Sommer in Masuren

Sommer in Masuren

Er sitzt an der Bushaltestelle. Irgendwo las ich einmal, dass keine Begegnung im Leben zufällig geschieht. Daran muss ich denken, als ich ihn dort sitzen sehe: Ein alter großer, ziemlich stattlicher Mann mit einem vergnügten Gesichtsausdruck und wasserhellen Augen. Sein Gesicht ist von unzähligen Falten durchzogen, er trägt eine dicke Brille. Rechts neben ihm liegt der Stoffbeutel mit dem Aufdruck eines lila Elefanten. Als er mich herankommen sieht, lacht er fröhlich. Scheen, scheen, Sie zu seh‘n! ruft er mir zu und dass wir uns kennen von irgendwoher. Ja, aus Masuren, wissen Sie noch? Genau! Kommt es von ihm zurück. Wie konnte ich es vergessen? Sie waren das mit der galizischen Großmutter aus Ossen,  im Wartegau an der Nahe! Die anderen Leute an der Haltestelle schauen uns überrascht an. Auch die türkische Mama mit dem Kinderwagen, in dem ein krähender kleiner Pascha mit blitzenden dunklen Augen thront. Ich setze mich neben meinen masurischen Geschichtenerzähler. Er legt sofort los, ohne sich von irgendwelchen Höflichkeitsfloskeln aufhalten zu lassen. Herrliches Frühlingswetter heute, nur der Wind ist noch kalt! Lacht er mit einem Blick in die blühenden Bäume und erzählt von seinem Geburtsort Gizycko, das früher Lötzen hieß, an der masurischen Seenplatte. Dobje, dzekuje, lache ich zurück, erzählen Sie mir von Masowien, Masuren!  Er rollt das ‚R‘  genauso, wie es meine galizische Großmutter tat und erzählt, dass er Polnisch in der Schule lernte. Genauso wie sie. Ein Stück Kindheit leuchtet aus mir heraus. Es erzählt erinnernd mit der Stimme meiner Großmutter in mir von einem großen Gut, von  blühenden Landschaften und einer Flucht, im gnadenlosen Kriegs-Winter 1945, auf der meine Großmutter ihre nur wenige Wochen alte kleine todkranke Tochter zurücklassen musste, weil sie unter dem Magenpförtner-Syndrom litt und dieses damals noch nicht behandelbar war. Das Kind verhungerte, sie wurde, dreißig Jahre jung, weißhaarig über dem Kummer, kam nie über ihre Dietlinde hinweg. Doch das weiß mein masurischer Geschichtenerzähler nicht und ich möchte ihm so etwas Trauriges nicht erzählen. Er hat seine eigene Geschichte und beschreibt mir die masurische Seenplatte. Maz, erinnere ich Gelesenes, bedeutet so viel wie „Einwohner, Mensch oder Mann“. Darum wurde das Land, gelegen im Norden Polens von den Masowiern, Mazury (Masuren) genannt. Sind Sie evangelisch? Frage ich und denke an die lutheranischen Einwanderer aus dem südlicher gelegenen Masowien. Natürlich! Lacht er, ein echter Lutheraner. Wissen Sie, was ich am liebsten hatte, damals in Masuren? Ich schüttele den Kopf und nicke ihm auffordernd zu. Seine hellen Augen verlieren sich in einer längst vergangenen Zeit. Er legt die alten großen Hände in den Schoß: Damals, als ich noch ein kleiner Junge war, fuhren wir noch mit Pferdefuhrwerken auf die Wiese, dann wurde geheut. Kennen Sie den Duft von Sommerheu? Ich lächele. Ja, den kenne ich nur zu gut. Süß und lieblich. Er fährt fort zu erzählen: Wir mussten nämlich richtig arbeiten, anders, als die Kinder heute. Doch an solchen Tagen war die Arbeit leicht, obwohl wir Stunden um Stunden in der Sommerhitze auf den Wiesen verbrachten und das Heu auf die Fuhrwerke gabelten. Zwei von uns durften sich auf der Rückfahrt auf die starken Zossen setzen, die den mit Heu voll beladenen Wagen zogen. Später gingen wir schwimmen. Im nahegelegenen See. Stellen Sie sich einen Sommerabend vor, so puplau wie Badewannenwasser. Überall pieksen Sie diese kleinen stacheligen Halme und Sie können es kaum erwarten, sich die Kleider vom Körper zu reißen und zusammen mit den anderen Kindern in das glitzernde Wasser des Sees zu rennen. Ich trug weite Hosen und so ein Hemd  darüber, weit geschnitten, Sie wissen schon, gab damals keine T-Shirts oder Jeans. Lächelnd fahren seine Hände über den Jeans-Stoff. Praktisch, solche neumodischen Jeans. Na, jedenfalls setzten sich überall die Heustacheln unter die weiten Kleider, während wir  die Ballen auf den Wagen schaufelten. Ein herrliches Gefühl ist das, sich dieser Sachen zu entledigen und die überall juckende Haut in das Wasser des Sees einzutauchen. Ein kleines Mädchen mit einem blonden Pferdeschwanz war auch dabei. Sie wurde später meine Frau. Wir flohen gemeinsam vor den Russen. Dort drüben auf dem Waldfriedhof liegt sie, meine Helga. Schon seit vierzehn Jahren bin ich jetzt alleine und kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal jemandem von Masuren erzählte, der es hören wollte. Sie liebte das Land genauso sehr wie ich. Wie traurig waren wir, als wir fortmussten. Diesen Ausdruck, der sich nun in seine Augen stahl,  kannte ich von meinen eigenen Großeltern nur zu gut. Also will  ich von ihm wissen, ob es Glühwürmchen gab und erzähle ihm, dass ich erst ein einziges Mal Glühwürmchen gesehen habe. Damals, als ich ein Kind war und im bayrischen Wald Urlaub machte. Auf dem Feldweg. Ich hatte das Pony, auf dem ich wie eine Besessene durch das Dorf zu preschen pflegte, am Baum angepflockt. Es graste zufrieden neben dem Baum, unter dem ich saß. Ich sah den Glühwürmchenschwarm, wie er über den Feldweg tanzte. Lampenkäfer nannte ich sie und erzählte später meinen Eltern begeistert, was ich gesehen hatte. Ah, Glühwürmchen! Nun lacht er wieder und seine blauen Augen blitzen. Da könnte ich Ihnen etwas erzählen! Ganze Horden von Glühwürmchen waren an Sommerabenden unterwegs. Damals in Masuren. Sie schwebten über dem See, in dem wir badeten, während sich langsam die Dämmerung über uns legte wie eine warme Decke. Es war so wunderschön dort. Schauen Sie, nun lebe ich in einem dieser Häuser. Er zeigt auf die Wohnsilos um uns herum. Sind sie nicht schäbig? Sagen Sie selbst… Ich nicke: Ja, sie sind schäbig. Doch wir beide, wir haben Glück, dass wir so viel Natur um uns herum haben. Schauen Sie nur, der Kirschbaum, wie eine rosa Wolke steht er da! Und der Teutoburger Wald, wie schön er ist! Wir haben Glück, es gibt in Deutschland schlimmere Orte als diesen. Sogar die schäbigen Wohnsilos, die die Gesellschaften zu faul sind, zu renovieren, weil ja nur wir es sind, die darin wohnen, während uns die Balkone unter den Füßen wegschimmeln, können wir eine Weile vergessen. Er nickt nachdenklich. Ja, ich wohne im Erdgeschoss, das ist gut, ich schaffe die Treppen nicht mehr gut zu gehen.

