch dieses stille Erkennen, das dir bei unseren Gesprächen immer wieder neuen Mut machte, so, von einem Lebenskünstler zum anderen und ohne subtile Zwischentöne oder Meta-Botschaften in der Mitteilung schlimmstmöglicher Befindlichkeiten. Also mach dich schon auf den Weg, Mann. Hol den Komiker in dir wieder hoch, es ist ein guter. Stelle etwas Sinnvolles mit ihm an und mache andere mit ihm glücklich. Humor hat nicht jeder und nicht jeder ist scharfzüngig und treffend. Das ist Talent und unbequeme Arbeit, also mach was Gutes draus. Dein Schalk ist dein Freund.

Inbetween Weihnachten kochen die Netzwerke und alles schreit wieder nach Verbindung. Der nachdenkliche Weihnachtsmann auf deiner Weihnachtsgrußkarte stellt das Oberflächliche mit ernstem Lächeln infrage. Ist er ein als Weihnachtsmann verkleideter Engel? Denn er hat den scharfen Blick eines Engels und die erkennen alles, da täuscht auch kein noch so rauschgoldenes Pustebacken-Lächeln drüber hinweg – Echte Engel sind immer ein bisschen ernst und traurig und die älteren haben abgewetzte Flügelspitzen.

Es ist dir gelungen, mich wirklich zu überraschen. Das, wo mich nur noch wenige Menschen wirklich überraschen können. Mit Überraschungen holt man mich immer aus der Reserve. Was eine Weihnachtskarte doch so vermag. Einen Text sagen so weiß wie Schnee, so grün wie Tanne und so rot wie ein Weihnachtsmann inbetween Weihnachten. Das hat was von Tradition und zwar einer, die den besten Sinn pflegen und wahren will. Den einzigen, den ich in Weihnachten finden kann, wenn es inbetween nach sich selbst an zweiter Stelle fragt.

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Text zum Bild

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Meine lieben Blogfreunde,

westendstories malt im Augenblick Bilder, die in mir lauter Texte und Worte lostreten. Das heutige Bild hat mich berührt und bewegt. Man möchte diesen nachdenklichen Menschen fragen, warum es sein letzter Gang ist und nicht sein erster.
Stattdessen tauchte ich tief in seine Welt ein und schrieb einen Kommentar. Es ist ein kleiner Text daraus geworden, eine Bild-Interpretation im freiesten Sinne, die ich mag. Ich mag diesen Mann und seine Haltung und die Art wie er den Schirm hält. Mit Spannung.
Wort zu Bild, Bild zu Wort, heute hier.
Morgen dort.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

 

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Er ist ein sorgfältiger Mann. Er schützt seinen Kopf mit einem Hut und er hat einen Schirm dabei, falls es regnet. Es ist sein letzter Gang. Wohin führt dieser? Der Mann wirkt unschlüssig und zielgerichtet zugleich. Er schaut den ziehenden Vögeln am Himmel nach. Sein Schritt will verharren, sein Arm sich auf den Rücken legen und die Finger seiner Hand kneten, während sich sein Blick am Horizont in den Flügeln der Vögel verfängt. Er hört ihre heiseren hohen Schreie in der salzigen und feuchten Luft, beobachtet wie sie einander suchen und folgen. Der Mann ist in den besten Jahren. Sein Körper steht unter Spannung, seine Instinkte sind aufmerksam und wachsam, sein Auge ist geschult. Nur die Melancholie lässt ihn älter und ruhiger wirken als er tatsächlich ist. Diese täuscht jedoch nicht über die Spannung hinweg, mit der seine linke Hand den Schirm fest umschließt, als sei der Schirm eine Waffe gegen die Einsamkeit, sein Hut ein Schild gegen Melancholie und Traurigkeit und als sei die Beobachtung vorbeiziehender Vögel der Anfang einer Erkenntnis und nicht ihr Ende.

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