Herzfossilien und Ammoniten

Bildquelle: Wikipedia

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Das Herz, wenn es zerspringt, gibt ein leises ‚Plopp‘ von sich. So leise, dass es niemand hören kann, außer einem selbst. Bei zugehaltenen Ohren dröhnt es nach innen als ein immenses Getöse, wenn das Herz in tausend und abertausend Stücke geht, als fielen von barocken Wänden in riesigen Palästen alle übermannshohen Spiegel zu gleicher Zeit auf den kalten Mosaiksteinboden oder aber als stürzten sämtliche Berge dieser Welt auf einmal in sich zusammen wie Kartenhäuser. Übrig bleibt das fossile Gefühl versteinerter Ammoniten. So klein, dass sie in die Hosentasche als Handschmeichler passen, die Finger immer wieder die schneckenähnlichen Windungen nachziehend. Versteinern dauert gefühlte Äonen. Wieviel Geduld musste der sterbende Ammonit haben, bis er sich in die Felsen als Umriss eingrub, um zu bleiben, menschlich gefühlte Ewigkeiten zu überdauern? Wie  sehr hat er sich dabei wohl gelangweilt, so alleine vor sich hinversteinernd? Dachte das Jurakind. Heute denke es nicht viel anders darüber, obwohl der erwachsene Mensch es doch besser wissen müsste. Versteinern ist ein unendlich langsamer Prozess. Das Jurakind stellte sich den noch lebendigen Ammoniten kurz vor seinem Ableben vor. Ahnungslos sein Ammonitenleben genießend, bevor dann unmittelbar und plötzlich die Felsmassen aller in sich zusammenstürzender Berge der Welt auf ihn krachten. Ein leises Plopp war zu hören.

Ammoniten mit vielen Windungen, erbarmungslos separiert von den anderen und auf immer und ewig dazu verdammt, ein bloßer Felsabdruck zu werden, während ihr weiches Fleisch und der perlmuttschimmernde Panzer schon lange verwest waren. Wieviel Druck gehört wohl dazu, einen Ammoniten zu pressen oder aber ein Herzfossil zu schaffen? Hat das Sterben der Dinosaurier jemals aufgehört? Uralte Gedanken kriechen durch die Sedimentschichten der Kindheit. Da springen Herzen leise ploppend unhörbar in abertausend Stücke oder aber sie versteinern unter großem Druck so langsam und nachdrücklich wie ein Ammonit. Noch konnte das Kind die fremde Agonie fühlen, sie wand sich elegisch in den fossilen gewundenen Strukturen des Handschmeichlers in seiner Hosentasche. Der Ammonit lag im Sand eines Urzeitmeeres, bis er gefunden wurde und lange vom Jurakind aufbewahrt wurde. Das heranwachsende Kind schenkte ihn vor Ewigkeiten einem Jungen mit Liebeskummer, der herausgefunden hatte, dass er schwul war und sich nicht traute, es seinen Eltern endlich zu beichten. Als er das Jurakind fragte, warum es ihm seinen Lieblingsammoniten schenken würde, gab es ein leises, beinahe unhörbares Plopp.

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2 Kommentare zu “Herzfossilien und Ammoniten

  1. Runa Phaino sagt:

    Eine schöne Geschichte! Gefällt mir sehr.

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