Hammerschlag-Grau

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Das war, bevor die Zeit sich in hammerschlaggrau einfärbte wie irgendeine Maschine, stampfend und rumorend, weitere graue Zeit produzierend, die sich um ihn legte wie eine erstickende Decke. Diese Frau entsprach genau seinen Vorstellungen, sie war wie ein Märchenwesen aus einer anderen Welt. Wenn sie schrieb, pochte sein Herz und als er sie sah, wusste er, dass er nie mehr eine andere wollte. Doch es war kompliziert. Sie war verheiratet mit einem gut verdienenden Computerspezialisten,  der die meiste Zeit über im Ausland geschäftlich unterwegs war. Sie hatten sich über das Internet kennengelernt, eine dieser zahllosen Flirt-Plattformen, weil sie in ihrer Ehe einsam geworden war. Sie wünschte sich Kontakt, wie sie sagte, Freunde. Denn die hatte sie nicht. Dafür jedoch zwei kleine Kinder, die sie ans Haus banden und für ein Auto reichte das Geld nicht aus.

Sie war eine seltsame Frau. Wie ein Kind erschien sie ihm, wie jungfräulich, obwohl sie Kinder hatte. Für ihn war klar, dass er sie retten musste aus dieser gutsituierten Welt in der sie lebte und drohte an der Einsamkeit innerlich zu verhungern. Tiefe Labialfalten hatten sich in ihr Gesicht gegraben, das ihm als ein schönes Gesicht erschien, denn sie hatte sich strahlende Augen bewahrt. Da er ein scheuer Mann war, eher zurückhaltend, entspann sich die virtuelle Konversation nur zögerlich und langsam. Doch nach und nach taute er auf und sie verabredeten sich in einem Café in ihrer Stadt. Sie erzählte von ihrer Ehe, in der längst alles an Gefühlen versickert war in den Alltäglichkeiten und der ständigen Abwesenheit ihres Ehemannes. Wie er fremdging und sie es über Dritte erfuhr. Er hatte anscheinend mehrere Geliebte gleichzeitig, doch nachprüfen konnte sie es natürlich nicht. Kaum ertrug er das zeitweise Erlöschen des Glanzes in ihren dunkelbraunen Augen, während sie sprach. Dann erzählte er von sich, wie er von seiner Freundin verlassen wurde und monatelang darunter litt, nicht mehr essen konnte und zu dünn wurde für all seine Kleidung. Er hatte einen Job als kaufmännischer Angestellter in einer kleinen Spedition, kam ganz gut klar, wie er ihr sagte. Sein größter Traum war es, einmal nach Italien zu reisen, nach Rom, um genau zu sein und dort im Kolosseum zu sitzen oder über die spanische Treppe zu laufen, es sei ein italienisches Gefühl, wie er sagte.

Als sie erzählte wie eifersüchtig ihr Mann war, sie kontrollierte mit mindestens sechs Kontrollanrufen pro Tag, ahnte er, dass es komplizierter werden könnte zwischen ihnen. Er fragte sie, ob diese Eifersucht schon weitergeführt hätte, da schob sie den Ärmel ihres Pullovers hoch und zeigte ihm ein paar blaue Flecken. Er vermöbelt mich manchmal, sagte sie. Dabei kenne ich doch niemanden und habe auch kaum Kontakt. Er verdächtigt jeden und mich am meisten, dass ich ihn betrügen könnte, dass ich fremdgehen könnte. Ja, sagte er, das ist der Fluch der eigenen bösen Tat, der Menschen so werden lässt. Sie meinte allerdings, das sei zu absolut gedacht. Schließlich könne Eifersucht auch daher rühren, dass man verletzt würde, einmal zu oft. Dass man dann das Vertrauen verlöre in den anderen. Er räumte ein, dass dies natürlich auch möglich sei, ob sie ihren Mann in Schutz nehmen wolle? Er spürte, wie Aggression in ihm hochkochte, eine heiße rote Wut auf diesen unbekannten Ehemann, den er noch nie gesehen hatte. Sie zeigte ihm Bilder ihrer Kinder und er bewunderte die Bilder höflich, sagte, dass er die Kinder hübsch fände, obwohl er sie hässlich fand, weil es nicht seine eigenen waren.

Nach einer Stunde traute er sich, seine Hand auf ihre zu legen. Sie hatte sie auf den Tisch gelegt, die Finger leicht zusammengekrampft. Ihre Hand war eiskalt, obwohl es ein warmer Sommertag war. Später gingen sie zu ihm und dann war es doch nicht so, wie er es sich so sehr erhoffte. Sie küsste nicht gern und er schon. Sie legte sich hin und ließ ihn gewähren, zuckte zwischendurch, doch er war sich nicht sicher, ob sie nun wirklich gekommen war oder ihm etwas vormachte. Dennoch war sein Begehren nach wie ungebrochen und nachdem sie sich getrennt hatten, sie in ihre Welt zurückkehrte, träumte er in der Nacht von ihr und davon, dass sie auch ganz anders sein könnte als so, wie sie wirklich war und dass er ihre Gefühle für ihn erweckte.

Sie telefonierten ein paar Mal. Es waren hastige, atemlose Gespräche, immer überschattet von der Möglichkeit, dass ihr Mann versuchen könne anzurufen, um zu kontrollieren, ob sie zu Hause war und brav Mutter und Hausfrau spielte. Es war eine zugegebenermaßen ziemlich verfahrene Kiste und ihm war klar, dass sie wenig bis keine Aussicht auf eine sonstwie geartete Zukunft hatte. Sie sahen sich wieder und wieder machte er sich Hoffnungen, dass sie ihn genauso sehr begehrte wie er sie. Doch er wurde ein weiteres Mal enttäuscht und als sie nach ihrem letzten Zusammensein ihre Nylons hochrollte, über den spitzengesäumten Slip zog, dämmerte ihm das erste Mal, dass er sich wirklich etwas vormachte mit dieser Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte, ohne die näheren Umstände um die Verliebtheit herum näher zu kennen.

