Korollargedanken zu: die Zeit vergeht, auch die blauen Stunden vergehen von Didion

Nichts ist schwerer, als dem Tod etwas Versöhnliches abzugewinnen. Dazu hat er einen zu endgültigen Charakter, selbst wenn manche von uns an die Unsterblichkeit der Seele glauben, bedeutet er erst einmal Abschied in diesem Leben. Nichts stelle ich mir entsetzlicher vor, als die eigenen Kinder zu überleben. Wenn Didion das Sterben, der blauen Stunde des Tagestodes vergleichend gegenüberstellt,  frage ich mich unwillkürlich, wie viele blaue Stunden Krieg, Krankheit und Not wohl kennen. Meine Großeltern waren blau. Ich kenne so viele Menschen in Blauschattierungen. Einige sind indigoblau, beinahe schon schwarzblau. Die Zeit wäscht bei manchen das Blau aus wie bei einer getragenen Jeans. Andere sind farbecht und zeitwaschresistent. Manche lieben das Licht der blauen Stunde der Dämmerung, das blaue Tagesverglimmen, andere fürchten es, weil das Zwielicht die Eigenart hat, den Umrissen Scharfkantigkeit zu verleihen und die hellen Farben stechen zu lassen. Weißer Phlox strahlt im Zwielicht wie unter Schwarzlichtbestrahlung. So steht der Sanftheit im Blau auch das Scharfe entgegen, das, was gesehen werden muss, das, was nicht gesehen wird im allgemeinen Tageslichtleuchten. Die Blaue Stunde ist Kontrastmalerei, im Vergehen des Lichtes kündet die Nachtschwärze die Erinnerung an die leuchtenden Tage. Ein wunderbarer metaphorischer Vergleich, der sich dem Sterben versöhnlich entgegenstellt, ein mit blauer Seele gemaltes Bild, das einmal nicht den Trost des Weiterlebens in irgendwelchen Himmeln braucht.

 

Theaterprobe

Das erste Mal

dass ich euch sah

um Vorzulesen

war fatal,

ich hatte Ringelnatz dabei

dachte, alles einerlei

mit Tüdelü, dem Meer und Kutter

punktet man als Lesemutter

Alles in Butter!

Fünf Pi-Dötzchen

(kaum dem Klötzchenalter

entwachsen)

schauten mich

erwartungsvoll

in der Hoffnung

es würde toll

wie die Orgelpfeifen an.

ich begann zu lesen

ihr fingt an langsam einzudösen

ich glaub bei Goethe?

da kam ich in Nöte!

also las ich Lindgren

zwei wollten schon gehn

machte weiter mit Schiller

da wurds langsam stiller

mit Morgenstern

(den hab ich so gern)

ward ihr voll auf der Höhe

ich wusste es ja:

ihr seid keine Kinder

in Wirklichkeit

seid ihr Flöhe!

und müsst eigentlich springen

singen, nicht still sitzen

über Literatur schwitzen

doch was nützte es?

Außerdem

war es um mich sowieso

längst geschehen

euer Lachen war zu schön

nun musst ich zu meiner

Aufgabe stehn!

verlor keine Zeit

zur Bücherei zu gehn

nach spannendem

Lesestoff zu sehn

kam vor drei Stunden

nicht mehr heraus

die Bücherei

erkor ich zum Lieblingshaus

suchte einen Arm voll

spannender Bücher aus

dachte: Oh Graus!

die musst du alle schleppen

über Straßen und Wege

tausend Treppen

doch was tut man nicht

für ein Kinderlachen

alles war ich bereit

dafür zu machen.

Ihr musstet lernen

(manchmal nicht gern)

Stunde um Stunde

die Uhr schlich weiter

auf ihrer Runde

wenn ich kam

ward ihr aufgekratzt

von der Pausenhatz

müde und lernschwer zugleich

die Konzentration

war butterweich

ihr brauchtet eine Geschichte

spannend, keine Pflicht

die las ich euch.

Ich kämpfte mit euren Namen

(oh welche Scham!)

konnte sie mir nicht merken

wer war Zoe und wer Maren

oder hieß sie jetzt doch Karen?

warf euch alle durcheinander

dachte nicht an Namenszettel

zerstreut wie eine alte Vettel

die sich nichts mehr merken kann

oftmals raten musste dann

doch eure Gesichter

kannte ich alle

da kam ich in keine Namensfalle

du mit der Nase da ganz vorn,

du Heißsporn, warst du der Tom?

ich dachte: Bingo!

auch eine vergessliche

(Vorlese)henne

findet schließlich mal ein Korn!

