Chi Mai – Ennio Morricone

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Auf dem Berg

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Diesen Traum träumte ich das erste Mal, als ich noch ein Kind war, ich muss ungefähr sechs Jahre alt gewesen sein. Ich erinnere mich, dass ich anfangs erschrak  über die Intensität des Traumes, über seine Farben und die Gerüche und mir war kalt, so kalt, wie es eben jemandem ist, der weiß, dass er bald sterben wird, dieses Gefühl ist wie ein inneres Erkalten, kaum beschreiblich, ein Wissen um das bevorstehende Ende der Kraft.. Manche wiederkehrenden Träume verändern sich im Lauf der Lebensjahre, doch dieser blieb immer gleich, unverändert.  Ich glaube auch, dass es egal wäre, in welchem Klima der Traum spielt, ob es Winter wäre oder Sommer, auch, dass ich inzwischen mehr weiß über die alte Frau, die ich in diesem Traum bin, ahne, in welchem Teil der Welt er spielen könnte und dass mir im Traum immer mehr Einzelheiten auffallen, je älter ich werde.

In diesem Traum ist es Sommer und mich umgibt eine wüstenähnliche felsige Landschaft. Die Erde ist rötlich gefärbt, die Felsformationen wirken seltsam bizarr, ihre Oberflächen sind sandig und gerillt, sie sind heiß unter den bloßen Füßen, gegrillt von einer Sonne, die unserer europäischen Sonne unähnlich ist, weil sie viel heißer brennt. Die Pueblos schmiegen sich an die Felsen, unscheinbar und klotzig. Die Farben wirken den Farben, die ich kenne aus Landschaften völlig unähnlich. Sie scheinen stärker zu sein, zu leuchten, vielleicht liegt es an dieser anderen Sonne, am Licht.

Ich lebte in einer Höhle, im Traum erinnere ich mich genau daran, wie es dort aussah. Es war nicht so dunkel wie in den Pueblos der anderen, sie lag viel höher und nur ein kleiner Weg, gesäumt von kleinen Nadelgehölzen, niedrig wachsend mit silbrig-weißen Beeren und Stacheln, führte hinauf zu meinem Höhlenhaus. Im Traum blicke ich zurück auf ein langes Leben und  ich befinde mich auf einer Reise.

Meine Füße gehen bergan, die spärliche Vegetation ist zurückgewichen, hier oben  bedeckt nurmehr hartes Moos die Steine, und ich muss Acht geben wohin ich trete. Ich weiß, wo ich hin will im Traum und der Gipfel dieses Berges ist nicht leicht zu erklimmen für eine sehr alte Frau, wie ich es bin. Doch ich kann noch aufrecht gehen, wenngleich jeder Schritt bedacht und langsam ist, wie der einer Schildkröte.

Meine grau-weißen Haare reichen mir bis auf die Knie. Ich trage sie zu langen Zöpfen geflochten. Die letzten Jahre übernahmen das Flechten und Kämmen der Haare die Urenkel. Ich habe einige, doch unten zur Gesellschaft gehörte ich nie. In diesem Traum habe ich keinerlei Angst. Ich weiß einfach nur, dass meine Zeit gekommen ist.

Ich erinnere den Abschied von den anderen als einen warmen Abend. Alle umarmen mich noch einmal und viele weinen. Ich bin selbst traurig, wäre gern noch bei ihnen geblieben. Doch mein Körper war einfach zu alt und wollte sterben. Ich hatte die letzten Jahre schon Kompromisse mit ihm gemacht und versucht zu ignorieren, dass die Schwächeanfälle und die Atemlosigkeit die Vorboten des Übergangs sein würden. Ich weiß nicht, wie alt ich bin, in diesen Träumen.  Wie viele Sommer und Winter über mich hinwegzogen. In meiner Erinnerung ist immer Sommer, sie ist warm und belebt., voller Gefühl für die Menschen, die mich in meinem Leben begleiteten als meine Familie und Freunde, obwohl ich immer allein lebte.

