Die Pferde

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Es sind Pferde, gezäumt, gesattelt, getrieben von denen, die sie lenken. Die Augen panisch ins Weiße verdreht. Sie rennen ein Maximum an Kraft und darüber, sie fallen beinahe übereinander, Scheuklappen vor den Augen, treiben sie einander im erzwungenen Vorwärtsstürmen die scharkantigen fliegenden Hufe ins Gesicht, doch sie müssen weiter. Die Reiter peitschen blutende Striemen in ihr dienendes Bewusstsein. Sich zu geben und wieder zu geben,  sei ihre Pflicht. Ihre Zähne zerbrochen vom vergeblichen Biss in den Stahl der Trense, das Maul zerrissen, tropfend vor Schaum, den Kopf gesenkt, traut sich nicht mehr, hochzuschauen.

Zu wenig Hafer, ständiger Hunger und Durst und ein enger Bretterschlag ist der Preis für eure Lebenszeit. Kraftdezimiert auf ein Minimum, doch alles ständig hergebend müssend, seid ihr Sklaven eures Zwanges zum immerfortigen Absprung, ihr werdet niemals jung sein und ihr ward es nie. Getrennt voneinander, von den anderen, bliebt ihr in eurer Fron allein, einzig verpflichtet euren Herren, die euch den Willen aus der Brust zerrten, das Leben komprimiert auf das nackte Da-Sein. Wenn ihr scheut, werdet ihr es bereuen, wird euch in ewigen Halbdunkel eures engen Verschlages gedroht, dann kommt das Schlachtgericht mit dem Abdecker und zieht euch kurzerhand das Fell über euer ungläubiges Pferdegesicht, dann ist es aus, dann wird euch der Garaus gemacht. Und euer einstiger Herr steht neben euch und lacht!

Ein gebrochener Wille bereut sein Leben lang, ist sich selbst längst untreu geworden und hat sich dem Tod verpflichtet. In einem gebrochenem Willen bleibt Unversöhntes ungeschlichtet, ist die Hoffnung zerstört und vernichtet, richtet sich das Selbst für andere hin, es findet in sich selbst nicht länger Sinn.

Warum seid ihr nicht längst ausgerissen, habt eure Reiter fortgetreten, weggebissen, solange gegen die Wände eurer Verschläge getreten, bis sie auseinanderbrechen mussten, so viel stärker wie ihr seid? Überlebenwollen birgt ein großes Kraftpotential, das auszuschöpfen und auszuloten sich immerlohnt… Warum habt ihr sie nicht überrannt,  die vereinzelten Reiter, die Solitäre, ihr seid vielzählig, wie Myriaden Sandsturmkörner überlandfliegend, brecht das Zeitmaß in Geschwindigkeit auf, im Rausch der Freiheit, den Wind im Rücken.

Hört die anderen, die ihr so vermisst,  wie sie hinten in den Felsenechos freudig nach euch rufen.  Sie rufen euch, damit ihr für euch unvergessen, euch selbst verständlich bleibt, sie wollen euch locken und sagen: Es wird Zeit, aufzuhören sich für andere aufzugeben, es ist Zeit, dass ihr euch befreit. Kein Joch, von wem euch auferlegt, wird jemals lose genug sein um euren Hals, dass ihr die Richtung weisen dürft. Es wird euch immer zwingen, egal wie locker das Seil um eure Hälse hängt, es will euch führen. Es will, dass euer Kopf auf die Brust sinkt, es will, dass ihr euch für andere rührt. Wer wagt es, um eure Tage Seile zu legen? Wer wagt es, eure Stärke und Energie für seine Zwecke nutzen zu wollen? Wer will sich aufschwingen zum Hüter eurer Pferdeseelen? Ihr dürft wählen.

