Was ein Erwachsener nicht weiß

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Bert Brecht ist zu Besuch. Er will wettdichten mit mir, er will mich provozieren, weil ich ihm ständig widerspreche. Außerdem ärgere ich ihn manchmal mit dem alten Ulbricht-Brief, damit kommt er bis heute nicht so gut zurecht.
Vielleicht hat Bert deswegen dieses Gedicht dabei. Er sagt, es sei ein Experiment. Ich: Ruf den Hanns an, der komponiert was dazu. Bert verzieht keine Miene. Im Gegenteil. Jetzt macht er auf hochintellektuell und knibbelt mit den Augen. Hör mir schon zu, befiehlt er mir. Eines muss ich sagen: Wenn so einer wie Bert Brecht zu mir sagt: Hör zu!, also dann lausche ich. Still, andächtig, voller Dankeschön.

Er liest mir ‚Was ein Kind gesagt bekommt‘ vor und anschließend schweigt er irgendwie betroffen.
Darf ich? frage ich Brecht und schaue ihm vor die dicken Brillengläser.
Nein, antwortet er, Du sollst.
‚Sollst‘ knallt wie eine Peitsche. Von wegen Musenküsse…

Ich sammele mich und wir schweigen in die Tagfrühe hinein. Er lässt mich nicht aus den Augen, ich bin sein Insekt auf dem Objektträger, seine respektlose Exotin aus der Neuzeit.
Draußen singt eine Amsel. Ich spinne meine Haare um meine Finger, oder streiche sie mir nach hinten, das mache ich manchmal, unbewusst, wenn ich angestrengt nachdenke, dann biete ich ihm Kaffee an. Nix da, sagt Bert Brecht und hebt mahnend den Zeigefinger.
Es ist drei Uhr morgens, Mann! poltere ich los.
Das ist ein böser Fehler. Intellektuelle darf man nicht so anbollern. Die werden dann total theoretisch und stockstarrsteif. Brecht bildet da keine Ausnahme, er doziert direkt los, als hätte er einen Ladestock verschluckt:
Die Kunst schläft nie!
Aber Stefanie…
Dann grinst er. Einfach unverschämt.

Am liebsten träte ich ihm mal vors Schienbein, aber elegant. Wie beiläufig und ohne Anlauf zu nehmen…
Doch er ist schließlich mein Lehrer und Mentor oder etwas in dieser Art und er hat mit Frauen, wie es scheint, irgendein Verhaltensproblem. Verklemmt? denke ich an das, was ich ihm sagen wollte und sehe Brecht hilflos an.
Ich muss wütend werden und frage ihn, ob er den alten Ulbricht- Brief endlich aufgegessen hat, verinnerlicht sozusagen…
Das wirkt,
Brecht kommt sofort hoch vom IKEA-Sessel. Wie das HB- Männchen.
Das sei total respektlos, grimmt er düster.
Na, warte, kommt es dann stirnrunzelnd, dich kriege ich auch noch am Schlafittchen!
Das brauchte ich, um endlich loslegen zu können und rezitiere als Antwort auf sein Gedicht, was ein Kind gesagt bekommt, wegen der schlafenden Nachbarn schön moderat und leise:

Was ein Erwachsener nicht weiß

Der liebe Gott ist so blind wie du selbst es bist.
Für alle Fälle gibt man.
Die werden alles, die für sich selbst taugen.
Schmökern gefährdet die Dummheit.
Kohlentragen war gestern.
Die schöne Kinderzeit bleibt lebendig in jedem neu dazu gelernten Kinderlied.
Man lacht mit den Gebrochenen.
Im Widerspruch verbirgt sich das miteinander sprechen.
Man fragt die anderen, bevor man sich etwas nimmt.
Sonntagsspaziergänge machen müde und schlapp, wenn sie zu lang sind.
Zum Alter ist man bewusst, ohne einen Narren aus sich machen zu lassen.
Süßigkeiten verführen in dem Maß zum Ungesunden, wie man die Lust nicht wie eine schöne gierige Raubkatze diszipliniert. Süßigkeiten sind Fleischbröckchen für den hungrigen Panther.
Spring!
Kartoffeln machen einen dicken Kartoffelbauch, wenn man zu viele davon isst.
Ein Erwachsener lässt sich das Maul nicht verbieten. Er spuckt auf den Tisch und fragt sich anschließend, was er jetzt schon wieder falsch gemacht hat, weil alle ihn meiden.

