Contraire

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In der Jugend wissen wir in der Regel wenig, handeln gefühlsgesteuert, lassen uns leicht lenken, beeinflussen, halten eigene Ansichten für richtig, andere für falsch. Lassen uns prägen vom Umgebenden. Hinterfragen uns, einander, wollen veränderliche dynamische Konstante bleiben.
Älter nun, doch mit dem gleichen Mut, der unsere Jugend prägte.
Das Rebellentum im Herzen bewahrend, mit dem Pioniergeist aus Nichts Alchemie zu machen, Quintessenz, Zufriedenheit, Befriedigung wird Trumpf, das Seelenheil  ein messbarer Faktor, eine Endgröße, ein Ziel, ein Vagabundenstück, ein Wegesglück.

Wir tragen die Initiationsnarben der Geschichten, die das Leben auf uns in dokumentenechter Herzbluttinte kalligraphierte, werden zu Erzählern, tragen unsere Haut zu Markte, wir suchen Menschen, die uns spiegelnd weiterdenken. Wir wollen Lenker unseres Schicksals werden, wir lernen unter Tränen zu lassen und zu schenken. Qualitätsdenken setzt ein, wir suchen leichtere begehbare Wege, werden effizienter, ökonomischer mit der zur Verfügung stehenden Energie, sähen andernfalls uns unbeachtet und krank mit fertig geschnürtem Bündel Richtung Endstation Sehnsucht ziehen.
Dann wären wir die Sterne, die zu Boden sanken im unerlösten Leid unserer Untoten. Sie können uns nicht entfliehen. Es ist an uns,  sie gehen zu lassen. Lange genug ließen wir das Schwarz ihrer Trauer Ränder um unsere weißen leeren Visitenkarten fassen.

Wenn wir jung sind, sind wir unser Ideal und sind wir es nicht, dann sind wir es bei unserem ersten Mal. Sportlichkeit wird wichtig, die Treppen zu Fuß, die Erinnerung, wie es ist zu hüppkern auf dem Weg, wie das Kann sich anfühlt, lange vor dem Muss. Noch rotzuwerden vor Verlegenheit, ein übrig gebliebenes Geschenk aus der Kinderzeit

Alte Jugendplatten, die wir immer schon vor anderen hatten, wir können die Texte noch, wir sind eulalisch, weil sie wie wir sind, weil wir sie schufen und sie uns. Soundverliebt und blind. Wir schrieben Geschichte, eine Menschengeschichte um die andere, in den Annalen, den Jahreszahlen des Gedächtnisses, motiviert für Science-Fiction-Thematiken, Motive suchend, als wollten wir die Welt in unseren Bildern so entstehen lassen, wie wir, nur wir allein, sie sehen können und wollten dies den anderen mitteilen.

Kommunikation gewinnt an Bedeutsamkeit, wird seelenverwandt, ewig schon gekannt, wird altvertraut in ähnlichen Spiegelungen, wie die eigene Hand.
Die Zeit, in der wir Kontakt aufnehmen, weil wir ahnen, wie allein wir altern könnten, schließlich sterben.
Das Du, das im Ich lange schlief, altert mit uns und beginnt, lallend wie ein Kleinkind, mit uns endlich zu sprechen. Wir wollen das jahrzehntelange Geburtsschweigen in unserer Endlichkeit brechen.

Wenn wir jung sind, braust die Lebenszeit mit uns auf den Highways in vielen Spuren, Richtung Leben. Wenn wir älter werden, beginnen wir das sanfte Cruisen zwischendurch zu schätzen,
das uns eine schärfere Wahrnehmung dessen ermöglicht, was uns umgibt. Wer soll bei aller Hetze noch ein dreidimensionales tiefenscharfes Lächeln in einem Gesicht erkennen? Es bliebe verwischt, vielleicht ein flüchtiger Eindruck, der schon nach dem nächsten weiterflieht und erlischt, während am Horizont die alte Zeit sich mit der jungen im milderen Licht des absteigenden Sonnenstandes vermischt, sich beginnend weiter hinten die weite Welt schon wieder an allen vier Ecken zusammenzieht.
Wir fühlen uns jung genug, die Kurven zu schneiden und stark genug, das Lenkrad zu halten, wenn wir nach hinten in die Sitze gepresst, den Bauch voller Schmetterlinge im Rausch der Geschwindigkeit das Licht neu definieren. Und dabei bleiben wir ganz die Alten? Es gilt, Wahnhaftigkeiten zu vermeide. Im Jugendwahn der Selbstüberschätzung liegt vergilbt ein altes Kinderbild von uns, wir wollen es so gern vorm Verblassen bewahren. Es hat so schöne viele Haare und keine Falten.
Wenn wir jung sind, lieben wir, finden wir uns, verändern wir uns mit uns oder ohneeinander weiter. Das, was wir brauchen, um glücklich zu sein, will sich suchen und finden, binden und wieder verlassen, weiterzusuchen nach Wegen und Weggenossen, die uns sagen, wer wir waren, als wir jünger waren, die uns fragen nach den Menschen, die wir sein wollen, die unsere Intentionen kennen, ohne sie uns mitzuteilen. Wir kaufen ihnen zum Geburtstag keine Geschenke, wir schenken uns die Zeit, die uns bleibt und wir geben einander von der Energie, die uns antreibt.

