Ein Satz

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Was ich alles las…Fernando Pessoa lag zum Greifen nah, nur ein paar unruhige Meter entfernt von meinem Bett. Doch er konnte mir nicht helfen, in all seiner großen Weisheit über das Wesen der Leere, konnte er mir nicht helfen. Zum allerersten Mal. Ich durchpflügte die Romantik alter und zeitgenössischer Dichter in wilden Sprüngen und Novalis schüttelte tadelnd sein Haupt, machte mir schwere Vorwürfe. Ich solle mir für die poetische Schöpfung Zeit nehmen, befahl er und schickte mich zu den Philosophen. Ruhe fand ich nicht bei Platon, auch nicht beim Epiker Vergil. Doch aus seiner These, dass Duldung jedes Verhängnis besiege, konnte ich zumindest erste Theorien entwickeln, die zu einer Idee führten, die sich zu einem vagen Bild konturierte. Bilder sind die Zellen der Wörter. Keimzellen, aus deren Lebenswunsch nach Eigenständigkeit heraus sich Buchstaben formieren, heran schwimmen wie bunte Fische auf der Suche nach dem warmen süßen Licht.

Die Tage im Gefühl wilden Treibens. Ich spürte, was sich in mir illustrieren wollte und dankte dem Leben für die Zeit, die es mir jetzt gerade schenkte, unbeweglich und gehandicapt wie ich war, mich auf das besinnen zu können, dem obsessiven Hunger nach Ausdruck uneingeschränkt nachgeben zu dürfen , wie ich es wünschte. Gierig, wie man sich auf etwas stürzt, das man lange entbehren musste und nun im Überfluss genießen kann. Wo ich überall las…

Bei dir und bei dir fanden sich übergeordnete Worte zu anderen Thematiken und Wissensgebieten und doch fand ich mir Gleise und Zugangswege, auf denen meine Gedanken reisten um zu lernen was sich in Wort, Satz, Text destillieren wollte. Als mein Kopf von fremden Bildern zu bersten drohte, hielt ich ihn mit beiden Händen fest und bat um Erdung. Fliegen schmerzt zwischen den Ohren. Ich fand in den umhergestreuten Spiegelscherben  jemanden, der mich an den Boden zwang. Es war wie ein Festbinden, Wehren  zwecklos. Genau das brauchte ich jetzt. Ich konnte den fieberhaft suchenden Geist beruhigen und trank literweise Baldriantee. Er schien mich berauschen zu wollen statt mich zu beruhigen. Dann setzte ich mich hinaus und bemühte die Sternbilder um Aufmerksamkeit. Sie reichten sie mir in kleinen Portionen Licht und auch ihre große unerreichbare Stille reichten sie mir an. Ich akzeptierte stumm, ihnen einen kleinen Ewigkeitstribut entgegen schweigend. In mir sich häufend kleine Ballungen einzelner Buchstaben in unterschiedlichen Höhen, Tiefen und Resonanzen. Die gelesenen, die gesehenen Bilder begannen zu schwingen. Ich wurde rauschender Klang.

Spät in der Nacht legte ich mich in mein Bett und es war sternenhell im Zimmer, vor meinem Fenster stand Orion, denn ich hatte die Vorhänge offen gelassen, weil ich ihm auflauerte, damit er kommt und mich in seinem Licht fängt. Ruhelos verlor ich mich in Träumen und viel später, als die Sterne längst hinter Wolken verblasst waren, wachte ich auf und hatte diesen einen allzu kurzen geratenen Satz im Kopf. Es dauerte, bis ich aus dem Bett heraus war, die Krücken gesucht hatte und schlaftrunken zum Schreibtisch humpelte um Schreibwerkzeug zu organisieren. Gewohnheitstier, das ich bin, dachte ich keine Sekunde darüber nach, dass mein Handy eine Diktier- und Aufnahmefunktion hat, die ich ansonsten auch oft nutze. Im Dämmerzustand nebeliger Nachträume, schrieb ich in großen schlaksigen Buchstaben den Satz im Halbdunkel auf, taumelte zurück zu meinem Bett, fiel in die Kissen und schlief traumlos fest und tief bis zum nächsten Morgen durch.