Dann, nach einem halben Jahr, eröffnete sie ihm in einem letzten Telefonat, dass sie ihn nicht wiedersehen wolle. Er fragte warum und sie blieb ihm die Antwort schuldig, legte einfach auf. Er begann sie zu suchen. In den Bäumen, im Himmel, in Wasserspiegeln. Er träumte jede Nacht von ihren Brüsten und der Weichheit ihrer Scham. Tagelang lief er mit einer Dauererektion herum, von der er sich nicht immer befreien konnte. In der Spedition, in der er arbeitete, verzog er sich auf die Herrentoiletten und wichste schnell und hastig, spritzte ab, um sich zu erleichtern. Es wütete wie ein unseliges Fieber in ihm. Er hoffte, dass die Kollegen es nicht bemerken würden, wenn er manchmal stöhnte, weil er sich sie vorstellte, wenn er seinen Schwanz mit schnellen Auf- und Ab-Bewegungen rieb, immer wieder ihre Brüste, ihre weißen Brüste mit den rosa Spitzen, die sie verbarg unter einem rosengeblümten BH, den er ihr aufhaken durfte. Noch nie hatte eine Frau ihn derart erotisiert. Noch nie hatte er wegen einer Frau derart gelitten, schien es ihm. Die Tage wurden hammerschlaggrau, wie die Maschinen, die er manchmal in den Versandpapieren beschrieb.

Hammerschlaggrau waren auch die Gewissheiten auf eine fehlende Erlösung seiner Qualen. Die alte Frau begegnete ihm am Ententeich, an dem er manchmal nach Feierabend saß und aufs Wasser sah. Wasser beruhigte ihn, sein zuckendes pochendes Herz, sein Verzehren nach ihr. Sie saß einfach nur da, auf dieser Parkbank und las. Er setzte sich eine Bank weiter und drehte sich eine Zigarette. Sie warf Blicke zu ihm und dann fragte sie, ob er unbedingt rauchen müsse? Sie hätte ein Lungenleiden. C.O.P.D., um genau zu sein, sie sei kurzatmig und könne nicht gut Luft bekommen. Entschuldigend senkte sie den Blick. Ich verschimmele von innen, wissen Sie? Es war ihm so gesehen, in diesen Momenten herzlich egal, ob jemand verschimmelte, er zersetzte sich von innen und genau das antwortete er ihr auch. Sie legte den billigen Liebesschundroman von Julia, den sie gerade las zur Seite und fragte höflich, ob sie sich einen Moment zu ihm setzen dürfe. Widerwillig nickte er und legte schweren Herzens seine frisch gedrehte Zigarette zurück in das Päckchen mit dem Tabak. Was rauchen Sie denn? Wollte die alte Dame von ihm wissen. Vanille-Tabak, lächelte er und wunderte sich, dass er lächeln konnte. Mein Mann hat immer Reval geraucht. Die stanken zum Gotteserbarmen, lachte die Frau und ihre Gesicht verzog sich wie das eines Hush-Puppies. Ihre hängenden Backen schwabbelten ein wenig, sie war ziemlich korpulent. Sie wies ihn auf den schönen Tag hin, die Sonnenstrahlen, die über den See wanderten und dann erzählte sie ihm von ihrer Tochter. Sie musste ja unbedingt diesen Safari-Urlaub in Afrika machen, sagte die alte Frau. Allein. Sie wissen schon. Sie wurde ermordet von Wilderern. Ich erfuhr es erst Monate später. Es war schrecklich. Er wollte Mitgefühl empfinden und konnte es nicht. Sein eigenes Herz war hammerschlaggrau. Und was drückt Sie? Fragte die alte Frau neugierig und starrte ihn an.

Erstaunt wandte er ihr sein bislang halb abgewandtes Gesicht gänzlich  zu und entdeckte echtes Interesse in ihren Augen.  Liebeskummer, sagte er, von der übelsten Sorte. Ach, wissen Sie, lachte sie, Liebeskummer ist wie eine Grippe. Das geht vorbei. Es schmerzt eine Weile und dann ist es wieder gut. Erzählen Sie doch mal. Er erzählte. Es sprudelte aus ihm heraus und als er endete, nickte sie mitfühlend mit dem Kopf. Das hat Sie ganz schön erwischt, mein Lieber. Er hasste es wie die Pest, wenn andere „Mein Lieber“ zu ihm sagten. Ich bin nicht Ihr Lieber, sagte er mit belegter Stimme. Die Frau entschuldigte sich, stand auf und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser. Dann drehte sie sich zu ihm um und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nein, sagte er. Nur Freundinnen, ein paar wenige. Alle Beziehungen zerbrachen und nun sei er bereits seit sieben Jahren auf der Suche nach einer neuen Freundin. Wieder nickte sie und zerkrümelte gedankenverloren das Brot in ihrer Hand, so dass es auf ihre Füße fiel. Ein paar Enten kamen keck heran und balgten sich um die Stücke.

