Fight Night

IMG_0825Der Club war exklusiv und die Luft roch nach Adrenalin. Auf dem Parkett konnte sie gut laufen mit den hohen stolzen Schuhen, noch besser allerdings konnte sie darauf tanzen. Das war schon immer so: Sie konnte auf den hohen roten Schuhen besser tanzen als laufen. Vielleicht, weil sie als kleines Mädchen auf Stelzen lief, um größer zu wirken als sie in Wirklichkeit war. An der Stange auf einem kleinen Podest wand sich anmutig die Königin der Nacht. Sie hatte einen dunklen perfekten Körper. Er steckte in einem hautengen glänzenden weißen Kleid, in dem ein Schlitz die langen Beine freilegte. Ihre Haare waren blauschwarz wie die Nacht und natürlich gelockt, bis zum Arsch herunter. Sie war eine Schönheit mit perlweißen Zähnen und schwarz polierten Augensternen. Das Lächeln, das sie zwischen die umherstehenden Männer warf zeigte sämtliche Zähne, die sie hatte. Es starrte vor Waffen, so persönlich wie ein Kuss und so unbeteiligt wie die Lust, die sie verkörperte in ihren eleganten aufreizenden Bewegungen.

Sie hatten einen Ring aufgebaut. Neben ihr zu stehen, ihren Duft zu atmen war genauso animalisch und wild wie die Kämpferinnen, die den Ring betraten. Der Club war gerammelt voll. Andere Schönheiten tummelten sich in voller Kriegsbemalung um sie herum. Sie fühlte sich ein wenig unsicher neben der Königin der Nacht, die sich eng neben ihr positioniert hatte. Doch diese legte freizügig eine Hand um ihre Hüften und sagte: „Ma belle de nuit “ zu ihr. Wollte wissen, ob sie hier auch arbeitete. Auf die verneinende Antwort hin perlte sie ein Lachen. Solltest du aber, sagte sie. Du siehst gut aus. Das lieben die Kerle. Leben ist Ficken, sagte sie. Ficken, bis der Arzt kommt. Doch nie das Ziel aus den Augen verlieren. Dabei tätschelte sie einem fetten Typen mit Goldkettchen um den feisten Hals den Hosenstall. Nicht wahr, mein Süßer? Sagte sie und lächelte ihn an. Doch seine Augen waren auf die Kämpferinnen gerichtet, die nun Position bezogen. Sie verbeugten sich korrekt  voreinander, wie es sich gehört im Kickboxen. Die Luft heizte sich weiter auf. Die Boxerin im Ring, mit den blauen glänzenden Satinshorts und dem knappen weißen Bustier, strotzte vor Muskeln. Lässig ließ sie vor ihrer rotgekleideten Widersacherin spielen. Diese war eher knochig, mager, dürre wie ein Straßenköter mit sehnigen Armen und Beinen, langen gestreckten Muskeln. Ihr Gesicht hart wie das eines Kerls mit tiefen Falten, die sich rechts und links neben ihrer Nase eingegraben hatten. Ausgemergelt, abgezehrt. Ein Sportlergesicht, das zu viele freie Radikale abbekommen hatte, vorzeitig gealtert. Sie schätzte sie, ihrem Körper nach auf ungefähr fünfundzwanzig Jahre. Die Blaue mit den dunkelblonden Haaren hatte weichere, feinere Gesichtszüge, vielleicht war sie auch noch jünger und hatte sich ihr Mädchenhaftes noch nicht wegtrainiert. Beide Boxerinnen hatten sich ihre Haare eingeflochten in endlos viele Zöpfchen, im Nacken zusammengeknotet. Die Zopfreihen liefen parallel zueinander  ihre Schädel entlang. Die Frisuren muteten auf seltsame Weise mädchenhaft an.

Let’s go, panem et circenses, dachte sie, als die Königin der Nacht ihre Hand nahm und aufgeregt flüsterte, dass es nun losginge. Die Kämpferinnen stürzten ineinander, gingen direkt in den Clinch. Beine flogen durch die Luft, Arme krallten sich ineinander. Ihre Aggression aufeinander war wie ein Aufputschmittel. Manche Typen leckten sich die Lippen und warteten, dass endlich Blut fließt.

Die reißen sich echt den Arsch auf, sagte die Königin der Nacht und schüttelte ihr langes Haar. Pass auf, sagte sie, gleich fetzen sie sich die Haut von den Knochen. Sie konnte den Schweiß riechen. Die rote Amazone verpasste der blauen Gladiatorin einen High Kick unters Kinn. Ihr gestrecktes Bein traf präzise die Stelle. Ihre Gegnerin ging, überrascht glotzend, zu Boden. Blut tropfte auf den Boden. Benommenheit machte sich breit. Atemloser Beifall von den Kerlen, die um den Ring standen. Der Ringrichter zählte an.