Ich erwachte früh um sechs und war hellwach. Sepiabeschichteter Himmel, die Sonne ein Scheinwerfer, wie hineingetränkt. Die Gefühlslage gemischter Dinge und auf dem Schreibtisch die Kladde, auf der in zartem Türkis mit unsicheren ungelenken Buchstaben der Satz der Nacht prangte. Die Essenz allen dessens, was ich die Tage zuvor gelesen hatte. Ich hörte mir alte Aufnahmen von Gedichten an, rutschte ab in die Zeit zurück zu einem Flokati, einem Plattenspieler und einem Gefühl von Idealismus, das wie ein starker selbstbewusster Führer war in dieser vergangenen Zeit. Mit diesem Gefühl im Bauch las ich den Satz nochmals und verstand ihn besser. Dann wandte ich mich den Tagesgeschäften zu, wollte die Worte vergessen, sie ablegen für ferner liefen ungefähr, doch sie ließen sich nicht ablegen. Hartnäckig blieb das Bild der Brandung in mir, rauschte gegen meinen Pragmatismus an, wollte meine Gezeiten dominieren. Ich umschlich es, während ich meinen Tag lebte und organisierte.

In den Pausen trieb ich in den Meeren der Literatur als willenlos williges Treibgut und saugte mich voll mit Worten, der Musik ihrer Aussagen. Ich hatte Gewaltiges gelesen und krümmte mich noch vor der Größe der Texte. Doch die großen Toten, die nicht mehr sprechen können, halfen mir wie schon oft und machten mir Mut. Sammelte ich sie um mich und rieb mich ein mit ihrer Weisheit, hoffte, dass etwas davon bei mir bleiben durfte in all dem Vergessen, das jeder neue Tag bereits in sich birgt wie einen verderblichen Keim, der im Morgen gedeiht und im Übermorgen aufgeht. Es trieb ein paar Texte aus mir heraus, in einigen verreckte ich. Fehlgeburten, doch noch nicht tot, nur zwischenabgelegt und maschinell beatmet in den Archiven des Systems. Immer wieder kehrte ich in die Poesie des Satzes zurück, unfähig ihn weiterzubringen. Als sei er ein schubladenunkonformes Unikat. Ich fragte ihn, was er sein wolle, er sei selbst für Minimalpoesie zu wenig. Ich wollte von ihm wissen, was ich nun mit ihm tun solle. Dann wandte ich mich wieder meinen täglichen Aufgaben zu. Ich wusste, dass ich irgendwann eine Antwort erhalten würde und tatsächlich war sie am Abend da, ohne dass ich noch einmal nachfragen musste. Ich schrieb den Satz noch einmal für mich in Schönschrift in mein Tagebuch. Das Datum darunter. Er war die Essenz meiner Bildungsarbeit und ich verstand, dass ich etwas aufgeschrieben hatte, das für mich selbst noch zu wenig verständlich und aussagekräftig war, als dass ich darauf textlich fundiert weiter aufbauen konnte. Ich bemerkte das Potential in der Aussage an sich und es forderte mich auf geduldig weiterzuarbeiten und weiter zu suchen bis ich genügend zusammengetragen hätte, um aus den Blüten unzähliger Bilder, Aussagen und Texte, einen Tropfen Wörter zu destillieren, klar wie Wasser und so intensiv duftend wie ein komplexes und feines Odeur, von dem ein einziger Tropfen auf der Haut ausreichend ist, um den Kopf mit der Schönheit eines Duftes zu umnebeln, der den sachlichen Pragmatismus des Verstandes Tag und Nacht subtil verhalten, doch dabei unwiderstehlich betört.

Ich wurde ruhiger, hörte Klassik von Bruch bis Offenbach, goldene Wellen tief in mir und noch tiefer, verborgen im Dunkel der Seele liegend, diese tiefe schöne rauschende Gefühl einer Brandung. Der Satz? Nicht weiter wichtig, da ich ihn in die Tat umlebte.

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zufällige anordnung

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dann sich wissen

im interesse

deiner nördlichsten bereiche

das wesentliche

weggedrängt in beliebiges

bestenfalls im profil gestreift

 

aus seitenperspektiven

die rastlosen blicke

schon suchend

ins nächste weiterfliehen

 

immer mal wieder

mangelhafte gedanken abgegriffen

vom qualitätsprüfungsband genommen

in den sondermüll gegeben

da unverrottbar

 

dort

glänzt eine altmetallene erinnerung

mit hohem schrottwert

im staub

in der sonne

leeres

kaugummieinwickelpapier

sein inhalt

süß und zäh genug

sich lang zu halten

jetzt nurmehr

aufgezehrter schimmer

tote materie

ein sommerflügel

ein atemzug

(der schön wild nach uns schmeckt)

in der zufälligen anordnung

deiner randbezirkssympathie

wiederum verfall und eine

radikale häutung mehr

 

leicht und trocken

die verlassene hülle

(riecht nach dir)

