Straßenbahn-Waka (mit Minoru Miki)

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In der Straßenbahn

sitzen mir

Augenpaare gegenüber

kalt zieht grünende

Stadt am Fenster vorbei

Meine Gedanken 

liegen bloß

vielleicht friere ich

meine Haut

schattet weiß

im spärlichen Abendsonnenlicht

 

Ich hätte Gedanken

an dich im Sinn

doch in den Gesichtern

der anderen Fahrgäste

sehe ich nur

Gleichgültigkeit

 

Das Leben fährt

an mir mit mir vorbei

an Häuserfronten

ich denk in ihr Inneres

betreibe rastlose

Fassadenkletterei

jemand vor mir versperrt

mir die Sicht

 

Die Wärme schläft

im Heizgebläse

zu meinen ratternden

wohligen Füßen

sehe ich Münder sprechen

in eine Koto-Rhapsodie

von Minoru Miki

in der jeder Ton schwingt

im Echo

unhörbarer Worte

 

In verschwommenen

hinter mir gelassenen

Passantenköpfen

grenzt Unwirklichkeit

haarscharf an die Realität

einer nur scheinbar

ruhigen Übergangszeit

 

Ich finde meinen Widerhall

in japanischer

Zwanzigsaitenmusik

denke ein Haiku

in siebzehn Silben

oder ist es ein Senryu?

egal,

es geht um Vertrauen

noch um etwas anderes

Ungenanntes im Ausdruck

zwischen drei Zeilen

und in der Bahn

im atemlosen Ruhemoment

stiegen währenddessen

schon wieder

ein paar Leute zu

 

 

 

 

 

Anderland

In Anderland brennt der Schnee nicht vor Kälte unter den nackten Sohlen, wenn man über ihn läuft. Leise knisternd flüstert sein Weiß unter den Schritten auf den Wegen hinab in die grünen Täler, die Sonne ist erwacht, ihre Strahlen stieben einen übermütigen Regenschleier beiseite, der von der Nacht übrig geblieben, noch über den alten Träumen im Wald hängt, Spektralfarbenspritzer kitzeln die Bäume. Die Berge schatten freundlich und rund am Wegesrand, die Schneegrenze sinkt tiefer, weiß sandet unter den Füßen die unbedeckte Erde in Anderland. Ich will zum See, die Herzen gießen gehen, auf dem Friedhof, auf dessen sanften Hügeln bunte Rosen sprießen. Jedes Grab birgt einen Traum, unter jeder Rose höhlt ein Erinnerungsraum, ruht eine geliebte Seele. Ich trage die Tränenkanne, doch kein Tropfen will mehr fließen, abgelagertes Salz vom Weinen verstopft die Tülle, schön an der alten Kanne ist nur noch ihre oft gestreichelte, äußere Hülle. Ich schöpfe Wasser aus dem See in meine Hände, es ist süßes Tauwasser, der Weg des Wassers zwischen Gletscherwänden hindurch auf dem Weg hinunter ins Tal war qualvoll und lang, es schlief in Bachbetten, es lief durch den weißen Sand, doch nun ist das Nass sauber gefiltert, je tiefer es hinunter kam, um so wilder wurde sein strömendes Wesen, bis es überall hinfließen konnte, in freiem Fall.

