Gedanken an Handke

Das Kind war Kind
es konnte nichts anderes sein
auch wenn es sich selbst
nicht als Kind erkannte

Das Kind legte sich die Zeit
wie einen
süßen gestohlenen Apfel
unter die Zunge
es bewegte sich
wie die grenzenlose Fliege
an der Wand
es konnte fliegen
es war ein Fliegenkind
es fragte nicht
was es war

die rechte Hand schlägt Vater
die linke Mutter
das Kind träumte schlecht
es dachte nicht über Träume nach

wie seht ihr später aus?
fragte das Kind die Wolken
sie blieben unverändert stumm
in ihrem Treiben
für alle weiteren Jahre

das Kind
trieb die Langeweile
in neugierigen Herden vor sich her
fröhlich klapperte der Ast
die Zaunlatten entlang
sprangen die Herden
gehütet von Vorfreude

das Kind war sinnlich
es wollte alles anfassen
die Sonne am liebsten
den Mond am zweitliebsten
die Sterne…

Das Kind
kannte keine Moral
Fragen waren Antworten
Es riss der Fliege die Flügel aus
weil sie ein Fussgänger sein sollte
weil sie nicht fliegen sollte

der erste Traum
des Kindes
war ein berauschender
Farbentraum
bis es die Augen öffnete
die schreiendbunte Welt
zum ersten Mal sah
dass alle Traumfarben
dahinter verblassen mussten
nach und nach
mit jedem einzelnen Jahr
das das Kind noch Kind war…

Fliederfarben


Spring mein Herz kling
in den Novemberwäldern sing
im Nebelreinweiß
reift rau die Zeit
durch den kalten Regen laufend
zwinge ich die Füße
träume ich die Sommersüße
über alle Wasser weit
ich renne, ich nenne
nein, rufe Deinen Namen
in meinen Ohren
wispern aller Blumen
ungeborne Samen
flüstern die Blätter vorbei
um mich entlaubtes Allerlei
die scheuen Rehe
drängen sich dicht an dicht
sie kommen mir nach in Scharen
immer wieder
frage ich mich
wer ihre zärtlichen Seelen waren
unter allen suche ich Dich
obwohl mein Fuß
der vorwärts muss
beginnt zu lahmen
in Fetzen hängt mein ehemals
traumschillerndes Kleid
das ich kaufte
für meinen Schwarm
in den Indigofarben
Tränen und Harm
wie will es plötzlich
in Karfunkelrot strahlen?
noch spüre ich Scham darüber
bedecke mich mit dem Frost
kommender Tage
während ich
durch den Novemberwald jage
Deinen Namen sage, nein ich rufe ihn!
denn dieses machte einzig Sinn
zwischen all diesen vielen Bäumen
unter denen
die Winterkinderseelen
träumen
ich rufe auch sie
sie mahnen mich
mit ihren hellen klirrenden Stimmen:
Dreh Dich nicht um, sondern flieh!
denn du bist ja im Krieg…
finde zwischen den alten Buchen
den lilafriedvollen Flieder wieder!
ihn muss ich suchen
er singt mir jederzeit im November
meine geliebten Sommerlieder
für ihn will ich
für die Dauer eines
langen Wimpernschlages
innehalten
lass ich mein feurig salzig Blut
im süßen sinnenschweren Duft
nur einer einzigen
seiner helldunkellila Blüten
erkalten
bis ein Eiswind
mich weiter vorwärts drängt
frostklirrend
meine Füße fasst
meine Schritte lenkt
mir Frieden schenkt
reinweiße Winterhoffnung
die mich weiterträgt
eine Fliederblüte die sich
warmerinnernd auf meine
zeitverliebten Augen
legt

Marjettas Kalevala-Fragen

Bild
Bist Du Beere Leibesschwere?

ich will fragen und nicht klagen

bist du gar ein Königreich?

ich wills wagen, nochmal sagen:

bist du gar ein Königreich?

dich zu essen, wärs vermessen

bist Du rot und bist Du weich

bist mein kindlich sorglos leicht

schmeckst Du süß, wie Liebesgrüß

dein Genuss ist unerreicht

bist Du eine Preisselbeere?

wie gut, dass ich Marjetta heiß‘!

schon schmeck ich Deine süße Schwere

ach, dass ich nicht Marjetta wäre

weil ich es weiß                                                                                                                                  
weil ich es weiß…                                                                                                                              

mein noch ungeborener Sohn                                                                                                                        

kostet mich den Unschuldspreis                                                                                                                     
bis er einst besteigt den Thron.

In der Novembernacht

Ich habe die Schuhe an ihren Schnürsenkeln zusammengebunden und an diesen Baum gehängt, an den ich sie immer hänge, wenn ich hinunter zum See will. Der alte Trampelpfad ist von Brombeergebüsch zugewuchert, ich kann ihn kaum zwischen den Bäumen erkennen. Ein Ast knackt unter meinen nackten Füßen, von weitem höre ich den Kauz rufen, er grüßt den strahlenden Sichelmond. Die Bäume knistern im verfrorenen Laub, Bewegung in den Wipfeln, ein puderfeiner Eisschauer fächert um meinen Kopf, es regnet ein paar Zapfen von weiter oben, leise keckert das von mir aufgeschreckte Eichhörnchen. Der Wald riecht modrig und alt in der schlafenden Jahreszeit. Das Biotop ist umgrenzt von einem hohen Maschengitter, doch das hat mich nicht davon abhalten können, vor fünfundzwanzig Jahren an einer schlecht einsehbaren Stelle ein Loch dort hineinzuschneiden, durch das ich kriechen kann, um hinunter zum See zu gelangen. Glücklicherweise wurde der Zaun an dieser Stelle nie ausgebessert.