auf altem laub

im vergangenen morgen

ein vogelsang

als sei nichts gewesen

Die Versehrten

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Sie hatte sich den Daumen eingeklemmt, als sie die Tür hinter sich zuwerfen wollte. Alles war voller Blut und ein heißer glühender Schmerz schoss durch ihren Finger. Anfangs nützte es auch nichts, dass sie sofort zum Wasserhahn rannte und kaltes Wasser darüber laufen ließ. Der Schmerz veränderte sich von einem heißen schneidenden Sengen hin zu einem dumpfen pochenden Hämmern. Sie hätte schreien mögen, doch sie konnte nicht. Ihren zusammengepressten Lippen entfuhren zischende Laute, sie atmete heftig durch die Nase ein und gepresst durch den Mund wieder aus und sie fragte sich, wie viel schlimmer wohl der Schmerz wäre einen ganzen Finger zu verlieren, zigmal schlimmer als dieses an sich schon so unsägliche Gefühl, dass der Finger zermatscht sein könne, zerquetscht zwischen Tür und Angel.

Das laufende Wasser spülte das viele Blut fort, es vermischte sich in der weißen Emaille des Waschbeckens zu blassrosa Schlieren, die sich in unregelmäßigen Bahnen auf dem Weg in das Schwarz des Abflusses verloren. Zuletzt linderte das kühle Wasser den Schmerz dann doch und als sie ihren Daumen wagte näher zu inspizieren, stellte sie fest, dass er nahezu unversehrt schien. Die gequetschte blutunterlaufene Nagelplatte war es, die dieses Übermaß an Schmerz produzierte.

Sie holte Verbandsmull aus dem Erste-Hilfekasten ihrer Mutter und umwickelte den Daumen mit Wundgaze sowie einem provisorischen Verband. Obwohl ihre Mutter sie darauf vorbereitete, dass sich der Nagel wohl ablösen würde, ekelte sie sich unaussprechlich, als er es ein paar Tage später tatsächlich tat und dort wo er sich befunden hatte, ein wundes wehes Gefühl auf dem bloßen Fleisch des Nagelbettes hinterließ. Der Nagel hatte sich sich blauschwarz verfärbt und wies sich damit als etwas aus, das dem Körper nicht mehr länger zugehörig sein will und sie empfand es wie einen Abschied. Sie fragte sich, ob der Nagel wohl nachwachsen würde oder ob dieses schlimme Gefühl am Daumen, Schmerzattacken auslösend bei der geringsten Berührung, für immer und ewig anhalten könne.

Nach einer Weile wurde das Nagelbett unempfindlicher, verschorfte, eine seltsame dünne Haut bildete sich darüber. Nach einem Blick aus dem Küchenfenster stand fest, dass sie den Tag heute draußen verbringen wollte. Sie holte ihr Fahrrad aus der Garage und fuhr aufs Geratewohl los. Ihre Eltern würden erst später am Abend heimkommen, ihre Schularbeiten hatte sie erledigt und das Müsli, das sie sich mittags gemacht hatte, würde bis zum Abend vorhalten. Es war mild für diese Jahreszeit, Anfang Februar. Sie genoss den Wind im Gesicht, er wehte ihr die kurzen blonden Haare aus der Stirn und hinterließ ein Gefühl auf ihrer Haut, dass sie an den Geruch erinnerte, wenn ihre Mutter an sonnigen und windigen Tagen Wäsche auf langen Leinen trocknete, die sie draußen im Garten gespannt hatte. Die helle Wintersonne hatte schon an Kraft gewonnen und verlockte geradezu, sich die Jacke auszuziehen, um diesen Wind auf der nackten Haut der Arme spüren zu können. Doch im letzten Jahr war sie unvorsichtig gewesen mit der Verführung des Frühlings und hatte sich eine Erkältung zugezogen, mit der sie Wochen im Bett zubrachte, darum ließ sie ihren Winteranorak lieber an.

Sie steuerte die alte Bank im Bachtal an. Um diese Tageszeit würde dort das Licht besonders sein, im Winter wie im Sommer, ein Mosaik aus bunten durch die Kronen der Bäume auf die Wege gesplitterten Sonnenstrahlen. Dieses Licht erinnerte sie an bunte Kirchenfenster wie die aus dem großen Dom, in den sie manchmal sonntags in den Gottesdienst ging. Ihre Bank war besetzt. Ein Gefühl von Unmut begann sich in ihr auszubreiten. Sie registrierte einen Rollstuhl mit Schiebegriffen und die Silhouette eines Mannes, der auf der Bank saß. Sie stieg ab vom Fahrrad, schob es auf den Weg, der an der Bank vorbeiführte und wollte sehen, wer sich auf der Bank niedergelassen hatte, etwas drängte sie, sich diese Person genauer anzuschauen und sie konnte nicht sagen, ob es an dem vollen Haarschopf lag, der im Sonnenlicht silberweiß schimmerte oder an diesem anderen Eigentümlichen, das auch noch von der Gestalt auf der Bank ausging. Sie konnte dieses Bizarre noch nicht richtig zuordnen. Sie musste zuerst näher herangehen, um es besser erkennen zu können und zwinkerte vor Anstrengung mit den gegen das Licht zusammengekniffenen Augen..

