Play it again, Sam

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Dies ist ein lustloser Text, den lass ich ziellos treiben, wie einen Luftballon in den Februarhimmel aufsteigen, um mal forschfröhlich loszureimen und es  dann aber sein zu lassen. Der Sonnenaufgang war zum Gähnen, die Vögel noch völlig verpennt, flogen gegen die Bäume, weil ihre Augen noch zu verschlafen waren von der durchzwitscherten Nacht. Schließlich sind es Tagvögel, keine Nachtvögel. Die Häuser sind auch lustlos. Wenn sie lustlos sind, tragen sie immer Regenteutograu, wie die Nebelberge, die heute jedoch nicht nebeln, sondern beinahe schon sonnen, obwohl östlich das Morgenrot schon dem überhellen Sonnengleißen wich, in das man besser nicht sieht, schlecht für die Augen. Die Autos quälen sich im Schritt die Straße hoch, niemand mag heute Motoren heulen lassen, Reifen quietschen lassen oder fröhlich hupen. Ein Schuljunge tritt einen andern vors Schienbein, weil es ihm so gefällt. Der andere heult. Er hat eine grüne Jacke an. Ich würde heulen, wenn ich so eine Jacke tragen müsste, dachte ich. Da braucht es keinen tretenden Freund, der Gesamtzustand ist völlig ausreichend. Lustlos summt der Kühlschrank. Ich pfeif ihm einen, lach ihn an und streichele ihn mal, doch da wird er erst richtig laut und beginnt, wie ein Kampfhubschrauber zu brummen. Ich weiß warum. Die Tür schließt manchmal nicht richtig. Wie ich es immer mache mit meinem Kühlschrank, hebe ich sie also vorsichtig an den schiefen Angeln an (die Tür wurde von einem unvorsichtigen Freund mit zuviel Power nachhaltig kaputt gemacht) und dann passe und presse ich sie mit so viel Gefühl wie möglich und mit viel Kraft so wieder in die Türöffnung , dass sie wieder gut und passgenau schließt – für eine Weile. Mache ich das nicht vorsichtig, hebelt sie sich ganz aus und ich habe ein Problem, weil diese massive Kühlschranktür doch schwerer ist, als ich mir vorstellen will, das weiß ich genau! Wenigstens die Kaffeemühle macht Laune oder aber Kreisverkehr mit Muskelkraft und Bohnenkrach, ich hab die Wahl, es duftet gut.

Lustlos frage ich mich an diesem Morgen, was dieser Tag wohl bringen mag, wenn alle schon so lustlos sind, mit mir, selbst dieser vermaledeite summende brummende Kühlschrank, das Gegenteil von Stille, Elektrosmog absondernd. Weil mir nichts Besseres einfällt und wir Laune bekommen müssen, der Kühlschrank und ich, summe ich ihm etwas vor, um ihm entgegenzukommen. Entsetzt stelle ich fest, dass es ein Trauermarsch ist. Pfui, Teufel! Von wem? Fieberhaft sucht mein tagesunlustiges Gehirn nach dem Komponisten. Ich habe Mozart in Verdacht und schimpfe mit ihm. Er soll lieber Kapriolen schreiben, sag ich ihm. Du, Wolfgang, schreib mir eine leichte Weise, die ich nachpfeifen kann, der Kühlschrank braucht Motivation und die verpeilten Morgenvögel auch und die lustlosen Berge. Mir fällt ein uralter Witz ein, über den ich schon Jahre nicht mehr lache, mein Unterbewusstsein hustet mir was und will schlechte Laune haben, da komm ich ihm mit Eugen Roth um die Ecke. Meine Chemie kommt langsam in Wallung, der Mensch beginnt zu lachen und zu reimen. Ich tobe einmal die Stockwerke hoch und wieder runter und staune, wie unglaublich lustlos so ein Treppenhaus aussehen kann. Sogar die Palme lässt alles hängen, aber ich weiß, woran es liegt. Sie hat zuwenig Licht, dort, wo sie steht. Ich denke darüber nach, das Treppenhaus mit Spiegeln auszustatten, die die Morgensonne durch die Oberlichter zu der Palme lenken. Oder der Nachbarin Bescheid zu sagen, dass die ihre Blume im Begriff ist, auch noch das letzte der verbliebenen zwei Stengelchen abzuwerfen. Da die Dame nur türkisch spricht, überlege ich mir im Nehmen der verbliebenen Treppen, die ich nun schon das zweite Mal laufe, um Alpträume abzubrennen, wie ich es gestikulierend begreiflich machen könnte, dass ihre Palme im Begriff ist zu sterben. Wieder oben angelangt, simuliere ich eine Palme mit zwei Stengeln, auf türkisch, die im Begriff ist, einen Stengel abzuwerfen. Ich stehe völlig schief und sehe dabei aus, wie eine Palme, die schon lange tot ist und obendrein eine Karikatur der Vergänglichkeit mit Leidensmiene. Der Anblick ist so bedauerlich und schräg, dass ich endlich erreiche, was ich wollte:

Es kribbelt. Ich lache. Weil ich zum Schießen aussehe. Weil meine türkische Nachbarin eine Nette ist und wir uns immer mit Händen und Füßen austauschen, aber wir tun es. Sei es nur ein Gruß. Der Kühlschrank, als ich wieder oben anlange, schweigt. Die Tür schließt gut, wenn ich es mit Gefühl mache und nicht unbedacht, sie zuknalle, unbewusst, weil ich mit den Gedanken schon wieder mal drei Sprünge weiter bin, die sind wild und ungebärdig, meine Denkmuster und Gefühle, wie die wilden Pferde, über die ich manchmal schreibe .

