Die Kunst, sich im Kreis zu drehen, ohne zu schwindeln.

Komm, verbring Zeit mit mir

eine Weile vielleicht

ein paar Tanzschritte lang

im Schweigen eines Momentes

dreh Dich langsam

schließ die Augen

es scheint schwer

doch es ist zugleich

so weich und leicht

wie das Gefühl

unter den nackten Fußsohlen

auf diesen alten

ausgetretenen Holzbohlen

die federnd unter unseren

umschlungenen Gewichten

nachgeben

ein vertrautes Gefühl

glüht warm auf der Haut

es hat uns durchschaut

wir dachten, es sei

unsere Choreographie

doch dieses

andere

hat uns einfach so

unserer Kontrolle beraubt

und dabei

haben wir uns

so diszipliniert

geglaubt

Parts of the Process (0)

Ich bin die Ungewissheit

das Ungekannte

das Unwägbare

das Nichtvorhersehbare

 

mein Einmischen in Deine Zeit

lässt Deine Lebensräder

still stehen

für eine Weile

 

ich kann mich rückläufig

vorwärtsbewegen

auf Deiner

so geschäftigen Lebensmeile

 

ich bin

Deine unvollendete Sehnsucht

Dein Verlangen

das Drangvolle

die treibende Kraft

in Deiner  Traummaschinerie

 

ich ersinne Listen

suche nach Hintertürchen

scheue keine Mühe

keine Unbequemlichkeit

denn ich bin auch Dein Bedürfnis

kein wunschgeborenes Denken.

 

ich bin ein Zeitvampir

sauge Dir die Tagträume aus dem Kopf

bis Du nicht mehr weißt

wo Deine Zeit blieb, wo Du sie verlorst

–          das war bei mir…erinnere Dich…

 

dort, wo ich erscheine

verschwimmen die Grenzen

Deiner Lebensländer

ich übertrete Deine Ufer

wie ein Fluss

der endlich

durch den vielen Regen

unmäßig vom Wasser angeschwollen

seine  Dämme brechen muss

 

es kann sein

dass ich Dir die Veränderung bringe

in der Du wachsen sollst

Dich erkennen

Deinen Weg neu suchen

 

nenn es wie Du willst

nenn es doch Schicksal

oder Gott

irgendwie

wie alle anderen,

die versuchen

mir einen Namen

zu geben

als könnten sie mich damit

besser verstehen

wenn ich sie aufspüre

in ihren heimlichsten Verstecken

den verborgensten Ecken

mitten auf der schnurgeraden Straße

im hellen Sonnenlicht

wähnen sich immer alle

mit sich allein

glauben

ich fände sie dort nicht…

(auch Du dachtest das…)

 

bis ich

ihre innere Führung übernehme

als fremdgesteuertes Gefühl

manche nennen mich so

andere sagen verächtlich

Krankheit zu mir

oder sie reden mich klein

 

ich kann alles…

alles für Dich sein.

ich bin kein Feind,

manchmal sogar ein Lebensretter

stehe immer wieder

in Dir auf

auch wenn Du mich

völlig zerschmettertest

mir tiefe Wunden schlugst

und mein polarisierendes Wesen

in der Mördergrube

Deines verleugnenden Herzens

gewissenhaft

zu Grabe trugst

 

lasse ich mich

nicht für immer sperren

wehre  ich mich

stehe unsterblich

wieder auf

renne zu Dir

schau Dich an

mit wichtigen bittenden Augen

hemme Deinen Tagesablauf

ignoriere es, wenn Du sagst:

Du störst!

ich drängele so lange

in Deinen Ohren

bis Du nicht mehr anders kannst

mir endlich zuhörst

 

denn ich verspreche

Dir keine Kleinigkeit

Mensch, es geht hier

um nichts Geringeres

als Deine persönlichste Form

vom Maß aller Seligkeit!

 

doch ich bin gnadenlos

in meiner Forderung

mein Preis

für Dein gestilltes Verlangen

ist die Essenz Deiner Träume

die ich Dich zwinge zu leben

weil ich auch Deine Notwendigkeit bin

die Grundvoraussetzung für

Deine begriffliche Form von

Gesundheit, Hoffnung und Glück

 

ich bin Deiner Seele

verletzlichstes Stück.

 

ich bin Deine wahrhaftige Unschuld

Dein respektloser treuer Narr

Dein Gläubiger

 

Ich bin der Traum eines Jokers.

Parts of the Process (21)

In der niedrig stehenden

Oktobersonne

täuschen Bäume

in lebendigen Farben

über den Verlust

ihres Grün hinweg

ihre Lebenshoffnung

zieht tief hinab in die Stämme

um kraftzuschlafen

für den nächsten Frühling

 

ich habe es ernst gemeint

darum kann ich es vergeben

weil ich es ernst meinte

 

es war schwer.

gar nicht schwer…

schwer….

spielt es eine Rolle`…?

