In der Novembernacht

Ich habe die Schuhe an ihren Schnürsenkeln zusammengebunden und an diesen Baum gehängt, an den ich sie immer hänge, wenn ich hinunter zum See will. Der alte Trampelpfad ist von Brombeergebüsch zugewuchert, ich kann ihn kaum zwischen den Bäumen erkennen. Ein Ast knackt unter meinen nackten Füßen, von weitem höre ich den Kauz rufen, er grüßt den strahlenden Sichelmond. Die Bäume knistern im verfrorenen Laub, Bewegung in den Wipfeln, ein puderfeiner Eisschauer fächert um meinen Kopf, es regnet ein paar Zapfen von weiter oben, leise keckert das von mir aufgeschreckte Eichhörnchen. Der Wald riecht modrig und alt in der schlafenden Jahreszeit. Das Biotop ist umgrenzt von einem hohen Maschengitter, doch das hat mich nicht davon abhalten können, vor fünfundzwanzig Jahren an einer schlecht einsehbaren Stelle ein Loch dort hineinzuschneiden, durch das ich kriechen kann, um hinunter zum See zu gelangen. Glücklicherweise wurde der Zaun an dieser Stelle nie ausgebessert.

Mein Parka ist übersät von feinen Eisflocken, ich habe die Jeansbeine hochgekrämpelt, weil ich stellenweise durch raureifüberzogenen Schlamm laufen muss, je näher ich dem Wasser komme. Buchenlaub bedeckt den Boden, die harten gefrorenen Blätter zerbrechen unter meinen Füßen. Der Wintereinbruch im November kam überraschend über Nacht, es fror auf einen Schlag alles noch Blühende tot, ich seh die schwarzen Wasserblumenleichen, als ich dem Uferrand bergab entgegengehe. Das Biotop wirkt wie ein übergroßer, mit Wasser gefüllter, langsam von der Zeit vollgewucherter Meteoritenkrater, die Hänge buchen- und birkenbestanden umschließen zwei durch eine schmale Erdzunge miteinander verbundene Seen mittlerer Größe, doch tief, denn unten am Grund leben große Barsche, die im Sommer wie Baumstämme an der Wasseroberfläche treiben.

Ich suche den Baumstumpf, setze mich darauf. Mondlicht zersplittert in Glitzerstücke auf dem vom Wind bewegten Wasser des Sees. Mein schneller Atem senkt sich, ich weiß nicht wohin mit den nackten Füßen, schlage sie unter und setze mich auf sie um sie warm zu halten. Die Birken haben sich noch nicht komplett entlaubt, sie treiben ihr Silberspiel mit dem Mond, sie schweigen leicht windbewegt, wie es ihre Natur ist, mein Blick verliert sich in den ihnen noch verbliebenen Blättern, fragile flüsternde Birkengeheimnisse in der Stille um mich herum.  Der Wald drängt sich heran, ein leises Knacken hier, dort ein Tierruf, ein Huschen, links im Brombeergebüsch, ein leichter Flügelschlag, ein leises Echo in den Bäumen um mich herum, wie ein neugieriges Kind kommt der Wald näher zu mir herangerückt mit leisen Geräuschen, mit sanften Gebärden, eine nachdrückliche lebendige Erinnerung an die Ruhe um mich herum.

Dort, wo der alte moosbewachsene Baumstamm schon seit vielen Jahren im Uferwasser vor sich hinrottet, taucht ein schwarzer lautloser Schatten auf, dreht in meine Richtung und zieht dann quer über den See. Der Kauz hat mich entdeckt, er macht immer wieder die Runde, prüft das Revier auf Neulinge und Beute. In einer hohen Eiche lässt er sich nieder, ich werde beobachtet, wir haben uns gegenseitig im Visier. Weiter hinten am Waldesrand tanzen Nebelschleier meterbreithoch über dem Herbstlaub, Waldfeentrug, lautloser Elfentanz, ich lasse mich davon betören und stehe langsam auf, damit sich alles um mich herum an die Veränderung gewöhnen kann.

