In Ungnade

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Eine Nachbarin erzählte ihr von der seltsamen Frau zwei Blocks weiter. Es hatte gestunken, obwohl es so draußen eisig kalt war. Sie hatte nie Freunde, Kinder wohl, aber zu weit weg. Es gab niemanden, nur die Frau und ihre stinkende Wohnung. Immerhin. Drei volle Monate lang bemerkte niemand im Haus in all den anderen menschlichen Ausdünstungen, dass es unter der schlecht schließenden Haustür herstank, da rief endlich jemand einen Klempner.
Ey, die Alte hat sich erhängt und niemand hat es bemerkt.
Erzählte die Nachbarin mit roten Backen vor Aufregung.
Sie fragte, ob die Nachbarin die Frau gekannt habe, sie wohnte schließlich im Erdgeschoss des Selbstmordblocks.

Selbstmordblock,
sagte die Nachbarin langsam und zerrieb das Schlagwort genüsslich zwischen den Zähnen.
Nein, sie hätte sie kaum gesehen, doch wenn, dann hätten sie sich stets freundlich gegrüßt.
Diese Frau habe ein Problem damit gehabt, die Wohnung zu verlassen, sei überhaupt schrullig gewesen, ereifert sich die Nachbarin.
Sie habe vor Jahren immer Weihnachtsplätzchen gebacken und den Nachbarn gebracht. Damals sei sie noch anders gewesen als zuletzt, als sie nur noch, den Kopf gesenkt, schnell durchs Treppenhaus huschte.
Zum Schluss hätte sie kaum noch gesprochen.
Du, stell dir vor,
tippt ihr die Nachbarin einen nikotingelben Finger auf die Schulter,
ich traf sie, es ist noch nicht einmal so lange her. Sie sah so traurig aus und ich fragte sie, wie es ihr ginge, ich weiß selbst nicht, warum ich sie überhaupt angesprochen habe.
Aber glaubst du, die Alte hätte mir eine Antwort gegeben? Sie sah mich nur an auf diese komische Weise, die allen hier unheimlich war. So durchdringend und ohne ein einziges weiteres Wort.
Dann verzog sich ihr Gesicht komisch und sie ging einfach.
Mal ehrlich, was sind das für Freaks, mit denen ich hier leben muss?
Dann bringt die sich auch noch um in unserem Haus.
Als wäre alles andere nicht schon schlimm genug.

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19 Kommentare zu “In Ungnade

  1. Arabella sagt:

    Handelnde werden immer weniger im Zeitalter der Geschwätzigen.

    • Glaub ich nicht. Es wird nur weniger drüber gesprochen. Und doch, vielleicht hast du doch recht, zumindest was die großen Städte angeht. Aus 1001 Grund. Aber, wir alle können ein wenig dagegen tun 💛

      • Arabella sagt:

        Vor einiger Zeit, sass ich auf einer Bank und wartete auf den Bus. Auf der Bank waren noch 2 Plätze frei. Ein junger Mann setzte sich neben mich, warf meine neben mir liegende Handtasche zu Boden und spukte nach mir.
        Ich befand mich an der Zentralhaltestelle einer Großstadt, umgeben von Menschen.
        Keiner hat erwas getan.
        Ich stand auf und ging weg, um Schlimmeres zu verhindern.
        Einen Mann, im Alter von ca 60 Jahren habe ich angesprochen und gefragt, warum er mir nicht geholfen hat, obwohl er sah.
        Ein verdutzes Wegschauen war die Antwort.
        Und das, liebe Mia, ist nur ein Beispiel.

      • karfunkelfee sagt:

        Solche Erlebnisse erschrecken ganz schön….
        Auch als Kind erlebte ich sowas immer wieder- es ist ein altes Problem, leider…die Sache mit der Zivilcourage.
        Der Sechzigjährige hatte wohl Angst. Da wurde doch mal einer totgeschlagen, weil er helfen wollte….
        Andererseits hat heute beinahe jeder ein Handy. Es ist einfach, versteckt den Notruf zu wählen, bevor eine Situation eskaliert, wenn die eigene Kraft vielleicht nicht ausreicht….

      • Arabella sagt:

        Das war vor dem bekannt gewordenen Überfall. Und es war ein großer, gesunder, kräftiger Mann…
        Und wie gesagt…ein Beispiel nur…
        Ich denke auch, dass ein Notruf helfen kann.
        Den jungen Mann habe ich später noch einmal im Bus getroffen, als er eine junge Frau ähnlich belästigte. Der Busfahrer hat überlegt reagiert. Die Türen geschlossen, damit er nicht flüchten konnte, die Fahrgäste haben ihn festgehalten und die Polizei wurde gerufen.
        Es geht auch anders, zum Glück.

      • Meine liebe Bella,
        ich weiß was du meinst und weiß auch das es mehr als eine solcher Erfahrung in deinem Leben gibt. Aber, ich bin absolut sicher, das dieses Verhalten kein Problem dieser Zeit ist und Ignoranz, Wegschauen fehlende Hilfe seines Nächsten schon immer ein Thema sind. Wenn ich überlege wie viele Menschen ich kenne aus meiner Mutters und Schwiegermuttersgeneration, die Missbrauchsfälle in der Familie haben. Dann hieß es: „Ach komm Kind, erzähl nicht so einen Mist, sowas macht Onkel Franz nicht.“ . Oder es wurde komplett nieder geschwiegen. Ich möchte auch dort nicht die Dunkelziffer wissen.