Die Königin der Nacht sagte ihr, dass sie Betriebswirtschaft studiere. Das hier mache sie, um das Studium zu finanzieren. Geiler Job, sagte sie. Brauchst nicht viel zu tun. Nur ein bisschen ficken.

Im Ring berappelte sich die Blaue und kam langsam wieder hoch. Der blanke Hass tropfte aus der Platzwunde an ihrem Kinn. In der blauen Ecke wurde sie behandelt mit einem Spray. Ihr Trainer flüsterte ihr Mantras ins Ohr und schüttete ihr einen Eimer Wasser ins Gesicht. Sie schaukelte mit dem Oberkörper vor und wieder zurück wie ein traumatisierter Zirkuselefant.  Meine Beine, sagte die Königin der Nacht, sind mein schönstes Kapital. Einhundertundsechs Zentimeter auf jeder Seite, das ist doch einfach nur geil oder? Hintereinandergelegt sind meine Beine Zweihundertzwölf Zentimeter lang. Ihre dunkle Haut schimmerte leicht golden im hellen Scheinwerferspot, der den Ring ausleuchtete. Sie perlte wieder ihr Lachen mit zweihundertzwölf knochenweißen perfekten Zähnen. Pass auf, sagte sie, die Dürre wird gewinnen. Sie ist ein zähes Luder. Das wollte sie gern glauben.

Die Rote saß in ihrer roten Ecke, fuhr sich mit den Händen durch das eingeflochtene Haar und setzte sich dann den Mundschutz wieder ein. Ich finde die Blaue sexy, sagte die Königin der Nacht. Doch wenn die Rote mit ihr fertig sein wird, kann sie ihren hübschen Körper erst einmal vergessen. Ich würde niemals boxen. Das macht die Schönheit kaputt. Mit sowas mein Geld verdienen? Neverever, sagte die Königin der Nacht und zog eine Schnute. Draußen steht mein kleiner Cabrio. Ich koste zweihundert Ocken die Nacht. Das leppert sich so bei zehn Freiern pro Nacht. Doch ist natürlich auch Glück. Nicht jeder hat die Knete so locker sitzen. Ihre Augen strahlten wie das schwarze Ding im Weltall. Schwarze Kuben, wie dieser aus der Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick. Fremdartige Intelligenz. Bist schon so eine Bombe, du Königin der Nacht, sagte sie. Hey, sagte die Königin der Nacht, ich bin bi, wusstest du das? Ein bisschen bi schadet nie. Für dich glatt umsonst, mein Herzchen. Sie griff mit ihren dunklen Fingern zärtlich in ihr langes gewelltes Kastanienhaar. Du hast ja Wasseraugen, bist eine total Blasse, da stehe ich drauf.

Die Kämpferinnen hatten wieder Position bezogen. Wie die Königin der Nacht prophezeit hatte, hatte die Blaue gegen die rote Dürre keinerlei Chance. Sie war zu präzise, zu angriffslustig. Die Blaue war viel zu weich. Gleich heult die noch, lachte die Königin der Nacht, pass auf! Die heult gleich. Nee, sagte sie, die ist gleich platt und steht nicht mehr auf. Weicheier haben im Ring nichts verloren. So eine Lusche. Sie hingegen bemitleidete die Blaue. Ihr Kinn war geschwollen und rot. Die hässliche Wunde verunstaltete das ansonsten hübsche junge Gesicht. Die strahlenden Spotlights zeigten erbarmungslos, wo die Füße der anderen sie bereits getroffen hatten. Der ganze Rücken war bereits übersät mit roten Flecken von den Tritten der roten Kämpferin. Doch auch die Rote musste jetzt einstecken. Die Blaue nahm sie in den Clinch und drückte zu bis die rote Amazone nach Luft japste. Dann ließ sie sie los, nahm noch einmal Anlauf und trat sie in die Seile. Sie flog in ihre Richtung und für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Die Rote ächzte und schnaufte, ihr verzerrtes Gesicht zeigte erste Anzeichen der Ermüdung.