Ich fühle den Abschiedsklang des Sees im Rücken, ohne seinen Spiegel wirkt der Pfad vor mir dunkel, schlecht einsehbar, meine Füße fühlen sich steif und starr an, wollen sich nur ungern fortbewegen. Hinter mir nehme ich einen Schatten wahr, er setzt sich vor mich und fliegt durch die Bäume voraus, ich folge ihm. Der Pfad windet sich in Kurven bergan, ich laufe durch die Nebelschleier auf dem flüsternden Herbstlaub, tauzarte Berührung in meinem Gesicht, Wasserperlen frieren im Haar, ich bin ein warmes Wesen in der mich umgebenden Kälte. Der Pfad wird schlammig, gefrorene flache Pfützen zacken unter meinen Fußsohlen, bohren sich in die Haut wie kleine eisige Nadelsplitter, es wird Zeit, dass ich meine Schuhe wieder anziehe, es sind noch knappe fünzig Meter bergan bis zum Loch im Zaun und dem Baum, in dem ich meine Schuhe ließ.

Ich krieche durch das Loch im Zaun, klettere noch ein Stück die Steigung hoch und trete dann auf den höher gelegenen Wanderweg, hier ist das leise Rauschen der A2 wieder zu hören, von fern jault eine Sirene, die Zivilisation hat mich wieder. Weiter hinten im Wald schreit der Kauz, es klingt wie ein Abschiedsgruß. Es klingt, als ob ich wiederkommen muss.

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10 Kommentare zu “In der Novembernacht

  1. Du Traumfee….. ich finde keine Worte…….die dem Text gerecht werden, er ist einfach überwältigend und großartig……
    ich komme auch wieder…..um hier zu staunen und immer Neues zu lesen …
    Karin

    • karfunkelfee sagt:

      tja…Dein feechen ist ein verrücktes Huhn und eine Indianerfee, was Wald anbelangt. Es ist ein einzigartiges Stück Natur, dieser Teuto mit allem, was ihn umgibt. Wunderschön und ich versuche, die Schönheit dieser Landschaft hier wiederzugeben, weil sie mich immer schon bezaubert.

      Deswegen…glaube ich, dass Du noch viel Neues hier finden wirst. Vom Wald, vom Wasser und zwischendurch…häppchenweise metaphysisches…was mir vor die Füße fällt – wie Haselnüsse von den Bäumen…:)

  2. Maiks sagt:

    Das ist wunderschön! Es ist wie als wenn ich den Mondscheinspaziergang selber gemacht hätte, jede einzelne Szene hatte ich vor Augen, konnte fast die kalten Füsse spüren und den Kauz flattern hören …
    Außerdem ist es die erste Kurzgeschichte die ich in dieser Form von dir lese. Wirklich bezaubernd und das im Wortsinne.
    Michael

    • karfunkelfee sagt:

      Lieber Michael,
      Das ist immer sehr schön, wenn Du einen Deiner Kommentare hier zurücklässt.
      Nichts ist für mich schöner, als wenn es mir gelungen ist, eine Stimmung, ein Gefühl, etwas, das nicht beschreiblich ist, in einem Text so zu transportieren, dass es der Leser wie interaktiv fühlen kann. Es gibt diese Literatur – es sind wirklich Perlen – die Dich einfach mitnehmen und Du BIST in dieser Literatur, Du kannst sie erspüren, bist ein Teil dieser Welt und doch ein Beobachter. So schön. Das selbst so schreiben zu können? Was für ein Traum das immer für mich war!

      Also…danke…für’s Hiersein.

      Lieben Gruß
      von der Fee

  3. finbarsgift sagt:

    ein feenmeisterwerk…

  4. ein so schöner poetischer Text, daß ich sehr gerührt und berührt davon bin. Ich sehe Dich genau vor mir, wir Du Dir Deinen Weg zum See hinunter suchst, barfuß, trotz der Kälte, ich sehe Dich sitzen und stille sein, erkenne, wie Du eins wirst mit der Natur und Dich nach einiger Zeit kaum noch lösen kannst, doch es muß ja sein, der Alltag braucht Dich und Du Deine Bole mit Milchcafé, wunderbar heiß, damit auch die Füße wieder gut durchblutet werden…
    Wunderschön hast Du geschrieben, liebe Fee