Wissen Sie wie es ist, ein Kind zu überleben? Meine Tochter war mein Ein und Alles. Ich liebte sie so sehr. Genau wie meinen Mann, der ist schon seit zwanzig Jahren tot. Lungenkrebs. Ein klassischer Fall. Ich habe niemanden mehr, lebe dort drüben in einem Altersheim. Der Rest der Familie kümmert sich nicht um mich, hier, die Enten, das sind meine besten Freunde. Und eine der Pflegerinnen im Heim. Das ist ein Goldstück. Sie kauft mir meine Lieblingsschokolade. Noisette. Das ist übrig von meinem Leben. Schokolade und Erinnerungen. Ich hätte so gern Enkel gehabt. Ich hätte mein Kind so gern aufwachsen sehen. Ich hätte so gern meinen Mann an meiner Seite. Eine Träne tropfte aus ihren Augen. Nun heult sie auch noch, Gott hilf mir, dachte er und bot ihr ein Papiertaschentuch an.

Ich bin achtzig Jahre alt und manchmal hoffe ich, der liebe Gott hat mit mir alter Frau ein Einsehen, schniefte sie. Er soll mich zu sich nehmen, endlich zu sich nehmen. Dieses traurige einsamen Leben ertrage ich nicht mehr gut. Ich bin jeden Tag hier am See. Dort finde ich meine Lieben eher als in diesem sterilen Heim. Ich halte die Besucher der anderen nicht gut aus. Doch meine Lungenkrankheit wird schon dafür sorgen, dass ich nicht mehr allzu alt werde. Ich lebe nun schon zwanzig Jahre so. Doch Sie sind noch jung. Bedenken Sie das. Wie alt sind Sie überhaupt? Fünfzig Jahre, sagte er und senkte den Kopf, um sie nicht länger ansehen zu müssen. Er hielt sie kaum noch aus, warum, konnte er nicht sagen. Ich muss jetzt gehen, ich wünsche Ihnen alles Gute. Er machte Anstalten aufzustehen. Sie hielt ihn zurück, umklammerte seinen Arm mit erstaunlich festem Griff. Sie sind noch jung, sagte sie beschwörend. Machen Sie ihr Glück nicht an jemandem fest, der Sie nicht will. Suchen Sie weiter, hören Sie? Versprechen Sie mir das? Er wollte garnichts versprechen, am wenigsten dieser alten Frau, die ihn langsam begann zu nerven. Er bedankte sich höflich für ihren Rat und machte sich auf den Weg in seine leere Wohnung.

Beim Abendbrot kamen ihm plötzlich die Tränen. Er weinte nie. Er schämte sich zu sehr für Tränen, für seine eigenen wie für die anderer. Doch er konnte nichts dagegen tun, dass sie einfach liefen, auf sein mit Senf bestrichenes Wurstbrot tropften, auf die Gurkenscheibchen und sich mit der Remoulade zu einer schlierig-weißen Soße vermischten. Er konnte überhaupt nichts gegen diese Tränen machen und er weinte die ganze Nacht. Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Er sah zum stillen Telefon, dachte an sie. Doch etwas in ihm hatte sich verändert. Er konnte noch nicht sagen, wie. Es war, als hätte eine stille Gewissheit seiner Sehnsucht den Platz weggenommen, es war, als hätte sich in ihm etwas davongestohlen, das am Tag vorher noch dagewesen war. Er ging zur Arbeit und brauchte nicht zu wichsen. Alles in ihm war schlaff geworden, genauso wie sein Schwanz. Als er am Abend zum See kam, wusste er nicht genau, was er dort wollte und wunderte sich über sich selbst. Doch die alte Frau war nicht da. Vielleicht war sie schon gegangen oder an diesem Tag nicht gekommen. Er holte sein Päckchen Tabak aus der Tasche und wollte sich eine Zigarette drehen, so wie sonst auch. Doch irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Er dachte an verschimmelte Lungen und an Krebs, an lebenserhaltende Maßnahmen und palliative Begleitung und er fühlte sich für so etwas definitiv noch zu jung.

Belanglos

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Belanglos geworden die zerschlissenen Träume, die sich damals nach einem sonstwie gewünschten Leben anfühlten. Wieder und wieder die alten, mittlerweile allzu bekannten Straßen langgegangen in dieser großen pulsierenden Stadt voller fremder lärmender Menschen.

Erinnerungen an Fensterlöcher in rosa Hausfassaden von denen der Putz abblätterte, die nie renoviert wurden in diesem Viertel. Selbst der Penner auf den Stufen der Kirche, den Kopf zwischen den dürren Beinen seiner vollgepissten Hose versteckt, tangierte nicht weiter. Ein Elend unter vielen anderen, fiel nicht weiter auf. Diese schmierige kleine Kneipe, gerammelt voll mit saufenden schwitzenden Menschen, Gesichter wie Pudding, sich bewegenden Mündern, belangloses Zeug quatschend. Dieser eine, der stolz herumgrölte, dass er am schnellsten in irgendetwas war, ständig mit der Hand über seinen Mund fuhr. Oder jener andere, der schwieg, tief über sein Glas gebeugt, grün im Gesicht, als wolle er jeden Moment auf die speckige verkratzte Tischplatte kotzen. Lose Gedankenfetzen wie Wolken unter dem grauen sackartigen Himmel. Diese Frau, die einen Typ anbaggerte, als sei sie ein Kerl. Sie fasste ihm an den Arsch und lallte irgendwas davon, dass er noch ganz schön knackig für sein Alter sei. Der angewiderte Blick des Typen, der sich im Ausschnitt ihres zu tief ausgeschnittenen T-Shirts, das die faltigen hängenden Titten nur mäßig verbarg, verlor. Was später aus dem Abend wurde, ist toterinnert, nicht geblieben, ein abgestander Rest, irgendwo noch im Kopf verankert, doch nicht mehr zugänglich, weil es belanglos war, was weiter geschah. Wahrscheinlich nur die übliche Bettroutine, ein bisschen Herumgeficke, sonst nichts weiter außer seinem tösenden Geschnarche danach.

