Allerseelen (Herbstsonate)

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Sterben vor der Zeit
der langes Sehnen innewohnt
kein Grau
in bunten Blättern
voll von Farben

Schnee noch ungeboren
Weiß auf Dächern
Rauhreif friert die Hände
weißt die Gesichter
macht die vollen Münder klein

Das Licht vergeht und
dunkelgrau verkümmern
Leiber toter Lieben
im roten Schein
der kleinen Kerzen
man denkt
schon an den Glanz
des Festes morgen

Plumologisches Experiment mit Waage (Kunststück mit Feder)

dein gewicht
wiegt heute schwer
vermisst mich sehr
wie du sagst
wenn du
nach meinen
antworten fragst
mich auf die waage legst
auf meiner Seite
ein bild zum nächsten trägst
dich auf deine seite schlägst
verbündet mit deinem willen
deinem gefühl im bauch
wider mein weitverzweigtes
felsiges echo in dir
als sei es vergangenheits
schall und rauch

was willst du
das ich für dich sei
hebe mein ideal
von deiner waage
frage dich
wie du es hältst
wo du es hinstellst
warum du es tragen musst
warum du es
vor vielen tagen
erwähltest
als du deine wünsche
in facetten vor mir
aufzähltest
wie einen alten kinderreim
so bebildertest du
mein fürdichsein
als gälte es zu bestehen

kannst du unsere feder
noch im wind fliegen sehen?
wie lange meinst du
kannst du
ohne mich anzusehen
noch vor mir hergehen?
mir vor augen führen
immer wieder
das beständiges nicht besteht
vielmehr beim kleinsten anlass
geringgründig
leichten Fußes umdreht
umkehrt,
dich versehrt
sich dir verwehrt
dich am ende verlässt
weil es frieden erfleht
weil ihm seine verantwortung
durch dich ihm auferlegt
zu schwergewichtig
dir gegenübersteht

wohin weht der wind unsere feder?
wir sind verantwortlich
dass sie im glück des anderen fliegt
wieviel dieses leichtgewicht
wirklich wiegt
weiß leider nicht immer jeder
kein fahnenverlustiger abrieb
im dynamischen luftauftrieb
ein kunststück mit feder

Augenblick

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Einsamer Blick

in den Spiegel

mancher Gedanke

fließt vereinzelt

in vergangene Jahre

zurück

wie die waren

in Wochen, Monate,

Tagen, Stunden, Minuten

akribisch gegliedert

aufgestückt in die

schlechten guten Fragen

immer wieder sie

Endet das nie?

im Blick

in neutrale Spiegel

bist du allein

mit deiner Physiognomie.

*

Hinter älterer Reflektion

überjähriger Haut

bist jedoch

unverkennbar du es

fremdvertraut

wenn du dich

genau anschaust

das was jung bleibt

will noch deine Mimik

beschreiben bestimmen

deinen Launen trauen.

*

Über Augenschatten

schwere müde Lider

dahinter ruhelos lebendig

dein ewiger innerer Tanz

er macht

dass du dich

im tiefengeschärften Blick

in den Spiegel

manchmal verzerrt

manchmal teilweise

erkennen kannst

selten nur

scheinbar ganz.

*

Da Augen, Mund,

der Körper

scheint bis auf ein paar

Versehrtheiten

noch leidlich gesund

da dein Lächeln

unvollbracht

die Augen haben

nicht mitgemacht

sie waren beschäftigt

im Innen

nach deinem

Kind zu suchen

nach Lug und Trug

klugen Erkenntnissen

im Wissen

dass sie

zu einem

kleinen Teil

ahnungslos bleiben müssen

eilen sie

ohne Verweildauer

zum nächsten Bildaspekt

in der Hoffnung

sie würden erweckt

gleichzeitig

der Befürchtung

sie verlören

an einer Stelle

für sich selbst

den Respekt

Seelenspiegel

deine Augen legen

auf dein Herz ihr

Gütesiegel

wiegele sie

besser nicht

gegen dich auf

*

es sei denn

du nähmst

den Schmerz

den die Wahrheit

manchmal

mit sich bringt

wenn auch widerwillig

doch dennoch in Kauf

im klaren Blick

auf ein

unwiederbringliches Glück

untröstlich

scheinendes Ziel

bedeutet ein Erkennen

der Richtungen

manchmal Schmerz

du ringst um das

Lächeln in deinen Augen

kein leichter Kampf.

