In den Meeren

„Hippocampus“. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hippocampus.jpg#/media/File:Hippocampus.jpg

Bildquelle: Wiktionary

Wahr füreinander wären wir erst, wenn wir unabhängig von der Willkür der Zeitgefüge sind. Wir atmeten unter Wasser wie Fische mit unseren Kiemen. Wir sind Vergangene, traumhaft gefangen in unseren Idealismen steuern wir fremde Länder an. Die Phantasie treibt kryptische unleserliche Träume subkutan unter unsere Häute. Wir suchen unser Heil in der Sprachlosigkeit vergangener Kulturen, immerfort schleppen wir Mitleid mit uns, injiziieren uns Dopaminworte, lauschen indem die verschiedenen Völker sich anschweigen als hätte sich das biblische Babel wiederholt in einem erbarmungslosen Reigen durch alle Zeiten. Es war schon alles zu Ruinen verfallen bevor es uns geben durfte. Ich fühle Uferloses in mir, im Dahintreiben,  immer wieder die Philosophie fließender Wasser, die ich dir dirigierend in geflügelten Gesten beschreibe. Du nennst es Unvernunft, ich bezeichne es als verflüssigte Luft. Bin ich ein fliegender Fisch, dass ich so denke und nichts weiter als das?

Weit fort bist du, ein anderer unter vielen anderen. Mein Geist im Irrgarten seiner Gefühle unter dem exakt gerundeten Vollmond. Der Sturm knickte die Bäume um, ich richte sie wieder gerade, ziehe Jahresringe um ihre borkigen vernarbten Rinden, hoffend, dass ihre Wurzeln wieder Fuß fassen könnten als ginge es nicht nur um sie, sondern einzig um unsere eigene entwurzelte Realität. Mein Leben ist eine Insel, ganz für mich allein, sage ich dir, sehe nicht deine Augen, die du blickdicht vor mir verschleierst. Gestern die Wasserphilosophie, heute die Feuermentalität, morgen ein entwurzelter Baum, der traurig seine Äste nach den anderen streckt. Willst du wissen, ob Bäume traurig sein können? Ich meine dass es so ist, genauso wie die Welt lange vor unserer Ankunft sich nur noch auf sich selbst bezog, das universelle Wissen hinaus in die überfüllten dreckigen Ghettos jagte. Dem ewigen Hunger in den gierigen wummernden Bässen des fäkalisch anmutenden Beats war sie schon längst anheimgefallen. Noch bevor du auf Reisen gingst für eine Ewigkeit, wie es mir scheint. Ich tätschele meine Sprachlosigkeit wie einen stummen Fisch, einen entwurzelten Baum oder den Vollmond mit seinen ängstlichen Totgeburten. Sie machen mir das Herz schwer. Auch an fremderen Küsten finde ich keinerlei Trost, die ewige Suche macht mich sterbensmüde. Wenn wir wahr sind weißt du, dass alles begrenzt ist, die Welt, die wir uns anders träumen als sie in der Realität ist. Darum fresse ich die Sterne wie Saturn seine Kinder bis ihre Nacht aus mir quillt wie Holzwolle aus aufgerissenen Kuscheltieren. Sie liegen mit verdrehten Augen und verrenkten Gliedern vergraben im Müll der Menschlichkeiten. Ich, die Kiemenatmerin, hole sie dort wieder heraus und mache Mund-zu-Mund-Beatmung obwohl sie erbärmlich nach dem Unrat anderer stinken. Ich veranstalte Picknicks auf Friedhöfen mit ihnen, um den Trost ihres verschlissenen Fells an meiner Haut für einen zärtlichen Moment wiederzufinden.

