Mauerfall

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Ich dachte an all die Zerwürfnisse, die Schweigezeiten, all die verschenkten Jahre, die wir uns damit aufhielten, menschlich zu sein, beleidigt, zornig und unversöhnt.
Vieles kam nach oben.
Das Glück der letzten Zeit, das Schlüssel-Gespräch, in dem ich am Ende aller Vorwürfe, der unausgesprochenen Erwartungen in den stillen Hörer, in die sich atmosphärisch überlagernden Interferenzen hinein fragte, eher generell und nicht direkt an dich gewandt:
Wieviel Zeit haben wir?
Wieviel Zeit im Leben halten wir uns auf mit unseren albernen Menschlichkeiten?
Wie lange wollen wir uns noch einander verweigern, obwohl wir wissen, was wir aneinander sind und haben?
Wie lange noch?
Ich verstehe das alles nicht!

Danach war ein paar Tage Schweigen, denn keiner von uns beiden war in der Lage, auf die Fragen eine gute Antwort zu finden.
Sie hallten in unseren Köpfen, unterzeichneten Visa, Asylbewerbungen und Ausreisegenehmigungen, sprachen sich mit der anderen Regierung in heimlichen Telefongesprächen ab und öffneten in Abstimmung mit dem gemeinen Volk und Bürgern, endlich, nach vielen Jahren der Trennung eines Reiches, die Türen in der Grenzmauer.
Nicht ein Steinchen taumelte in schwerstem Fall oder brach Löcher in Fundamente, niemand wurde gejagt und auf der Flucht vor sich selbst standesrechtlicherschossen. Wo die Minen lagen, wurde verraten. Das Niemandsland durchquerte jeder und jeder wurde mit jedem bekannt und es trafen sich umarmend Familien und geliebte Verwandte.
Die andere Seite war vertrauenswürdig geworden.
Du sagtest lachend in einem Gespräch, in dem wir über unsere gemeinsame Liebe Berlin philosophierten, mein Ulbricht- Bild ergänzend um unsere eigene Wahrheit:
Es ist nie unsere Absicht gewesen, eine Mauer zu errichten.
Danach haben wir den alten parteiischen Brief einfach zerrissen.

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6 Kommentare zu “Mauerfall

  1. Sehr oft ist es leider so, dass wir uns nicht mit Streiten aufhalten, sondern mit Schmollen, mit gar-nichts-mehr-sagen und die Zeit verstreichen lassen. Ich hasse dieses „unter den Teppich kehren“ – viel lieber soll es richtig krachen, aber nicht harmoniesüchtig irgendetwas zu Tode schweigen.
    Vorwürfe gehen so oft am eigentlichen Kern der Sache vorbei.
    Ich bin mir heute selbst nicht gut.

  2. autopict sagt:

    Allein das Nachdenken über verschenkte Zeit bringt einen an den Rand. Und das dann in die Verschenkte-Zeit-Nachdenk-Ärger-Erneut-verschenkte-Zeit- Schleife.
    Sehr ärgerlich sowas. Ach so, ich wollte sagen, Ausbrechen ist da angesagt. Wie auch immer.
    Froher Gruß aus Schneelandia.

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