Was sagten die Freunde? Das sei was richtig Großes und Tolles, etwas Wahres. Das waren damals ihre Worte.Seltsam, dass die Erinnerung daran nicht belanglos wurde wie all die anderen. Wahrscheinlich weil sie widersinnig war, störrisch, alle späteren Aussagen Lügen strafen wollte und es doch in ihrer hinterhältigen Schwäche nicht konnte. Die scharfgezeichneten Konturen umrahmten etwas Unwahres, etwas Kleines, das im Laufe der Zeit immer weiter zusammenschrumpfte, bis es nicht mehr da war. Außer der Erinnerung an die bis zum Erbrechen gelebte Lüge. Die spätere Gedankenlosigkeit belangloser Gespräche, die sich immer nur um Beziehung drehten, das Streiten, die Wortgefechte und die Geilheit danach. Manchmal war der Sex danach tatsächlich etwas leichter zu ertragen in seiner gleichförmigen Belanglosigkeit.

Ein blauer Himmel wölbte sich über dem Speicherhaus am Kanal, die Tauben gurrten und das Wasser schimmerte tatsächlich im Sonnenlicht. Intonationen vollkontaktet im Einstudieren verschiedener Texte mit der Stoppuhr in der einen Hand und den zitternden schlecht ausgedruckten Blättern in der anderen. Heute so belanglos geworden wie alles andere auch. Jetzt die Krähen in den Bäumen, jede Menge gefiederter Schmutz. Sie gurren auch, nur heiserer, doch das spielt auch keine Rolle mehr, sie haben alles Große in die Hölle der Belanglosigkeiten begleitet. Die Kinder warfen Steine ins Wasser und lachten über die hemmungslos knutschenden pickligen Jugendlichen, die am Wasser fettiges Bauchfleisch grillten, im  Kanal schwimmen gingen. Sie kifften, bis sie so zugedröhnt waren, dass es ein Wunder war, dass noch keiner im Kanal ertrunken war. Vielleicht gab es auch Ertrunkene, doch wenn, spielte es keine Rolle und stand in keiner Zeitung. Dieser schmiedeeiserne Balkon quoll über von belanglos wucherndem Grün, in alle Richtungen sprießend, an der Fassade hochkriechend mit Efeufingern, sich in den Stein wühlend, ihn sprengend, bis er tiefe Risse aufwies, die niemand renovieren würde. Diese Frau mit den wilden dunkelrot gefärbten Haaren, den tausend Falten im Gesicht. Wie sie diese vom Regen bereits triefenden Blumenkästen goss, doch da war ihr Lächeln. Das war damals etwas richtig Großes, was Wahres, obwohl ihre Zähne nikotingelb und verfleckt waren, Lücken aufwiesen und ihre Augen himmelwärts starrten als gäbe es dort irgend etwas, das ein solches Lächeln rechtfertigen würde.

Nichts geblieben außer Rückständen von Worten, Satzfetzen, Aussagen anderer, die gebraucht wurden, um diese Zeit, in das Geld für das Nötigste wie Kinderwindeln fehlte, irgendwie zu überstehen. Alles war genug, weil es eben nichts gab, bescheiden bleiben musste, was gierig sein wollte, um eine weiteren Tag mit einer Gemeinsamkeit zu füllen, die längst keine mehr war. Eher eine Einsamkeit zu zweit, die sich längst totgeschwiegen hatte, sich in Triebabfuhren zerrieb , weil gerade kein anderer Mensch passend zur Stelle war. Die kompromisslose Erinnerung roch ungewaschen nach Schweiß und Bier, nach einer Zunge, die schmeckte wie kalter Rauch, zu besoffen, um sich noch bewegen zu wollen wie der ganze Rest längst erstarrt war. Gallertartige Gefühle, nur noch zäh und bemüht, weil doch jeder Gefühle hat, selbst wenn es längst keine mehr sind, nur noch belanglose Rückstände der immer wieder schöngestrittenen Zeit miteinander.

Völlig belanglos, was damals war oder wie es war. Das Glas wurde gänzlich geleert. Jene andere, die mit den fetten Oberschenkeln und den Sadomasoneigungen, die mit dem Fettbauch über dem engen Minirock und dem fetten Arsch war nur folgerichtig und passte besser zur allgemein apokalyptischen Scheißegal-Stimmung, die ständig vorherrschte. Selbst der Schmerz über den Dauerbetrug hinter der nur angelehnten Schlafzimmertür war ein grauer, völlig uninteressanter Fleck in den Gedanken geworden. Belanglos, wie der graue sackartige Himmel, die vertrauten Krähen und das ewiggleiche Wummern der Bässe des Subwoofers in der Wohnung eine Etage höher. Eine Zeit folgte, die kaugummiartig und zäh war, bis der Kerl endlich auszog, mitsamt der Dicken und die erzwungene Wohnungsgemeinschaft zu dritt endlich auflöste.