Wenn wir jung sind, fallen wir weich auf unsere biegsamen Knochen, wenn wir älter werden, werden wir vorsichtig wie Zitterrochen und geben besser Acht.  Alter hält über Jugend einsam Wacht. Schlaf wird wacher, Ruhe wichtiger, Alltägliches nichtiger, bei sich sein richtiger,
Alleinsein bekommt schlichten offenen Charakter, will nicht absolut sein, Nein sagt zu sich Ja.
Ja umarmt Nein, fragt nach versöhnlicheren Lebenszeiten, mit Freiheit als Gastgeschenk.
Uns unserer Vergänglichkeit bewusst, dem was wir sein können, eingedenk.

Wir waren Junge, sind nun Ältere.
Wir brannten, wir rannten, wir träumten lichterloh, wir träumten uns froh und wir sanken wie alte Sterne, wir fielen, wir verbrannten auf dem Weg zur Erde.
Wenn wir älter werden, ist das Verlangen danach das Maß für das eigene Unmaß zu finden, zu befriedigen, ein Bedarf, der ein paar alte Illusionen gnadenlos über den Haufen warf.
Denn wir werden älter und wir lieben das Leben doch so sehr.
Kein leichter Job.

Für ein gutes Gelingen braucht es den Gegensatz.

Das Leben ist –

contraire.

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12 Kommentare zu “Contraire

  1. Karin sagt:

    ein toller, beeindruckender Text ist Dir da gelungen, liebe Fee !

    Als eine um eine Generation Ältere möchte ich nur sagen:
    Älterwerden kann auch Leichtigkeit beinhalten, es ist Befreiung von so Vielem: Pflichten, Beruf, Zeitknappheit, wichtig ist es, neugierig zu bleiben, nicht abzuschließen mit dem, was man hat, es gibt noch Wunderbares zu entdecken. Illusionen über den Haufen werfen,eine Übung, die nichts mit dem Altern zu tun hat, wir müssen sie von klein auf tagtäglich hinter uns bringen.
    Die wichtigste Vorausetzung hierzu ist natürlich Gesundheit und wenn man die geschenkt bekommt, ist Altern eine Fortsetzung der Jugend -:)))
    nur mit ein bißchen mehr Weisheit gepaart……aber zu weise, ist auch nichts, da fehlt dann Lebendigkeit, sich zu gestatten, übermütig und verrückt zu sein, ist kein Privileg der Jugend.
    Contraire…..ja…..aber wir sprechen uns in 25 Jahren wieder, so ich denn noch unter den Lebenden weile….dann bist Du so alt wie ich …jung im Denken bleiben…eine leichte und schwere Übung….
    möge sie uns gelingen…

    • Ich habe den Kommentar vor dem Antworten nicht gelesen, erst jetzt danach. Dann sind wir in etwa in einer Zeit geboren. – Ich finde auch, Alter kann auch etwas Schönes sein. In dieser unserer hektichen Zeit möchte ich nicht mehr jung sein und mit allem anfangen.

  2. Cosa Nostra d'amuse sagt:

    Jaaa…alt wird man/frau vom Jungsein!

    Ich war neulich zu Besuch auf dem Dorf und da ist mir aufgefallen, wieviel klarer dort der Sternenhimmel ist, die Milchstarße ist zu sehen, wie mit einem Pinsel hingemalt. Aber kein einziger der Sterne die wir sehen können existiert heute noch. Dafür existieren genausoviele oder vielleicht sogar noch mehr, die wir niemals sehen werden.

    Und das ist nichts im Vergleich zu dem, was wir uns morgen erzählen werden, sofern wir dann noch am Leben sind.

    • Karin sagt:

      Herr amüsierter Mafioso -.)))

      alt….ein Wort, das meist mit Negativem behaftet ist……alt ist das Universum, die Erde ist ein noch junger Stern…..und wir Menschen….wir wollen unsterblich sein…..alt wollen sie alle alle werden, nur nicht alt sein….Widerspruch par exellence……
      Alte Musik, alte Kunst, alte Geschichten….was wären wir ohne sie… werde ich 100 bin ich eine Antiquität…unbezahlbar -:)))
      sich das Jungsein im Denken zu bewahren, hilft alt zu werden -:))) es gibt wunderbare alte Menschen
      Im Alter in Demenz zu verdämmern, muß schrecklich sein, auch das gibt es zu bedenken…wir können es uns nicht aussuchen.
      und um den Anblick der Milchstrasse beneide ich ihn….. habe sie einmal in voller Schönheit im Brice Canyon in einer Januarnacht erlebt….Gänsehaut noch heute….