Der Bus kommt. Er legt seine Hand auf meinen Arm. Nun sind wir uns schon zweimal begegnet, wissen Sie? Ich habe schon so lange, seit bestimmt zwanzig Jahren niemandem mehr von Masuren erzählt. Wie kommt es nur, dass Sie mir so bekannt vorkommen? Ich weiß nicht, antworte ich. Doch Sie kommen mir auch irgendwie bekannt vor. Vielleicht war ich ja damals eines der Kinder, die mit Ihnen schwimmen gingen und lebe heute hier. Ich kann verstehen, dass Sie sich nach Masuren sehnen. Es ist doch Ihre Heimat gewesen. Nun haben Sie hier eine neue Heimat gefunden, auch wenn Ihre Helga nun schon so lange von Ihnen fortgegangen ist. Ich sehe eine Träne, sie läuft an seiner Wange herunter, wird vom kühlen Wind getrocknet, der kalt um die Ecke schießt. Ich fahre allein zum Supermarkt, sagt er langsam und bedächtig, rollt das ‚R‘ in „Supermarkt“ wie ein Pferdefuhrwerk über eine Wiese rollt. Sie sprechen einen sehr schönen Dialekt, tröste ich ihn. Ich höre ihn nur noch selten. Da lacht er. Kein Wunder, ich bin schon über Achtzig und wir Ostpreußen sterben langsam aus! Da antworte ich ihm in original Ostpreußisch: Marriellchen, was warr den chewesen? Hast du dich becklerrt mit Chelbes von det Ei? Er schüttet sich aus vor Lachen, sein ganzer großer Körper zittert und vibriert. Das können Sie ja perfekt! Ja, grinse ich. Es stirbt nicht aus. Es gibt Menschen, die das mögen und pflegen. Das Leben pflegen, erinnere ich mich an den Slogan einer Senioreneinrichtung, die ich interviewte für einen Artikel. Kommen Sie, ich helfe Ihnen. Nein, protestiert der Masure, ich habe Zucker und bin schwer wie ein alter Elefant. Ich kontere, dass ich dafür stark wie ein Elefant sei und jede Woche meine Muskeln stählen würde. Plötzlich duzt er mich: Schade, ich bin schon so alt. Doch Du bist noch so jung. Du kommst mir gerade recht, mein Mädchen. Das macht mich verlegen. Er hat Mädchen gesagt, obwohl ich doch auch kein junger Hüpper mehr bin. Es freut mein narzistisches Frauenherz bis zur warmen Glut eines masurischen Sommerabends. Ich fasse ihn unter und ziehe ihn hoch. Er ist wirklich schwer wie ein Elefant und ich bin wirklich stark wie ein Elefant. Als er ein paar Stationen später am Supermarkt aus dem Bus steigt, dreht er sich auf dem Weg noch einmal um und schaut zu mir, wie ich im Bus sitze, mit den Stöpseln in den Ohren und wippenden Knien, einem brasilianischen Sambasong lauschend. Seine schwarze Michel-aus-Lönneberga-Mütze sitzt schief und keck auf seinem Kopf, sein Stoffbeutel wippt im Gang seiner langsamen Schritte und er lacht mir zu, hebt die Hand und winkt vergnügt. Ein kleiner masurischer Junge mit Heuhalmen im blonden Haar. Seine Augen blitzen und ich kann mir sehr gut vorstellen, wie der warme Sommer in Masuren war.