Sein Geschnarche und seinen Bierdunst nahm er ebenfalls mit. Die Kinder leider nicht, sie nervten weiter jeden neuen verdammten Tag, den der liebe Gott werden ließ. Da blieb nur Suff und die Flucht in umnebelte Träume, die sich spätestens am nächsten Morgen wieder zersetzt hatten wie das Alka Seltzer im kalkhaltigen Leitungswasser, das immer leicht bräunlich verfärbt aus dem Hahn lief. Egal, es gab nichts anderes als das. Das Saufen war immer noch besser als die Gewissheit, dass die eintönige Realität derart belanglos war und eine Flasche Wein gab es immer für kleines Geld ohne Zukunftsvisionen. Am Kanal sitzen, die Beine baumeln lassen, Texte lallen und das Zeug in sich hineinschütten. Später in die Kneipe, wo natürlich er war mit seiner fetten Qualle im Leberwurstlacklederlook, genauso wie all die anderen, herumprotzend, weil sie dachten, sie wären groß und wahr, wichtig für irgendetwas oder irgendwen. Doch das war, wie alles andere auch, spätestens am nächsten Tag belanglos geworden in den existenziellen Ruinen einer Zeit, die längst stattgefunden hatte, keine Zeit mehr war, nur noch irgendetwas. Zu belanglos, um noch eine Erinnerung sein zu können und zu wahr, um groß zu sein.

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10 Wörter – eine Geschichte: Tango, Szene 1

Zehn Wörter – Eine Geschichte 

Mein Dank an westendstorie, hier der Link: https://wordpress.com/read/post/id/78230463/872/

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  1. Frigide
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  3. Greifvogel
  4. Krokus
  5. Grotesk
  6. Strippenzieher
  7. Tango
  8. Email
  9. Liebevoll
  10. Rilke

Tango, Szene 1

Draußen tobt der Sturm. Er hat Kerzen angezündet und Roxanes Thema aus Moulin Rouge aufgelegt. Sanft umfasst er ihre Hüfte.

„Wiege dich. Tu’s für mich. Ich führe dich.“

Ihr schlanker Körper biegt sich nach hinten, ihre Haare schleifen am Boden. Eine Bö schlägt gegen das Fenster, die Scheibe zittert leicht.

„Das ist grotesk“, lacht sie „… ich kann überhaupt keinen Tango!“

„Lass es zu, mein Krokus, ich halte dich.“ Er lächelt und beugt sich über sie, flüstert in die Musik:

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an?“

Du kommst mir mit Rilke, du Verführer? Du bist mir ein rechter Strippenzieher, mein starker Held, schrecklich ist deine Stärke, wie die eines Greifvogels, der seine Beute jagt, wie soll ich dir nur widerstehen? Ich müsste völlig frigide sein, um dies zu können!“

Statt einer Antwort, dreht er sie mit leichten Schwung und einem weiten Schritt in die andere Richtung, so dass ihre Füße gezwungen werden mitzuziehen.

„Wiegeschritt“, flüstert er und schlingt seinen Fuß um ihr Bein mit den halterlosen Nylons.

„Schön geschmeidig machen, mein kleiner Krokus, dies ist erst der Anfang. Willst du mehr? Sag, dass du mehr willst. Sanft zieht sein Finger die Linie ihres nach hinten gebogenen Halses nach. Komm, mach dich geschmeidig für mich, die Strapse kommen später dran. Dann darfst du mich zu Recht einen Strippenzieher schimpfen.“

Leises atemloses Lachen liegt über dem Klavierthema . An der Wand das Schattenspiel verschlungener Körper.

„Halt mich bloß gut fest“, lacht sie, „hey, wo willst du mit mir hin? Mitten in die Leichtigkeit hineintanzen?“

„Weißt du, was Tango ist in Kombination mit Rilke?“

Er hält sie nun mit beiden Armen von hinten umfangen, nimmt ihre Hände. „Weißt du es?“ Sanft bewegt er sich hin und her mit ihr, in einer wellenförmigen Bewegung.

„Tango, das ist das Gefühl, die Schwerkraft zu besiegen in der getanzten Poesie von Mann und Frau. Das gezügelte Begehren in der Ungezügeltheit des getanzten Ausdrucks. Spürst du mich? Komm, noch näher, der Tango will es so, bis kein Blütenblatt mehr zwischen uns passt. So nah sollst du mir kommen in deinem Begehren. Lass dich fallen, ich halte dich, vertrau mir. Tango ist Vertrauen und Hingabe zugleich.“

Sie lacht. Etwas unsicher.

„Ja, lass uns tanzen. Du zwängest selbst die Engel in den Wiegeschritt deiner Körperlichkeit. Du machst Metaphysisches zur wahren Begierde, mein Liebster.“ Sie atmet schneller.
Schattenspiele tanzen an der Wand. Die Kerzen flackern. Draußen vor dem Fenster tobt der Frühlingssturm. Sie dreht sich zu ihm um und schaut ihm in die Augen.

„Morgen werden die Krokusse am Boden liegen. Ich wünschte, der Sturm könnte sie liebevoll beugen. Dank dir ist es das erste Mal, dass ich sie nicht darum beneide, dass es etwas gibt, das stärker und ungebärdiger sein wird als sie.“

Er lächelt und nähert sein Gesicht dem ihren, bis sie seine Wärme an der Haut ihrer Lippen spürt.

„Dann wollen wir hoffen, dass der Sturm die zarten Krokusse nicht zerknickt, sondern nur biegt. Geküsst wird später, mein Krokus. Jetzt tanzen wir, bis wir stark genug geworden sind füreinander. Und über die dumme Email sprechen wir nicht mehr, okay?“

Schreck

Liebe Blogleser, 

Mein Eintrag gilt den Hinterbliebenen des gestrigen Flugzeugabsturzes in Südfrankreich. Ich wünsche ihnen Kraft für die kommende Zeit und Menschen, die ihnen zur Seite stehen in ihrer Trauer. Sie haben all mein Mitgefühl.