Ich liebe dich großzügig in den Schwärmen mit denen ich ziehe und wandere, immerfort auf der Suche nach etwas anderem als generösen Platzhaltern. Suche ich dich, Seite an Seite mit der Gewissheit gehend, dass alles irgendwann in unserer Vergänglichkeit trostlos wieder einschlafen muss. Mein Querdenken lässt mich frieren, auch darum schwimme ich in den Meeren mit den Fischen. Sie sind salzig wie ich und doch anders, strömende Charaktere. Flüchtig hülle ich mich in den Dunst meiner Lust, die süße Psyche trägt schwer an ihrer Verantwortung. War nicht sie es, die sich an Amor verging? Es war nicht umgekehrt, denn hat sie sich nicht eben seinem Werben verwehrt in ihrer sanften lüsternen Gnade?  Verkehre nicht das Spiel, sagst du, steckst deine Hände in die Hosentaschen, klimperst mit Kleingeld und ziehst deiner Wege während ich den Flug von schillernden Liebellenflügeln filigran an graue Himmel zeichne. Die leichte Luft ist mein liebstes Element sage ich ,die strömenden Wasser das Zweitliebste. Doch ich war Feuer, wollte anderes sein als brennende Erde. In der Verzweiflung des Verlustes im Niebesessenen bin ich die treulose Blume, ein windgetragener Schmetterling. Ich fresse die Sterne für dich, speie den schwarzen universellen Raum aus. Seraphim und Cherubim sind bereits vorgegangen. Werden sie in den elysischen Gärten alter Dichter auf uns warten? Du kannst mir keine Antworten geben, oder? Da ist noch zu viel schweres Kleingeld in deinen Hosentaschen. Wirf den Klimperkram in diesen alten ausgetrockneten Brunnen und wünsche dir dafür alle Elemente auf einmal. Dazu Sonne, Mond, Sterne, das ganze Gemülle und Drumherum, um der Beliebigkeit tiefer Gefühle endlich die Schwere zu nehmen.

Ich presse den Gemälden der alten Meister weiterhin die fleischigen Farben aus, quetsche sie, bis sie  in mich hineinbluten. Bleibe weiterhin meiner verrückten Unvernunft treu, ziehe einen feuerroten Kreis um die Anarchie meiner Gedanken. Sie ist ein sadistisches Symbol für das Verlangen, im Niederreißen der Schranken. Unabhängig und frei will ich sein – wie die Fische, die entwurzelten Bäume oder die Vögel im Flug ins ständige Unbekannte. Beständigkeit ist weltlich und der größte Betrug, den ich einst, noch im Mutterleib  blind farbenträumte. Schrecklich schön ist dieses Leben, bestenfalls dilettantisch sind meine Versuche, es dir zu beschreiben als hätten wir eine Chance. Ich träume die Zärtlichkeit der Libellen in ihrer schwebenden Leichtigkeit miteinander. Ich schelte mich, weil ich die unbekömmlichen Sterne für dich fraß. Nun habe ich, deine saturnische Märchenerzählerin, immerfort Schluckauf. Schaue meine andersartige Endlichkeit an. Sie ist ein seltsames Zwitterwesen. Weichgeschlechtlich spezifisch fühlend wie eine Frau, wasserverdrängend eigensinnig wie ein Mann. Was weiter mit uns wird, steht woanders geschrieben. Ich will die Knochenfische, die Seepferdchen fragen gehen. Einst erzählte man mir, sie seien Zwitterwesen. Dabei tauschen sie nur ab und zu ihre Geschlechterrollen, passen einander ihre unterschiedlichen Farben an wie verliebte Chameläons und ihre winzigen Kinder sind  Sternsamen in den Riffen der Willkür unserer begrenzten Zeit.

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6 Kommentare zu “In den Meeren

  1. So viel Geist, so viel Gefühl, so viel Lyrik, so viele Worte kann ich fklrüh um 2.30 Uhr nicht mehr verarbeiten.
    Deswegen kann ich dir nur noch eine gute Nacht wünschen – du schläfst hoffentlich schon!

    • karfunkelfee sagt:

      2:30…? Um diese Zeit träume ich von Seepferdchen und dem Geruch des Meeres…😉

      Danke für Deine tollen Worte…wenn meine Lyrik es schafft, Dich mitten in der Nacht zu umgarnen, dann erinnere ich mich gern, warum ich sie immer wieder schreibe…✨

  2. Jetamele sagt:

    Wow. Toll!! Das muss ich später nochmal lesen, aber da steckt etwas ganz Tiefes, Sehnsüchtiges darin. Ich nehme es mit in diesen Tag.
    Eine wunderbare Sprache… Vielen Dank!!

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