Als sie der Bank näherkam, sah sie einen alten Mann darauf sitzen. Er schaute verzückt, mit blinzelnden Augen in genau das Lichtspiel hinein, wegen dem auch sie hier her- gekommen war. Um es betrachten zu können, um sich davon verzaubern zu lassen. Sie nannte diesen Ort „die Kathedrale“, weil die Architektur der Baumgewölbe hier besonders hoch und erhaben schien. Durch den Talcharakter war auch die Akustik eine veränderte: unter den Baumkuppeln fingen sich die unterschiedlichen Vogeltöne zu einem einzigen hohen gemeinsamen Gesang zusammen. Auf ihrer Bank am Wegrand saß selten jemand. Wenn sie es recht bedachte, hatte sie sogar noch nie zuvor jemanden an diesem Ort sitzen sehen. Der Mann auf der Bank hatte sie bemerkt und drehte den Kopf in ihre Richtung. Er stellte sich höflich als Herr Nieweg vor. Sie war überrascht, dass er sie ansprach. Wie sie es von ihren Eltern gelernt hatte stellte sie sich vor, trat noch ein Stück näher an ihn heran, eher zögerlich, als wüsste sie nicht, wie sie es bewerkstelligen solle, ihn näher zu begutachten, ohne ihm dabei tatsächlich näher zu kommen. Schließlich blieb sie unschlüssig in sicherer Entfernung ein paar Schritte von der Bank entfernt stehen.

Ich beiße nicht, sagte Herr Nieweg. Obwohl beißen so ziemlich das Einzige ist, was ich überhaupt noch tun kann außer zu sprechen, zu trinken und zu atmen natürlich. Er zwinkerte und lächelte sie aufmunternd an. Nur zu, komm her und setze dich zu mir, wie ich sehe bist du auch eine Kriegsversehrte. Wir können uns diese Bank teilen, was meinst du? Etwas in ihr löste sich bereitwillig. Von diesem Mann ging keine Gefahr aus. Er schien freundlich zu sein. Sie stellte ihr Fahrrad neben seinen Rollstuhl und schaute ihn fragend an. Ist völlig in Ordnung, stell es nur neben meinen Rollstuhl und lehne es an. Sind beides Fortbewegungsmittel, die sind miteinander verwandt. Sie setzte sich neben den Mann. Etwas ging von seiner Persönlichkeit aus, das nichts mit seiner körperlichen Versehrtheit zu tun haben schien oder gerade dadurch bedingt wurde. Verstohlen betrachtete sie sein Gesicht im Profil. Seine Haare waren schneeweiß, ohne auch nur einen Hauch von Grau aufzuweisen.Er wollte von ihr wissen, wie alt sie sei. Sie erzählte ihm, dass sie im vergangenen August ihren elften Geburtstag gefeiert habe.

Und wie ist das da passiert? Herr Nieweg nickte mit dem Kopf in Richtung ihres bandagierten Daumens. Ich habe ihn eingequetscht in einer Tür und dann ist der Nagel abgegangen. Es hat furchtbar weh getan und jetzt geht es schon wieder, doch ich weiß nicht, ob dieser Nagel jemals nachwachsen wird. Manchmal denke ich, es wird immer empfindlich und komisch bleiben an dieser Stelle. Sie zeigte ihm den umwickelten Daumen. Der Verband war an einigen Stellen schon etwas schmutzig geworden, an anderen Stellen war er leicht ausgefranst. Wann wurde der das letzte Mal gewechselt? wollte Herr Nieweg von ihr wissen. Vor zwei Tagen.