 

in der Straßenbahn

schwamm heute

noch jede Menge

Grün an mir vorbei

von Sonne durchbrochene

Blätterschatten

lichttrunken und beweglich

vor meinen

hin und her eilenden Augen

 

ich bin im Zeitstromtreiben

berühre die anderen

hoffe, es dauerte

nicht nur

einen Atemzug lang

einen Lidschlagmoment

wünschte

es wäre Zeit

die ihr endliches Maß

noch nicht

beim Namen nennt

 

neugierige Zeit

die sich selbst

lange noch

nicht kennt.

Parts of the Process (20)

 

unterwegs

in der von Herbst verfärbten Stadt

verspiegelte Hochausfensterfronten

wirken eine Weile verwunschen

hinter Gelbgoldblättern

im Weichzeichnerlicht

der Oktobersonne

wehen mir Menschen vor die Füße

schwirren abwesend

ihre Handys streichelnd

um meinen Kopf

schlingern mir entgegen

mit  verstöpselten Ohren

auf die Füße gerichteten Augen

im Rhythmus ihrer Zeit

Konträre Wellenreitergefühle

 

ich lächele

in all die auf mich zukommenden

mir abgewandten Gesichter

es wäre beinahe unmöglich

ein bestimmtes finden zu wollen

unter so vielen.

 

keine Fragen

von den Leuten

um mich herum

sie scheinen aufgehoben

in ihren Welten

wenige

wirken glücklich

 

meine Gefühle

haben eine Konsistenz

manche sind flüssig,

beweglich wie Wasser

es gibt welche, die sind

wie frische Luft schmeckt

andere fassen sich weich an,

wie erlesene kostbare Stoffe

 

die, die erinnert werden

wollen leicht wie Luft sein

andere sind schwer

sinken langsam tiefer

wie Steine

auf den Grund eines Sees.

 

Wut, Hass und Angst

kalt, metallisch

Fremdkörpergefühle

sich ihnen zu stellen

bedeutet

dass ich mich nicht frage

ob ich träumen werde

 

denn ich werde es.

das weiß ich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Stern (für Kathrin)

Manchmal haben zwei die gleiche Idee im Kopf und sie setzen sie unterschiedlich um.

Zwei Gedichte mit einem Titel und in beiden geht es um ein Stern-Geschenk.

Wolfgangs Stern verschenkt sich selbst, meiner wollte von mir erst gesucht, dann gefunden und dann verschenkt werden.

Hier der Link zu Wolfgangs Gedicht: http://waushh2.wordpress.com/2011/10/23/ein-stern/

 

Sehr viele bunte Menschen in der City
die Münder noch weich von Sommer
der Gang noch unverfroren gelassen
die Schritte langsam gemächlich
in der warmen Septembersonne
lachende Kinder mit kleckerndem Eis
in den Händen

Über den Dächern der Stadt
im Bernstein
scheint die Sonne besonders hell
ich tanke in der Fülle mich umgebender Menschen
eine Stunde vollen Frieden
im Rundumblick die Silhouette der Stadt
vor den Bergen

Ich finde für Kathrin einen Stern
strahlend und bunt
genau richtig lacht er mich an
als guter Hoffnungsträger
für einen glücklichen gemeinsamen Lebensweg
ich habe endlich mein Geschenk
freue mich darüber immer wieder
beim Blick in die Tüte,
als ich in der Sonne sitze
am Spindelbrunnen
ein Eis esse
Cappucchino, Stracciatella, Amarena-Kirsche
mmmmh…che delizia!

Am Himmel scharen sich Schwärme schwarzer Krähen
das Licht goldet die Wiesenschwärze
hinter dem dunkleren Grün

Blätter segeln vor meine Füße eine Kastanie gehört mir                                                                                                                                                  will in meine Tasche
sonnenwarm glüht sie in meiner Hand                                                                                                                                                                             mir ist nach
Kultur
ich beschließe den Abend mit Schubert
verträumt klingt der Tag nach in seiner Musik
spiegelt die Lächeln zeitloser Gesichter
spannt meinen Bogen weit
bis meine Saiten die Noten mitschwingen

Stadtbunt in der Morgenfrühe
Zerknittertes in der Straßenbahn
ich höre jemanden Milhaud pfeifen
fühle eine Berührung im Nacken
drehe mich um
sehe im Fenster
die sternenklare Dunkelheit
über stillen Straßen
nur wenig Lichter in den Fenstern
es schlafen wohl schon alle
in den Träumen berühren
sich die Seelen
und wandern
ohne Last des Morgen
sich umarmend durch die Nacht