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Vater, Tochter und Monet

Heute besuchte ich mal wieder den Monet. Der Drang, seine Mohnblumen wiederzusehen, wurde übermächtig. Was sollte ich anziehen? Einer der Eisheiligen blies kühlen Wind über den Balkon und trocknete die Wäsche auf dem Ständer obwohl oder gerade weil es ein Feiertag war. Draußen zogen lärmend ein paar große betrunkene Kinder mit einem Bollerwagen vorbei. Sie hatten den Stimmbruch bereits weit hinter sich gelassen und waren dabei sich zu Kleinkindern in der Trotz- und Grölphase zurück zu entwickeln. Ich überlegte, was ich anziehen könne. Schön machen wollte ich mich für ihn. Es war schlimm genug, dass er an einem solchen Tag im Bett liegen musste und noch schlimmer, dass dieses Bett in einem Krankenhaus stand und nicht in der Reha-Klinik, in der er längst sein sollte. Ich zog das enge Röckchen an, darüber das noch engere T-Shirt samt Jäckchen und stellte mich probehalber in die steife Brise. Da spitzte doch was? Ich befand, dass dies überhaupt gar nicht ginge und pappte auf die vorwitzigen Spitzen diese hübschen Gel-Silikon-Blümchen, die so etwas züchtig verdecken sollen. Hochhackige Boots und den grünen Feen-Mantel an, hinaus in den Frühling. Im Bus verstöpselte ich meine Ohren, sah Landschaft und Straße vorbeiziehen und hörte dabei Tango. Vor mir saß eine alte Dame. Sie diskutierte heftig mit ihrer Sitznachbarin und schimpfte sie lauthals aus, weil diese bei Mark so viel Kaffee getrunken hatte. Darum sei ihr jetzt so beschissen übel und aus keinem anderen Grund. Die andere rechtfertigte sich, dass Mark ihr den Kaffee extra gekocht hätte, sie habe ihn trinken müssen, sonst sei das unhöflich gewesen. Der Tango in meinem Ohr wurde untermalt von einer Quetschkommode und ein Piano unterlegte lasziv die Worte „beschissen, extra und unhöflich“ mit plätschernden Tönen. Die beiden stritten noch eine Weile weiter, dann stiegen sie aus. Beim Umsteigen in die Straßenbahn umwehten mich Knoblauchdüfte. Ich schaute mich dezent um und blickte direkt in ein paar blaue Augen, die mir von hinten in den Ausschnitt zu fallen drohten. Mein Geist intonierte für  sich: „beschissen, extra und unhöflich“ und versuchte Lyrik daraus zu machen. Zwei Stationen mit den blauen Augen und den sie umwabernden Knoblauchschwaden waren gerade noch erträglich, dann durfte ich endlich aussteigen.