Alles klar. Du musst ihn wechseln, wenn du wieder zu Hause bist, ja? Zeig mir doch mal deinen Daumen. Sie wickelte den Verband vom Finger. An der Nagelwurzel ihres linken Daumens war ein winziger weißer Halbmond erkennbar. Das schaut doch sehr gut aus, lobte Herr Nieweg und sieh mal, hier wächst der neue Nagel  schon nach. An dieser Stelle bilden sich kleinste Hornschuppen und wie bei einem Dach legen sie sich ziegelartig übereinander bis die schützende Nagelplatte komplett neu hergestellt ist. Du hast Glück im Unglück gehabt, dass die Nagelwurzel nicht beschädigt wurde. Dann kann es passieren, dass kein Nagel nachwächst. Sie verlangte von ihm zu wissen, woher er das alles wüsste. Nicht einmal Dr. Lingen habe ihr das so gut erklären können, was da an ihrem Finger passierte. Ihre Angst vor der Seltsamkeit Herrn Niewegs hatte sich verflüchtigt. In ihrer Familie vermisste sie manchmal, dass sich niemand so richtig um ihren Daumen kümmern wollte. Immer wenn sie ihre Eltern fragte, reagierten diese gereizt, als wolle sie von ihnen etwas Unmögliches wissen, dabei wollte sie doch nur wissen, wie lange sie es noch aushalten müsse, dieses kranke Fingergefühl, nichts richtig machen zu können und außerdem Acht geben zu müssen, damit sie nirgendwo die kranke Stelle berührte, weil diese dann loskreischen würde in einem ähnlichen sengenden und glühenden Schmerzgefühl wie jenem hellroten, heißen und frischen, das sich in jede Zelle ihres Körpers bohrte, in dem Moment als sie sich den Finger klemmte.

Ohne dass es ihr bewusst gewesen wäre, war sie etwas näher an Herrn Nieweg heran gerutscht und betrachtete die leere Luft an der Stelle, an der sich sein rechter Arm hätte befinden müssen. Sie fragte sich, wie sich das wohl anfühlen würde, so ohne Arme und Beine, wackelte mit ihren Zehen und freute sich überraschenderweise darüber, dass sie sie in ihrem Schuh vorn an der Spitze fühlen konnte.

Wie lange wird das dauern?, fragte sie und zeigte auf ihren Daumen. Können Sie mir das sagen? Bis der Nagel nachgewachsen ist, meine ich. Meine Eltern reagieren jedes Mal sauer, wenn ich sie das frage und dann schimpfen sie mit mir. Ich sei zu ungeduldig, sagen sie. Ich müsse abwarten. Doch ich will wissen, wie lange ich abwarten muss. Es tut weh, immer wenn ich drankomme an die Stelle. Der alte Mann hatte den Kopf leicht gesenkt, die Augen an die Stelle gerichtet, an der die Hose am Oberschenkelstumpf umgeschlagen und mit einer Sicherheitsnadel am Bund befestigt worden war. Die Bein-Stümpfe waren unterschiedlich lang. Der rechte Stumpf war etwas kürzer als der linke. Als hätte er ihre Frage nicht gehört oder als sei er gedanklich weit fortgetrieben, doch dabei auf eine andere Weise gänzlich bei ihr, wollte er stattdessen von ihr wissen, was ihre Eltern gesagt hatten, als sie ihnen von dem Unfall berichtete.

Sie erzählte ihm, wie sie erst mit ihr geschimpft und sie dann doch in den Arm genommen hatten. Wie sie gemeinsam in der Familienkutsche zum Hausarzt fuhren.  Wie lange ist denn der Unfall her? Er sah sie fragend an. Das Mädchen überlegte und beobachtete dabei ein Eichhörnchen, das schnell und geschickt einen Baumstamm hochkletterte. Es hatte sich einen Tannenzapfen in der Krone ausgespäht und suchte sich zielstrebig den kürzesten Weg im Zickzack nach oben. Es passierte vor ungefähr sechs Wochen, kurz nach Tante Ernas Besuch. Am ersten Schultag nach den Weihnachtsferien. Erst tat es immerfort weh, auch nachts, da pochte der Daumen wie verrückt und dann wurde es langsam besser. Jetzt ist es aber immer noch empfindlich.