Ich las euch Geschichten jeder Art

von Kamelen mit und ohne Bart

und von Gespenstern auf dem Klo

(die machte euch besonders froh)

dann kamen die Mädels voller Glück

zu mir mit einem Theaterstück

wofür fragte ich

studiert ihr das ein?

das wird für unsere Abschlussfeier sein

sagtet ihr mir –

denn dieses Jahr gehen wir

zum letzten Mal

durch unserer Schule Eingangstür,

dann müssen wir weiter

auf die nächste Schule wechseln

man wird sehn, dann sind wir weg,

Ich dachte: oh, Schreck!

meine Lesekinder –

still unbemerkt über die Jahre

die ich bei euch war –

seid ihr plötzlich groß?

hatte im Hals einen dicken Kloß

schaute euch bei der Probe zu

dachte: viel habt ihr gelernt

das hier wird eine Sternstunde!

zum Glück gebt ihr immer noch

überhaupt keine Ruh!

und springt herum wie die Flöhe

wuchst nur mitterweile in die Höhe

seid erwachsener geworden

darin wie ihr denkt oder sprecht

doch wartet mal auf die nächste Schule

wenn ihr die ganz großen Schüler seht

die fast schon am Ende der Schulzeit stehn

da staunt ihr nicht schlecht!

die spucken euch auf die Köpfe

tragen Dauerwelle und keine Zöpfe

und die lesen schon Brecht!

Doch wartet mal, ihr Lieben,

wir haben es auch

literarisch bunt getrieben

ihr kennt einen Goethe, Schiller

Droste-Hülshoff und Dürrenmatt!

mit dem Wissen setzt ihr die

Großen glatt Schachmatt –

wenn ihr damit punktet,

sind die vor Staunen platt!

Walle walle Zeit zerfließe

in euch Kinder sich ergieße

lasst euch schlauer werden wollen

lustig in das Leben trollen

die Geister die ich für euch rief

wohnten in Büchern

die jemand schrieb

ich wünsche euch sehr

dass davon etwas blieb

nun müsst ihr gehen

vielleicht werden wir

uns irgendwo mal sehn?

dann denkt an eure Lesemutter

mit Ringelnatz‘ Tüdelü

und seinem Kutter –

es war sehr schön mit euch

ich hatte euch alle sehr gern

jeder von euch

ist ein hoffnungsvoller Stern

ein kleiner Prinz

auf einem fernen Planeten

(mit Minze und Vuvuzela-Tröten…)

einer Rose in einer Dose

einem Kopf zum Denken

einem sich verschenkenden

Kinderherzen,

und einem Mund

zum fröhlichen Scherzen!

Adieu, sagt eure Lesemutter

ich wünsch‘ euch stets

gutes Lesefutter!

Idolum

Dein Bild ist Vermutung

die Farbe deiner Worte bunt

in meinen kargen Wüsten

an den windumtosten Steilküsten

schlägt deine warme Brandung

sprühend gegen

meine nachgiebigen Wandungen

doch Meinung ist Spekulation

wie dein Bild und die Worte

geborgen an meinen

geheimen Orten

träume ich von deiner Stimme

dem in ihr

schwimmenden Erkennen

wenn du mich bei meinem

Namen nennst

könnte es sein

dass ich fortrenne

weil die alten Herzwunden

immer noch

brennen und schmerzen

angstgeklammert sind

fürchte ich wieder

zu erblinden im Klang

deiner Lieder

die du mir singen willst

dass sie meinen

gebändigten Willen

stillen könnten,

der lange schon hungert

gierig in mir herumlungert

meine wilde verlorene

Seele zähmen

die die Einsamkeit zur

Freiheit erwählte

sich reich damit fühlt

denkt, sie könne sich

so besser lenken

doch die Galerie

deiner Bilder

fragt schon jetzt

nicht länger

nach bloßer Betrachtung

sondern sehnt sich

nach der Nacht

deiner Nähe

einem Klangabdruck

deiner Spektralfarben

in meinen Strukturen

deine Spuren bleiben

im Wüstensand meiner

Seelenfluren jetzt

schon bestehen

ich wünschte

ich könnte mit dir

hoch in mein

Innergebirge gehen

dort mit dir

gemeinsam zweisam sein

den Windliedern lauschen

dem Rauschen der Welt

nichts störte

die schöne Stille

ich könnte dir zuhören

mich betören lassen

von den synchronen

Strömungen unserer

vergangenen Flüsse

dir alle Unzufriedenheit

von der Stirn küssen

meine stimmlose Vorstellung

der Jetztzeit windet sich

hoffnungsvoll um altes Leid

wortbebilderte Zärtlichkeit

gleitet voran

bannt mich  in deine Zeilen

du bist schön

lass mich bei dir verweilen

ich kann dein

Mitsommerlicht

über meinem

Horizont leuchten sehn

leicht und unbeschwert

treibe ich darin

weil ich verliebt

in ein Idolum bin.