*

Bis wieder einmal

die Scheibe deines Spiegels

beschlägt

vom warmen Atemdampf.

 

Carpe diem Madama Melancholie

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Zur Erklärung vorweg:

Madama Melancholie ist eine meiner Brain people, genau wie Rokko. Der späte Nachmittag ist eigentlich ihre Besuchszeit. Doch heute war sie schon morgens bei mir in der Küche. Sie sah mir beim Kaffeemahlen zu und wärmte sich am Bullerkessel auf dem Herd, schaute aus dem Fenster auf die Berge und den frühmorgendlichen Nebel. Heute möchte ich eines der Gespräch, die wir morgens manchmal führen, aufschreiben, denn es passte zum Gefühl der Melancholie, die mich morgens manchmal überkommt, eine Art trauriger Schwärmerei, durchsetzt von der Sehnsucht nach was? Einer besseren Welt, mehr Verlässlichkeit unter den Menschen und dem Bewusstsein, ein Fisch im Schwarm zu sein, manchmal Querstromtreiber.

„Guten Morgen, Werteste, wie kommt es, dass es dich so früh am Morgen zu mir hin verschlägt, du siehst noch müde aus, mit Verlaub. Deine schwarze Federboa ist verrutscht oder trägst du sie absichtlich vor den Augen statt irgendwo am Halse darunter?“

„Oh, das Morgenlicht, liebste Fee, es ist einfach grauenhaft grell und dieser Laubsauger dort um die Ecke ließ mich von Krieg und Tod träumen, das ist es“

„Nun, Gnädigste, das liegt vielleicht daran, dass dieser Laubsauger dort um die Ecke Krieg und Tod bedeutet, nicht für uns vielleicht, doch für diese winzigen Organismen, die unter den trockenen Blättern leben, Nahrungsgrundlage für die fliegende Zunft.“

„Du ernährst dich von Mikroorganismen, allerliebste Fee?“

„Deinen Humor mag ich,  nun ja…diese ägyptischen kandierten gerösteten Ameisen damals, ich muss schon sagen, sie waren nicht zu verachten, jede Menge Proteine, doch ich brauche sie nicht so dringend, dass ich sie den Vögeln wegfuttern muss, es gibt ja zum Glück Zimtbonbons.“

„Fee, ich bin untröstlich, Rokko, dieser ungehobelte Knilch hat schon wieder meinen Nagellack versteckt und in der Politik wurde bekannt, dass Deutschland nur 60 von den insgesamt 100 Milliarden Euro, die es in die Atomindustrie subventioniert hat, zugibt. Das ist doch eklatatant, sag mal.“

„Madama, du hast noch spät in die Nachrichten geschaut, ich höre es schon. Das macht schlechte Träume. Deutschland hat sich mit Unschuld befleckt und steckt mal wieder den Kopf in den Sand, das ist allerdings mehr als typisch deutschlandtantig, nicht nur eklatant, da hast du wohl Recht: Eklatatant…Deutschland ist ein traumatisierter Zirkuselefant, dauernd habe ich dieses Bild vor Augen wie er hin und her schwankt, seit gestern schon, seit Bukowski da war, der hat mich durcheinander gebracht.“

„Soll ich für dich singen, Fee?“

„Das ist wirklich reizend, Liebste, aber wie soll ich sagen: Ich halte so früh am Morgen die Schönheit deiner Stimme kaum aus, da bin ich doch so empfindlich auf den Ohren, komm erzähl mir beim Kaffeemahlen eine deiner Geschichten, wenn du schon so früh auf sein musst und setz dich bequemer hin, sonst bekommst du wieder das Zipperlein in dein linkes Bein.“