Ich lief zwischen blühenden Bäumen den Rosenberg hoch und betrat das vertraute Krankenhaus. Der frisch Operierte lag im fünften Stock. Ich wetzte die Treppen hoch in den zweiten und wollte Monet und die Mohnblumen knipsen. Drei Minuten schwelgte ich mit der behuteten Dame und den Mohnblumen im Feld, dann hüpfte ich weiter in den dritten Stock. Dort war die Geriatrie untergebracht, die weiße Treppenhauswand schmückte irgendein postmodernes Kunstverbrechen, das aussah wie ein Verkehrsunfall mit Gedärmen. Bevor ich einen epileptischen Anfall bekam, hastete ich weiter hoch in den vierten Stock. Dort herrschte kontemplative Ruhe in Form eines Weisen auf einem Stein. Überdimensional. Genial. Sollte ich knipsen? Nein, nur noch ein Stock höher lag er doch schon. Keine lindgrünen Wände mehr. Orange und freundlich mit Makrofotografien von Blüten an den Wänden. Das Schwesternkabuff hatte leichte Ähnlichkeit mit dem Yellow Submarine von den Beatles. Vergnügt prustete ich ein paar Schwestern einen zackigen Himmelfahrtsgruß zu. Ich klopfte an die Tür seines Zimmers und freute mich über sein überraschtes Gesicht als ich eintrat. Er sah aus wie ein Marsianer. Überall hingen Schläuche aus ihm heraus. Hier ein Beutel und da eine Flasche, Drainagen und irgendwo dazwischen er. Er war weiß im Gesicht, doch seine Augen leuchteten. Ich verfluchte sein Missgeschick und setzte mich an den Bettrand. Er erzählte mir genau, was ihm geschehen war und letztendlich hatte er doch viel Glück in allem Unglück gehabt. Im Fernsehen bolzte sich gerade die Fußballdamenmannschaft FFC Frankfurt mit vollem Einsatz zu ihrem formidablen Champions-League-Sieg 2:1 gegen die Mädels von Paris St. Germain. Ein gutes Omen, befand ich. Dann kam Mustafa, der Pfleger und brachte Abendbrot. Da sah ich es mit schreckgeweiteten Augen: Eines meiner transparenten Silikon-Busenbedeck-Blümchen hatte sich unter meinem T-Shirt hergestohlen, war zu Boden gefallen und lag nun wie eine übergroße durchsichtige schwabbelige Linse vor dem Bett. Ich schwankte hin und her zwischen Entsetzen und einem völlig unpassenden hysterischen Lachanfall. Der Kranke fragte mich, was denn bloß los sei, ich sähe plötzlich so angespannt und spitz um die Nase aus. Och, nichts, gar nichts, sinnierte ich, sah zur Decke und behielt dabei genau Mustafa mit dem Abendbrottablett im Auge, jubelte weiter euphorisch dem Fernseher zu und zeigte so lange mit dem Finger auf die sich dort verausgabenden Fußballdamen bis beide Männer den Apparat an der Wand fixierten. Schnell kickte ich mit einem gezielten Tritt flach gegen die durchsichtige Silkon-Busenbedecklinse, die mit einem nahezu elegant anmutendem Satz unters Krankenbett flog. Was machst du denn da bloß? Wollte der Kranke wissen, während Mustafa das Tablett mit dem Essen vor dem Bett abstellte. Mustafa, das ist meine Tochter, wurde ich förmlich vorgestellt. Der Kranke im Bett lächelte und schmierte sich sein Butterbrot. Nun esse ich dir auch noch etwas vor, kam es vergnügt kauend von ihm. Fein, mach nur, ich bin nämlich völlig vollkornbrotresistent, konterte ich. Während Mustafa die Medikamente in die Spenderbox einsortierte, sprachen wir über die Familie und die Kinder, darüber wie ich meine Tochter im Auto beim Zurückschieben der Sitze hinten eingequetscht hatte und sie gequiekt hatte wie ein Ferkel. Dass mein Sohn auf dem Notsitz zusammengeklappt mit den Knien am Kinn hing wie ein großes „N“, weil Mama ebenfalls zu weit nach hinten gerutscht war. Wir lachten laut. Da war er endlich mal unbeschwert. Ich liebe es, wenn er lacht. Mustafa verließ leise wieder den Raum. Eine Weile blieb ich noch. Bevor ich ging, täuschte ich noch einen heftigen Wadenkrampf vor. Ich muss mich dringend mal strecken, sagte ich und versuchte dabei so gelangweilt wie möglich auszusehen, beugte mich zu meinen Schuhen herab und fummelte mit dem linken Fuß unauffällig die mittlerweile zugestaubte und trübe gewordene Silikonlinse unter dem Bett hervor. Auf der Toilette entledigte ich mich dann vorsichtshalber auch des zweiten Silikonteils, das bereits verdächtig schief und völlig deplatziert zur Seite hing und verfluchte Silikon im Allgemeinen und meine Prüderie im Besonderen. Aus mir wird wirklich niemals eine richtige Dame, dachte ich und war einen Moment lang versucht, die glibberige Silikonlinse einfach an den Spiegel über dem Waschtisch als Trophäe zu pappen. No-go! Was sollten die Krankenschwestern denken? Am Ende unterstellten sie ihm noch irgendwelche Ungehörigkeiten! Ich hörte ihn fragen, was es denn auf der Toilette so Lustiges zu quickern gäbe? Hast Du eine Ahnung, flüsterte ich dem Spiegel zu und verließ frisch händedesinfiziert die Lokalität. Spiel, Satz, Sieg, Fussball und Tango, triumphierte mein zufriedenes Ego und gab, bevor ich ging, noch ein Küsschen auf seine blasse Wange, die nun wieder ein wenig mehr Farbe hatte. Operationen sind doch Mist, oder? Bist bald wieder auf dem Damm! Er lächelte ein wenig schief, doch nicht ohne Optimismus.

