Wo die Schienen enden

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Es ist dunkel, die Wiese duftet süß und schwer nach Sommerhitze, der Wind beginnt sich an das Herbstversprechen zu erinnern.  Wir stehen auf dieser kleinen, grün patinierten Metallbrücke,  die über die Senke führt. „Da“, zeigt Großmutter mit dem Zeigefinger Richtung Süden, „müsste gleich der Nachtzug kommen.“  „Ich kann ihn hören, Oma“, entgegne ich und lege mein Ohr an das Geländer der Brücke.

Die Brücke stammt aus den vierziger Jahren, in der Mitte wurde das Geländer mit einem Gitter erhöht und mit Stacheldraht überspannt, zur Erhöhung der Sicherheit. Ein Blechschild warnt vor dem Betreten der Brücke durch Kinder, ein gezackter Blitz befindet sich darauf und darunter in großen altdeutschen Lettern: LEBENSGEFAHR!

Das fand ich schon sehr beeindruckend, es zog mich immer wieder, wenn ich meine Großmutter besuchte  auch zu dieser Brücke hin, und ich fragte mich, warum sie so etwas Unheimliches an sich hatte, etwas insgesamt Abschreckendes und Düsteres in einer ansonsten idyllischen Landschaft, wie etwas Übriggebliebenes aus einer anderen, im Dunkel der Geschichte liegenden Zeit, das die Vergänglichkeit irgendwie geschafft hatte zu überleben, eine Art Fossil einer vergangenen Epoche.

„Du hast gute Ohren, Steffel!“, sagt meine Großmutter. Das hohe Sirren, das ich zuvor nur in der Vibration des Geländers mehr gefühlt als gehört hatte,ist lauter und intensiver geworden und nun auch ohne Anstrengung wahrnehmbar. Im Tunnel, etwa hundert Meter von der Brücke entfernt auf der wir stehen, tauchen drei Lichter auf und die Schienen quietschen unter den brüllenden Rädern, als sich der IC mit hoher Geschwindigkeit in die leichte Kurve legt und uns entgegenschießt.Für den Sekundenbruchteil denke ich daran, dass die Brücke einstürzen und wir in die Tiefe dieses Höllenschlunds fallen könnten, in diese hohle kreischende Gasse, durch die nun der Zug in wahnwitziger Geschwindigkeit braust und das Echo des Tunnels noch hinter sich herzieht. Unsere Ohren summen vom Toben um uns herum, wir sehen Menschen an den geöffneten Zugfenstern stehen und hinausschauen. Ein Mann sieht uns auf der Brücke  und winkt uns zu. Ich winke zurück.

„Oma“, frage ich, während die Geräusche um uns herum beständig leiser werden, versiegen, um wieder zum Ruhezustand der Nachtgeräusche überzuwechseln,  „wohin fährt dieser Zug?“  Ich fühle mich einen Moment lang einsam nach der lauten und schnellen Bewegung des Zuges in meiner stehenden beobachtenden Zeit.

„Ich glaube, dieser IC fährt durch bis nach Berlin, er hat noch ein gutes Stück Strecke vor sich.“, antwortet meine Großmutter mir und erzählt mir, während Wind in den Bäumen um uns herum rauscht, wie sie Berlin kennenlernte und der Reiz der Stadt sie nie mehr verließ. „Oma, ich will auch nach Berlin, können wir nicht auch in so einem schönen Zug dorthinfahren?                                                                                                         „Weil ich Dir jetzt von Berlin erzählt habe, Steffel, darum willst Du dort jetzt hin, ich kenn Dich doch…“                                                                        Ich kichere und fühle mich ertappt, doch da ist noch etwas anderes, das ich meiner Großmutter sagen will. Also rucke ich an ihrer Hand, bis sie mich ansieht: „Auch, Oma, da hast du Recht, doch ich will auch wissen, wohin alle anderen Züge fahren und ich will wissen, wie es dort, wo sie ankommen, aussieht.“

Meine Großmutter denkt einen Augenblick nach:                                                                                                                                                                              “ Steffel, man sollte immer neugierig darauf bleiben, wo die die Schienen enden. Und ich wünsche Dir, dass Du, wenn Du erwachsen bist, die Möglichkeit haben wirst, viel zu reisen, denn ich fürchte, in diesem Punkt bist Du genauso fernwehsüchtig wie ich, das habe ich Dir wohl vererbt.“ Ich habe mir das gemerkt, was meine Großmutter zu mir sagte, es fiel mir leicht, weil ich von Natur aus ein neugieriger Mensch bin und schon immer wissen wollte, wo die Schienen enden, wo die Wege hinführen, wie es dort aussehen mag und ob die Leute dort nett sind.

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2 Kommentare zu “Wo die Schienen enden

  1. bildlich enden sie in Liebermanns Gartenreich am Wannsee, wie schön……das Bild paßt hervorragend zu Deiner Geschichte, denn ab und zu gibt es Hindernisse zu umgehen und Schienen enden in einem Kopfbahnhof, dann muß man sich auf neue Gleise begeben……aber wenn man neugierig ist, entdeckt man immer wieder neue Wege…..für mich ist Neugier eine der schönsten Gaben, die uns in die Wiege gelegt wurde……. kaum sind wir dem Mutterleib entschlüpft, schon können wir auf Entdeckungsreise gehen und in der Welt im Kleinen und im Großen warten neue Überraschungen auf uns. Deine Oma war eine sehr kluge Frau, liebe Fee…….
    Ich wünsche Dir noch viele Reisen mit lieben Menschen an Deiner Seite

    Karin

  2. wo alle Wege enden – geht mir im Kopf herum.
    Es stimmt nicht ganz, denn da, wo die Schienen enden, beginnen die anderen Wege, die Wege, die unsere Neugierde stillen oder auch anstacheln und uns dazu bringen, immer weiter zu wandern.
    Ein schönes und eindrucksvolles Erlebnis mit Deiner Großmutter hast Du in Erinnerung behalten. Ein kleines Mädchen an der Hand der Oma, ein heranbrausender Zug, der gleich wieder in der Ferne verschwindet auf seinem Schienenweg, voller Fahrgäste, die zu sehen oder auch zu erahnen sind. Ein sehnsuchtsvoll blickendes Feenkind bleibt zurück . Dann gehen beide weiter, die Oma langsam, bedächtig, während das Mädchen an Omas Hand munter hüpft und dabei unentwegt erzählt… 🙂
    Ich sehe sie genau vor mir, die beiden.

    Einen lieben Gruß von Bruni

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