Diese Fragen

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Die Fragen haben mich überrannt wie eine Herde Elefanten. Sie sind auch ungefähr so schwer, so grau und so groß wie Elefanten. Wenn ich die Fragen mit in einen Porzellanladen nehmen würde, würden sie jede Menge Porzellan zerschlagen, dafür könnte ich wetten. Sie haben auch Ohren, die Fragen. Elefantengroße Ohren mit der Sensibilität von Katzenohren, immerzu lauernd auf Antworten.

Ich versuche vor ihnen wegzulaufen und biete ihnen Musik an.

Was wollt ihr? frage ich die Fragen und spiele Musik, probiere Songs aus an ihnen, es soll eine Einschlafmusik für sie sein, beschließe ich, doch ich finde nicht die richtige. Die Fragen fragen alles durcheinander und stellen alles auf den Kopf. Sie drehen meine Realität prüfend von jeder Seite und scheinen sie kopfschüttelnd zu verneinen. Ich kann mich gegen die Fragen mit der Musik nicht durchsetzen, also schreibe ich einen Brief an jemanden, dem ich schon lange schreiben wollte. Mein Brief beginnt mit einer Frage und er endet mit einer. Als ich ihn noch einmal lese, zähle ich nicht weniger als fünfzehn Fragen auf einer DINA-4-Seite. Ich fühle mich fragendurchsetzt. 104 Pfund von Fragen durchwachsenes Fleisch.

Ob waschen hilft? frage ich mich, als ich beschließe ein Bad zu nehmen und meine Fragen einfach für eine Weile in Rosenduft zu ertränken. Doch als ich beginne mich auszuziehen, ahne ich bereits den vorprogrammierten Misserfolg der Sache. Zwischen den Badeperlen schwimmen die Fragen, fett und aufgebläht wie tote Fische. Sie verstecken sich sogar im Badeschwamm und rinnen mir eiskalt den Rücken hinunter. Da hilft auch kein rosa Rosenschaum.

Ich ziehe Pessoa zu Rate. Pessoa ist immer als unverbindliche Antwort für ein paar hartnäckige Fragen gut. Ich erzähle also meinen Fragen etwas über die Sinnlichkeit der Leere und zeichne ihnen  weiße Zukunftslosigkeit mit Ruhegarantie. Nie strahlte eine grüne Wiese intensiver als vor der weißen Leinwand meiner zukunftslosen Erklärungen, in Pessoas klare strahlende Worte gefasst. Meine Fragen schweigen eine Weile andächtig im Schatten der Worte des großen Literaten mit mir. Doch nach einem Anstandsmoment kommen sie wieder angequengelt und wollen Antworten von mir wissen, dass mir die Ohren dröhnen und mir meine Fragen vor Pessoa peinlich werden.

Es sind gemeine Fragen. Sie wollen nicht irgendwelche Antworten. Sie begnügen sich nicht mit Philosophie, selbst wenn sie wahr und weise ist. Sie sind egoistisch und nachdenklich, sie machen ernste angestrengte Gesichter und sehen aus, wie eben eine Herde Fragen aussieht.

Sie sagen, sie machen sich um mich Gedanken. Das ist grenzwertig. Vor allem, wie sie „Gedanken“ aussprechen. Sie sagen das Wort „Gedanken“, als seien Gedanken etwas furchtbar Schlimmes, etwas Schweres und Anstrengendes. Sie sagen, sie wollen „ernst genommen“ werden und drohen mir furchtbare Konsequenzen an, wenn ich nicht die richtigen Antworten geben würde, auf die sie so dringend warten.

Also arbeite ich. Ruhig und konzentriert. Tatsächlich ist es mir gelungen, mir meine Fragen bis auf ein paar hartnäckige, besonders große und aggressive Exemplare für eine ganze Weile mit Arbeit vom Leib zu halten, so dass ich nach der Arbeit überlege, einen Spaziergang zu machen.

Mit jedem Schritt kommt eine Frage mehr mit. Sie listen akribisch Einzelpunkte auf und wägen Vor- gegen Nachteile ab und dies tun sie unablässig – mit der Geduld und Konzentration eines Buchhalters und dem nachtragenden Gedächtnis eines Elefanten.

Landschaft kommt auf mich zu. Ein weißer sandiger Weg, der in den Wald führt, ich lasse die Siedlung hinter mir. Die Schuhe ziehe ich aus. Ich stopfe in jeden Schuh mindestens 50 Fragen und hänge die Schuhe an den Schnürsenkeln an den Baum.

Der Wald sieht noch sommerlich aus, doch sein Duft erzählt vom Spätsommer, ein paar der Ahornbäume verfärben sich bereits gelb an den Spitzen.

