Der Tod aller Stunden (2008)

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Alles fühlt sich taub an. In und auf mir. Ich ertrage nicht die Berührung meiner Finger auf meiner Haut. Ständig fürchte ich, ich würde nicht länger Haut fühlen, sondern nur noch das schiere, rohe Fleisch, unter dem sich die weißen Sehnen bewegen und die Stränge meiner Muskeln und ich fürchte, die blanke Spitzigkeit meiner Knochen ertasten zu können, ungepolstert und scharf. Ich ängstige mich vor dem nadelscharfen Schmerz der freiliegenden Nervenbahnen und der Schleimigkeit der Adern, in denen das Blut unerbittlich weiter pulsiert, ich fürchte, die Schmerzimpulse anderswo wahrzunehmen als im Schmerzzentrum meines Gehirns, das sich wie herausgeschnitten aus meinem aufgesägten Kopf anfühlt, ich fürchte Phantomschmerzen zu fühlen, eine Stelle, die man sedieren möchte und es nicht kann, weil es sie längst nicht mehr gibt, weil das schmerzende Teil längst amputiert wurde und im Biomüll verrottet.

Alle Stunden aller Tage sind tot. Sie starben an der Unbegreiflichkeit der Dinge, die in ihnen geschahen. Klein, weiß und aufgereiht liegen sie vor mir, alle diese Stunden der letzten Tage, mit stumpfen, blicklosen Minuten und fassungslosen Sekunden. 

Ich ertrage den Frühling nicht, seinen Duft nach Leben. Ich ertrage die Menschen nicht. Alles schmerzt dumpf, als hätte man mich auf ein Rad geschnallt und mir mit Prügeln die Knochen zerschlagen. Dieser entsetzliche Schmerz. Und jeder Mensch, jedes Ding, jeder Duft birgt wieder eine Erinnerung, die ein Knüppel ist, und ich möchte mir die Ohren zuhalten, weil ich das krachende Bersten meiner unter ihren Schlägen zersplitternden Knochen nicht länger ertragen kann. Ich denke, alle meine Knochen sind bereits zerschlagen, doch wie viele Knochen im Körper gibt es, die man brechen kann, Mehrfachbrüche nicht mit eingerechnet? 206 sind es genau. Ich brauche sie nicht zu zählen. Ich fühle jeden einzelnen in mir. 

Die toten Stunden machen mich müde. Ihre Dunkelheit schließt mich in sich ein, ich taste in ihnen herum, ihren weichen körperlosen schwarzen Konturen und suche Ausgänge, doch ich finde sie nicht. Ich möchte schlafen, doch jemand schnitt mir die Lider ab, so dass ich dazu verdammt bin, in das Licht zu sehen, in das ich nicht kann und doch so gern möchte. Ich sehe den anderen Menschen beim Leben zu, ich sehe, wie sie miteinander sprechen, sich hassen und lieben, essen, schlafen, ficken, auf die Toilette gehen und beneide sie. Ich weiß, dass mir die Freiheit vollkommener Gleichgültigkeit fehlt, um gelassen sein zu können. Ich bin ein Sklave meines Interesses an den Menschen, ich bin ein Gefangener meiner selbst.

Meine tauben, vibrierenden Gedanken erschlagen die Stunden aller kommenden Zeit. Sie tun mir leid, all diese toten Stunden, die ich so gern gelebt hätte, wie andere es tun, so selbstverständlich und gleichgültig frei. Ich bin sterbende, ungelebte, ungespürte Zeit – ich selbst bin eine tote Stunde.
Manchmal lächelt mir jemand ein wenig Licht in das Dunkel, manchmal meine ich die Berührung eines anderen zu spüren, ohne sie wirklich wahrnehmen zu können. Sieht man mich wirklich noch? Ich bin nicht Fleisch, ich bin nur Geist. Was wollt ihr denn von einem Gedanken, ihr Menschen? Ich bin ein Gedanke in eurem Kopf, vielleicht war ich einmal eine Idee, doch nun reduziert auf einen elektrischen Impuls in eurem Gehirn. 