Sie betrachtete ihren Daumen als sei er keiner ihrer Körperteile, sondern als habe er eine Art Eigenleben entwickelt, das sich völlig vom übrigen Leben ihrer Körperteile abgespalten hatte. Ihr Daumen kam ihr vor wie eine Art Persönlichkeit, die schon ihr ganzes Leben lang bei ihr war und sich nun als jemand bedrohlich Fremdes und Unbekanntes entpuppte. Doch wie sollte sie dies diesem alten Mann ohne Arme und Beine klar machen? Sie traute ihren Gedanken nicht über den Weg und sie wurde oft getadelt, dass sie eine zu allzu große Phantasie habe. Sie solle besser mal aufpassen, was sie immer allen für einen Quatsch erzähle, sagte Tante Erna, kurz bevor die Sache mit der Tür passiert war und sie erinnerte sich nur zu gut an den leidenschaftlichem Hass, den sie der stämmigen Frau vom Lande rotglühend entgegensetzte. Sie wollte sich dafür schämen und es gelang ihr nicht. Sie mochte Tante Erna nicht und diese mochte sie genauso wenig. Deswegen hatte sie Tante Ernas Krücken versteckt. Diese wollte zur Toilette und gelangte ohne ihre Krücken nicht dorthin. Darum hatte Tante Erna erst sich selbst und anschließend auch noch das Sofa vollgepillert. Der weiße Berberteppich war voller gelber Urinflecken gewesen und stank nach altem Fisch. Darum hatte es vor Tante Ernas Abreise einen gewaltigen Streit gegeben, der damit endete, dass sie kniefällig vor Tante Erna um Entschuldigung betteln musste. Wenn sie darüber nachdachte, wurde sie immer noch wütend. Dies hielt sich allerdings im Gleichmaß mit der Schadenfreude über die gelungene Rache. Dass das mit der Tür passiert war, war vermutlich Gottes gerechte Strafe. Sie befand sich mit Gott grundsätzlich im Reinen und beabsichtigte nicht, ihm die Sache zu beichten. Sie dachte an ihren Daumen. Gott war gnädig gewesen. Die Sache war den Preis wert gewesen. Gott verstand das. Sie hatten die Sache unter sich ausgemacht. Sie brauchte weder Priester noch Absolution.

Herr Nieweg hatte ebenfalls das Eichhörnchen entdeckt und verfolgte dessen Kletterkünste in die Baumkrone. Beim Klang seiner Stimme erschrak das Tier und flüchtete blitzschnell auf einen anderen Baum. Es dauert ungefähr zwei bis drei Monate bis ein Nagel nachgewachsen ist. Bei Fingernägeln. Bei Fußnägeln dauert es länger, beim großen Fußnagel kann es sogar bis zu einem ganzen Jahr dauern. Dies alles hängt natürlich auch davon ab, wie alt jemand ist. Bei jüngeren Menschen geht es schneller. Dein Doktor sollte das aber wissen, wenn du ihn danach fragst. Mach das mal bei deinem nächsten Besuch. Herr Nieweg lachte und in dem Lachen schwang ein bitterer Unterton: Kannst du dir vorstellen wie viele Stunden und Tage ich schon damit zubrachte auszurechnen wie lange es wohl dauern würde, bis mir neue Arme und Beine nachgewachsen wären? Es würde Jahre dauern bis mein Körper sie nachgebaut hätte. Denk mal, wie viel Zeit er schon für einen einzigen Fingernagel braucht!

Seine hellblauen Augen zwinkerten leicht und als sie sie noch genauer in Augenschein nahm, entdeckte sie im Gefältele seines linken Augenwinkel eine klare Träne, die langsam über sein Gesicht lief. Beschämt wandte sie ihren Blick ab. Es war etwas Seltsames, wenn Erwachsene weinten. Sie sah das nur sehr selten und sie wusste, dass es nicht schlimm war. Dennoch fand sie es schlimm. Es hatte so etwas von einer Niederlage. Wenn sie weinte, war es meistens aus Wut, Angst, Scham oder Schmerz. Doch die Großen weinten anders. Es kam ihr so vor,  als hätten sie ihre Schreie zu Tränen gepresst und sie schnauften und holten schwer Atem, weil es sie so viel Kraft kostete und weil es so anstrengend ist, Schreie zu Tränen zu pressen. Ihre Eltern hatte mit ihr geschimpft, als das mit der Tür passiert war. Sicher, sie hatten sie auch umarmt und gingen mit ihr zum Doktor, doch dennoch war ein untergründiges Gefühl in ihr, als straften sie sie mit Nichtachtung, weil sie vorher etwas angestellt hatte, was immerhin dazu führte, dass Tante Erna erst einmal nicht mehr zu Besuch kommen wollte und dass der Teppich in die Teppichreinigung musste. Das hatte hundert Euro gekostet und das sei verdammt viel Geld für einen Kleinkinderstreich, lamentierte ihr Vater lauthals und raufte sich die wenigen verbliebenen Haare auf seinem Kopf.

Haben Ihre Eltern sehr mit Ihnen geschimpft, als Sie Ihre Arme und Beine verloren haben? Sie dachte einen Moment lang nach, ob ihre Frage wohl ungehörig sei. Solche Fragen gab es zweifellos und ihre Eltern sagten ihr manchmal, dass sie ungehörige Fragen stelle, solche Fragen seien unhöflich und zu nahe tretend, die dürfe man nicht stellen. Doch ihre Befürchtungen blieben unbegründet. Herr Nieweg lachte wieder laut, bevor er genauso unvermittelt wie er lachte umschwenkte um sie ernst und prüfend anzusehen.

