La mér – thema: meer

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Heute Morgen machte ich eine Entdeckung. Ich lag im Bett und sah den Sonnenflecken an der weißen Wand zu, wie sie tanzten, es war ein Moment noch schlaftrunkener Sonntagsstille. Draußen sangen Vögel wie Frühlingswille, doch es war keiner, es war Wintermorgen, der sich in der Sonne anfühlte wie eine Art Vorfrühling, die kahlen Zweige des Ahorns vorm Fenster setzen Knospen an, ich fürchte den Februarfrost. Doch heute Morgen, als ich aufwachte, noch nicht ganz bei mir angekommen in diesem Tag und um mich eine sonntägliche Stille sich in den entfernten Kirchenglocken spiegelte, tiefen Nachklang fand, war es ein Frühlingsmorgen, der ein Wintermorgen war. Über dem nahen Wald eine Art Schweigen, untermalt von der ewigen Autobahn, doch heute, hinter der einen Spalt geöffneten Balkontür, rauschte sie gnädig nur leise.

Meine Gedanken trieben im blassen Januarhimmel mit halb geschlossenen Augen durch das Fenster davon und gingen an einen Strand zurück, an dem auch eine Sonne schien an einem Winterhimmel, vor langer Zeit. Ich sah mich, wie ich an ihm entlanglief, eine jüngere Persönlichkeit. Ich sah, wie sie in den Wellen stand, sie tauchte und bohrte die nackten Füße tief in den muschelgespickten kalten Sand, damit sie stehen bliebe, wenn die Wellen kämen und ich erinnere sie wie jemanden, der bereit wäre alles zu nehmen für ein Stück Weite und unbegrenzte klare Sicht. Sie wird umgetrieben von der feinen weißen fliegenden Meeresgischt und sie bewegt sich sachte, wiegt sich hin und her, fühlt sich, als sei sie selbst la petite fille de la mèr, in ihren Ohren klingt Vangelis‘ Song, sie hatte ihn irgendwann verloren, vergessen, lange Zeit nicht mehr daran gedacht, heute Morgen kam er, unvermittelt, als hätte er nur eine kurze Zeit in den langen Distanzen ihrer beständigen Erinnerungen eine Abwesenheitspause gemacht. Sie fühlte, wie kalt das Meereswasser war und den Muschelkalk zwischen den Zehen, den Wind von vorn, sie erinnerte ihn salzig, doch wie war sein Duft?

Traurig und verloren, der Duft des Meeres. Ich suche Worte für ihn, finde keine mehr. Ich gehe an den Strand meiner Erinnerungen und er ist abstrakt und theoretisch geworden wie vieles in meinem Leben. Wie war es, wenn die erste Brise in die Nase kam? Sie roch frisch, irgendwie salzig, dabei irgendwie, ja wie? Ich denke an das Meer, ich versuche, Weite mit Salz, Gischt mit Wasserduft zu mischen und tu noch Fische zu. Es lässt mir keine Ruh, ich suche im Tang, in den Algen, hole die Fischstäbchen-Packung und heule Kapt’n Iglo zu bis er taut, es kann nicht sein, wie ist das Meer gewesen in Gänze und warum kann ich meinen Erinnerungen nicht länger vertrauen?

Ich nehme die unvollständige Erinnerung, untersuche sie auf Löcher, auf Schadstellen, Brüche und Risse, irgendetwas, das mir verrät, warum ich nun den Duft des Meeres in meiner Erinnerung vermisse? Ich höre wieder und wieder la mèr von Charles Trenet, ich fühle mich wie ein feuille morte von Jaques Prevert, ich suche weiter Worte für einen fernen verlorenen Duft, nach Salz, nach Gischt, nach frischer Luft, l’ocean d‘été.  Spüre tief zurück in meine Vergangenheit, den verlorenen Duft zu suchen, bereit, alles zu tun dafür, ihn wiederzufinden und ihn dann auf immer in meiner Erinnerung als Ganzes einzubinden.

Am Horizont meiner Erinnerung sehe ich Möwen, am zukünftigen Himmel ziehen. Sonne scheint, ein guter Tag um der fehlenden Erinnerung, an den Duft vom Meer, für eine Weile auf das Land zu entfliehen.