      • karfunkelfee sagt:

        Eine Freundin von mir hat mir ihr Bild verraten vom Älterwerden und wenn es nicht ihres wäre, das ihr allein gehört, dann hätte ich es ihr glatt schon mal
        geklaut und verwendent, weil es ein so treffendes und schönes ist.
        „Der Mensch ist eine Radierung. Das Bild ist unlöschbar komplett und kann nur noch weiter ergänzt werden.“
        Yepp!
        So sehe ich das…

        Meine Oma, altersdement, ging los mit 85…litt sehrsehr…
        Sie wusste, dass ihr Geist sich vernebelt, sie bekam das voll mit…
        Sie sagte, es sei wie lebendig begraben sein im sinkenden Verstand.
        Die wachen lichten Phasen werden weniger und immer wenn sie eine hatte, war sie glücklich – weil es ihr BEWUSST war!
        Wer sich das einmal lebhaft vorstellt…langsam im Kopf abzusaufen, nichts dagegen tun zu können, kann sich vorstellen, wie es sein muss,
        loszugehen und zu vergessen, wohin es ging, zu vergessen, wer die andern sind und zum Schluss, wer man selbst war.
        Glücklich, wer Milchstraßenmomente sein eigen nennen darf und vor allem: wer sie bis zuletzt in der Erinnerung behalten darf.

  3. unendlichkeitscode sagt:

    Das ist sehr hohe anspruchsvolle Literatur.

  4. Du schreibst: „Die Zeit, in der wir Kontakt aufnehmen, weil wir ahnen, wie allein wir altern könnten, schließlich sterben.“
    Leider nützen die in der Jugend geschlossenen Kontakte nur bedingt im Alter.
    Aber auch das Alter ist ja noch in der Lage, Kontakte zu knüpfen und Veränderungen mitzumachen. Zum Glück!

    • karfunkelfee sagt:

      Das ist es doch! Was nützen Dir denn die Jugendkontakte?
      Die Menschen, mit denen Du damals Spaß hattest, die Dich ergänzten, haben sich doch inzwischen auch weiterentwickelt.
      Wie wahrscheinlich wäre es, dass sie sich genau so entwickelt haben wie Du?
      Vielleicht haben sie heute ganz andere INteressen, die Ziele waren andere, Kinder, Umzüge etc. pp…
      Manchmal ist es Glück, dann bleiben Freunde, manchmal sogar überdauern sie länger als alle Partner, die Familie und bleiben bis zum Ende.
      Doch ich glaube, das ist eher die Ausnahme.
      Darum sagst Du genau richtig: Das Alter ist in der Lage, sich neue Freunde zu suchen, passende, sich zu verändern. Zum Glück! 🙂

  5. autopict sagt:

    Ein schöner Text, und irgendwie findet man (ich) sich wieder.
    Ich meine, ich spüre das Jungsein manchmal noch. Ich lasse die Begeisterung über etwas neues zu, so wie früher. Ich weiß, ich will brennen, rennen, träumen. Das muss sein. Das ist das Leben.

    • karfunkelfee sagt:

      Das junge Fühlen und Träumen, so es nicht versteinerte in statischen Strukturen ohne weiteres Entwicklungspotential über zu lange Zeit verdrängt werden muss, ist und bleibt ein Teil. Es ist doch auch wichtig! Dieses Gefühl zeigt uns, dass wir weitergehen sollen in eine Richtung. Es lässt uns hoffen, es lässt uns suchen. Zu schön, dieses „elektrische Gefühl“ (habe den Song aus dem Radio im Kopf dabei)…
      ich beschreibe es immer wieder.
      Es ist verliebt in das Leben selbst und es liebt die Bewegung, das will brennen, richtig und es will –
      rennen, weil es lebendig ist.

      Vielen Dank für Dein liebes Lob. 🙂

    • karfunkelfee sagt:

      Las ich das gerade richtig?
      Du fühlst es „manchmal“ noch?
      das Jungsein….
      Oh, Mann….
      Ich glaub, ich bin falsch gepolt.
      Ich fühl mich „manchmal“ uralt, das ist richtig.
      Und die meiste Zeit bin ich dann wieder irgendwo zwischen gefühlt 3 (Trotzbock) und 46 (wir sind jetzt frau)
      und dazwischen?
      lach ich mich kaputt übers Älterwerden, wenn ich nicht gerade flenne, weil ich mir mal wieder die Knie aufgeschürft habe, weil ich zu schnell gerannt bin…

      • autopict sagt:

        Ja schon. Ich kann manches mal eine Begeisterung entwickeln, über Kleinigkeiten, da wundert sich mein Umfeld und reibt sich erstaunt die Augen. Nichts besonderes, aber ich zehre davon in den Phasen, wo mir das abgeht. Vllt ist es auch nicht mehr so und ich denke nur so wars? Egal, der Wille zählt.

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