„Rokko sagt, wenn der nächste Tornado kommt, wären wir allesamt dran. Wir hätten die 40 Milliarden Euro statt in die Atomindustrie lieber in eine riesengroße Stellen-Annonce stecken sollen, damit wir irgendwo auf dieser Welt Ingenieure finden, die klug und findig genug sind, dass sie diese Tausende Brennstäbe schnell aus dem Meer holen und ordentlich lagern, damit die Zirkoniumhüllen sich nicht erhitzen können, die, wenn sie zu lange der Luft ausgesetzt sind, 15.000 mal mehr Radioaktivität freisetzen würden als damals die Bombe in Hiroshima. Er hat mir von den schilddrüsenkranken Kindern erzählt, der Radius wird immer weiter, sagt er, es werden immer mehr und die Strahlung geht ins Meer und kommt irgendwann auch zu uns, sie ist in den Fischen, die wir essen und in allem und ich will nicht sterben, noch nicht, Fee…“

„Madama, nicht weinen…ach, je, nun ist es wieder so weit, ich werde Rokko die halbwüchsigen Jungsohren langziehen, wenn er dir solche Angst macht, die ja begründet ist und ja, ich weiß doch, wie gern wir alle leben, alle zusammen, schlecht wie recht.“

„Fee, ich liebe die Japaner und Japan auch, ich kann nichts tun, ich bin hilflos, das ist das Schlimmste daran.“

„Nein, Madama, nein. Du bist nicht ganz hilflos. Denn du sprichst doch mit mir. Ich bin kein Politiker, ich habe nicht viel Geld, ich bin nicht einmal ein Mensch, nur eine Fee, doch Hilfe braucht zuallererst immer Information und dann Kommunikation, das ist das Rezept! Indem du mir alles erzählst, informierst du mich, machst mir die Augen auf und ich, unbedeutende Fee, kann es weitererzählen, schau mal, die Kladde, ich schreibe es auf und mache es offiziell, stell es ins Netz, wie gefällt dir das als Hour d’oeuvre am Morgen, als kleines Pflaster auf deine weltlichen Sorgen? Jemand erzählte mir vor einer Weile, gute Gedanken, viele gute Gedanken bedeuten Aufmerksamkeit, da geht die Konzentration hin, die will doch das Leben und nicht den Tod! Ich, Fee, kann die Hoffnung in die Menschen nicht sein lassen, will es nicht. Japan braucht dringend Hilfe und wir beide, heute in dieser trüben, etwas herbstvernebelten Küche, trinken Kaffee, gib mir Stichpunkte und ich werde über das, was dich umtreibt, schreiben, eine kleine Chronisten-Fee. Willst du jetzt den Kaffee oder lieber erst die Gurkenmaske, meine Werteste?“

„Ich bin melancholisch, Fee, denke, ich werde einen Herbstspaziergang machen und über Rokko nachdenken, solange ich es noch kann.“

„Ungeschminkt, Madama? Du bist wirklich melancholisch, schau, ein Haiku für dich:

*******************

Grauzone

Ungeschminkt

Der herbstliche Nebel

*******************

Ich sprach mit einem Freund über das Wesen der Melancholie. Das bist doch du, Durchlauchtigste, wie du leibst und lebst und dir Weltgedanken machst. Ein anderer Freund zitierte Schopenhauer, der sagte, dass man im Reich der Wirklichkeit nie so glücklich sei wie im Reich der Gedanken. Das ist auch eine melancholische Aussage, finde ich. Die könnte glatt von dir sein, wenn du nicht ständig damit beschäftigt wärst, den Moment zu analysieren oder deine Fingernägel.

Sprühnebelfeine Traurigkeit, so bist du. Nimm den Schal mit, damit du deinen Hals nicht verkühlst, Madamchen.

Ich finde Schopenhauer pessimistisch und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich schon Glück erleben durfte, dass meine Vorstellungskraft bei weitem überstieg. Der arme Mann. Hat er so etwas nie erlebt?“

„Ach, liebste Fee, draußen hängt der Nebel wie ein schwerer alter Sack. Er kämpft mit den ersten Sonnenstrahlen um die Vorherrschaft am Berg. Sieh nur, wie lichtdurchtflutet die Schwaden um die bunten Bäume treiben, fast könnte ich meinen, du hättest Lust in ihnen tanzen zu gehen, kommst du mit? Die Nase ein wenig feucht machen, es ist gut für den Teint!“