Du könntest dich auch irren, sagte sie zur Königin der Nacht. Nein, erwiderte diese, ich irre mich nie musst du wissen. Das ist nicht meine erste Fight Night. Ich habe jede Nacht Fight Night. Ich fick sie alle. Bis sie vor Wonne grinsen und ihr Portemonnaie zücken. Das gefällt mir am besten daran. Sie sollen bezahlen für mich, gibt nix umsonst im Leben. Das ganze Leben ist ein endlos langer Fick. Manchmal ist einer dabei, für den mache ich es umsonst. Letztens hatte ich einen Typen, der mir nur zusehen wollte, wie ich mir mein Haar bürste. Das war ein leichter Job. Völlig verklemmt, wenn du mich fragst. Das sind die Besten. Gibt auch welche, die nur quatschen wollen. Von ihrer kaputten Beziehung und dem Frust in ihren Leben. Die Ehefrauen von denen tun mir nicht leid. Sollten sich mal nicht wundern, wenn ihre Typen fremdgehen und sowas wie mich bevorzugen. Wenn man sich gehen lässt als Frau, fett wird und desinteressiert, gelangweilt, passiert sowas. Dann wandern die Kerle ab, sind doch bloß Männer. Die müssen ficken, sonst platzen sie irgendwann vom ganzen Zeug, das sie in sich drin haben. Die meisten Frauen wissen gar nichts und verachten solche wie mich. Doch damit komm ich klar. Dafür bin ich schön und werde reich, während sie bestenfalls gesichert sind in ihren abgewichsten Ehen.

Die Kämpferinnen gingen erneut aufeinander los. Die Rote hatte sich wieder gefangen und nun war die pure Mordlust in ihren Augen erkennbar. Ihre roten Satin-Boxershorts glänzten im Lichtkegel. Die Männer soffen und grölten, feuerten die rote Kämpferin an. Feuerten die blaue Kämpferin an und schlossen Wetten ab, wer von den Beiden gewinnen würde. Sie sah, wie Scheine die Besitzer wechselten. Die Blaue grinste siegessicher und stürzte sich wieder auf die Rote. Diese gab nicht auf, ließ sich gekonnt fallen und platzierte, noch am Boden liegend, den vernichtenden Kick an die Schläfe der Blauen, deren Kopf zur Seite geworfen wurde. Dann ging sie beinahe elegant zu Boden und rührte sich nicht mehr. Vierte Runde. Der Ringrichter zählte die Blaue an, doch es kam keine Reaktion. Sie war wohl bewusstlos. Ihre geflochtenen blonden Zöpfe lagen wie schlaffe Würmer um sie herum. Die Rote stand da und lächelte nicht. Verbissen betrachtete sie ihre am Boden liegende Widersacherin.

Der Ringrichter nahm ihren Arm und hielt ihn hoch. Sieg nach K.O. Der Trainer kümmerte sich um die Blaue. Weiterhin keinerlei Reaktion. Sie brachten eine Trage und schleppten sie aus dem Ring. Die ist fertig, lachte die Königin der Nacht. Kann froh sein, dass der rote Haudegen sie nicht in die ewigen Jagdgründe beförderte. Warum steigt sowas in den Ring? Ich sehe das immer wieder. Hinterher heulen sie und bemitleiden sich, weil sie verloren haben. Sie heulen ihre Trainer voll und sagen, sie hätten die falsche Farbe getragen. So ein Scheiß! Man muss einfach Durchhaltevermögen beweisen. Schau dir die Rote an. Hässlich aber zäh wie Leder und beinhart.

Später, beim Gang zur Damentoilette fragte sie ein Typ, wieviel sie nähme pro Nacht. Sie lächelte ihn freundlich an. Ich bin eine Begleitung, sagte sie. Nur eine Begleitung. Ich wollte den Kampf sehen, unbedingt. Ich steh auf Kickboxen und Kampfsport. Schade, sagte der Typ. Dich würde ich gern mal hernehmen. Sie lächelte wieder. Sorry, aber ich bin nicht zu haben. Hey, ich zahl auch genug. Sein Grinsen wurde breiter und er legte eine Hand auf ihre Hüfte. Keine Chance, sagte sie. Das, was ich zu bieten habe, kostet kein Geld und doch ist es unbezahlbar. Zu teuer für dich, fürchte ich. Arrogant bist du gar nicht, oder? Fragte er und berührte ihren Arm. Weiche Haut hast du. Ich steh auf weiche blasse Haut. Wen begleitest du? Jemanden, sagte sie, nicht weiter wichtig. Dein Haar, sagte er. Schönes langes Haar. Ich bin gut, ich verspreche es dir. Zweihundertfuffzig, wäre das genug? Nein, sagte sie. Das wäre nicht genug. Das was ich zu geben habe, kostet mehr. Er lachte. Laut und herzlich. Du bist ja eine Marke! Ja, sagte sie, ich bin eine Marke. Sie ging.