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6 Kommentare zu “La mér – thema: meer

  1. unendlichkeitscode sagt:

    Die bereits von Marcel Proust beschriebenen Geruchserinnerungen funktionieren beim Meer nicht wirklich bzw. anders, weil nicht nur Wasser, sondern auch Salz und Zucker nicht rieche. Damit möchten wir nicht andeuten, daß Gott das Süßwasser erfunden hat, indem er dem Wasser Zucker zu geführt hat.
    Es gibt Stoffe, die riechen einfach nicht.

    Die Erinnerung an Wasser, Meer, Sommer, Sonne, Tralala liegt begründet in einer Kombination aus Riechen und Schmecken. Verdunstendes Meerwasser in der Luft und die Gischt der aufpeitschenden Wellen im Gezeitenspiel erfüllt erst einmal die Luft, wobei es sich um reine Salzsole handelt.

    Ein Mensch geht durch diese Luft und atmet sie mit Mund und Nase ein, die Geschmacksnerven auf der Zunge lassen das Meerwasser schmecken, der Effekt des Erfrischenden setzt ein. Im gleichen Augenblick riecht man ein Gas. Salzwasser aus dem Meer riecht nach Algen – diese produzieren Dimethylsulfid (DMS), das von Bakterien im Meerwasser produziert wird, dieses wiederum ist verantwortlich für den typischen Geruch einer Küstenlandschaft bzw. des Meeres.

    Es fällt leichter sich diese Erinnerungskomposition in die Gegenwart zurück zu holen durch das Fühlen des Salzes auf der Haut des Gesichts.

    Fühlen, schmecken und riechen führt zum Erfolg und dann kann man sich prousten vor Freude und Lachen.

    Anmerkung von Castiel:

    „Es fällt leichter, wenn man Musik mit mehr Lebensfreude zu den Erinnerungen hinzufügt, z.B. von Toto „Africa“ oder „Rosanna“. Sinneseindrücke entstehen durch Kombinationen und Kompositionen der Natur, der Schöpfung. Kompositionen sind Symphonien für die Sinne der Menschen, erdacht, gedacht sie damit zu erfreuen. die Schöpfung fordert die Sinne zum Tanz auf. Die Menschen dürfen mit tanzen.“

    Wir empfehlen uns.

    (Castiel: „Los mache eine Verbeugung und Abgang,“)

  2. Karin sagt:

    Liebes Feechen,
    es ist das mono no aware – die schöne Traurigkeit über die Vergänglichkeit der Dinge, die aus Deinem Text spricht. Es ist so viel, was unser Gehirn speichern soll und oft versagt es seinen Dienst, gerade für das, an dem wir Sehnsüchte, schöne Erinnerungen festmachen. Wir bekommen nicht alles, was wir uns wünschen…eine Lektion, die uns das Leben erteilt. Aber immer haben wir die Chance etwas anstatt an das Vermisste treten zu lassen.
    Lass Traurigkeit zu, aber lass sie auch wieder los….
    schöne Musik hast Du in Deinen Text eingebunden…..
    lieber fast Abendgruß an Dich

    • unendlichkeitscode sagt:

      Das Leben erteilt keine Lektionen, sondern nur Menschen erteilen Lektionen. Die Redensart bzw. Redewendung „jemandem eine Lektion erteilen“ bedeutet:

      Vergeltung üben; jemandem einen Denkzettel verpassen; jemanden zurechtweisen / schelten

      Diese Lektionen werden erteilt, um Menschen gefügig zu machen, wie der Herr seinen Sklaven. Also ist es nicht verwunderlich, daß der Ursprung aus der alten Kirche der ersten Jahrhunderte der christlichen Kirchengeschichte stammt, wo an Regeln und Gebote Lektionen geknüpft waren, wenn diese nicht eingehalten wurden. Zu diesen Lektionen gehörte auch die Selbstgeißelung. Und wenn Andere u.a. auch Haustiere nicht aufs Wort hören, dann werden Diese gegeißelt.

      Fast alle Wünsche, die Menschen haben, werden von Anderen eingeflüstert. Die Anderen sind wiederum Menschen, die Werbung, Reklame, Zeitungen, Filme, Bücher machen und den Menschen einreden, was sie sich wünschen sollen. Wenn man den ganz Dreck dieses schlechten Einflusses durch die Einflüsterer aus seinem Gehirn löscht, dann ist dort genügen Platz für die schönen Erinnerungen.

  3. Willy sagt:

    Hm, dein Text berührt mich auf so viele unterschiedliche Arten, dass ich so garnicht sagen kann, ob es schon angekommen ist…
    Morgen werden wir weitersehen. Süße Träume, liebe Fee!

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