Naturs Dank

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Es war ein windiger Tag. Ich erinnere Sonnenstrahlen, noch fahllippig die Haut im Gesicht streichelnd. Die Farben eher zurückhaltend, die Blumen zurückgewichen bis ins äußerste Braun, tief ins Wintergras verzogen. Die Kälte biss mir auf die Lippen, ich zeigte ihr meine Zähne, zusammengebissen, auf entspannte Gesichtsmuskulatur bedacht, doch es zog sich alles zusammen, wenn der Wind mir kalt in die Augen rieb, Eiskristalle im Atem.

Der Weg war wie immer und doch nicht, denn nie ist er derselbe, auch wenn es in den äußerlichen Orientierungspunkten so scheinen mag.
Ich lief stramm vorweg, trank das verwischte Licht in mich hinein, richtete mich nach der zurückhaltenden Sonne aus und suchte die Strahlen zwischen den Bäumen im lichtgefleckten Laub. Mein Herz wog Tonnen. Es zog mich, stehenzubleiben, innezuhalten, auf das Geklopfe lauschend, das näher kam in meinem Vorwärtstrab und ich wollte den schüchternen Buntspecht sehen, der eine Föhre attackierte, sich unbeobachtet glaubte.

Ich dachte an etwas anderes, es liegt weit unter Zeit vergraben, eine Art Gefühl warmer vertrauter Zärtlichkeit mit scheuen Wesen, die misstrauisch in die Welt äugen und sich hoch in Baumwipfeln klopfend verstecken.

Ich konnte ihn sehen, hatte mich herangeschlichen an ihn und sah wie er die Rinde höhlte, fand, innehielt , aufs Neue klopfte, versunken in sein Tun, das laut den Wald durchdrang, zwischen Stämmen sein schnabelspitzer Echoklang.

Ich achtete auf den Boden, kein Geräusch zu verursachen, leise zu sein, damit ich ihn nicht verjage.

Ich wurde belohnt – er blieb und sah mich sogar, doch klopfte unbeirrt weiter.

Zwei huschende Rehe in der einsetzenden Dämmerung.
Im Wald, wenn die Vorhuten der Schatten sich beginnen in das Licht zwischen die Bäume zu legen wie eine Anthrazitdecke, wenn es geschäftig wird bei der letzten Nahrungssuche vor der Nacht, das Huschende im Moos, gleich neben dem alten Fuchsbau, nahe dem Wasserreservoir, wird der Wald hier weit und ohne Grenze zu durchwandern.
Weiter als der Navigator im Kopf die Wege kennt. Der Radius vergrößert sich mit jedem vorsichtigen Erweitern des Gekannten um neue Wege, immer ein Stückchen entfernter, immer ein wenig weiter weg, immer länger die Wanderungen mit dem Herzen, das vorangaloppiert in der Ahnung künftiger Gedankenkapriolen.

Die Rehe gehen vorsichtig, einen Fuß vor den anderen setzend, Blume an Ohr durch den Wald, sie flanieren gut getarnt, ihr Weißes scharf konturiert gegen das Zwielicht. Ich hoffe auf den gnädigen Wind, traue mich kaum zu atmen, so schön sind die Beiden in ihrer Unbedarftheit anzusehen.
Sie riechen mich nicht, laufen an mir vorbei, rechts vor links hat Vorfahrt, denke ich und lächele ihnen hinterher, bin letztendlich in meinen rastlosen Gedanken belohnt worden, indem ich stehenblieb in ihnen, abwartete, vor mich hinfror, mir gern den Kragen aufgestellt, mir gern die Arme an den Leib geschlagen hätte, von einem Fuß auf den anderen tretend, wäre es sicherlich ein leichteres Warten gewesen, ein wärmeres, ein gesünderes.

Doch ich wusste, wenn ich sehen und fühlen wollte, musste ich all dies Stillestehen aushalten, ertragen, die Kälte, den Frost, den Wind, meine kalten Füße, die klammen Hände, noch überrascht an meinen Seiten hängend, mit geöffneten Augen, in denen die Tränen zu gefrieren drohten.

Ich wurde belohnt von den Waldbewohnern, den scheuen Wesen, die keine Angst zeigten, sondern mich akzeptierten als Teil des Ganzen, als etwas völlig Normales, das in die Natur gehört wie ein Baum, ein Specht oder zwei Rehe oder das Moos, die Vögel und die Luft, die immer noch nach Tannennadeln des Herbstes riecht, so ohne Schnee.

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8 Kommentare zu “Naturs Dank

  1. Sie rauben mir meine Worte, liebste Karfunkelfee. Kennen Sie das Gefühl, eyschreien zu wollen, weil man sich in den Buchstaben zu spiegeln meint? Ach, was frage ich, natürlich kennen Sie dieses Gefühl. Es ist nach dem ersten Schreckathmen ein unglaublich inniges, warmes. Als hätte sich jemand anderes still in das Sein und Denken geschmiegt. Und dann liest man so einen Text nochmal und das eigene Denken setzt wieder ein. War man nicht selbst schon der Specht, der kopfschmerzresistent wieder und wieder nach Silben in der hartholzenen Welt suchte? Oder ein Zartreh, stets fluchtsprungbereit? Und wer ist mir da begegnet auf meinen Wegen und hat mir Stille geschenkt?
    Ach, liebe Karfunkelfee, Sie sind mir ein Wortgewunder. Herznah, die Ihre.

    • karfunkelfee sagt:

      Ja, Frau Knobloch, das Gefühl kenne ich und ich bin so dankbar, wenn ich so etwas lesen darf…als spielte jemand mit Gedanken in meinem Kopf und kleidete sie in seine ureigenen Worte und Gefühle ein…
      …das bei jemandem ausgelöst zu lesen, der Text als Brücke…
      das ist wie ein Lächeln auf eine Frage ohne Antwort, nahbei und es tut gut…
      Der Specht kommt im Winter näher, manchmal bis zu den Häusern am Waldrand.
      Ich stand gegen den Wind, hatte Glück mit den Rehen…
      ich möchte Worte finden und dankbar sein, weil ich wo wohne, wo es so schön ist wie hier und es waren Menschen wie Sie, die mich dazu animierten mit ihren Texten, ihren Bildern und es ist Vergnügen mit und in beidem mitzugehen in unbekannte Landschaften und Städte…
      die ich ansonsten nie sähe oder beträte.
      Der Mensch schimmert durch den Text, Sie…wortsinnlich tieftrunken und selbst wenn es ernst wird, spielend mit den Bedeutungen, das ist etwas sehr Individuelles und Persönliches und es charakterisiert Sympathie.

      Hm…langer Komm…zu lang…hm…
      Nein…wollte alles gesagt sein.

      Danke…ich zweifele nämlich auch manchmal.. und denke über alles mögliche nach…
      darum heute und hier genau richtige Worte.
      Gutmutdingelchen…✨

  2. finbarsgift sagt:

    Mutter Allnatur liest und liest und lächelt und lächelt 🙂 🙂 🙂

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