        Ich denke wir können nur, auch mit schlechten Erfahrungen, die guten suchen und ihnen mehr Wert beimessen und auf sie zählen. So mach ich das zumindest.
        Allerdings ist bei mir auf der Arbeit derzeit eine Missstimmung und ein Missachten von Fürsorgepflicht gewisser Mitarbeiter, das ich mich dort auch frage, in wieweit ist das schon strafbar. Mal schauen, ich denke ich schreib da noch was zu…
        Drück dich 😉

      • Arabella sagt:

        Auf den Artikel bin ich neugierig.
        Und, ja, Gutes und Böses gab’s schon immer.
        Drück dich fest zurück, deine Bella

  2. bruni8wortbehagen sagt:

    Drastisch formuiert, was diese Klatschbase betrifft, liebe Fee, vielleicht etwas überzeichnet (hoffe ich jetzt mal), aber gerade deswegen seeeeeeeeeeehr gut und richtig, Dein Text.

    Es ist diese Anonymität, die Menschen in eine Isolation treibt, die so furchtbar sein kann, daß sie nur noch einen Ausweg sehen, den in den Tod…
    Keiner sieht und hört vom Aderen, jeder sieht nur zu, daß er seinen Tag und auch die Nacht hinter sich bringt und das wars. Für mehr ist kein Platz in der eigenen Seele, die selbst kaum noch lebt…

    Liebe Grüße am grauverhangenen Morgen zu Dir von Bruni

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Bruni, es ist nicht drastisch. Es ist Alltag in Wohnsiedlungen, in denen die Freaks leben.
      Sowohl die einen, als die anderen. Es ist tägliche Realität.
      Genauso Realität wie diese andere, die schön sein kann und anders.
      So leuchtend ein Abendrot in drastischen Farben, so überzeichnet stellt sich manchmal das Leben dar.
      Dark side of the moon…

      Danke für deinen gedankenvollen Kommentar…✨

      • finbarsgift sagt:

        Ja, es ist Realität, weil der Tod tagtäglich passiert, und das auf alle erdenklichen Arten…

      • oh ja, das kann wohl sein, liebe Fee, es gibt halt auch hier beide Seiten.
        Der Tratsch, der auch mal aufmerksam macht und das Nur vor sich Hinblicken, das totale Nichtbeachten der Mitbewohner…

        Es war diese Sensationslust, die ich so krass fand, aber es gibt sie ja tatsächlich und nicht zu knapp. Selbst ich 🙂 weiß es, sehe es, erkenne es.
        Es sollte ja auch in keinster Weise ein Tadel an Deinem tollen Text sein, liebe Fee, das lag mir mehr als fern. Aber das weißt Du ja auch

        Herzliche Grüße von mir

      • karfunkelfee sagt:

        Ja, die Sensationslust der Gaffer. Das sind die Leute, die im Kolosseum schauerten während unten im Rund Menschen von Löwen zerrissen wurden…
        Ist es ihnen wohl bewusst, wie sie sind…?
        Wirken…in dieser Gleichgültigkeit?
        Sie sind selbst Randfiguren. Sie kämpfen jeden Tag auf ihre Weise ums Überleben, was zu essen, Medizin kaufen können, solche Sachen. Haben Kinder, schlagen sich mit drei Jobs gleichzeitig durch.
        Auf diese wirkt befremdlich, wenn andere diese Stärke nicht mehr aufbringen oder zu sehr nachdenken über ihr Leben und dann Schluss machen.
        Eine mögliche Fortsetzung der Geschichte könnte eine Frage sein, vom Erzähler der Geschichte gestellt an die Nachbarin:
        Wieviel Verzweiflung und Einsamkeit, glaubst du, gehört wohl dazu, sich selbst zu ermorden, auf einer Skala von 1 – 10…?
        Die Antwort könnte spannend sein…

        Auch herzliche Grüße…✨

      • Ich denke, sich selbst das Leben zu nehmen, ist nicht unbedingt Schwäche, es kann auch Stärke sein, die leider meist nicht verstanden wird

  3. Gerade heute habe ich ein Beispiel erlebt, das allerdings anders ist. Ich wurde durch ein ätzendes Geräusch auf der Etage aufmerksam – wir sind 4 Wohnungen. Der Hausverwalter stand mit einer Schlüsselfirma da, die gerade das Schloss ausbohrten. – In der Wohnung hatten zwei Männer als WG gewohnt mit einem großen Hund. Bei Nacht und Nebel sind sie ausgezogen, bezahlten schon lange keine Miete mehr und niemand weiß, wo sie abgeblieben sind. Ich erfuhr, dass das im Hinterhaus auch passiert sein soll.
    Da ich mich absolut nicht für Haustratsch interessiere, bekomme ich vieles nicht mit. Aber hier passieren schon seltsame Dinge – vor allem laute nachts nach 00 Uhr. – Doch es gibt auch nette Leute.

  4. finbarsgift sagt:

    …ein text, der gut widerspiegelt, in was für einer gesellschaft wir leben, und unter was für mitmenschen…

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