    • karfunkelfee sagt:

      Du ja, diese seltsamen Spaziergänge…von denen zehre ich eindrucksmäßig Wochen. Es ist wirklich etwas Besonderes. Indianer gehen auf Visionssuche. Die Fee geht den Kauz ärgern. Ist irgendwie ähnlich, oder?
      Ich schreibe immer wieder diese Stimmungen auf, ich weiß nicht warum…
      ich kanns einfach nicht lassen.
      aber…es wird schön gefunden, also ist das alles schon so richtig.
      Genau.
      🙂

      Hab einen schönen Abend, Du Reimefrau.
      Du findest auch immer Perlenworte.

  5. Wolfgang sagt:

    Eine wirklich wundervolle Geschichte, die Du da geschrieben hast, liebe Karfunkelfee.
    Wie schön, sich über so lange Zeit einen geheimen Rückzugspunkt zu erhalten, mitten in der durch Menschenhand vor eben dieser geschützten Natur, die Dich hier immer aufs Neue willkommen heißt und sich schon beim Abschied auf ein Wiedersehen freut. Und wie herrlich verrückt, in dieser kalten Jahreszeit dort barfuß herumzulaufen.
    Aus dem Norden liebe Grüße und warme Wünsche für die Füße!
    Wolfgang

    • karfunkelfee sagt:

      Was glaubst Du, wie enttäuscht ich war, als ich immer wieder über Plätze las, die es angeblich irgendwo gab und dann feststellen musste, dass sich der Autor die so genannte „künstlerische Freiheit“ herausgenommen hatte, diesen Platz als gegenwärtig anzugeben.

      Das Schöne an meiner kleinen Geschichte ist, dass es diesen Platz unverändert seit 35 Jahren gibt. Ich erinnere ihn als kleines Kind, wenn wir daran vorbeigelaufen sind bei Sonntagsspaziergängen.
      Immer zog mich der Wasserspiegel tief unten in dieser Senke, diesem seltsamen großen Loch im Wald an. Magisch. Doch natürlich konnte ich als kleines Kind nicht einfach türmen gehen. Und Mama schob meinen Bruder im Kinderwagen vor sich her. Doch damals schon habe ich mir vorgenommen, dort hinzugehen und auszuspähen, was dort ist. Und als ich es herausgefunden hatte, ca. vier Jahre später, also so mit acht Jahren herum, da wurde es ein Denkmalort für mich.
      Dort ging ich hin, um zu denken. Und um zu schreiben. In mein Tagebuch, in meine Mathehefte (Blümchen und Gedichte), in meine Geschichtshefte und auf dem Baumstumpf machte ich Hausaufgaben.
      (und krakelte wieder überall Blümchen drauf).
      Heftführung: kreativ!

      Es gibt dort Wasserratten, groß wie junge Katzen. Die sind nicht ungefährlich, richtige Meuchelmörder. Da habe ich schon fiese Szenen mit angesehen. Von denen habe ich nicht geschrieben.
      Auch nicht von den wirklich superdicken Spinnen, die dort überall im Unterholz herumkrabbeln. Und ich habe auch nicht geschrieben, dass ich mir auf jedem Barfusstrip vor Angst fast in die Hosen mache, dass mir so ein dickes fettes behaartes Exemplar die nackte Wade hochkrabbelt. Das wäre floating! 🙂
      Auch habe ich nicht geschrieben, dass ich eine Stunde brauchte, bis ich wieder warm war und zwei Liter heißen Apfel-Vanilletee in mich hineingekippt habe. Und das alles zu nachtschlafender Zeit.
      Und das hier, was ich alles nicht geschrieben habe, wird hier gleich noch versehentlich eine eigenständige Kurzgeschichte…
      STOP IT NOW! 🙂

      Ich bin verrückt.
      Vor allem nach Deinen warmherzigen Kommentaren.
      Ein probates Mittel gegen alle Art von Kälte.

      Ich wünsche Dir noch einen schönen Abend. 🙂

      Lieben Gruß von der Karfunkelfee

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