Neue Tage und Stunden türmen sich vor mir auf zu einer ungeheuren Treppenpyramide mit Abertausenden von Stufen. Wie soll ich sie bewältigen? Ich muss es versuchen. Vielleicht kann ich von dort oben Himmelsgestirne sehen. Vielleicht kann ich sie berechnen. Meine Beine sind schwer, die gebrochenen Knochen drücken sich durch Haut und Fleisch, sie reiben aneinander, knirschend wie Zähne in Wut und Schmerz. Schmerzimpulse jagen durch meine Nervenbahnen hinauf in mein Gehirn, das verzweifelt versucht seinerseits Bewegungsimpulse an meine gerissenen Muskeln zu senden. Ich will doch nur eine Stufe schaffen. Und vielleicht ein Stück Himmel ahnen.

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5 Kommentare zu “Der Tod aller Stunden (2008)

  1. finbarsgift sagt:

    WAS für ein Text, Fee, mich völlig gefangen nehmend, von Anfang an, und niemals mehr loslassend…
    und nun auch in der Zukunft nicht mehr, denn einen SOLCH beeindruckenden Text kann man niemals mehr vergessen…
    höchstens immer und immer wieder lesen…
    sei lieb gedrückt (voller Bewunderung und auch so),
    Lu

    • karfunkelfee sagt:

      Tja, Lu…
      Der Text, der aus der Frau die Fee schmiedete, warum weißt Du ja.
      Er ist gerade mal wieder aktuell
      und wenn das so ist, tut es mir gut, ihn wiederzulesen, weil mir dann klar wird, dass ich in der Zwischenzeit trotz der Zerschlagenheit ein paar Stufen dieser Pyramide hochklimmen konnte.
      Sogar einen Stern erbte ich.
      Hoffnung ist wie eine schöne Aussicht und manchmal kommt sie auf rätselhafte Weise zu mir und erinnert mich daran, dass es sie gibt.

      Lieben Gruß und lieben Dank
      von der Fee

      🙂

  2. es ist ein Text, wie er drastischer nicht sein könnte, Du hättest nicht eindruckvoller schreiben können. Ich leide bei jedem zerschmetterten, zersplitterten Knochen, mit jeder überdehnten, geschundenen Sehne und sehe dieses Abseits, das Dunkel, das dem Licht entgegensteht…und ich weiß, wir schreiben nicht immer authentisch, aber wie gut bringen wir es unter und Du bist eine Meisterin darin.
    in jedem Wort erkenne ich Dich und ich sage Dir, steige nur die heilenden Stufen, lasse sie anderen liegen, Zerbrochenes muß gebettet werden, es darf nicht daran gezogen werden, denn dann reißt das, was noch hält.
    Nun sei behutsam mit Dir und alles Geschundene wird es Dir mit leuchtenden Augen danken.

    Liebe Grüße lasse ich für Dich hier

    • karfunkelfee sagt:

      Danke, Bruni.
      Als ich diesen Text schrieb, da war es noch so, dass ich „draußen“ war, es gab ja die Hoffnung und den Kletterwunsch.
      Mittlerweile ist Zeit drübergegangen und die Hoffnung krepierte darüber hinweg, war sowieso schon zu angeschlagen und krank zu diesem Zeitpunkt.
      Ich bilde mir gern ein, inzwischen etwas höher gekommen zu sein, paar Stufen schrieb ich weiter oben, doch wenn ich ehrlich sein muss, ist
      die Pyramide, die für einen Herzenswunsch stand, mittlerweile ein Grab geworden und ich suche in der Wüste nach Wasser, um es wenigstens ab und zu mal gießen zu können, denn ich hab bescheuerterweise Blumen draufgepflanzt.

      Danke für Deine ernsten gedankenvollen Worte.

      Einen lieben Gruß vom feechen

  3. Liebe Fee,

    inzwischen bin ich einige Gedanken weiter und ich weiß, wie sehr Du trotz allem viel weiter oben bist, als Du meinst. Du bist ein Mensch, dem es gelingt, weiter zu kommen, unmerklich, Schritt für Schritt und jeder Schritt trägt Dich ein Stück.
    Nein, Du gehst nicht nach unten oder bleibst am gleichen Fleck,
    Du steigst und passend sind Deine Schritte.

    Liebe Grüße von mir

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