10 Wörter – eine Geschichte: Tango, Szene 1

Zehn Wörter – Eine Geschichte 

Mein Dank an westendstorie, hier der Link: https://wordpress.com/read/post/id/78230463/872/

Tags:

  1. Frigide
  2. Schattenspiele
  3. Greifvogel
  4. Krokus
  5. Grotesk
  6. Strippenzieher
  7. Tango
  8. Email
  9. Liebevoll
  10. Rilke

Tango, Szene 1

Draußen tobt der Sturm. Er hat Kerzen angezündet und Roxanes Thema aus Moulin Rouge aufgelegt. Sanft umfasst er ihre Hüfte.

„Wiege dich. Tu’s für mich. Ich führe dich.“

Ihr schlanker Körper biegt sich nach hinten, ihre Haare schleifen am Boden. Eine Bö schlägt gegen das Fenster, die Scheibe zittert leicht.

„Das ist grotesk“, lacht sie „… ich kann überhaupt keinen Tango!“

„Lass es zu, mein Krokus, ich halte dich.“ Er lächelt und beugt sich über sie, flüstert in die Musik:

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob sich eine Woge heran im Vergangenen, oder da du vorüberkamst am geöffneten Fenster, gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag. Aber bewältigtest du’s? Warst du nicht immer noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles eine Geliebte dir an?“

Du kommst mir mit Rilke, du Verführer? Du bist mir ein rechter Strippenzieher, mein starker Held, schrecklich ist deine Stärke, wie die eines Greifvogels, der seine Beute jagt, wie soll ich dir nur widerstehen? Ich müsste völlig frigide sein, um dies zu können!“

Statt einer Antwort, dreht er sie mit leichten Schwung und einem weiten Schritt in die andere Richtung, so dass ihre Füße gezwungen werden mitzuziehen.

„Wiegeschritt“, flüstert er und schlingt seinen Fuß um ihr Bein mit den halterlosen Nylons.

„Schön geschmeidig machen, mein kleiner Krokus, dies ist erst der Anfang. Willst du mehr? Sag, dass du mehr willst. Sanft zieht sein Finger die Linie ihres nach hinten gebogenen Halses nach. Komm, mach dich geschmeidig für mich, die Strapse kommen später dran. Dann darfst du mich zu Recht einen Strippenzieher schimpfen.“

Leises atemloses Lachen liegt über dem Klavierthema . An der Wand das Schattenspiel verschlungener Körper.

„Halt mich bloß gut fest“, lacht sie, „hey, wo willst du mit mir hin? Mitten in die Leichtigkeit hineintanzen?“

„Weißt du, was Tango ist in Kombination mit Rilke?“

Er hält sie nun mit beiden Armen von hinten umfangen, nimmt ihre Hände. „Weißt du es?“ Sanft bewegt er sich hin und her mit ihr, in einer wellenförmigen Bewegung.

„Tango, das ist das Gefühl, die Schwerkraft zu besiegen in der getanzten Poesie von Mann und Frau. Das gezügelte Begehren in der Ungezügeltheit des getanzten Ausdrucks. Spürst du mich? Komm, noch näher, der Tango will es so, bis kein Blütenblatt mehr zwischen uns passt. So nah sollst du mir kommen in deinem Begehren. Lass dich fallen, ich halte dich, vertrau mir. Tango ist Vertrauen und Hingabe zugleich.“

Sie lacht. Etwas unsicher.

„Ja, lass uns tanzen. Du zwängest selbst die Engel in den Wiegeschritt deiner Körperlichkeit. Du machst Metaphysisches zur wahren Begierde, mein Liebster.“ Sie atmet schneller.
Schattenspiele tanzen an der Wand. Die Kerzen flackern. Draußen vor dem Fenster tobt der Frühlingssturm. Sie dreht sich zu ihm um und schaut ihm in die Augen.

„Morgen werden die Krokusse am Boden liegen. Ich wünschte, der Sturm könnte sie liebevoll beugen. Dank dir ist es das erste Mal, dass ich sie nicht darum beneide, dass es etwas gibt, das stärker und ungebärdiger sein wird als sie.“

Er lächelt und nähert sein Gesicht dem ihren, bis sie seine Wärme an der Haut ihrer Lippen spürt.

„Dann wollen wir hoffen, dass der Sturm die zarten Krokusse nicht zerknickt, sondern nur biegt. Geküsst wird später, mein Krokus. Jetzt tanzen wir, bis wir stark genug geworden sind füreinander. Und über die dumme Email sprechen wir nicht mehr, okay?“

Advertisements

15 Kommentare zu “10 Wörter – eine Geschichte: Tango, Szene 1

  1. MARANXA sagt:

    Ganz zauberhaft, danke 🙂

  2. Deine beschriebene Szene erinnert mich an „Let’s dance“, was du aber ohne Fernseher nicht meinen wirst.
    Ich komme nicht darauf, welche Reaktion es bei mir ausgelöst hätte, wenn mich ein Mann „mein Krokus“ genannt hätte – es wäre bestimmt mehr als Lachen gewesen.
    Du kommst immer zur Nachtzeit dran, deswegen sage ich wieder gute Nacht!

  3. Christiane sagt:

    Oh, wow …!
    Begeisterter Gruß, Christiane

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s