Die Karfunkelfee

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Bildquelle: wikipedia

Noch vor der Ankunft des Begreifens war der Schreck. Heiß und jäh in seinem Erkennen schoss er mitten ins Blut hinein. Eine Taubheit folgte, die jedes Gefühl aus Körper und Geist nahm. Sie war absolut und erstarrte in Lähmung. Das Begreifen hatte es schwer, anzukommen. Es fand Hartes und Verkrampftes vor. Es durchdrang noch nicht die tauben Glieder, das betäubte Hirn. Nur langsam sickerte es ein und machte etwas Platz, das noch größer war als der Schreck selbst. Das Begreifen war wie ein Gift, das langsam und gänzlich von allem Besitz ergriff. Es machte, dass das Herz wild pochte und dann wieder beinahe stillstand. Achterbahngefühle durchwachten die kommenden Nächte, sorgten für eine beständige Übelkeit. Die Welt veränderte sich zu einem fremden und unbekannten Ort. Als das Begreifen endlich ging, kam die Wahrheit. Sie war kalt und dunkel, traurig und hoffnungslos. Sie würde für länger bleiben wollen, zusammen mit den vielen Fragen und den inständigen Bitten nach einer Zukunft vor dem Schreck.

An dieser Stelle Dank an Frau Wildgans und ihr Schlag-Wort zum Mittwoch.

Feline 

  

Feline hat ein Date

Feline hat sich zu diesem Anlass mindestens fünfmal umgezogen. Dann stand sie vor dem kleinen Ankleidespiegel in ihrem kombinierten Wohn-/Schlafzimmer und probierte Frisuren aus. Doch irgendwie ließen sich ihre Haare an diesem Tag noch weniger bändigen als sowieso schon, sie flogen, statisch aufgeladen durch die Luft und je mehr sie sie striegelte, umso mehr standen sie vom Kopf ab, bis Feline ein wenig aussah, wie eine dieser Glasfaserlampen, die in den Siebzigern so angesagt waren. Entnervt rieb sie etwas Olivenöl zwischen ihren Händen warm und massierte es in die Spitzen. Draußen tschilpten die Spatzen in der Birke. Sie schauten durch Felines Fenster, sahen ihr zu, wie sie, fluchend und gestikulierend versuchte, sich „tageslichttauglich“ zu stylen. 

Mittlerweile war es ihr gelungen, die lange Mähne in einen Haargummi derart zu stopfen, dass ihre leicht abstehenden Ohren verdeckt waren. Feline mochte ihre abstehenden Ohren nicht besonders. Sie dachte immer an Ullrich, wenn sie sie betrachtete. Ullrich nannte sie mal Dumbo, der fliegende Elefant. Seither hatte Feline ein gewaltiges Problem mit ihren Ohren. Obwohl Dirk hingebungsvoll darin herumgelutscht hatte und ihr versichert, sie hätte die feinst ziseliertesten Ohrwindungen überhaupt, konnte Feline dies kaum nehmen und verwerten, weil sich vor das Bild der fein ziselierten Ohrinnenwände, ein kleiner grauer Disney-Elefant schob, hartnäckig mit seinen überdimensionierten Ohren durch die Gegend fliegend. 

Feline zupfte noch ein wenig an sich herum und ein paar überflüssige Nasenhaare aus. Warum wurden die überhaupt länger im Alter? Sie befragte ihre Zellen, doch diese teilten sich, eine Antwort suchend, etwas weniger schnell. Felinebefand Fehler in ihrer bislang makellosen Matrix. Zellen setzten sich nicht mehr richtig zusammen. Wunden heilten länger als früher. Knochen auch. Skeptisch begutachtete Feline die tiefe Wunde an ihrem Handgelenk. Das Handgelenk einer Frau ist etwas Besonderes. Ausgerechnet an dieser schönen Stelle prangte eine tiefe Narbe. Sie war das Überbleibsel von Felines letztem Satz über den Bordstein, als sie aufschlug und das Armband, das sie trug, sich tief in die Haut bohrte und das Handgelenk fast bis auf den Knochen dabei aufgerissen hatte.

Sie umwickelte das Handgelenk mit einem breiten Armband. Es war das mit den schönen meerfarbenen Steinen, das sie einem Trödler abgeschwatzt hatte. Ein Beutestück, ein Geschenk. Es verdeckte genau passend die fiese Narbe. Dann legte Feline noch einen Hauch Zitronenwasser auf. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein. Sie wollte nicht riechen wie eine ganze Parfümerie.

Endlich war sie fertig. Sie schaute auf die Uhr: Noch viel Zeit. Sie konnte langsam gehen. Es waren ungefähr zwei Kilometer zum vereinbarten Treffpunkt am Naturpark. Sie hoffte, er sei so lalà. So, dass sie noch Worte finden könnte. Doch da die meisten Typen eher so lalà waren, machte sie sich darüber keine Sorgen. Als sie vor die Tür trat, die laue Frühlingsluft sie umfing, bekam sie gute Laune und lief in ihren flachen Schuhen wie ein kleines Mädchen. Am liebsten hätte sie einen Braken gehabt, so einen guten langen aus dem Wald und hätte ihn die Zaunlatten entlanggezogen. Der Impuls dazu war noch in ihrer zuckenden linken Hand vorhanden und auch hüpkernwar kein Problem. Sie wusste, dass das der schiere Übermut war. Schließlich traf sie jemanden. In ihrer Rechten trug Feline einen Beutel. In dem befanden sich die schönen hochhackigen Wadenstreckerchen, die 11 cm hohen Plateaus. Mit denen wollte sie nicht zwei Kilometer durch die Pampa stiefeln. Sie würde die Schuhe einfach wechseln und den Beutel im Wald verstecken, eine Stelle wusste sie schon. 