Meine hohlen Hände gefüllt mit Nass, gehe ich zu den Herzgräbern, gieße die schmerzlosen Rosen, zupfe lose Blüten ab, stütze schwache Triebe mit einem Bambusstab und spreche zu jeder Blume  liebevolle Worte aus der Erinnerung, sie sind der beste Dung für Wachstum und Begrifflichkeit und ich sage zu den Rosen: Es ist nur die Heilzeit, kommt ihr Lieben, verzagt nicht in der Erde in der ihr steht, hoch über uns geht die ewige Nacht, die samten und dunkel über alle Abschiede der Seelen wacht, sie ist eine kosmische Macht im Überall, in ihrem Widerhall sind wir nur Zeitrafferillusionisten auf unserem Erdenball, der Zauber des Lebens ist im Überfluss des ständigen und immer wiederkehrenden Gebens zu suchen, ich will ein paar eurer Blüten brechen, noch während ich hier mit euch spreche und einen Strauß Leben daraus binden, alles findet sich darin, Leid und Freude, nichts davon ist jemals ohne Sinn, schaut mich an, ich bin eine Fee und schuf mir mein eigenes Reich, in dem ich mich und euch immer wiederfinden kann in den rückläufigen Quellen, den silbrig-gestrigen Stromschnellen, meine Füße treten auf den Wegen der Vergangenheit, mein Kopf denkt die zukünftig treibenden Wolkenbilder voran, es ist die Anderzeit, die Uhren sind zerflossen, alle Blumen der Gräber nun gegossen, periphär wandert um mich das Morgenrot der Gegenwärtigkeit in tausend jetzigen Farben, ich kleide mich in ihr Licht und gehe ins zukünftige Tagesweiß – es will noch bemalt werden mit meinen schlichten Gedanken, die mit der Sonne Lauf Richtung Süden ziehen, vom Nachtmantel habe ich mir ein Stückchen Unsterblichkeit geliehen, mein Sinn, mein Denken sind leicht, bald schon, bald, habe ich mein Ziel erreicht.

 

Feenseele

Feenseele

Als das Feenvolk unsichtbar wurde für die Menschen und die Grenzen, die das Feenreich trennten von der Menschenwelt nicht länger durchlässige Membranen waren, sondern zu hohen Zivilisationsmauern wuchsen, beide Völker in ihren Reichen gefangen bleiben mussten, überdauerten von den Völkern die Geschichten in der Erinnerung. Die Feen vermissten die Körperlichkeit und die sinnlichen Menschenfreuden, sie sehnten sich nach Berührungen, denn ihre leichten Körper waren Gespielen des Windes und ihre schwerelosen Herzen träumten vom Gewicht der Nähe. Die Menschen hingegen versanken in ihren Alltagen, gingen arbeiten, zogen ihre Kinder auf, lebten ihr begrenztes Dasein und starben mit den Träumen der Unsterblichkeit in ihren warmen Menschenherzen.

Doch sie vergaßen einander nie und wie sie sich einst ergänzten, das Schwerelose die Schwere trug, die Endlichkeit in der Unsterblichkeit leuchtete und Wärme sich in Leichtigkeit speicherte. Das Feenvolk wusste um die Geheimnisse und den Kreislauf der Natur und gab diese in früherer Zeit an die Menschen weiter. Und wenn auch die meisten Menschen irgendwann vergaßen, wie alles miteinander verbunden war und zusammenhing, nur noch eilig nach vorn strebten und alles Maß nur an Steigerung und Forschung gebunden war, gibt es heute doch noch einige, die nicht vergessen haben, wie man in einem Moment innehalten kann, die Zeit bindet wie einen Strauß wilder Blumen, welche Namen das Wolkenvolk trägt, die in den Frühlingsnebeln barfuß eine Handbreit über der Erde laufen können und strömendes Wasser durch ihre Finger laufen lassen als flüssige unbegrenzte Zeit. Sie erinnern sich nicht wehmütig ihrer Kindheit, weil sie sie nie verließen und sie sterben, wenn ihre Zeit kommt, als glückliche Menschen mit leichten Herzen weil sie wissen, dass ihre bunten Feenseelen das Geheimnis der Unsterblichkeit nicht bei der Geburt vergaßen und alle Endlichkeit nichts anderes ist als ein weiterer Übergang in ein anderes Reich.

Am Anfang….

ist es immer dunkel.

Dann sät man Licht in Worte

in ein Satzfeld und haucht

Feenatem in die neu entstandene

Welt, schafft ein Reich

um sich herum

hofft auf Stimmendämmerung

Silbenwinde tragen Erinnerung

Sprachblumen sprießen

fließende Menschengeister

gießen ihre Meinung aus

bauen im Kinderköngreich

für sich ein Freundehaus

tanzend im sprachlichen Reigen

reich zeigt sich gemeinsame Zeit

im eloquenten Zauberkleid

Wortmusik spielt auf

Buchstaben schwingen

in neu gesungenen Weltenliedern

arabesk ineinander verschlungen

im zeitgenössischen Weltenlauf

es erzählt und lacht

neugierig fließt

Wasser in selbstvoller Strömung

tränkt die Wurzeln der Gedanken

im Kinderkönigreich

das in allem Fremd 

immer nur sich selbst erkennt.