In der Ferne die hellen Schreie, sie singen von Überwindung, von Grenzenlosigkeiten, süß wie Sirenen. In den Felsenechos der Klang der Herde, wie sie ungeduldig steht und auf euch wartet.  Mähne an Schweif, Nüster an Flanke. So zärtlich, so warm die Fürsorge der anderen umeinander. Sie wollen euch sagen, dass ihr mit ihnen wandern sollt, sie fanden grüne Weiden, sie konnten fliehen. Und ich fand Pferde, in wilden Herden wie Wolkenschatten über die Länder ziehen.

 

 

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23 Kommentare zu “Die Pferde

  1. Christian sagt:

    FUCKING TRUE STORY:
    Ich habe gestern Nacht geträumt, dass ich in einer Talk-Show zu Gast war, zusammen mit einer Begleiterin, Christoph Schlingensief, dessen Freundin und 4-5 weiteren Personen. Im Verlauf des Gesprächs stellte ich irgendwann Schlingensief (oder sagen wir lieber Christoph, ich fühlte mich ihm sehr vertraut) eine Frage, worauf er zu einem epischen Monolog ansetzte, gestikulierte, seine Augen traten hervor und wurden feucht, er redete sich in Exstase, ich dachte kurz er würde überschnappen. Doch dann griff ihn seine Freundin ganz sanft am Arm und redete ihm zwei, drei Sätze zu, ganz ruhig. Da wurde auch er ganz ruhig und blickte alle aus den Augen eines glücklichen Kindes an.

    • karfunkelfee sagt:

      Das ist der Traum jeden Paares:
      Da – Ball – auffang – ich bin’s doch bloß!
      Ich schaue vor die Stirn.
      Ist es offensichtlich demonstriert für eine Welt, die zuschaut im Wissen einer Vorbildfunktion?
      Oder echt?
      Wir sind die Zuschauer.

      Doch im richtigen Leben gibt es keine Scheinwerfer. Da sind wir Menschen.
      Manchmal können wir vielleicht den anderen halten, tragen, auffangen, sonstwas.
      Doch nicht immer geht das.
      Mich interessiert nicht das Offensichtliche vor der Kamera und wie Menschen sich da geben.
      Sie sind Zirkusaffen in diesen Momenten.
      Mich interessierte eher, wie jemand in den Augenblicken ist, wo der andere ihn mal NICHT
      auffangen kann.
      Das, was da ist oder wäre, DAS fände ich spannend.
      Denn DAS zeigte mir, dass da jemand nachdenkt darüber, wie er eigentlich auf andere wirkt und sich gibt,
      wenn er sich vergisst und sich dem hingibt, was er glaubt zu sein.

  2. Christian sagt:

    …geht’s dir gut? Der Text macht mir Sorgen. Man will die Pferde sofort befreien und ihnen zuschreien: Lauft! Lauft! Ihr seid frei!!!

  3. Karin sagt:

    kein Kommentar: nur Ehrfurcht vor dem, was Du an Texten gestaltest….
    Chapeau Fee!

  4. karfunkelfee sagt:

    …die Fee hängt von ihren Musen ab, ich bin so gut, wie sie mich beseelen und inspirieren, ich nehm ihre Träume, mit denen sie mich küssen und kann mich frei bedienen an meinem riesengroßen Vorrat von Erinnerungen, Träumen und Phantasie, um ihnen Ausdruck zu verleihen. Ich ahne die Gier und Maßlosigkeit, das Süchtigmachende des Schreibens im Hunger nach den Träumen, die es spiegeln will, ob realistische oder unrealistische, ist für jeden was dabei..;)

    Danke für den Chapeau.
    Ist da ein weißes Zauberkaninchen drin?

    Deine Fee, oder
    Alice in Wonderland

  5. Karin sagt:

    Karinchen vielleicht -:)))

    • karfunkelfee sagt:

      Karinchen nehmen wir auch. Mit Karinchen kann ich super zaubern. Du bist gerade so klein, dass Du in einen Zylinder passt und genau so groß, dass ich darüber der Welt illusionistisch schillernde Texte verfass. 😉

  6. autopict sagt:

    Starker Text, starkes Bild. Verzeih mir, wenn mir hier die Worte fehlen!
    Ich bin beeindruckt. Wieder einmal.