Mein Parka ist übersät von feinen Eisflocken, ich habe die Jeansbeine hochgekrämpelt, weil ich stellenweise durch raureifüberzogenen Schlamm laufen muss, je näher ich dem Wasser komme. Buchenlaub bedeckt den Boden, die harten gefrorenen Blätter zerbrechen unter meinen Füßen. Der Wintereinbruch im November kam überraschend über Nacht, es fror auf einen Schlag alles noch Blühende tot, ich seh die schwarzen Wasserblumenleichen, als ich dem Uferrand bergab entgegengehe. Das Biotop wirkt wie ein übergroßer, mit Wasser gefüllter, langsam von der Zeit vollgewucherter Meteoritenkrater, die Hänge buchen- und birkenbestanden umschließen zwei durch eine schmale Erdzunge miteinander verbundene Seen mittlerer Größe, doch tief, denn unten am Grund leben große Barsche, die im Sommer wie Baumstämme an der Wasseroberfläche treiben.

Ich suche den Baumstumpf, setze mich darauf. Mondlicht zersplittert in Glitzerstücke auf dem vom Wind bewegten Wasser des Sees. Mein schneller Atem senkt sich, ich weiß nicht wohin mit den nackten Füßen, schlage sie unter und setze mich auf sie um sie warm zu halten. Die Birken haben sich noch nicht komplett entlaubt, sie treiben ihr Silberspiel mit dem Mond, sie schweigen leicht windbewegt, wie es ihre Natur ist, mein Blick verliert sich in den ihnen noch verbliebenen Blättern, fragile flüsternde Birkengeheimnisse in der Stille um mich herum.  Der Wald drängt sich heran, ein leises Knacken hier, dort ein Tierruf, ein Huschen, links im Brombeergebüsch, ein leichter Flügelschlag, ein leises Echo in den Bäumen um mich herum, wie ein neugieriges Kind kommt der Wald näher zu mir herangerückt mit leisen Geräuschen, mit sanften Gebärden, eine nachdrückliche lebendige Erinnerung an die Ruhe um mich herum.

Dort, wo der alte moosbewachsene Baumstamm schon seit vielen Jahren im Uferwasser vor sich hinrottet, taucht ein schwarzer lautloser Schatten auf, dreht in meine Richtung und zieht dann quer über den See. Der Kauz hat mich entdeckt, er macht immer wieder die Runde, prüft das Revier auf Neulinge und Beute. In einer hohen Eiche lässt er sich nieder, ich werde beobachtet, wir haben uns gegenseitig im Visier. Weiter hinten am Waldesrand tanzen Nebelschleier meterbreithoch über dem Herbstlaub, Waldfeentrug, lautloser Elfentanz, ich lasse mich davon betören und stehe langsam auf, damit sich alles um mich herum an die Veränderung gewöhnen kann.

Ich fühle den Abschiedsklang des Sees im Rücken, ohne seinen Spiegel wirkt der Pfad vor mir dunkel, schlecht einsehbar, meine Füße fühlen sich steif und starr an, wollen sich nur ungern fortbewegen. Hinter mir nehme ich einen Schatten wahr, er setzt sich vor mich und fliegt durch die Bäume voraus, ich folge ihm. Der Pfad windet sich in Kurven bergan, ich laufe durch die Nebelschleier auf dem flüsternden Herbstlaub, tauzarte Berührung in meinem Gesicht, Wasserperlen frieren im Haar, ich bin ein warmes Wesen in der mich umgebenden Kälte. Der Pfad wird schlammig, gefrorene flache Pfützen zacken unter meinen Fußsohlen, bohren sich in die Haut wie kleine eisige Nadelsplitter, es wird Zeit, dass ich meine Schuhe wieder anziehe, es sind noch knappe fünzig Meter bergan bis zum Loch im Zaun und dem Baum, in dem ich meine Schuhe ließ.

Ich krieche durch das Loch im Zaun, klettere noch ein Stück die Steigung hoch und trete dann auf den höher gelegenen Wanderweg, hier ist das leise Rauschen der A2 wieder zu hören, von fern jault eine Sirene, die Zivilisation hat mich wieder. Weiter hinten im Wald schreit der Kauz, es klingt wie ein Abschiedsgruß. Es klingt, als ob ich wiederkommen muss.

Deine Zeit

Bild

sieh nur Deine Zeit

wie sie geht

die linke Hand

den krummen Rücken stützt

die recht hält

die Sanduhr

in der 

Endlichkeit zerrinnt

während der zukünftige Wind

ihr die Jahrzehnte

aus dem Gesicht weht

 

sieh nur

wenn sie den Kopf dreht

um nach hinten zu schaun

kaum traut sie sich…

ihr Ausdruck wechselt

von glückselig bis bitterlich

in ihren Augen

spiegelt sich der Mond

während Sonne

all ihren Bewegungen innewohnt

 

sieh nur

wie sie ihre Falten streichelt

den samtenen Stoff Deines Lebens

wie er reich bestickt

ihre breit gelaufenen Füße

sinnlich umschmeichelt

sie büßen im Vorwärtsgehen

für jedes Stehenbleiben…

kaum beschreiblich

wie die Füße Deiner Zeit

gelitten haben

unter dem ständigen

Vorwärtstraben

 

sieh nur

Deine Zeit lächelt und weint

laut und leise

ein 

transzendentes Kind

allsehend allblind allweise

es weiß nicht wie alt es ist

noch kennt es selbst sein Maß

es heilt  Dich nur

wenn Du es vergisst

weil es Dich nie besaß