Im Ring tanzten welche. Die Königin der Nacht war auch dabei. Sie hatte sich einen Typen gekrallt und umschlang ihn mit ihren langen Beinen. Sie drückte ihre Hüften an ihn und fuhr mit ihrer Hand an seinem Kinn entlang. Ihre Augen glänzten und ihre vollen Brüste schwangen im Rhythmus der Beats. Sie hatten den hellen Spot abgeschaltet. Die farbigen Lichtkegel wanderten über den Boden. Sie stieg hinauf zu ihrer ebenfalls tanzenden Begleitung und bewegte sich. Sie tanzte nah, Hüfte an Hüfte mit der Königin der Nacht, die sich unmittelbar neben ihr mit ihrem Tanzpartner befand. Sie lächelten sich zu wie verschwörerische Geliebte. Hey, sagte sie zur Königin der Nacht. Sind zweihundertfuffzig Ocken für eine Stunde viel? Die Königin lachte. Ja, sagte sie, das ist schon ordentlich. Du solltest vielleicht hier anfangen. Doch als sie in das Gesicht ihres Tanzpartners schaute, sah sie seine Verneinung und einen Anflug von Entsetzen. Nein, flüsterte sie der Königin der Nacht zu, so leise, dass ihr Partner nichts von dem Gespräch hören konnte. Ich habe keine Lust. Sex ist klasse, doch das hier wäre nichts für mich. Ich verliebe mich einfach zu schnell. Das wäre tödlich. Zu viel Gefühl. Von einem Netten könnte ich keine Kohle nehmen. Einem Netten würde ich es umsonst machen wollen. Dabei bliebe ich arm, kein Job für mich. Das geht nur, wenn du die Gefühle wegbeamen kannst.

Ja, sagte die Königin der Nacht und rieb sich zärtlich an ihrem Tanzpartner. Das dunkle Samtgesicht neigte sich ihrer Wange zu. Sie nahm einen Hauch Moschusduft wahr. Animalische Paarungsbereitwilligkeit im Hüftenwiegen. Ja, flüsterte sie. Gefühle machen dich arm. Doch wenn du mal wieder hier bist und die Zärtlichkeit einer Frau suchst, dann frag nach Leila. Das ist mein Künstlername. Für dich mach ich glatt Zeit frei. Mich darfst du fühlen, Holde, ganz umsonst. Ich leck dich in den zehnten Himmel und streichele deine weiße Haut bis sie glüht. Ganz umsonst. Nur wir beide, versprochen. Ohne Typen. Ich küsse dich auch, verprochen. Sowas mache ich eigentlich nicht. Aber dich und deinen Venusmund, den küsse ich, den knutsche ich. Darin bin ich richtig gut. Doch… Sie brachte ihren vollen Mund mit den Perlenzähnen nah an ihr Ohr: Die Freier küsse ich nicht. Das hat Gründe. Sieh dich bloß vor, wen du in deinem Leben küsst!

Später, wieder zu Hause in ihrem Bett dachte sie an den Kampf, an Leila und ihre schneeweißen Perlenzähne und war gefangen von ihrer Sinnlichkeit. Der Mond schien durchs Fenster und tauchte ihren blassen Körper in helles kaltes Licht. Sie zog mit einem Finger die Mondspuren nach. Sie wanden sich halsabwärts wie ein Pathologenschnitt zwischen ihren bloßen Brüsten hindurch. Sie streichelte sich, die Gänsehaut auf ihrem bleichen Bauch, der sich in der Dunkelheit wölbte wie ein Mondberg. Was für ein Leben, dachte sie noch. Dann schlief sie nackt, nur bedeckt von der warmen Sommernacht, endlich ein.

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2 Kommentare zu “Fight Night

  1. wildgans sagt:

    Richtig geilschön!
    Ich überlege, welche Schreibe da zwischen den Zeilen schimmert…tanzschwebende Namen tauchen auf.
    Wahrscheinlich ist der deutlichste: Karfunkel!

  2. Man kommt ja mit dir rum – von einem Metier ins andere, alles welche, in denen ich mich nicht auskenne, mich auch nicht mehr auskennen muss. – Aber du hast nicht geschrieben, was mit der blauen wurde, ob sie etwa gar doch so schwer getroffen wurde, dass sie einen Dauerschaden mitbekommen hat – oder gar schlimmeres.

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