Reminiszenz an den Sommer (aus den Geist(er)geschichten)

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Der Tag beginnt mit Vogelstimmen wie im Frühling. Duft gemähten Grases, übersät von gelben Ahornblättern.
Die Luft kühl und feucht vom Morgentau, prickelt in der Nase. Schwarzer heißer Kaffee mit Milchschaum, pastellös verhaltenes Morgenerröten im Osten. Es fröstelt im Nacken, Wind von Ost, Ahnung von Herbst. Der Wald fault, herb, modrig-süß und doch bitter beim Einatmen. Herbst nimmt den Mund ein wenig zu voll, bis hin zur Übergärigkeit. Genuss bis zur Überforderung, bis es kippt zur Winterstille hin.

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Doch heute noch einmal das Versprechen des Sommers, dass er unvergessen bleiben soll in seiner Wärme, unbeschwert, Unvergänglichkeit gaukelnd, überschäumend von Leben, wenn Winter von Leben eisig noch träumt.

Könnte ein Rennrad wiehern, dieses täte es. Es rollt von allein den Berg hinauf, zottelt durch ein paar kleine, noch unbekannte Straßen, der frische Wind streicht um die nackten Beine, die bloßen Arme, kommt mal von der Seite in Böen, drückt gegen das leichte Rad, stemmt sich dagegen wie ein Kind, das ein anderes Kind abdrängen will, um jeden Preis.

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Gelbe Felder ziehen vorbei, es duftet nach Heu, dann nach Kuh, ein Stück weiter waldwürzig nach Kiefern, dann Häuser, Abgase, eine Knoblauchfahne aus der Pizzeria rechts, vorbei und hochkriechen den Berg, diese Straße da nie gefahren, dafür jetzt belohnt von üppigem Rosenduft schwer von Süße, sinnenverwirrend, eine ganze Hecke, direkt um die Ecke.

Anhalten und eine Weile, die so lang und weit sich dehnt wie eine ganze Sommerzeit dauert, staunend den duftenden Moment einatmen und nicht mehr hinauslassen bis die Lungen volltrunken sind von Herbstrosenseligkeit und sich wieder nach Abwechslung sehnen.

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Die Septemberwärme, diese Illusionistin, die selbst die Vögel verwirrt, so dass sie zilpzalpen amseln und finkenschlagen wie im Frühling, veranlassten den auf Vollherbst schon eingestimmten alten Apfelbaum ein zweites Mal schneeweiß zu blühen. Seine diesjährigen Früchte liegen wurmzerfressen und verrottet zu seinen Wurzelfüßen. Hoffnung lässt neues Leben grüßen…

Die Straße kurvt hinunter, fette grüne Wiesen rechts und links, der Wind pfeift in den Ohren, fast sechzig schnell. Ein Gefühl wie zu fliegen. Landschaft verschwimmt, zieht in chlorophyllinen Grünschattierungen vorbei, die Straße ein graues Band, die Stille, der Wind, die ständig wechselnden Gerüche im Gefühl von Leichtigkeit.

Quer durch das Tal, ein Auf und Ab, der tiefe dunkle Räuberwald. Dunkelgrün gefiltertes Licht, die Sonne tief, die Hänge rechts und links voll von schwarzen Schatten. Waldvögelechos von irgendwoher. Sonst Stille bis auf das helle Reiben der schmalen Reifen.

Dann wieder Felder und waldige Berge, kleine Straßen, die zu vereinzelten Häusern oder Gehöften führen. Ein Falke auf einer Stromleitung thronend. Keine Spur von Angst. Stolzer Vogel.

Die Stille, nur dieses Surren in der Luft, fein hoch und klar, jener Ton, der erzeugt wird, wenn sich Insektenflügel an der Luft reiben.
Über dem Wiesengrün buntes summendes Treiben.

Dort eine Weile liegenbleiben, in den Himmel sehen, Wolken beobachten, ein Gewitter zieht auf, es ballt sich kumulativ im Osten. Oh oh…

Vor ihm herradeln, so schnell es geht und dann die lange Abfahrt, während der aufgefrischte Wind im Rücken steht und schiebt, als sei er in die Geschwindigkeit verliebt, feiner Regen, Donnergrollen, es drückt nach vorn als säße auf den Fersen der Zorn des Allmächtigen.

