Im roten Schatten an der Wand

2015/01/img_6919.jpg

Das war damals, als sie noch darauf gewartet hatte, dass dieser Anruf kam, der dann auch kam, doch ein ganzes Jahr später erst. Und nun blinkte der Anrufbeantworter, dieser pragmatische Phrasendreschflegel komprimierter Höflichkeit und signalisierte ein geisterhaftes Lebenszeichen aus einer, wie sie meinte, längst schon vergangenen Zeit, die sie für immer gewesen glaubte. Einer Zeit, die sich immer noch nicht gut von ihr berühren lassen konnte, weil sie ihr allzu giftig erschien wie eine obskure Essenz, die sowohl heilen konnte im Kennen ihres Maßes wie auch vergiften, im Unmaß des Rausches.

Der Anrufbeantworter schüttete sein zuckendes rotes Licht an die Wand, die dämmrig am Abend ihr spärliches Weiß in den unschlüssigen Raum lichtete.
Befangenheit mauerte wankelmütige Steine, baute Festungen auf Felsspitzen über tiefschwarzen Abgründen, die, in diffuses Sepialicht getaucht, wie eine weichgezeichnete Qual im roten Schatten an der Wand widerhallten in den Echos erkalteter Gespräche und Worte, die sich in der Beliebigkeit des Alltags entfühlt hatten in leere leichte Hüllen, die Überbleibsel einer Metarmorphose, deren Geschöpf längst ein eigenes Leben zu führen gelernt hatte.
Im roten Licht wartete die Botschaft, Zahl für Zahl so vertraut wie das Klingeln des Telefons, das sie verpasst hatte in ihrer Abwesenheit.

Advertisements

10 Kommentare zu “Im roten Schatten an der Wand

  1. Wolfgang sagt:

    Philippa Marlowe zog mit der linken Hand eine filterlose Zigarette aus halbleeren und leicht zerknitterten Schachtel auf dem kleinen Tischchen neben dem alten Polstersessel, der seit gefühlten hundert Jahren nicht von der Stelle bewegt worden war, und griff zeitgleich mit der rechten Hand in die linke Innentasche ihres nassen Regenmantels, von dem es unaufhörlich auf den verstaubten Teppich tropfte, um das glänzende Benzinfeuerzeug hervorzukramen, das ihr schon einige Male das Leben gerettet hatte und das davon etwas zerkratzt war, das aber trotzdem noch einwandfrei funktionierte. Der metallene Klang des Feuerzeugdeckels durchbrach kurz die Stille und das helle Flackern warf für einen Moment einen großen Schatten an die Wand hinter ihr, von der die Tapete an manchen Stellen herunterhing, weil sie bei dem Malheur mit der Badewanne des Mieters über ihr vor 2 Wochen noch feucht war. Sie nahm einen tiefen Zug, während das orangefarbene Leuchten der Glut drei oder viermal vom Blinken des roten Lämpchens am Anrufbeantworter begleitet wurde. Sie überlegte kurz, ob die Flüssigkeit in dem halbvollen Becher neben dem Telefon wohl der Morgenkaffee von heute oder von gestern war, blies dann den Rauch kräftig und bestimmt in Mitte des stickigen Zimmers, machte ein paar Schritte in Richtung der roten Lampe und drückte auf den Knopf.

    • karfunkelfee sagt:

      Mensch, Wolfgang…sag mal was dazu?
      Philippa Marlowe.
      Oh, je…Finden Sie Mabel!

      • Wolfgang sagt:

        Dann die Stimme aus dem kleinen Kasten, eine sympathische Frauenstimme, deren nüchterne Botschaft aus einer vorgegebenen Standard-Floskel, einer aus einer Reihe aufgezeichneter Zahlen herausgegriffenen Instanz und einer Schluss-Klausel bestand, die in der Einzahl noch um zwei herausgeschnittene Buchstaben verkürzt war. Ihre aus diesen Bestandteilen zusammengesetzte Nachricht klang wie die akustische Version eines Erpresserbriefes, bei dem aus verschiedenen Zeitschriften Wörter und Ziffern aus ihrem gewohnten Umfeld herausgerissen, neu zusammengesetzt und in sinngebender Reihenfolge auf einer anfangs noch leeren Fläche festgeklebt wurden: „Sie haben EINE neue Nachricht.“

      • karfunkelfee sagt:

        Wolfgang!

        Mach weiter…
        jetzt wird es gerade spannend…✨

  2. bruni8wortbehagen sagt:

    *lach*, das hat er gut gemacht.
    Jetzt muß ich schnell mal Deinen Text lesen, liebe Fee

  3. bruni8wortbehagen sagt:

    oh, nun kam der Anruf, er kam zu spät. Ein Jahr war vergangen und vieles war passiert. Sie war ein anderer Mensch als damals, als sie noch wartete und es war immer vergebens.
    Nun war es zu spät, sie hatte aus dem Schweigen gelernt und sich aus ihm erhoben, war ihm entflohen und brauchte diesen Anruf nicht mehr.

    Es gab anderes zu tun und das war gut so…

    Ein guter Text, liebe Fee, und in ihm stecken viele Geschichten.
    Wolfgang hat gleich eine beigesteuert 🙂
    Ich sah sofort Humphrey Bogard vor mir im lässigen Trenchcoat

    • karfunkelfee sagt:

      Kam er wirklich zu spät, der Anruf?
      Eine mögliche Variante, doch vielleicht bräuchte sie nur Geduld und ausreichend Mut, um eine solche Nachricht aus dem Off anzuhören und dann zu überlegen, wer nach ihr fragt. Und warum. ..?Solche Dinge…
      Es klänge versöhnlicher und geduldiger als ‚zu spät.‘

      Zu spät ist das Leben, wenn der Tod da ist.
      Alter Karfunkelfeespruch…✨

      Im Leben ist es für viele Dinge immer irgendwann einmal zu spät und es ist traurig und schade genug, dass dies so ist und oft gesundheitliche Gründe hat.
      Doch…für Zuneigung, Liebe und den Wagemut des Herzens, sollte es nie zu spät sein,
      denn für so vieles ist es für uns kräftemäßig, sachzwangbedingt viel zu oft zu spät, doch Sympathie oder nicht, dies zu entscheiden, darin dürfen wir doch frei sein, oder…?
      Was meinst Du…?

      Und danke, für deinen einfühlsamen Kommentar- oft ist es ja leider so…dass es eben doch zu spät ist und so, wie Du es beschreibst…
      so schade, wenn sich welche noch was bedeuten an Menschlichkeiten und Unsicherheiten aneinander scheitern.

      Viele liebe Grüße von der Karfunkelfee

    • karfunkelfee sagt:

      Wolfgangs Geschichte ist klasse.
      Der hüllt sich in Schweigen…
      ich könnte ja seinen Text nehmen und meinen und Philippa Marlowe und dann…✨😎

  4. eu51 sagt:

    OBRIGADO POR SEGUIR MEU BLOG UM GRANDE ABRAÇO

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s