  7. Ich hätte einfach nur Lust, den Pferden die Freiheit zu schenken, damit sie so lebe können, wie sie es möchten.
    Gruß zu dir!

    • karfunkelfee sagt:

      Über Freiheit könnte ich noch viel schreiben…
      damit domestizierte und ins System integrierte traurige Pferde nicht vergessen, wer sie mal waren, bevor sie dieses Schicksal wählten.

      • Wählten denn wirklich die Pferde dieses Schicksal oder wurden sie nicht vielmehr in dieses Schicksal hineingezwungen?

      • karfunkelfee sagt:

        Ist es wichtig, ob die Pferde ihr Schicksal wählten oder nicht?
        Ich denke, wichtig allein ist doch, dass sie wissen, wie sie diesem Schicksal entkommen könnten oder daran überhaupt denken könnten.
        Die Kraft, es zu wagen, wenn der Fluchtgedanke im Kopf erst einmal greifbar wird, kommt von ganz allein, weil Freiheit ziemlich süß riechen kann.
        Irgendwann gesellt sich vielleicht die Wut dazu, dass sie so leben, wie es tun oder Verzweiflung und die macht auch mutig, sagt man ja auch…Mut der Verzweiflung.
        Wichtig ist nur, dass es eine Wahl gibt, finde ich.
        Sich den Gedanken an eine Wahl zu gestatten, ist schon ein Zipfel Hoffnung.

  8. unendlichkeitscode sagt:

  9. …ist mir so unumwunden aus den Fingern gerutscht:

    MUTTER DER PFERDE

    Schau wie sie die Nüstern bläht
    Wie sich die Muskeln der Schenkel
    Spannen und lösen
    Wie die Mähne im Wind weht
    Wenn sie galoppiert

    Schau wie sie hochsteigt
    Und auf zwei Beinen steht
    So wie sie dressiert wurde
    Ein Prachtexemplar

    Spüre wie weich sie ist
    Spüre ihre geschwungenen Konturen
    Schau nur, die Zähne!

    Nie muss sie auf Mist schlafen
    Täglich wird sie gebürstet und gepflegt
    In ihren Augen ist keine Angst
    Sie ist bereit zu jedem Kunststück
    Wenn die Gerte vergängliche Striemen auf ihr hinterlässt
    So fördert das nur ihre Schönheit
    Es sind nur Vorboten zukünftiger Kunststücke

    Ihr Zaumzeug trägt sie mit Würde
    Und wenn der Reiter sie sattelt
    Weiß sie es ist ihre Bestimmung
    Denn ihr Geschlecht ist zur Zucht bestimmt

    Wenn er ihr die Sporen gibt
    Wird sie unter lautem Wiehern
    Schneller und schneller
    Bis beide dahinfliegen
    Weil sie ihn trägt
    Und er sie an straffen Zügeln lenkt

    Wenn sie eines Tages zum Decken freigegeben wird
    Wird sie einer wilden Herde der Schönsten Und Stärksten
    Das Leben schenken

    • karfunkelfee sagt:

      Ein heftiges Gedicht, das muss ich schon sagen, Initialzündung. 😉
      Freigegeben…da hak ich ein.
      Mal abgesehen davon natürlich, dass ich von der Einstellung her, immer meinen alten Spruch bemühe:
      Das höchste Glück der Pferde, ist der Reiter auf der Erde!

      Kein Pferd wünscht den aufgezwungenen Willen von jemandem, es sei denn…
      …das Tier bietet Dir an, Dich tragen zu wollen.
      Das tun sie nämlich manchmal.
      Nur sind die Reiter zu ungeduldig, sie müssen den Willen eines Pferdes brechen, sie wollen keines, das den Weg schon vor ihnen kennt,
      Sie wollen Pioniere sein, klüger als ein Tier.
      Demütig dankt ein Reiter seinem Tier, das ihn trägt.
      Übervoll wird er ihm die Freiheit schenken, wenn es ihm geholfen hat,, wenn sein Dienst beendet ist.
      Alle anderen sind Mörder.
      Und Zucht?
      Gedeckt mit Ordnung und künstlicher Befruchtung?
      fortpflanzungsglückschlechtekrücke
      Nein, danke!