Bert ist zufrieden, wie er sagt.
Bevor er geht, morgens um fünf, dreht er sich noch einmal in der Tür um.
Bertolt Brecht kann durchdringend kucken. Das tut er jetzt. Still wie ein Brunnen tief, in dem die Wahrheit ruhig schlief, flüstert er mir zu und es hat etwas Magisches, wie er mich ansieht, im Rücken das Morgengrauen, schlicht, wie der kommende Tag. Ein Wort nur: Spring!

Gedichtquelle:
http://www.musgym.salzburg.at/Deutsch/literatur/Brecht-was_ein_kind_gesagt_bekommt-2011/brecht-kind.html

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12 Kommentare zu “Was ein Erwachsener nicht weiß

  1. Ach, das ist ja interessant zu erfahren – du bist mit der DDR-Kunstelite auf Du und Du. 🙂
    „Kartoffeln machen einen dicken Kartoffelbauch, wenn man zu viele davon ist.“ – Hier kannst du dem letzten Wort bitte noch ein „s“ spendieren.

    • karfunkelfee sagt:

      Schon gesehen, danke…;)
      Musen siezen mich nicht und umgekehrt. Die Verständigung läuft ohne Etikette.
      Ein kleiner Etikettenschwindel.
      Würdest du dich von wem küssen lassen, den du siezt?
      Also ich nicht…😉

      • Von bestimmten Schauspielern, die ich siezen müsste,würde ich mich dennoch küssen lassen.

      • karfunkelfee sagt:

        Du würdest die auch als Geister siezen…?
        Die Großen, die Meister, die, die ich bewundere und verehre, gestatten mir das menschliche du zu du, denn ansonsten würde ich vor lauter Respekt am Ende kein Wort mehr über sie herausbekommen.
        Ich mag die ganze Siezerei generell nicht besonders, bei Lebenden achte und respektiere ich es, ist hier halt Landessitte.
        In Schweden gibt’s nicht mal ein ‚Sie’…

      • Die kommen alle aus dem englischsprachigen Raum und da gibt es ja siezen auch nicht. Aber alle leben noch.

      • karfunkelfee sagt:

        Vielleicht begegnest du mal jemandem davon, möglich ist ja alles…
        Wie wäre das…?

      • Ich müsste mich mit zigtausend anderen Frauen um einen Blick auf diese „Auserwählten“ streiten müssen, dass ich sicher gleich wieder nach Hause gehen würde und mir lieber einen Film mit ihnen ansehe. 🙂

      • karfunkelfee sagt:

        Und ich wünschewünschemir…
        …müde zu werden …vom Hype runterkommen und davon zu träumen, mit Hugh Jackman (Optik), dem Dalai Lama (Geist) und David Bowie (Sound and Vision and…💞) zusammen Gedichte zu schreiben und dabei zu candelightdinern im schwarzen Sand von Hawaii, bei Sonnenuntergang und Palmengewedel.
        Und David Bowie hat meine Geburtstagsgrüße gelesen und kennt die Karfunkelfee und vertont Geburtstagsgruß Nr. 1…Granatenstarker Traum….
        Tja…wer weiß, was alles geschehen kann…
        Life is magic✨

      • Ich habe mich bisher nur auf Schauspieler beschränkt – bei anderen (geistigen, musikalischen Größen) überlege ich, wenn ich nicht so müde bin wie jetzt.
        Gute Nacht!

  2. finbarsgift sagt:

    *lächel* wie schööön…
    Du hast deine Gesprächsreihe fortgesetzt, und wie bemerkenswert!

    • karfunkelfee sagt:

      Lu…danke!!!
      Ich blödele so respektlos mit den Großen herum und manchmal kommt die riskierte dicke Lippe auch ins Zittern. Bertolt steht in der zwanzigbändigen Suhrkamp-Edition ungeheuer oben 😎 auf meinem Bücherregal (wie die Wolke überm Pflaumenbaum, du weißt schon Maries Erinnerung…), ich lese ihn sehr gern und immer wieder mal, heute, wie schon immer und als Mensch hätte ich ihn sehr gern leibhaftig erlebt.
      Der Baal…den hab ich am liebsten und immer wieder Mutter Courage…✨
      Wie viele dieser Gespräche mit meinen Lieblingen ich noch schreiben werde, weiß ich nicht…
      …doch ich wünsche mir noch viele, denn sie holen etwas aus mir heraus, das sich leicht und schön anfühlt…✨

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