Carpe diem Madama Melancholie

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Zur Erklärung vorweg:

Madama Melancholie ist eine meiner Brain people, genau wie Rokko. Der späte Nachmittag ist eigentlich ihre Besuchszeit. Doch heute war sie schon morgens bei mir in der Küche. Sie sah mir beim Kaffeemahlen zu und wärmte sich am Bullerkessel auf dem Herd, schaute aus dem Fenster auf die Berge und den frühmorgendlichen Nebel. Heute möchte ich eines der Gespräch, die wir morgens manchmal führen, aufschreiben, denn es passte zum Gefühl der Melancholie, die mich morgens manchmal überkommt, eine Art trauriger Schwärmerei, durchsetzt von der Sehnsucht nach was? Einer besseren Welt, mehr Verlässlichkeit unter den Menschen und dem Bewusstsein, ein Fisch im Schwarm zu sein, manchmal Querstromtreiber.

„Guten Morgen, Werteste, wie kommt es, dass es dich so früh am Morgen zu mir hin verschlägt, du siehst noch müde aus, mit Verlaub. Deine schwarze Federboa ist verrutscht oder trägst du sie absichtlich vor den Augen statt irgendwo am Halse darunter?“

„Oh, das Morgenlicht, liebste Fee, es ist einfach grauenhaft grell und dieser Laubsauger dort um die Ecke ließ mich von Krieg und Tod träumen, das ist es“

„Nun, Gnädigste, das liegt vielleicht daran, dass dieser Laubsauger dort um die Ecke Krieg und Tod bedeutet, nicht für uns vielleicht, doch für diese winzigen Organismen, die unter den trockenen Blättern leben, Nahrungsgrundlage für die fliegende Zunft.“

„Du ernährst dich von Mikroorganismen, allerliebste Fee?“

„Deinen Humor mag ich,  nun ja…diese ägyptischen kandierten gerösteten Ameisen damals, ich muss schon sagen, sie waren nicht zu verachten, jede Menge Proteine, doch ich brauche sie nicht so dringend, dass ich sie den Vögeln wegfuttern muss, es gibt ja zum Glück Zimtbonbons.“

„Fee, ich bin untröstlich, Rokko, dieser ungehobelte Knilch hat schon wieder meinen Nagellack versteckt und in der Politik wurde bekannt, dass Deutschland nur 60 von den insgesamt 100 Milliarden Euro, die es in die Atomindustrie subventioniert hat, zugibt. Das ist doch eklatatant, sag mal.“

„Madama, du hast noch spät in die Nachrichten geschaut, ich höre es schon. Das macht schlechte Träume. Deutschland hat sich mit Unschuld befleckt und steckt mal wieder den Kopf in den Sand, das ist allerdings mehr als typisch deutschlandtantig, nicht nur eklatant, da hast du wohl Recht: Eklatatant…Deutschland ist ein traumatisierter Zirkuselefant, dauernd habe ich dieses Bild vor Augen wie er hin und her schwankt, seit gestern schon, seit Bukowski da war, der hat mich durcheinander gebracht.“

„Soll ich für dich singen, Fee?“

„Das ist wirklich reizend, Liebste, aber wie soll ich sagen: Ich halte so früh am Morgen die Schönheit deiner Stimme kaum aus, da bin ich doch so empfindlich auf den Ohren, komm erzähl mir beim Kaffeemahlen eine deiner Geschichten, wenn du schon so früh auf sein musst und setz dich bequemer hin, sonst bekommst du wieder das Zipperlein in dein linkes Bein.“

„Rokko sagt, wenn der nächste Tornado kommt, wären wir allesamt dran. Wir hätten die 40 Milliarden Euro statt in die Atomindustrie lieber in eine riesengroße Stellen-Annonce stecken sollen, damit wir irgendwo auf dieser Welt Ingenieure finden, die klug und findig genug sind, dass sie diese Tausende Brennstäbe schnell aus dem Meer holen und ordentlich lagern, damit die Zirkoniumhüllen sich nicht erhitzen können, die, wenn sie zu lange der Luft ausgesetzt sind, 15.000 mal mehr Radioaktivität freisetzen würden als damals die Bombe in Hiroshima. Er hat mir von den schilddrüsenkranken Kindern erzählt, der Radius wird immer weiter, sagt er, es werden immer mehr und die Strahlung geht ins Meer und kommt irgendwann auch zu uns, sie ist in den Fischen, die wir essen und in allem und ich will nicht sterben, noch nicht, Fee…“

„Madama, nicht weinen…ach, je, nun ist es wieder so weit, ich werde Rokko die halbwüchsigen Jungsohren langziehen, wenn er dir solche Angst macht, die ja begründet ist und ja, ich weiß doch, wie gern wir alle leben, alle zusammen, schlecht wie recht.“

„Fee, ich liebe die Japaner und Japan auch, ich kann nichts tun, ich bin hilflos, das ist das Schlimmste daran.“