„Nur, wenn wir nicht über Oetttinger und die Atome reden, ja? Das ist mir heute Morgen noch zu schwer, nicht auszudenken, wie mir wäre, wenn ich ein Politiker wär, die Weltwirtschaftslage interessierte mich nicht sehr, ich würde noch ein paar Fahrstunden zur Übung nehmen, mir ein gebrauchtes Auto kaufen wollen und Barack Obama höchstfeepersönlich zu den wichtigen Treffen in Malaysia, auf den Philippinen kutschieren wollen, zu denen er nicht hinkann, weil er kein Spritgeld hat, sich mit Putin verkrachte und alles in Amiland mal wieder streikt und den Schwanz einkneift, die Nordkorea-Krise wird unterschätzt und alles führt immer wieder letztendlich hin zu Fukushima, weil alles miteinander verquickt ist, politisch zerstritten und mit Drohgebärden durchsetzt, die so dermaßen gewaltig sind, dass ihre Auswirkungen einen harmlosen Herbstnebeltag raumzeittechnisch gesehen den Dimensionen einer gefühlten und wahrgenommenen Ewigkeit gleichsetzen. Themenschluss, Klappe zu, Welt tot. Lass uns gehen. Carpe diem, Madama.“

Goldfrapp – Annabel

Goldfrapp hat etwas Neues gemacht.
Als ich es bei einem Blogfreund las, musste ich gleich
lauschen gehen –
schon fantastisch frapp-ierend, was die goldigen Herrschaften sich dieses Mal
haben einfallen lassen.

Ich wünsche Euch Hör- und Augengenuss…

P.S. An dieser Stelle der Link zur schönen individuell herbstinspirierten Goldfrapp-Rezension würde gut passen.  Darf ich? 🙂

windgestalt

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du im warmen gelb

fragen nach mir stellst

könntest du dich

richtig sehen

könntest du mich

gut verstehen

doch wie

fast jedes

menschenkind

bist du

für dich

selbstvergessen

an dieser stelle

stumm und blind

*

ich mag es

wie du sprichst

mit worten

radebrichst

als gälte es

die fernen sterne

nur zur zier

neu zu gebieren

neu zu schaffen

zusammenzuraffen

mir zu füßen zu legen

mit dir obendrauf

trotzig und verwegen

so ist das

wenn du sprichst

*

du fragst nicht

nach gewinn

du fühlst dich

zu mir hin

nimmst mich

wie ich bin

erkenntnis und  verstand

dein warmvertrautes land

ich bin eine spur

auf sandig weißer Flur

ich mag die stille

in deinen dünen

helle wanderwindgestalten

sie sind der liebe sühne

*

meine menschnatur

seltsame scheue wilde

zieht unablässig

durch die gefilde

in der einen hand

was sie liebt

in der anderen

speere und schilde

Kinderkram

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Meine Gefühle?

sind in der Kreativgruppe

bei Buchstabensuppe

zwischendurch

kommt die Genügsamkeit

als Erziehertruppe vorbei

bringt Einerlei als Uniform

als einheitliches Kleid

unter vielen

mit unterschiedlichen Zielen

den Wilden, alle wollen sie fühlen

die Ordnung durcheinanderwühlen

ungezogen sein

herumwildern

in verbotenen Bildern

nun lernen sie

erst mal malen

sie haben keine Wahl

*

Grundsätzlich ist

in der Kreativgruppe Sitte

der Anfang jeden Bildes

wie es auch beschaffen sei

braucht erst mal

eine horizontale Mitte

dann erst kommt

der bunte Rest dabei

meine Gefühle

wollen nicht lernen

sie toben doch

so schrecklich gerne

ich schimpf sie aus

jag sie aus dem Haus

sage ihnen

sie machten mich

vor allem anderen dumm

die anderen

die nähmen mir das krumm

am Ende

blieb vor Schreck

ich stumm

was meine Gefühle umtriebe

dass sie meinten

tun und lassen zu können

wie es ihnen beliebe?

*

Darum

sind meine Gefühle

in der Kreativgruppe

bei Buchstabensuppe

mit genügsamer Zufriedenheit

als Uniform

lernen sie intuitiv

nach Zahlen zu malen

nach innen hinein wie

nach außen zu strahlen

denn sie sind ehrlich

und etwas selbstverliebt

vielleicht bin ich darum

auch diejenige

die ihnen

immer mal wieder

ihre Unzulänglichkeiten

vergibt.