Sie fand seine Augen faszinierend. Sie waren wie zwei helle Quellen in seinem alten zusammengefallenen Gesicht. Nun hatte sich eine tiefe feingewirkte Traurigkeit in sie gesetzt, und er lächelte, ohne dass sein Lächeln die Traurigkeit in den Augen erreicht hätte. Nein, sie haben überhaupt nicht mit mir geschimpft. Sie haben sehr geweint. Sie waren dankbar, dass ich noch am Leben war. Diese Bombe riss mich und das ganze von Kranken überfüllte Lazarett, das ich als Rettungssanitäter betreute, in einer großen Explosion auseinander. Es waren über hundert Tote, darunter meine beiden besten Freunde und sämtliche Ärze. Ich war einer der wenigen Überlebenden.                             Das Mädchen strich sich mit einer beiläufigen Geste ein paar borstige Haare aus der Stirn und dachte nach.

Sie wusste, die nächsten beiden Fragen würden noch viel ungehöriger sein als die vorige, doch sie mussten einfach aus ihr heraus, ließen ihr keine Ruhe: Wie weh hat das getan und tut es jetzt noch weh? Nachdem die Fragen erst einmal heraus waren und während sie gespannt auf seine Antwort wartete, steckte sie sich aufgeregt ihren Zeigefinger in den Mund und kaute am Nagelrand herum. Das willst du wohl brennend gern wissen, wie? Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, schnell wie Wolken wandern und er lachte wieder. Das kann ich mir vorstellen! Dein eingeklemmter Daumen hat mit Sicherheit höllisch weh getan, als du ihn dir klemmtest und mit noch größerer Sicherheit hast du dir vorgestellt wie es wohl wäre, wenn du ihn dir abgetrennt hättest. Ich gebe dir die Antwort, wenn du deinen Zeigefinger in Ruhe lässt, einverstanden? Sonst futterst du ihn noch vor lauter Ungeduld auf…

Schuldbewusst nahm sie den Zeigefinger aus dem Mund. Ihr Gesichtsausdruck war abwartend, gespannt. Er senkte den Kopf und schaute zu Boden. Bei solchen Wunden wie den meinen ist der Schmerz, wenn sie entstehen geringer als der Schmerz, den sie verursachen, wenn der Körper den großen Verlust verarbeiten muss. Dies unterscheidet sie von den Wunden, die so wie deine sind. Sie tun schlimm weh, doch irgendwann hört es auf. Der Schmerz wird immer weniger.

Mein Schmerz endet nie. Mir wachsen keine Arme und Beine neu, auch nach Jahren des Wartens nicht und glaube mir, ich habe Phasen in meinem Leben erlebt, da war ich davon überzeugt,  dass mir neue Gliedmaßen wachsen würden, weil ich diesen anderen Zustand glaubte nicht mehr ertragen zu können. Es tut auch körperlich immer noch weh, selbst nach all dieser langen Zeit, die seither vergangen ist. Manchmal jucken meine Arme und Beine, obwohl sie nicht mehr da sind, manchmal schmerzen sie und es gibt nichts, das diesen Schmerz lindern könnte, weil er ausgelöst wird durch die verkümmerten Nervenenden in den Stümpfen. Sie begreifen niemals, dass das Bein oder der Arm, zu dem sie gehörten, nicht mehr da ist. Also senden sie unausgesetzt weiter blinde Impulse und Reize weiter ans Schmerzzentrum des Gehirns. Nerven sind ganz schön dumm, findest du nicht?  Doch du wolltest von mir wissen, wie weh es tat, als ich meine Glieder verlor, nicht wahr? Sie nickte stumm. Sie versuchte zu begreifen, was der Mann ihr erzählte, es erschien ihr unvorstellbar, unmöglich. Fehlende Arme und Beine, die noch jucken und schmerzen konnten? Das klang unheimlich und fremd. Sie konnte es sich nicht vorstellen.Vor lauter Aufregung vergaß sie ihn zu siezen: Wie alt bist du eigentlich?