Ich rieche Pilze, es hat geregnet am Wochenende. Der Waldboden hat die Feuchtigkeit des Regens noch gespeichert, auch wenn sie schon in die tieferen Schichten des Erdreiches gesickert ist und sich der Sand auf dem ich laufe, trocken und warm unter meinen Füßen anfühlt.

Kleine Tannenzapfen bohren sich in meine Füße und Kiefernnadeln klemmen zwischen meinen Zehen, so dass sich meine Fragen kurzfristig zurückziehen, weil ich auf den Weg achten muss, denn manchmal liegt auch ein scharfkantiger Kalkbrocken auf dem Weg. Das Licht in den Bäumen hat sich der Jahreszeit entsprechend verändert. Die Sonne scheint nicht mehr mit voller Kraft durch das dichte Laub dringen zu können, erster goldener Prunk zeigt sich in den im Birkenlaub spielenden Sonnenstrahlen. Zwischen den Föhren weben die Spinnen die Brautschleier für den Sommerabschied, doch noch blüht vereinzelt der Fingerhut zwischen den Bäumen und es ist die sommerstille Zeit, in der alles ist, noch ist, bevor der Herbst beginnt. Ich habe mir einen Sonnenplatz gesucht, im Gras. Die Grillen zirpen und meine Fragen kommen angeschlichen, eine nach der anderen. Sie scheinen sich respektvoll nähern zu wollen, schließlich kennen sie inzwischen meine Abwehrmechanismen und nun glauben sie, sie hätten mich endlich mal für sich allein.

Eine fragt nach Nähe, die andere nach Distanz, ein paar tragen Plakate auf denen steht: Was weißt Du von Dir?

Ein paar meiner Fragen sind Klageweiber, die ständig ihr Los beklagen und andere attackieren mich mit Pflicht, Zucht und Ordnung und sie sehen aus wie der Vertretungslehrer, den ich in der ersten Klasse manchmal hatte. Angestrengt versuche ich den Fragen Antworten zu geben, welche auf großes Protestgeschrei seitens der Fragen treffen und die Umgebung versucht sich mir zu entziehen.

Doch immerhin habe ich es geschafft, dass einige Fragen ihr Bündel schnüren. Ein paar aus Frustration, weil ich ihnen nicht die Antworten gab, die sie hören wollten und andere nehmen sich meine Argumente wie Brot unter den Arm und ziehen einfach ihrer Wege. Es bleiben jedoch noch genügend Fragen übrig, die mir weiterhin folgen.

Sie gehen mit mir durch die Tannenschonung und über den Baumlehrpfad mit den Schildern, auf denen die Baumnamen und das Alter der neu gepflanzten Bäume angegeben sind. Die Sonne ist angenehm auf der Haut, ab und zu verirrt sich der Wind durch das Baumkronendach bis unten auf den Weg. Er fegt mir die Haare aus der Stirn und folgt dann dem Weg zwischen den Tannen hindurch, als wolle er mir die Richtung weisen, in die ich gehen soll.

Meine Fragen bleiben ruhig. Ich denke an jene, die ich am Baum hängend zurückgelassen habe und frage mich, ob ich sie nicht einfach hierlassen kann, an diesem friedlichen grünen Ort? Vielleicht würden sie dort Antworten finden, denke ich. Doch als ich meine Schuhe dort hängen sehe, weiß ich, dass es mit diesen Fragen ist wie mit meinen Kindern, für die ich auch Verantwortung übernehmen muss. Ich kann sie nicht hierlassen.

Ich angele die Schuhe vom Baum und säubere meine Füße mit zwei Büscheln Gras, will mir die Schuhe anziehen.Wie erwartet, stürmen meine zurückgelassenen Fragen auf mich ein wie junge Hunde. Sie waren natürlich alle noch da.Ich beschließe, freundlich zu ihnen zu sein. Insgesamt ist es ein lebendiger Tag gewesen, trotz all dieser Fragen und letztendlich sind es diese Fragen, die mich an all die Dinge erinnern, die ich tun kann, wenn ich es will.

blaupause

Blaue Berge

Im blauschattigen moment
im abschied vom hellen horizont
unter dem wasserfarbenhimmel
ruht scharf umrissen
im dunkleren bergeblau
in den schweigenden indigotälern
ein letzter wille
den wunsch
nach erinnerung
an tages farben
in der blaupause
zu stillen

Anmerkung der Fee:

Manchmal kann es geschehen, dass etwas nicht so umgesetzt werden kann, wie man es sich wünscht.

Das Bild, das ich gern zu diesem Gedicht gehabt hätte, ist kein frei gegebenes Bild und auch nicht von mir.

Eine Weile überlegte ich, eine Lösung musste her.