Draußen die Berge, östlich, im Morgensonnenschatten. Die Sonne wandert, wandert…gleich wird sie zu mir auf den Balkon kommen, wie eine Kuh auf den Markt. Nach der Morgengymnastik, nach der Reinigung und nach einem heißen Kaffee, nach der Bewegung, der Begrüßung der lebendigen Wesen, der leblosen Dinge und natürlich mir selbst. Wie üblich, grinse ich das verschlafene Gesicht, das meines ist, an, schau mir dabei tief in die verschlafenen Augen, erkenne mich mal wieder nicht, lache über ein Klavier aus dem Off in der Spiegelwelt, eine Landebahn, ein Flugzeug, kein Bogart, nur Bergmann mit Dreiwettertaft im Haar (egal, wie das Wetter auch wird,:die Frisur hält!) und höre den alten Casablanca-Song wieder mal, in immer wieder neuen Variationen, so, wie guter Jazz sein soll.

Ich hab Lust, dem Song ein alternatives Ende zu schreiben. Mit Happy End zum Beispiel. Mir fallen gleich zwanzig auf einmal ein und das letzte ist dermaßen komisch, dass ich diesen lustlosen Text damit beende: Ingrid Bergmann ist gar keine Frau, sondern tut nur so. Bogart ist eigentlich eine Frau und weiß es aber nicht. Sam ist der wahre Joker. Der ist in Humph verliebt, aber Sam ist ein Android und kann nur dieses eine Stück spielen und das kann Humph nicht mehr hören und deswegen verlässt er ihn und so gerät er an Ingrid, die ja eigentlich…, aber lassen wir das. Die Logik tauscht Klamotten aus und macht was sie will. Wie üblich. Ich lasse das lieber mit dem alternativen Happy-Ende. Play it again, Sam…

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9 Kommentare zu “Play it again, Sam

  1. Groby sagt:

    Ja, ich lebe auch in so einer abgefuckten Bude. Ich habe mein ganzes Geld für eine massive Panzertür mit Stahlbolzenschloss und eine Heizung im Keller ausgegeben, das hat am meisten geeilt, sonst wäre über den Winter noch Gemüse totgefroren und man hätte mir mein letztes Hab und Gut aus der Wohnung geräumt.
    Was ich sicher weiß ist, dass kein Einbrecher rein kommt, auch wenn es aus meiner Bude gelegentlich stinken mag.

    • karfunkelfee sagt:

      Also, Groby…wieso nicht Grobi…?
      Sesamstraße….weißt schon, der nette Grobi, bisschen tollpatschig manchmal…

      Und wieso auch…?
      Ok,Schöngeist, Du peliepst das Wort abgef….fffffurioso!!!
      Ich tu mal so.

      Bei mir stinkt nix, außer ich koch Kohl, ibähpfuikappes…wiestinkt….puuuh!

      Panzerstahlgegossen…eine Wohnungstür?
      Mann…ich verstehe..das ist
      Echt aber negativ abgefffff….(jetzt geht das schön wieder los, ähnäää!)

      Das tut mir Leid.
      Unser Haus ist nicht schön,
      hab aber nette Nachbarn.
      Ich finde Türkisch schwer.

      Lieben Gruß,
      Gül y bülbül

  2. William M. Neuhaus sagt:

    Was eine Ewigkeit dauert, MUSS etwas mit dem Tod zu tun haben.

    • autopict sagt:

      Was mit dem Tod zu tun hat, verführt zu nicht reflektierten Aussagen?
      Weil: am Ende steht die Angst?
      Umgekehrt funktioniert das: was mit dem Tod zu tun hat wird mit Ewigkeit gedeutet. Das ist wie einfache Mathematik, durch Null teilen geht nicht.

      • karfunkelfee sagt:

        Kannst Du irgendwo im Text außer Vergänglichkeit einen Bezug zum Tod herstellen?
        Ichnich…
        da kannst du mal sehen, was die Leute alles in meinen Texten finden….

        Wer in einer Bohnensuppe Birnen sucht, ist gedanklich entweder schon beim Kompott angekommen, oder aber er befindet sich in Westfalen und isst Blindhuhn.
        Wer etwas finden will in etwas, der findet es auch.
        Entweder pessimistisch oder optimistisch, jedem wie es gefällt.

        Lieben Gruß von der Fee

    • karfunkelfee sagt:

      Der Tod ist der Tod ist der Tod ist der Tod in jedem scheinbar ewig währenden Morgenrot und muss schlussendlich werden.
      Hm.
      Nix Neues im
      Westen.

  3. autopict sagt:

    Das ist kein lustloser Text, weil er sich entwickelt, wie der Tag, das Kind, das Leben. Er beginnt lustlos, deshalb gefällt mir der erste Satz so gut, und dann peitscht ihn die menschliche Neugier, die Sinne voran um furios zu enden in Play it again Sam.
    Genial, diese Entwicklung in dieser Dynamik. Das wäre eine Fotostory wert.
    Vielleicht lesen wir noch die Fortsetzung?
    Play it again Fee!

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