Ich bin in diesem Jahr neunundachtzig Jahre alt geworden. Über siebzig Jahre lebe ich schon so. Wir Menschen sind erstaunlich. Fast alles können wir ersetzen und erneuern. Unseren ganzen Körper. Unsere Haut, unsere Haare, unsere Knochen. Dies alles heilt so selbstverständlich. Zu einem Zeitpunkt, an dem du es dir überhaupt noch nicht einmal vorstellen kannst, passieren tief in dir Dinge, winzig kleine Dinge, so unmerklich in ihren Bewegungen, dass du sie nicht sehen kannst, so winzig, dass du sie noch nicht einmal erahnen oder erfühlen kannst. Dies alles geschieht, um deinen Nagel zu reparieren, zu heilen und schließlich wieder neu wachsen zu lassen. Und irgendwann ist er wieder da, genau so wie vorher, eine exakte Kopie des alten Nagels. Eidechsen können das auch mit ihrem Schwanz. Wenn sie ihn verlieren, wächst er einfach nach. Das weiß ich, rief sie aufgeregt. Das hatten wir in Biologie, in der Schule.

Aus ein paar hundert Metern Entfernung näherte sich auf dem Weg eine Frau. Ah, mein Engel aus dem Altersheim kommt um mich abzuholen. Ich spiele gleich Schach mit ein paar Freunden. Er hatte den Kopf in die Richtung gewandt, aus der auch sie die Schritte der Frau näher kommen hörte.

Sie berührte ihn an der Schulter und er wandte ihr den Kopf zu. Hat es weh getan? Wie weh hat es getan? Ihre Eile und ihre Dringlichkeit erfasste seine Mimik und spiegelte sich in einem angespannten Ausdruck. Seine Augen wirkten entrückt, er war in Erinnerungen weit fort in einer anderen Zeit: Ich habe nichts davon gespürt. Den Schmerz, als ich im Krankenhaus zu mir kam, kann ich dir gar nicht beschreiben, ich fiel immer wieder in Ohnmacht, so stark war der. Ich fieberte und war lange sehr sehr krank. Es gibt Schmerzen, die sind so unvorstellbar groß und schlimm, dass du einfach umkippst. Dir die Sinne schwinden. Bist du jemals ohnmächtig geworden?

Sie schüttelte den Kopf. Nein, noch nie. Die Frau war inzwischen angekommen und grüßte knapp mit dem Kopf nickend. Na, Herr Nieweg, haben Sie nette Gesellschaft gefunden?Allerdings, nickte der Mann und stellte das Mädchen der Frau vor, erzählte auch kurz, worüber sie sprachen. Ja, lachte die Frau, unser Herr Nieweg ist kaum wegzudenken aus unserem Haus. Er ist sehr beliebt, musst du wissen. Er kennt die besten Geschichten und Witze, außerdem ist er ein außerordentlich begehrter Mitspieler beim Schach und darum muss ich ihn dir leider jetzt entführen. Er ist öfters mal hier und freut sich über Gesellschaft, stimmt’s?

Sie rollte den Rollstuhl an die Bank, umfasste Herrn Niewegs Körper mit geübtem Griff und beförderte ihn mit einer geschickten Drehung in den Rollstuhl. Die hellen Augen in seinem alten Gesicht fixierten sie freundlich. Mach dir noch einen schönen Tag und ich wünsche deinem Daumen schnell einen neuen Nagel, hab Vertrauen in deinen Körper, er wird es schon richten. Ich kann dir leider nicht die Hand geben, doch es war mir ein Vergnügen, dich kennenzulernen. Mach es gut, vielleicht begegnen wir uns hier mal wieder? Sie holte ihr Fahrrad, das an der Rückseite der Bank lehnte und schob es zum Rollstuhl.  Ich bin öfter mal hier, Sie wissen schon, wegen dem Licht und so.

Die Frau breitete die karierte Decke über Herrn Niewegs Knie, wendete den Rollstuhl auf dem Weg und schob ihn die steile Steigung hinauf. Der Wind hatte merklich aufgefrischt, feine Wolkenschleier hatten sich vor die Sonne gelegt. Das Mädchen war auf ihr Fahrrad gestiegen und hatte sich in die entgegengesetzte Richtung gewandt, war sich jedoch noch nicht schlüssig darüber wohin es nun fahren wollte. In  ihrer Vorstellung war ein Bild übrig geblieben, das hatte keine Arme und Beine. Als sie versuchte, näher darüber nachzudenken, quoll ein Strom Fragen ohne Antworten aus dem Bild und sie schrie dem Rollstuhl auf der Anhöhe hinterher: Ich könnte mir niemals vorstellen, ohne Arme und Beine leben zu müssen! Die Frau aus dem Heim hatte mit dem Rollstuhl die Anhöhe erreicht und verschnaufte sich kurz und heftig atmend. Herr Niewegs tiefe Altmännerstimme trug die Worte mühelos und gut verständlich über dem Wind in ihre Richtung: Ich auch nicht!

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