Windrodung

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Sturmflammen fetzen unerbittlich vorwärts, die Füße müssen mit, ein Rückengefühl wie aufgezogen. Die blaugraue Taube mit der Tupfenkette um den Hals hat sich in den Windschatten der Beine gehängt, lässt sich mitziehen. Gesichterverhetzte Unruhe, die Lippen zusammengepresst das hastige, das gelbe Starren wirkt wichtig wie die aufgeblasenen unheilschwangeren alten Plusterwolkensäcke. Der Regen steht waagerecht, die Schaufensterpuppen spritzen frühlingsfrisch herum. Blaulichtspiegelnde Pfützen, glanznasse Fassaden. In engen Straßenschluchten heult und johlt die Kakophonie des Sturms einen schrägfalschen Song, rebbelt sich wie ein Buhmann in die Ohren. Es ist die Karikatur eines Liedes, das sich irgendwann zwei oder mehr schrieben. Alles kommt irgendwann verzerrt als Symptom wieder zurück. Das grell geifernde Orangelicht der Straßenlaternen wird von den schwarzen Löchern zerbrochener Fensterscheiben aufgeschluckt. Sie wurden vor langer Zeit von aufständischen Jugendlichen mit Steinen eingeworfen. Erinnert sich jemand daran? Dem ergebenen Verwehten steht die Nase schief ins Gesicht geschrieben. Wurde ihm irgendwann in seiner Sturm- und Drangzeit von den Bullen gebrochen weil er unartig war. Sein Lächeln schafft es bis kurz vor die Zähne, dann sackt es wieder müde in sich zusammen. Seine Worte reißt der Sturm auseinander. Irgendwann gebrochen höhnt es zurück, pfeift hohl in der Gosse, den Rest rauscht Regen weg.

Das Kreischen nimmt an der Treppenströmung noch zu, es hat sich durch den Tunnel hochgegeilt, pfeift aufgestaut den Zügen hinterher, ist die millionennamige schubsende Hand im Rücken. Augenlose Neonschlangen winden sich die Mauern hoch, die fetten Protzbunker schwanken auf der Fresspromenade. Es hat ein Steakhouseschild umgerissen. Entfesselt stolpert es über das helle Feinfliesentrottoir und rammt mit voller Windwucht eine der Betonvitrinen mit den Plastikorchideen aus dem chinesischen Wokladen. Die Vitrine steht wie der Fels in der Brandung, doch das Schild hat es vollständig in seine Einzelteile zerlegt.

Aufgeplusterte Menschenballungen klumpen in Durchgängen, unter Kaufhausvordächern, warten den nächsten Schauer ab. Einige umarmen sich, zwei schreien sich an und vertragen sich schnell wieder. Es ist zu nass zum Streiten. Andere stehen wie unbeteiligte Hühner. Einige fragen sogar bevor sie bei jemand ganz Fremdem anbucken und herumknudeln wollen vorher ob sie das auch dürfen. Andere wehen einsamselig in sich versunken weiter mit flatternden Mänteln und Schals. Einer in feinem Zwirn versucht tatsächlich, mit einem bloßen Schirm bewaffnet, die angesagt hochtourig gestylte Surfbretttolle im Kuckucksnest gegen Windrodung und Klatschregen zu verteidigen. Nach kurzem Kampf reißt ihm ein stürmischer Stoß das verbogene Flatterding aus den Händen und pfeffert es vor die weiße Hotelmauer an der es hängen bleibt wie ein alter trauriger schwarzer Modervogel, der so aussieht, als hätte er erst alle Stürme dieser Erde erleben müssen bevor ihn dieser verödete.

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ABC-Etüden: Nereidenfarben

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Liebe blogfreunde,

Textstaub lässt mich nicht los. Ein Text, der durch einige blogfreunde mitinspiriert wurde. 

Ich verarbeitete so verknappt wie möglich mehr als drei abc-wörter, doch nicht alle, zum Beispiel gefielen mir die Backerbsen hier drin nicht und ich baute meine gestnächtliche Wanderey durch die fensterklappernde Wind-Nacht mit ein. 