Zwanzig Minuten später tauschte Feline die Schuhe. Im für einige Momente ungewohnten Laufgefühl betrat sie die Fussgängerpassage. Nun bekam sie Herzklopfen. Die alte Angst kam und wollte ihr befehlen, auf der Stelle umzudrehen und zu gehen. Es könnte gefährlich werden, sagte diese Stimme. Ungeduldig wischte Feline sie beiseite. Hau ab! Sagte sie der Stimme. Was willst du? Brems mich nicht! Sie runzelte zornig die Augenbrauen, doch dann wurde ihr Blick wieder frei und klar, als sei nur ein Schatten darüber hinweggezogen, der für kurze Zeit das Licht in ihren Augen vernebelte. 

Du hast etwas Schönes vor, sagte Feline sich. Du lernst jemanden kennen, der sehr nett klingt. Ist das nichts? Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, denn sie war am Zielort angelangt. Er saß mit dem Rücken zu ihr, konnte nicht sehen, dass sie ankam. So hatte sie die Möglichkeit, sich einen ersten Eindruck von ihm zu verschaffen. Groß. Das war schlecht. Sie mochte Große. Schöne definierte Arme. Feline spannte  ihren Bizeps an. Nicht zuviel, nur Rundungen, so mochte sie es. Die Haare waren undefinierbar in ihrer Farbe. Vielleicht brünett, oder doch eher blond? Etwas dazwischen? Die Frisur war genauso undefinierbar und ohne klaren Schnitt. Sie konnte nicht einmal erkennen, ob es nun Locken oder doch eher Wellen oder der Wind? Sie blinzelte verwirrt. Diesen Mann konnte sie nicht einschätzen. Ruhig und unbewegt wandte er ihr den Rücken zu. Noch hatte sie die Möglichkeit, zu türmen. Abzuhauen. Auf Plateausohlen, die 11 cm hoch waren in einer Fussgängerpassage, in der niemand rannte und schon überhaupt gar nicht auf Stöckelschuhen und damit einen Heidenlärm verursachte. Sie könnte auch wegschleichen, überlegte sie. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Angst längst den Fuß in Felines Tür. Sie glaubte immer noch, die Angelegenheit völlig unter ihrer Kontrolle zu haben, als ihre Füße schon wie von allein damit begannen, rückwärts zu gehen. In kleinsten, in minimalsten Schritten bewegte Felinesich rückwärts. Vorsichtig lavierte sie zwischen den Stühlen und drehte den Oberkörper, den Kopf gereckt im Fluchtimpuls. Das Rennen würde folgen, das wusste Feline. Sie erlebte das hier nicht zum ersten Mal in ihrem Leben.

Endlich hatte sie die Stühle und Tische hinter sich gelassen und setzte an zum finalen Spurt, weg von dem Date, weg von solchen Sachen, die waren gefährlich. Gefährlich hatte nun eine Riesenbedeutung. Gefährlich, das war Herzschmerz vom Schlimmsten. Die schlimmste Sorte. Unerwiderte Liebe und sowas. Das kannte Feline. Groß und undefinierbar. Nein, dachte Feline. Bitte nicht schon wieder. Ihr linkes Bein reckte sich zum Sprung und der Oberkörper fiel damit nach vorn, das rechte Bein setzte kraftvoll nach, es wäre garantiert ein Einmetersprung gewesen. Mindestens, wenn nicht noch weiter. Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn eine Männerhand hatte sich in Felines Zopf verkrallt und riss sie nach hinten. Entsetzt spürte sie den Gegenstoß und drohte, das Gleichgewicht zu verlieren, doch von der anderen kam ein Arm und verhinderte den völligen Absturz aus 11 cm Absatzhöhe + Einmetersiebzig Körpergröße. 

Feline war stinksauer. Wer wagte es, sie am Schopf zu packen? Und dann noch so? Als sie in das Grinsen ihres vermeintlichen Retters blickte, war ihr klar, dass das hier der Anfang einer bösen Geschichte werden könnte. Groß und undefinierbar war zutreffend in kompletter Gänze. Alles schien irgendwie groß und undefinierbar. Er hatte große Ohren und sie standen ein ganz klein wenig ab. Feline begann innerlich zu schnurren. Nein, nicht Dumbos Seelenpartner. Oh, bitte, dachte sie, lass das alles hier ein böser Alptraum sein. Es ist der Falsche, Ruckediguh und sie schaute ihre Schuhe, die von denen der eine der weinroten Stöckel einen winzigen hauchfeinen Kratzer abbekommen hatte. Interessiert verfolgte sie den Blick ihres Retters, der ebenfalls an dem Kratzer hängengeblieben war. Er entschuldigte sich für sein abruptes Eingreifen. Er hatte eine  volle und schöne Stimme. Groß und irgendwie undefinierbar, fand Feline

Es ist nur ein kleiner Kratzer, sagte er. Tut der Schönheit keinen Abbruch. Er sah sie an. Feline dachte: Das ist Verführung Minderjähriger. Zumindest dachte Feline, sie hätte es gedacht. Denn als er losprustete, wusste sie, dass sie laut gedacht hatte. Ich meine….begann sie und schaute dann weg, weil seine Augen stehengeblieben waren auf ihr wie ihre Uhr, wie sie gerade bemerkte. Meine Uhr ist stehengeblieben, sagte sie um überhaupt etwas zu sagen. 