Im zweiten Stock begegneten mir wieder Monet und seine Mohnblumen. Ich betrachtete erneut die Dame im roten Feld, darüber blaute der Wiesenhimmel. Das ist wenigstens eine Dame, dachte ich noch. Drauf gepfiffen! Dann hüpfte ich die Stufen herunter, aus dem Krankenhaus heraus und den Rosenberg hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Die Straßenbahn war gerade gekommen und stand am Gleis, ich musste nur noch die Gleise überqueren und rannte darum wie der Teufel, um noch einsteigen zu können. Der Fahrer sah gelassen zu, wie ich heranhetzte, warf mir einen wie mir schien, hämischen Blick zu und gab dann grinsend Gas. Arschloch!, dachte ich und war einen Moment lang versucht, völlig undamenhaft den Mittelhandknochen….aber nein. Da sei Monet vor. Und die Lady mit dem Hut in den roten Mohnblumen.

An Dalì aus der Ferne – Von Schiffen und Menschen

gefunden bei: http://www.panoptikum.net/salvador-dali/ (Salvador Dalì - Das Schiff - Ölgemälde)

gefunden bei: http://www.panoptikum.net/salvador-dali/
(Salvador Dalì – Das Schiff – Ölgemälde)

Es flaut – kein Wind vor den schlaffen Segeln, kippt am Abend der Kopf zur Seite und die Gedanken wellen sich in leichten Bewegungen Richtung Schlaf. Dieser bringt Unterwasserträume, ich stehe auf einem gesunkenen Schiff an Bord. Lag es an Salvador Dalìs Bild vom Mensch, der ein Schiff war und verankert mit seinen Beinen am Grund des Meeres stand? Tun deswegen die Schultern so weh? Doch Dalìs Schiff-Mensch stand mit Körper und Kopf über Wasser und seine Schultersegel waren gebläht von Wind. Dalí kann also nur ein sekundärer Einfluss sein. Dort unten am Meeresgrund auf meinem gesunkenen Schiff ist eine ganze Gesellschaft versammelt. Ich finde keinen Atem, will unbedingt hinauf auf diese Insel, die zum Greifen nah vor der algenumwundenen Reling felsig vor mir aufragt. Fundamental, gewachsen aus der Tiefe, der Berg in der Brandung.

