An Dalì aus der Ferne – Von Schiffen und Menschen

gefunden bei: http://www.panoptikum.net/salvador-dali/ (Salvador Dalì - Das Schiff - Ölgemälde)

gefunden bei: http://www.panoptikum.net/salvador-dali/
(Salvador Dalì – Das Schiff – Ölgemälde)

Es flaut – kein Wind vor den schlaffen Segeln, kippt am Abend der Kopf zur Seite und die Gedanken wellen sich in leichten Bewegungen Richtung Schlaf. Dieser bringt Unterwasserträume, ich stehe auf einem gesunkenen Schiff an Bord. Lag es an Salvador Dalìs Bild vom Mensch, der ein Schiff war und verankert mit seinen Beinen am Grund des Meeres stand? Tun deswegen die Schultern so weh? Doch Dalìs Schiff-Mensch stand mit Körper und Kopf über Wasser und seine Schultersegel waren gebläht von Wind. Dalí kann also nur ein sekundärer Einfluss sein. Dort unten am Meeresgrund auf meinem gesunkenen Schiff ist eine ganze Gesellschaft versammelt. Ich finde keinen Atem, will unbedingt hinauf auf diese Insel, die zum Greifen nah vor der algenumwundenen Reling felsig vor mir aufragt. Fundamental, gewachsen aus der Tiefe, der Berg in der Brandung.

Im Traum träume ich auf dem Grund des Meeres stehend von Sonne und stehe in türkisgrünen Lichtreflexen auf dem gesunkenen Schiff. Tang hängt in den Segeln. Die Ausflugsgesellschaft, in der ich mich befinde, hat nahezu krankhaft gute Laune, die Kinder veranstalten ein Picknick, krakeelen und toben von Steuerbord nach Achtern und umbekehrt auf den Planken herum. Das Schiff bebt von den rennenden Füßen. In mir ein Gefühl klammer enger Unruhe, der Wunsch einfach über die Reling zu klettern und am Fels dieser Insel nach oben hin zum Licht und an frische Luft zu gelangen. Die Leute drohen mir, sie würden ohne mich weiterfahren, wenn ich das Schiff verlasse. Es schreckt mich nicht, ich wage es, schwinge mich über die Reling und klettere auf die Felsen. Zu meinem Entsetzen muss ich jedoch feststellen, dass das Land die Wasseroberfläche nicht erreicht. Ich sehe durch das Wasser über mir eine dunkle Wolkenwand am Himmel weit oben heranziehen, scharf grenzt sich ihr Dunkel gegen das Himmelsblau ab. Noch wäre Zeit genug, zu den anderen zurückzukehren. Ich laufe schwer gegen den Wasserwiderstand ankämpfend in langsamen Schritten auf der Insel herum und suche nach Wegen weiter hinauf, hin zur Luft. Der erstickende Druck auf meiner Brust steigt. Jemand winkt mir vom Schiff aus zu, der Kapitän? Er könnte es wohl sein, dem energischen Aussehen nach. Er hat entfernte Ähnlichkeit mit Jürgen Prochnow, doch sein Schiff erinnert eher an ein gesunkenes Wrack als an ein U-Boot. Verkapselte erstickte Gefühle in mir, umhüllt von Tonnen aus schwerem Stahl. Schweren Herzens kehre ich auf das Schiff zurück, das nun verlassen scheint. Leere Teller und Tassen, achtlos hingeworfene Bestecke liegen auf den Tischen herum. Sie sind an Bord festgeschraubt. Die schwerelosen, leicht von der Dünung bewegten Stühle, auf denen zuvor noch Menschen saßen, sind leer. Die Wolkenwand hoch über mir, scheint ins Wasser gesunken. Kann es auf dem Meeresgrund regnen, frage ich mich und sehe weit hinten verbleibende Sonnenstrahlen in Reflexen über einen Fisch-Schwarm tanzen. Ein lautes Krachen schreckt mich hoch aus Schlaf und Traum, der Bücherkarton, vollgepackt mit Horror, ist umgefallen, die Bücher liegen verteilt im Flur. Ich stoße mir den Zeh an einer Buchkante, hüpfe von Buch zu Buch, als bildeten sie eine Brücke aus grauenvollen Steinen über einen Fluss und wanke zurück ins schwankende Bett. Oder war auch dies nur ein Traum? Am Morgen fiel ich erneut über die im Flur herumliegenden Bücher und frage mich, warum sie nicht auf Grund sanken und dort feststeckten, so wie ich auf diesem Schiff, letzte Nacht, im Traum. Nun habe ich das Grauen gestapelt und in die dunkelste hinterste Ecke eines Regals verbannt. Ich bilde mir tatsächlich ein, dass ich sie dort nicht sehen kann. Doch das Herz weiß es besser. Es wird sich an das Grauen jederzeit erinnern. Der schwarze heiße Kaffee in der großen Tasse wirkt, obwohl ich immer noch einen grünen lichtdurchfluteten Meeresschleier aus dem Traum letzter Nacht vor den Augen trage, das Gefühl habe, keine Luft zu bekommen. Die dumpfe Seele will atmen, ich will nächste Nacht träumen, ich hätte Kiemen, so wie damals, als ich noch nicht geboren war. Vielleicht nehme ich mir den Dalí heute doch noch einmal vor und lege spanische Musik dazu auf, ziehe den kurzen Rock an und bewege mich, als ginge ich an irgendeinem zukünftigen Tagtraumstrand spazieren. Es wird Zeit für eine neue Spanischlektion, über mir hängen heute fett aufgeplusterte lichtgraue Wolken  Doch sie sind keine dunkle scharf abgegrenzte Wand, verteilen sich eher über den Himmel wie alte vergilbte Zuckerwatte. Ich spüre immer noch die Unruhe der Segel und das Blei in den Füßen am Meeresgrund. Skurrile Schiffgefühle eines Menschen. Ich winke Salvador Dalí zu und grüße ihn. Aus der Ferne.