Als ich im Traum den steilen Bergpfad hochsteige, sehe ich das Land unter mir und fühle mich mit ihm eins. Ich kenne seine Gefahren und das, was es mir gibt. Ich bleibe immer wieder stehen, um auszuruhen zwischendurch und werfe lange Blicke zurück, denke auch an die Menschen, die ich weinend zurücklassen musste, nicht die, die mich ,mit sich versöhnt, lächelnd ziehen lassen konnten, um die muss ich mich nicht sorgen. Ich bitte das Land noch einmal um Nachsicht mit seinen Bewohnern und erkläre ihm, dass sie es einfach nicht besser wüssten, sie seien eben Menschen, so einer wie ich und ich denke an meine Kinder, muss mich setzen, muss ruhen und muss weinen um sie, die ich zurücklassen musste.

Die Träume beginnen stets, wenn ich mich auf der Hälfte des Weges befinde. Dass ich am frühen Morgen bereits loslief, ist meine Traumerinnerung und es wird früher Abend werden, bis ich den Gipfel erreicht habe, die kleine Plateausohle, am höchsten Punkt des Berges. Die Sonne steht schon tief am HImmel, taucht alles in ein rötliches Licht. Ich suche mir eine Stelle, eine kleine natürliche Höhlung im Felsgestein dort lege ich mich hinein, in ein paar Decken gewickelt. Über mir sehe ich Raubvögel kreisen, ein schneidender und kalter Wind fegt über den Plateaurand, in jedem Traum ist das so, dass ich diesen Wind immer eisig kalt fühle, die Schwäche in den Knochen, mein schwerfälliges kälter werdendes Blut, die schwindende Lebensenergie, die durch diesen Wind noch schneller aus meinem Körper gezogen wird.

Die Klapperschlange folgt mir seit dem letzten Wegdrittel, als ich sie hinter einem Felsbrocken entdeckte. Aus meiner liegenden Perspektive heraus wirkt ihr seltsamer flacher dreieckiger Kopf  wie eine kleine Pyramide, ihre schwarzen Augen mustern mich aufmerksam. Sie ahnt wohl, weswegen ich hier bin, hat sich ausgestreckt auf den Steinen, liegt dort eine Armlänge von mir entfernt ruhig und entspannt. Ich sehe ihren Atem unter den Schuppen den Leib entlanggleiten, gelegentlich züngelt sie, die blasse Schwanzspitze bewegt sich leicht.

Sie ist frei zu tun was ihr beliebt, ich bin im Frieden mit mir, ob es nun schneller oder langsamer dauern wird, spielt nun keine Rolle mehr.
Im Traum verbringe ich Stunden mit der Schlange. In manchen der Träume spreche ich sie an als große Mutter. In wieder anderen spricht sie, ohne Worte, lispelnd, nach Schlangenart in meinem Kopf in kaum verständlicher Weise. In allen Träumen empfinde ich keine Angst, fühlt sich die Schlange und das, was die Schlange bringen kann, vertraut an in allen Nuancen. Ein Teil meines Körpers wehrt sich gegen die Vorstellung eines Bisses und dessen Folgen. Doch da allein der Gedanke daran mein müdes Herz nicht länger zum Schnellerpumpen bringen will und keinerlei Adreanlinausstoß meinen Körper in eine Erwartungshaltung bringt, keinerlei Fluchtimpulse aussendet an das Tier mir gegenüber, muss ich auf die Schlange völlig widerstandslos und uninteressiert wirken.

Ob sie mich beißt oder nicht, erfahre ich nicht. Ich wache immer vorher auf. Doch immer, wenn ich nach diesem Traum aufwache, nehme ich eine Erinnerung an ein langes gelebtes und erfülltes Leben für einen friedlichen Moment  mit in die Realität.