Einige Beiträge von heute Morgen flossen ein in meinen Text. Hier die Links zu den Beiträgen, die mich zu diesem Text verlockten:

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/19/schreibeinladung-abc-etueden-kuerzestgeschichten-textwoche-8-17-mit-neuen-woertern-hinten-dran/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/17/abc-etueden-kw-7-17-worte-koenigin-backerbsen-korallenriff-die-inszenierung/

https://textstaub.wordpress.com/2017/02/12/schreibeinladung-abc-etueden-kw-7-17-worte-by-margarete-helminger/

Kata-Strophen No. 5 / abc-Etüden (der Buchgeist und der Schokoladenengel)

https://cafeweltenall.wordpress.com/2017/02/21/coolsein-war-gestern/

https://wildgans.wordpress.com/2017/02/21/wort-des-tages-21-februar-2/

https://kreuzbergsuedost.wordpress.com/2017/02/19/fading-2/
Ich wünsche Euch viel Lesefreude.

Hans Christian Andersen hat leider keinen blog, doch ich bedanke mich auch bei seinem Geist für die große Fülle, die er in mir hinterlässt.

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Es ist ein Trugschluss zu glauben, es höre jemals auf. Untröstlich bleibt so manches: die goldene Hochzeit niemals erleben zu können, weil zu viele Träume gewaltsam mit dem Recht der ersten Nacht entjungfert wurden. Klar können sie nach wilden verschwitzten Nächten mit Schokolade besänftigt werden. Doch wie lange hält das vor? Nicht einmal eine Buchseite lang. Kein Wort kann die kosmische Kälte der Nächte erfassen. Kein Stern ist weit genug entfernt um die Vergeblichkeit dieses Lichtes zu beschreiben.
Die Bücher waren in einem unruhigen Wellengang in lauter Leerzeichnungen untergegangen und dafür blähte sich ein Angstmond auf. Im Wald wieder Knalleffekte, Störgeräusche und dann das tropfende Schweigen der erbeuteten Geduld, mit der dünnes Blut in kleinen Pfützen auf dem Küchenboden herumschwimmt. Zu spät die Scherbe gesehen, das Trümmerstück des alten Spiegels, ein Schmerzgesicht zuletzt. 
Vergeblich zum Schrank zu gehen mit dem nur schlampig verbundenen Fuß, das sammetwilde Meerjungfrauengrüne Maulbeerseidene herauszukramen und sich wie eine Königin die Korallenkette der Mutter um den Hals zu legen, sie dabei heimlich zu fragen, warum immer noch den Frauen wenn sie lieben wollen, die Sprache fehlt als hätten sie abgeschnittene Zungen und warum ihnen bei jedem Schritt ihr Gefühl wie tausend Messer in die Füße fahren muss. Dann blutet der Fuß wieder los. Diese untröstliche Wunde verweigert einfach die Heilung. Der Raum schmeckt metallisch nereidenfarben. Sie  zerrinnt darin. Korallenrot.

ABC-Etüden: Zartbitter

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Liebe blogfreunde,

Textstaub ruft zur ABC-Etüde, die Fee reagiert auf solch Wünsche über Wohlwerte buchstäblich mit einer innigen Textverknappung in zartbittersüß.

Liebe Grüße von der Karfunkelfee

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3 Worte ein Gedicht: zartbitter

Schokolade, Bücher, Geduld

Für Margot M.

Die hauchdünne Zartbitter war von der Wärme ihrer Haut in der Nacht geschmolzen. Sie schlief mit einer Hand unter ihrem Po. Am nächsten Morgen kribbelte der Arm und ihre Hand hinterließ in den blind aufgerissenen Büchern schokoladig schmelzende Fingerabdrücke, die sie mit viel Geduld später aus den Gedichten wieder herausleckte. 

Nordheimflug

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Liebe blogfreunde,

Gestern brachte mich Frau Wildgans mit dem Wort des Tages, der Unruhe, ins Nachdenken.
In den vergangenen Nächte beobachtete ich mehrere Kranichschwärme.
Ein Vogel, der mich unruhig macht und gleichzeitig ruhig. Mein Philosophenvogel, der Kranich. Heute beobachtete ich einen riesigen Schwarm, ich bekam ihn nicht ganz vor die Handykameralinse, so viele Tiere waren es. Ein Kranichgedicht war schon lange mal wieder überfällig.

Lieben Dank an Frau Wildgans, die mich mit ihrem „Wort des Tages“ immer wieder zu Gedankengängen und Poemen führt.

Lieben Gruß von der Karfunkelfee

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eher vereinzelt
in vibrierender erwartung
innig unruhiger
dunkler wache
über stummschwingen
steter flügelschläge

spannt mitternacht
ihren bogen richtwärts
nordheim

schießt pfeilkörper
schwärmt
die frontlinie
reißt auf
ein eins
ein leibflug
hinterlegt leere
nach hallt

in ihrem atemlosen
verfliegt
auch sie

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