Advertisements

6 Kommentare zu “An Dalì aus der Ferne – Von Schiffen und Menschen

  1. Zeffiretta sagt:

    Saludos cordiales

  2. Jetamele sagt:

    Liebe Karfunkelfee, du träumst erstaunliche Träume.
    Ich wünsche dir einen leichtfüßigen luftigen und bleilosen Tag, wobei der Himmel (zumindest über Hamburg) einen so bleiigen Eindruck weckt, dass man sich gleich deutlich schwerer vorkommt.
    Trotzdem.
    Nicht leicht, sich von solchen Nachterlebnissen, zu befreien.
    Wie wär es mit Fliegenlernen? Einfach weg von dem Grusel? Hinauf wie eine Möwe in die Lüfte?

    • karfunkelfee sagt:

      Manchmal bin ich halt ein rechter Tauchenichts und die Nächte holpern mir bleigewichtig am Fuße hängend, hinterher.
      Ich versuche es mal mit Mohnblumen-Monet und meide nach Möglichkeit Dalì. Hier wölkt es ebenfalls gewaltig, obendrein ist es genauso kalt wie es sich für Eisheilige gehört. Heute Bonifatius? Ich bringe die immer noch manchmal durcheinander…
      Danke für Deine lieben Wünsche! Morgen noch die kalte Sophie, dann eiert Ostwestfalen fröhlich gemäßigt klimatisch der allgemeinen Erderwärmung zum Trotze der Schafskälte entgegen…😀

  3. Liebe Karfunkelfee, der Himmel hat sich erblaut, die Wiese bepusteblumt und Insekten tanzen nach ihrer so ganz eigenen Choreographie. Mögen Ihnen die nachtgrauen Gedanken vergehen, ich sende Grüße übern Kamm.
    Von Herzen zugetan, Ihre Frau Knobloch, gänseblümchenzwischendenzehenhabend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s