Zehn Zeichen: Wunderwelt

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Am späteren Morgen
die Frau am Bildschirm
auf die Frage nach
dem Passwort
verzweifelt verneint
das System blockiert
in Raumes Kälte
die Frau unvermittelt
friert, dabei weint.

Ein paar Straßen
weiter ein Mann sein
Auto parkt und dann
ein Stück die Straße hoch
dem Schulkind sagt
seine Mutter habe ihn geschickt
es solle mit ihm kommen
es ginge ihr schlecht
drum war ihr sogar recht
einen Fremden zu schicken
Komm mit mir!
Befiehlt der Mann
fasst das Kind am Arm
doch es ziert sich
schaut ihn
geradeaus an und fragt:
Passwort?

Der Mann beginnt
unvermittelt zu frieren
als er die Frage
unwissend verneint
stellt er fest,
dass er verzweifelt
weint
indessen das Kind
hellwach mit allen
Sinnen
nutzt den Moment
und läuft so schnell es
kann, von ihm fort.

Die Frau
am Bildschirm
stellt die Heizung
höher ein und
schreibt in das
schwarz umrandete Passwortfeld
zehn Zeichen:
Wunderwelt

Magie Noire – Impression Obscure

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Zartbitter Edelherb
auf dem Kopfkissen
verbindet sich
mit Tränenflüssigkeit
windet sich
träge den Hals
hinunter
sickert ins Laken
sammelt sich im
Auffangbecken Nabel
darunter zuckend
die Hüftgabel
vertraut
das Fleisch
pochend im Dunkel
schmelzend
schwarz in
in magie noire
gehüllt
einstmals stark
kurz aufgeglüht
dann wieder
erkaltet
sich gleich
grauer weicher Asche
schokoladenüberzogen
in eine
fließende Form
brachte
wie Wasser
sich mit
allem vermischte
die Konturen
der Dinge verwischte
das bloße Innere
wie das süße Äußere
als Bittersalzrückstand
auf Haut und Zunge
hinterließ
noch der Blick
der von soeben
erschrocken
übrig blieb
die enthäutete Mimik
die geliebte Maske
achtlos
in einer Ecke
des Zimmers
in dem noch
immer jene
impression obscure
anwesend ist
den Körper besetzt
hält
bis zum
ergebenen Schrei
noch
immer dieses Vage
Unbeschreibliche
irgendwann
lässt auch dieses
sich sein.

Alles bewegt sich

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<br /

Alles bewegt sich
auf den Feldern
die gelben Ährenmeere
werfen Wellen
am Himmel treiben Vögel
sie werden im Wind herumgeworfen
wie schnell atmende Federbälle.

Die Bäume am Hang
bilden tiefgrüne sommermüde Wälle,
ächzend unter der Laublast halten sie dem böigen Wind stand,
der Asphalt ein graues Band, auf dem der Staub tanzt,
der feine Kies,
der unter den schmalen Reifen reibt,
das pochende Herz,
ein und ausschlägt
gegen die Rippenwandungen
in der
rauschenden Brandung
des Blutes,
der Schweiß
der trocknet,
noch bevor
er sich als
feiner salziger Film
auf die Haut legen kann.

Augen hin- und herwandern,
die Umgebung erkunden,
ein Sinn unterstützt den andern,
kühl der Fahrtwind
in Reibung auf
erhitzter Haut.
Tränen fliegen
aus den Augen,

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Alles bewegt sich,
auch das Licht,
das unter
den Wolkenschatten sonnengefingert über die Berge streicht
so dass ihr Grün beweglich scheint
als wanderten
selbst die Bäume
und mit ihnen der Blick,
in wieder neue Perspektiven
hügelige blauschattierte
Steilvorlagen
in der Ferne
den veränderlichen
Horizont säumend.

<br />
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In den Augusttagen

Da liegt das Land
sattgrün unbemannt
steht Mais mannshoch
unter fahlem Himmelblau
dunstig weiß
schwirren Wolkenfelder
ungenau
lehmgelbgrau
verlaufen die Wege
umpflügen Felder
umsäumt von Birken
des Windes
Schattenbewegungen
Welt wiegt sich leicht
wie trunken
in der Wärme.

Allererste
Herbstfarben
dunkleres Grün
unter rostigen Blätterspitzen
die überbelichteten
hellen Sommerwiesen
nachgedunkelt
der trockene
staubige Juli-Waldgeruch
nun übersättigt und schwer
in Gärung
das Kiefernadelmeer
wo kommen jetzt
die vielen Krähen her
in dunklen Schwärmen?
wo waren sie
noch vor
ein paar Tagen
und all die heißen
Wochen zuvor?

Herbstfragen?
Nein,
erst noch
die Spinnwebfäden
silbern schwebend
erst Herbstzeitlosenblau
Altweiberträume webend
die Farben noch voll
noch vorm Ergrauen
zarte filigrane Netze
im Gras,
noch feucht
von Morgentau

Erst Laurentius‘ Tränen
auf lila Astern
die späten weißen
Lilien auf dem Felde
auf das Sommerland
das den Atem anhält
während Sternregen
vom Himmel fällt

in den Augusttagen.

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Später träume ich

Der hochstimmige Wind
singt im Mastenwald
klingt wie ferne Flöten
wie Schellen die Flaggen
schlagend gegen die
schlanken Segelbäume
weit hallend
über dem nächtigen Pier
leises Wellenschlagen
gegen hohle Bootskörper.
Mondlicht meine nackten
Füße auf den Holzplanken
bis an die Wade übergießt
Silberweg
über Hafen und Wasser fließt
still und unbewegt
der nahen Schleuse
steinerne Schranken

Meine zögerlichen Schritte
wie sie schwanken
ich kenne den Weg
die Namen
der schlafenden
Boote
finde ich ins Richtige zurück?
ich zögere und zweifele
am schmalen Steg
soll ich es wagen?
Am Tag dies alles hier
vertraut noch schien
nun in der Dunkelheit
ein laues ein flaues Gefühl
ich allein auf dem
nächtigen Pier
meine Füße
wie weißsilberfische
im Mondschein
ich ahne es
hier muss ich
nun sein
gohei no michi
den Weg zurückgehen
unbeirrt
allein.

Als ich
das Ziel gefunden hatte
wusste ich,
es war die Vergewisserung,
umdrehen zu können
jederzeit
auch wieder fort
von Licht, Wärme und Geborgenheit
zurückzugehen
den Weg in den Namen
schlafender Boote
zu suchen, das Richtige
auch blind
im Gesang seiner
im Wind
schwingenden Masten
wieder zu erkennen
wie eine Mutter ihr Kind
die kalt glänzende Reling
vertraut zu berühren
als könne dies
den Sprung
vom Pier
auf die Bootsplanken
aus schierem Teakholz
den Schwung
meines Körpers
so führen
dass meine Vorsätze nicht
im Unvertrauen
und der Angst abzurutschen
ins Wasser fallen könnten
oder auf Grund sanken.

Über mir,
im Wald der Mastbäume
spielt hochstimmig
Nachtwind
vom Meer zieht
ein heller Streifen Grau
langsam zwischen
dunkelvioletten Wolken
ich traue mir, der Nacht
ich hab an sie gedacht
da hat sie mich
schwarz mysteriös
von möwen beseelt
sicher zurück
auf das schwankende
Boot gebracht
später träume ich
vom Gesang des Windes
im Wald der Masten
später träume ich…

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