Im Traum träume ich auf dem Grund des Meeres stehend von Sonne und stehe in türkisgrünen Lichtreflexen auf dem gesunkenen Schiff. Tang hängt in den Segeln. Die Ausflugsgesellschaft, in der ich mich befinde, hat nahezu krankhaft gute Laune, die Kinder veranstalten ein Picknick, krakeelen und toben von Steuerbord nach Achtern und umbekehrt auf den Planken herum. Das Schiff bebt von den rennenden Füßen. In mir ein Gefühl klammer enger Unruhe, der Wunsch einfach über die Reling zu klettern und am Fels dieser Insel nach oben hin zum Licht und an frische Luft zu gelangen. Die Leute drohen mir, sie würden ohne mich weiterfahren, wenn ich das Schiff verlasse. Es schreckt mich nicht, ich wage es, schwinge mich über die Reling und klettere auf die Felsen. Zu meinem Entsetzen muss ich jedoch feststellen, dass das Land die Wasseroberfläche nicht erreicht. Ich sehe durch das Wasser über mir eine dunkle Wolkenwand am Himmel weit oben heranziehen, scharf grenzt sich ihr Dunkel gegen das Himmelsblau ab. Noch wäre Zeit genug, zu den anderen zurückzukehren. Ich laufe schwer gegen den Wasserwiderstand ankämpfend in langsamen Schritten auf der Insel herum und suche nach Wegen weiter hinauf, hin zur Luft. Der erstickende Druck auf meiner Brust steigt. Jemand winkt mir vom Schiff aus zu, der Kapitän? Er könnte es wohl sein, dem energischen Aussehen nach. Er hat entfernte Ähnlichkeit mit Jürgen Prochnow, doch sein Schiff erinnert eher an ein gesunkenes Wrack als an ein U-Boot. Verkapselte erstickte Gefühle in mir, umhüllt von Tonnen aus schwerem Stahl. Schweren Herzens kehre ich auf das Schiff zurück, das nun verlassen scheint. Leere Teller und Tassen, achtlos hingeworfene Bestecke liegen auf den Tischen herum. Sie sind an Bord festgeschraubt. Die schwerelosen, leicht von der Dünung bewegten Stühle, auf denen zuvor noch Menschen saßen, sind leer. Die Wolkenwand hoch über mir, scheint ins Wasser gesunken. Kann es auf dem Meeresgrund regnen, frage ich mich und sehe weit hinten verbleibende Sonnenstrahlen in Reflexen über einen Fisch-Schwarm tanzen. Ein lautes Krachen schreckt mich hoch aus Schlaf und Traum, der Bücherkarton, vollgepackt mit Horror, ist umgefallen, die Bücher liegen verteilt im Flur. Ich stoße mir den Zeh an einer Buchkante, hüpfe von Buch zu Buch, als bildeten sie eine Brücke aus grauenvollen Steinen über einen Fluss und wanke zurück ins schwankende Bett. Oder war auch dies nur ein Traum? Am Morgen fiel ich erneut über die im Flur herumliegenden Bücher und frage mich, warum sie nicht auf Grund sanken und dort feststeckten, so wie ich auf diesem Schiff, letzte Nacht, im Traum. Nun habe ich das Grauen gestapelt und in die dunkelste hinterste Ecke eines Regals verbannt. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass ich sie dort nicht sehen kann. Doch das Herz weiß es besser. Es wird sich an das Grauen jederzeit erinnern. Der schwarze heiße Kaffee in der großen Tasse wirkt, obwohl ich immer noch einen grünen lichtdurchfluteten Meeresschleier aus dem Traum letzter Nacht vor den Augen trage, das Gefühl habe, keine Luft zu bekommen. Die dumpfe Seele will atmen, ich will nächste Nacht träumen, ich hätte Kiemen, so wie damals, als ich noch nicht geboren war. Vielleicht nehme ich mir den Dalí heute doch noch einmal vor und lege spanische Musik dazu auf, ziehe den kurzen Rock an und bewege mich, als ginge ich an irgendeinem zukünftigen Tagtraumstrand spazieren. Es wird Zeit für eine neue Spanischlektion, über mir hängen heute fett aufgeplusterte lichtgraue Wolken  Doch sie sind keine dunkle scharf abgegrenzte Wand, verteilen sich eher über den Himmel wie alte vergilbte Zuckerwatte. Ich spüre immer noch die Unruhe der Segel und das Blei in den Füßen am Meeresgrund. Skurrile Schiffgefühle eines Menschen. Ich winke Salvador Dalí zu und grüße ihn. Aus der Ferne.