Wollen wir uns setzen, da drüben? Er führte sie an den Tisch, an dem sie ihn von hinterwärts hatte sitzen sehen. Als sie saß, bekamen ihre Beine Streit miteinander. Sie wussten urplötzlich überhaupt nicht mehr, wie sie liegen sollten. Übereinander oder nebeneinander oder überschlagen. Felineprobierte alles nacheinander aus und versuchte geflissentlich den etwas verwirrten Blick ihres Gegenübers zu ignorieren. Als er grinste, grinste sie ebenfalls und zuckte mit den Schultern. Ich bin…also…begann Feline. Mehr kam nicht aus ihr heraus, so sehr sie sich auch bemühte und obwohl ihre Beine einen Waffenstillstand geschlossen hatten, nebeneinanderlagen wie Sardinen in der Büchse von FelinesMinirockaneinandergeklatscht, die Haut warm und feucht von der Sonnenwärme. Dass isses einfach noch nicht, dachte Feline und hoffte inständig, sie hätte dieses Mal nicht laut gedacht, doch ihr Gegenüber betrachtete sie nur amüsiert und begann dann etwas zu erzählen. Feline glaubte, dass es sich dabei um etwas Politisches oder aber Philosophisches handeln musste, denn er fragte sie, ob sie wüsste, wie weit der Mond von der Erde entfernt sei. 

Äh, sagte Feline und glotzte ihn an wie ein Karpfen. Das ist eine gute Frage. Nervös blickte Feline auf den Tisch. Was, wenn er jetzt von ihr eine Zahl erwartete? Was, wenn sie eine Zahl riete und diese völlig daneben läge? Er sagte nichts weiter. Nur das. Das machte Feline völlig verrückt. Endlich sah sie ihm fest in die Augen und sagte, dass sie es verflixt noch mal nicht auswendig wüsste. Sie müsste das googeln und sie würde das googeln. Das sei keine so leichte Frage. Ob sie sich mit der Antwort ein wenig Zeit lassen dürfe? Nun schaute er verblüfft aus der Wäsche. Wahrscheinlich hatte er mit einer derartigen Antwort nicht unbedingt gerechnet. Als die Cappuccinos kamen, betrachtete er fasziniert, wie Feline mit dem Milchlöffel und dem Schaum herumexperimentierte. Mit Kakao arabeske Linien hineinmalte und zum Schluss eine Blüte über alles pinselte, bevor sie genussvoll einen Löffel nach dem anderen in ihren Mund beförderte. Da hatte sie sich einfach ganz vergessen. Cappuccino machte das mit ihr, berauschte sie irgendwie. Die Verbindung von Schwarz und Weiß, das Ineinandergreifen der verschiedenen Substanzen betörte Feline zutiefst. Das war Poesie. Darin konnte sie sich geben, samt krümelndem Amarettini oder Cantuccini. Cappuccino magst du wohl sehr gern, was? Sie kam aus ihrer KaffeemitMilchwelt zurückgeschwommen in seine und sah in seinen belustigten Augen ein winziges auf den Kopf gestelltes Spiegelbild ihrer selbst mit der großen Cappuccinotasse in der einen Hand und dem Löffel, ratlos in der Luft schwebend, in der anderen. Äh, ja. Feline verdrehte die Augen. Ihr war sehr warm. Das passierte immer, wenn ihr jemand gefiel. Sie hasste das wie die Pest. Es verdarb einfach alles. Mühselig versuchte Feline die aufsteigende Hitze in sich zu unterdrücken. Sie würde ihr Dekolletee rotfleckig machen und ihre abstehenden Ohren ebenfalls. Feline versuchte zu Lächeln. Sie empfand es als besseres Zähnefletschen, damit sie nicht völlig verkannt würde und sie spürte, wie sie immer unsicherer wurde bei diesem seltsamen Menschen, ihr gegenüber. Was wollte er von ihr? Warum fragte er sie nicht einfach? Oder sollte sie fragen? 

Sie fragte ihn, ob er gern Urlaub machen würde. Das brachte Leben in ihn. Er erzählte von seinem letzten Urlaub, ein Abenteuerurlaub auf den Kanaren. Mit Kumpels. Das sei eine fantastische unvergessliche Erfahrung gewesen, sagte er und zeigte ihr auf dem Handy Fotos ,die er gemacht hatte. Es waren besondere Bilder, allesamt. Keines war beliebig, die Motive waren allesamt geheimnisvoll oder durchstrahlt von Sonnenlicht. Du machst wunderschöne Fotos, bewunderte Feline die Bilder. Ja, das mag ich. Ich knipse immer unterwegs. Schau mal, hier, das war am Strand, die Sonne stand schräg, siehst du? Als das Licht einfiel, hielt ich den Apparat so, dass genau dieser pinke Lichtstrahl zwischen den Leuten dort stand. Es war ein Bruchteil einer Sekunde und es gelang mir, dies einzufangen. Das Foto war wunderschön, voller Kraft und Leidenschaft, fand Feline. Das Licht besonders. Besonders der pinke Strahl, der wie ein Lichtblitz durch das Bild schoss. 

Magst du die Natur? Sie ist einfach das Größte für mich. Er bekam einen fernen Ausdruck in die Augen, Feline konnte nicht sagen, was er zu bedeuten hatte. Komm, forderte Felineihn auf, zeig mir noch mehr Bilder von dir. Sie sind wunderschön. Eine Stunde verging. Ich muss gehen, sagte er. Er umarmte Feline, dann war sie schon wieder zurück am Stadtrand, im Wald und tauschte die Schuhe. Sie hatten sich nicht wieder verabredet. Man kam überein, dass jeder viel Leben um sich herum hatte, schwer mit neuen Bekanntschaften. Doch sie hatten die Telefonnummern getauscht. Für alle Fälle. Man konnte ja nie wissen.