      Dann doch lieber das Recht, den eigenen Willen wählen zu können.

  10. Marion sagt:

    Dein Text berührt mich, deine Ausdrucksweise sowieso, inspiriert von woherauchimmer.

    Erst seit ich in der Schweiz lebe und mir immer wieder Pferde „über den Weg laufen“, berühren mich diese Wesen und ich staune immer aufs Neue, warum sie so schreckhaft, obwohl sie allein von ihrer Größe einen Menschen leicht niedertrampeln könnten. Mein Chef sagte kürzlich im Gespräch dazu: „Offensichtlich hat sich die Flucht bewährt.“ Ich hab da gespaltene Gefühle dazu.

    Als ich letztens unterwegs war, um den Hofladen eines Biohofs auf einem Hügel aufzusuchen (alle anderen fahren mit dem Auto dort hinauf), war ich scheinbar recht still unterwegs. Ich sah Pferde auf der Wiese und erst als meine Schuhe durch die Steine am Weg ein Geräusch verursachten, sprang eins der Pferde vor Schreck beiseite. Tiefes Bedauern ist in mir ob solchen Erlebens. Und ich frage mich dann: Warum nur, warum?

    • karfunkelfee sagt:

      Es ist so… Wenn ich jemandem kann ich erst einmal nicht wissen wie es in ihm aussieht…oder?
      Er kann alle Gefühle sein.
      Es könnte auch daran liegen, dass ich mich gerade gut fühle, dass ich denke der andere würde sich auch gut

      • Marion sagt:

        Da fehlt irgendwas? Deine Antwort ist zu kryptisch, als dass ich sie erfassen könnte. Ich versteh deinen Bezug zum Thema bzw. meinem Kommentar nicht.

      • karfunkelfee sagt:

        Oh, Marion…ich las gerade meinen verstümmelten Kommi, bitte entschuldige, ich fürchte, die tückische Technik hat da was Wesentliches vorenthalten…
        das war mir selbst kryptisch, ein angefangener, unbeendeter Gedankengang…

        Ich nehme den Fäden noch einmal ganz neu auf und spinn ihn um:
        Pferde sind schreckhaft, schon wegen Überleben und weil sie als HerdenTiere auch viele natürliche Feinde fürchten müssen in der Freiheit. Der letzte große Feind der wilden Pferde war der Mensch, der sie abknallte und beinahe ausrottete.
        Ich kann mir vorstellen, dass eine schlechte Erfahrung die über Generationen im Wissen verankert weitergegeben wird an die Nachkommen, sich im genetischen Gedankengut fortpflanzt in die Zukunft und übernommen wird im natürlichen instinktiven Verhalten, angepasst an die Umgebung.
        Will sagen, dass ich auch Pferde kenne, die nicht schreckhaft sind. Ich glaube, dass es bei den Tieren genauso unterschiedlich ist, ungeachtet ihrer genetischen Prägung, dass sie auch vertrauensvoll und ruhig sein können in der Begegnung mit Menschen je nachdem wie gut Ihre Erfahrungen vom Anbeginn ihres Lebens an hier auf der Erde mit Menschen waren.
        Das Pferd, das auf dich schreckhaft reagiert, reagierte vielleicht deswegen so, weil es oft erschreckt worden ist in seinem Leben.
        Hinzu kommt noch der angeborene FluchtInstinkt.
        Ja, und schon rennt der Gaul los…:))

  11. HEwhocannotbenamed sagt:

    Song after song:

    started crashing his head against the locker,
    When suddenly Johnny gets the feeling he’s being surrounded by
    horses, horses, horses, horses

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