Tief gebeugt gegen den Luftwiderstand antreten und ab nach Hause, in den Stall. Es riecht nach Gewitter, Vögel schweigen, autoleere Straße, noch immer Sommerwärme in der Luft spürbar.

Später am Fenster stehen und den Nebelgestalten bei ihrem Tanz um den Berg zusehen.
Cappucchino mit Milchschaum in den Händen, die Haut noch leicht gebräunt, eine Reminiszenz an den Sommer.

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15 Kommentare zu “Reminiszenz an den Sommer (aus den Geist(er)geschichten)

  1. Liebe Fee, wenn ich nichts aus deinem Text gelernt haben sollte, eine Sache aber doch: Ich habe vor Jahren das falsche Rennrad gekauft und gefahren. Du schreibst: „Könnte ein Rennrad wiehern, dieses täte es. Es rollt von allein den Berg hinauf, “ – Das nicht-wiehern-können hätte ich ihm ja noch verzeihen können, denn ich hätte mich ja auf ein Pferd setzen können, aber die zweite Tatsache hat nie nicht niemals geklappt – im Schweiße meines Sturzhelms musste ich hinauf und in der Freude des Gegenwindes wieder hinunter.
    Und tschüss sage ich

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Clara,

      Die Gangschaltung hat 22 Gänge. Die größte Herausforderung für mich ist, sie so gut kennenzulernen, dass ich bei allen geographischen Anforderungen die ideale Trittfrequenz für mich herausfühle, das dauert….
      Zigmal habe ich mich am Berg schon verschaltet oder bin zu schnell hochgefahren, alle Puste weg…

      Mit dem Rad nach ich mich vertraut, schaue, wo seine Eigenarten stecken, versuche es besser kennenzulernen.

      Letztlich macht das Fahren zu viel Spaß und wenn die Steigung beim zweiten Mal und danach immer besser gelingt, ist das Bergabgefühl umso genussvoller…

      Also gib nicht auf..😊👍

      Einen lieben Gruß und Dank fürs Hiergewesensein und lesen….

      von der Karfunkelfee

      • Ach Fee, mein Rennrad habe ich vor langer Zeit verkauft. Parallel hatte ich ein Herren-Trekkingrad mit einer 21er Gangschaltung. Egal, wie gut ich geschaltet habe, anstrengen musste ich mich bergauf immer. – Und jetzt habe ich ein Damenrad, mit Freilauf und einer 8er Nabenschaltung – ist recht gemütlich, aber diei Trainingszeiten sind vorbei.

      • karfunkelfee sagt:

        Na ja…strampeln gehört dazu, stimmt. Und ja, jede lange oder steile Steigung strengt an. Doch immer, wenn das Herz schneller wird und die Luft eng weiß ich, dass beim nächsten Mal hochfahren mein Herz wieder etwas weiter geworden ist und es mir dann nicht mehr ganz sobschwerfällt. Tageskonditionsabhängig ist das auch…
        Solange Du Dich auf Deinem Rad gut und wohl fühlst, ist es das Richtige, denk ich.
        Es soll Spaß machen zu fahren, darauf kommt es ja an…

  2. Herr Ärmel sagt:

    Rechtfeinen Dank für die stimmungsvollen Mitteilungen gesäumt von schönen Bildern…
    Sonntagnachmittäglichgrauhimmelträge Grüsse aus der Stadt/a.M.

    • karfunkelfee sagt:

      Herr Ärmel, das ist aber schön, dass Sie meinen Blog besuchen…
      …und ich freue mich, dass meine Spätsommerstimmungsbilder in Ihre sonntagnachmittäglichgrauhimmelträge Stimmung ein wenig Sonne und Wind transportieren konnten. Heute nebelregnete es auch bei uns und ich dachte, ich sollte es auf einen Versuch ankommen lassen und dem Sommer einen Text widmen. Zwei Stunden später schien die Sonne, welche Wonne…

      Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend.