Blaue Berge mussten her. 

Also ging ich auf Motivsuche und fand eines vor meiner Haustür.

Ich freue mich, eine gute Lösung gefunden zu haben und danke Martin,

der mich zu dem Gedicht durch das Senden eines besonders schönen bergwasserfarbenblauen

Bildes inspirierte,

letztendlich dieses  mich zu meinem eigenen

Motiv hinführte.

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Deine Wahrheit

Bild

„Die Wahrheit“

so sagte mir ein Freund,

kann das Grausamste auf Erden beinhalten.“

*

Ich denke noch immer

über diese Wahrheit nach

was das Wissen darum mit mir macht

und warum ich dennoch nicht

dumm sondern wissend sein will.

Ich nahm mir also des Freundes Wahrheit

mit in meine Tage

und fand Fragen,

die fragten nach seiner Zeit

und nach der meinen

und wie sich seine Wahrheit

mit meiner ließe vereinen

oder ob seines mit meinem

überhaupt nicht vereinbar wäre

in unserer Vergangenheiten

unterschiedlichem Erscheinen

ob es wirklich

so unterschiedlich sei

und ich dachte an die Grausamzeit

meiner Vergangenheiten

und an die Erkenntnisse

die auf dem Fuße folgten

wie die ungeliebten Kinder einer

noch fremden Zukunft,

leer, weiß und unendlich weit.

*

Ich denke nach über die Angst

die den Erkenntnissen vorausgeht

den Schmerz und seine Bewältigung

den Heilprozess

die Versöhnung

das Auffinden der Geduld

in Deiner Weisheit letztem Schluss

der versöhnlich sein will

es aber auch nicht sein muss.

*

So empfinde ich der Wahrheit Grausamkeit

als ein Stück erlebte und gewachsene Zeit

in der ich schmerzvoll begreife

dass ich wieder einmal reife…

*

lieber Freund, ich kann Dich gut verstehen

dies ist meine Wahrheit,

die soll Hand in Hand

mit der Deinen weitergehen

wenn wir manchmal gemeinsam

freudvoll und leidvoll

vor der Wahrheit  unserer

Vergangenheiten stehen.

ein blättergeheimnis

Wieder ein Korollar, dieses Mal ließ ich mich von einem „Blätter-Ding“ inspirieren…was meinst Du, Wolfgang,

könnte ich diese Zeile nicht mit dem Link zu Deinem Gedichte verzieren…?

Wie gern würd ich an dieser Stelle den Weg zu Deinem Blätter-Ding  präsentieren.  🙂

Später….

kam Dein freundlicher Kommentar und Dein Link findet sich freundlich von Dir genehmigt da:

http://waushh2.wordpress.com/2013/07/07/das-blaetterding/#comments

danke…! 🙂

Liebe Grüße von der Fee

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es war

an einem

dieser sommertage
im birkenwald

gemischt mit buchen
ich hörte finken

in den bäumen schlagen
wollte mir gerade

einen ruheplatz suchen

da sah ich im zahllosen blätterflirren
das grün zerfließen in bewegliches licht
als würde ein Wesen darin schwirren
doch fokussieren von mir
ließ es sich nicht

es malte ein lichtspiel auf meine haut
in tanzenden grünen tönen
ich hörte einen seltsamen laut
als würde sich jemand nach etwas sehnen
als hätte jemand etwas schönes geschaut
und wolle verhalten sein staunen zeigen
sah ich die bäume in ihrem blätterreigen
im angesicht der windsbraut
vielstimmig flüsternd ihre kronen neigen

ich kniff die augen zusammen
geblendet vom verspielten licht
gebannt von seinem tanz
hineinsehen konnte ich

immer noch nicht
doch fühlte mich

von seinem
betörenden spiel

jenseits jeder menschlichen pflicht –
bezaubert, friedlich und ganz.

Hoffnung

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So kommst Du zu mir –
wie soll ich es anders nennen?
Deine Anwesenheit zerreißt mich schier
wohin, wohin soll ich nun rennen?
Wohin soll ich mit Dir, Hoffnung?
Du bist wie ein todkrankes Tier…

Ich dachte, ich könne Dich
reiten wie ein braves Pferd
doch ich musste begreifen
dass Du unberechenbar
grausam und wild bist
und Dich einen Teufel
um meine Gefühle scherst,
die sind, um meine Seele
auszugleichen,
doch dennoch

wollen wir uns nicht
von der Seite weichen
weil Du meine Liebe begehrst
die ich niemandem verwehr
auch Dir nicht, Hoffnung…

So bleibe an meiner Seite
Du geliebter Teil meiner Selbst
öffne geduldig mich neuen Zeiten
weil Du mir meine Liebe erhältst.