„Nein, Madama, nein. Du bist nicht ganz hilflos. Denn du sprichst doch mit mir. Ich bin kein Politiker, ich habe nicht viel Geld, ich bin nicht einmal ein Mensch, nur eine Fee, doch Hilfe braucht zuallererst immer Information und dann Kommunikation, das ist das Rezept! Indem du mir alles erzählst, informierst du mich, machst mir die Augen auf und ich, unbedeutende Fee, kann es weitererzählen, schau mal, die Kladde, ich schreibe es auf und mache es offiziell, stell es ins Netz, wie gefällt dir das als Hour d’oeuvre am Morgen, als kleines Pflaster auf deine weltlichen Sorgen? Jemand erzählte mir vor einer Weile, gute Gedanken, viele gute Gedanken bedeuten Aufmerksamkeit, da geht die Konzentration hin, die will doch das Leben und nicht den Tod! Ich, Fee, kann die Hoffnung in die Menschen nicht sein lassen, will es nicht. Japan braucht dringend Hilfe und wir beide, heute in dieser trüben, etwas herbstvernebelten Küche, trinken Kaffee, gib mir Stichpunkte und ich werde über das, was dich umtreibt, schreiben, eine kleine Chronisten-Fee. Willst du jetzt den Kaffee oder lieber erst die Gurkenmaske, meine Werteste?“

„Ich bin melancholisch, Fee, denke, ich werde einen Herbstspaziergang machen und über Rokko nachdenken, solange ich es noch kann.“

„Ungeschminkt, Madama? Du bist wirklich melancholisch, schau, ein Haiku für dich:

*******************

Grauzone

Ungeschminkt

Der herbstliche Nebel

*******************

Ich sprach mit einem Freund über das Wesen der Melancholie. Das bist doch du, Durchlauchtigste, wie du leibst und lebst und dir Weltgedanken machst. Ein anderer Freund zitierte Schopenhauer, der sagte, dass man im Reich der Wirklichkeit nie so glücklich sei wie im Reich der Gedanken. Das ist auch eine melancholische Aussage, finde ich. Die könnte glatt von dir sein, wenn du nicht ständig damit beschäftigt wärst, den Moment zu analysieren oder deine Fingernägel.

Sprühnebelfeine Traurigkeit, so bist du. Nimm den Schal mit, damit du deinen Hals nicht verkühlst, Madamchen.

Ich finde Schopenhauer pessimistisch und ich kann mit Fug und Recht behaupten, dass ich schon Glück erleben durfte, dass meine Vorstellungskraft bei weitem überstieg. Der arme Mann. Hat er so etwas nie erlebt?“

„Ach, liebste Fee, draußen hängt der Nebel wie ein schwerer alter Sack. Er kämpft mit den ersten Sonnenstrahlen um die Vorherrschaft am Berg. Sieh nur, wie lichtdurchtflutet die Schwaden um die bunten Bäume treiben, fast könnte ich meinen, du hättest Lust in ihnen tanzen zu gehen, kommst du mit? Die Nase ein wenig feucht machen, es ist gut für den Teint!“

„Nur, wenn wir nicht über Oetttinger und die Atome reden, ja? Das ist mir heute Morgen noch zu schwer, nicht auszudenken, wie mir wäre, wenn ich ein Politiker wär, die Weltwirtschaftslage interessierte mich nicht sehr, ich würde noch ein paar Fahrstunden zur Übung nehmen, mir ein gebrauchtes Auto kaufen wollen und Barack Obama höchstfeepersönlich zu den wichtigen Treffen in Malaysia, auf den Philippinen kutschieren wollen, zu denen er nicht hinkann, weil er kein Spritgeld hat, sich mit Putin verkrachte und alles in Amiland mal wieder streikt und den Schwanz einkneift, die Nordkorea-Krise wird unterschätzt und alles führt immer wieder letztendlich hin zu Fukushima, weil alles miteinander verquickt ist, politisch zerstritten und mit Drohgebärden durchsetzt, die so dermaßen gewaltig sind, dass ihre Auswirkungen einen harmlosen Herbstnebeltag raumzeittechnisch gesehen den Dimensionen einer gefühlten und wahrgenommenen Ewigkeit gleichsetzen. Themenschluss, Klappe zu, Welt tot. Lass uns gehen. Carpe diem, Madama.“

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2 Kommentare zu “Carpe diem Madama Melancholie

  1. Faktoid sagt:

    So viel schlimme Reflektion am Morgen.
    Das sollte den Abendstunden, in denen Wein fließt, vorbehalten sein.
    Aber manchmal kann man sich seine Gäste und ihr erscheinen nicht aussuchen. Oder ihr fortbleiben…

  2. karfunkelfee sagt:

    Ich bin, was meine speziellen Gäste anbelangt, nicht wählerisch. Sie kommen, weil ich sie rufe, wenn sie fernbleiben, wenn ich sie rufe, was auch schon mal vorkam, ist das sehr traurig, dann ist es sinnvoll zu überlegen, wie man sie vielleicht wieder zum Vorbeikommen animieren könnte.
    Schlimme Reflektion am Morgen?
    Der Wein zeichnet Reflektionen weicher am Abend, sicherlich.
    Die Fee nach geflossenem genossenem Wein würde allerdings eine politische Kernschmelze riskieren, wieder mal alle Minister durcheinanderwerfen und zum Schluss den Dalai Lama als intergalaktischen Friedensretter vorschlagen, bevor sie mit glasigen Augen Richtung Bettstatt wankte und ohne viel Zappzerapp ins gnädige Delirium clemens-tremens abdriften würde.
    Am nächsten Morgen hätte sie üble schlimme Refluxionen und lauter Echos im Kopf.
    Schlimm, mit diesen fleuchigen Elementarwesen.
    Die vertragen rein gar nix.
    Bekommen schon einen Hick vom drandenken.
    Menschen sind da viel robuster.
    Hick…

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