      Fledermausumschwirrte Abendgrüße aus dem Teuto
      von der Karfunkelfee

      • Herr Ärmel sagt:

        Och, ich bin öfter mal stilleschweigend hier zugange…
        Ihr Versuch ist Ihnen jedenfalls bestens gelungen.
        Käsebrotundäpplerverzehrendfreudignachmittägliche Grüsse aus der Bembelstadt

      • karfunkelfee sagt:

        Ah..ein Stillundleiseleser, das mache ich auch gern und in diesem Zusammenhang kann ich ruhig zugeben, dass ich auch schon länger gern und immer wieder in Ihrem Blog herumstöbere- blättere, -flattere und -lese, als ich dort etwas sage.
        Dafür jetzt um so lieber.

        Käsestullen sind was Feines, Äpple sowieso…

        Viele Grüße aus dem Teutowald
        von der Karfunkelfee

      • Herr Ärmel sagt:

        Teuto und Äppler – und überdies Äppler gut finden /// ?? – – wie geht das zusammen?? Ich staune und staune
        Nachmittäglichabgeschafftmatte Grüsse aus der betriebsamen Stadt

  3. finbarsgift sagt:

    In Gedanken bin ich mit dir zusammen das alles nochmals abgeradelt – unterstützt durch deine feinen Fotos gelingt mir das ganz einfach, und durch diese zauberschönen Poesiezeilen…

    …ja, liebe Fee, irgendwann kommt unweigerlich die rennradellose Zeit, mach dich früh bereit, und bereite auch dein Rad gut darauf vor, denn sonst werdet ihr unnötig weinen müssen…

    liebe Morgengrüße
    vom Lu

    • karfunkelfee sagt:

      Ach, Lu…ja, an die Zeit, in der es zu kalt wird zum Fahren, denk ich in der Tat ungern…ich bin dankbar für jeden noch schönen Tag, den ich fahren kann und Zeit dafür ist ja auch nicht immer…

      Fein, dass Dir meine Teutotour gefiel, hab Dich gern mitgenommen…kann ich den Gepäckträger denn jetzt wieder abschrauben vom Rennrad…? 😉

      Bis zum nächsten Mal und ganz lieben Dank fürs Hiergewesensein und Lesen
      und herzliche Grüße
      von der Karfunkelfee

  4. Liebe Karfunkelfee,
    ich habe heute auch wieder meine Verblumigungsauslieferungstour mit dem Altneudrahteselinchen gemacht und freute mich über einen Minimalsonnenkuß, winkende Automobillenker und lachende Fußgäner. Und jetzt lese ich hier noch so eine feine Teutotour. Grüße nach nebenan, Ihre Frau Knobloch, gen Räuberwald winkend.

    • karfunkelfee sagt:

      Die Karfunkelfee ist heute noch nächtens auf Freiflug und freut sich zu später Stunde über die knobloch’schen Originalgrüße, sie sind so besonders wie das Altneudrahteselchen und die Blümchen, die die Karfunkelfee so mag.

      Ich hol mal dankend zurückgrüßend aus dem vor Nebelnässe triefenden Mittelgebirgszug eine Heckenrose vom Weg, die tatsächlich noch knospt, statt zu butten wie der Rest.
      Ein Hauch Frühlingshoffnung findet sich beinahe immer, er will nur gefunden werden, auch gesichtsstreichler in sonnenfingriger Form gehören dazu…

      Ganz herzliche Grüße
      von der Karfunkelfee und…
      herzlich willkommen…
      ich freu mich nämelich…sehr…
      😊

      • Die weiße Heckenrose beim Haus am Ende des Weges, sie knospt und blüht und verlängert so die Pupillenkusssaison. Freundliche Spätsommersonnengrüße und danke fürs Willkommenheißen, Ihre Frau Knobloch.

      • karfunkelfee sagt:

        Pupillenkusssaison. Allein das zu schreiben, schmeckt süß…
        Die wilden Rosen lassen sich das Dauerblühen nicht wegdomestizivilisieren.
        Wie schön…😊

        Herzlichst aus dem Regen grüßend,
        Ihre Karfunkelfee

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