Vater, Tochter und Monet

Heute besuchte ich mal wieder den Monet. Der Drang, seine Mohnblumen wiederzusehen, wurde übermächtig. Was sollte ich anziehen? Einer der Eisheiligen blies kühlen Wind über den Balkon und trocknete die Wäsche auf dem Ständer obwohl oder gerade weil es ein Feiertag war. Draußen zogen lärmend ein paar große betrunkene Kinder mit einem Bollerwagen vorbei. Sie hatten den Stimmbruch bereits weit hinter sich gelassen und waren dabei sich zu Kleinkindern in der Trotz- und Grölphase zurück zu entwickeln. Ich überlegte, was ich anziehen könne. Schön machen wollte ich mich für ihn. Es war schlimm genug, dass er an einem solchen Tag im Bett liegen musste und noch schlimmer, dass dieses Bett in einem Krankenhaus stand und nicht in der Reha-Klinik, in der er längst sein sollte. Ich zog das enge Röckchen an, darüber das noch engere T-Shirt samt Jäckchen und stellte mich probehalber in die steife Brise. Da spitzte doch was? Ich befand, dass dies überhaupt gar nicht ginge und pappte auf die vorwitzigen Spitzen diese hübschen Gel-Silikon-Blümchen, die so etwas züchtig verdecken sollen. Hochhackige Boots und den grünen Feen-Mantel an, hinaus in den Frühling. Im Bus verstöpselte ich meine Ohren, sah Landschaft und Straße vorbeiziehen und hörte dabei Tango. Vor mir saß eine alte Dame. Sie diskutierte heftig mit ihrer Sitznachbarin und schimpfte sie lauthals aus, weil diese bei Mark so viel Kaffee getrunken hatte. Darum sei ihr jetzt so beschissen übel und aus keinem anderen Grund. Die andere rechtfertigte sich, dass Mark ihr den Kaffee extra gekocht hätte, sie habe ihn trinken müssen, sonst sei das unhöflich gewesen. Der Tango in meinem Ohr wurde untermalt von einer Quetschkommode und ein Piano unterlegte lasziv die Worte „beschissen, extra und unhöflich“ mit plätschernden Tönen. Die beiden stritten noch eine Weile weiter, dann stiegen sie aus. Beim Umsteigen in die Straßenbahn umwehten mich Knoblauchdüfte. Ich schaute mich dezent um und blickte direkt in ein paar blaue Augen, die mir von hinten in den Ausschnitt zu fallen drohten. Mein Geist intonierte für  sich: „beschissen, extra und unhöflich“ und versuchte Lyrik daraus zu machen. Zwei Stationen mit den blauen Augen und den sie umwabernden Knoblauchschwaden waren gerade noch erträglich, dann durfte ich endlich aussteigen.

Ich lief zwischen blühenden Bäumen den Rosenberg hoch und betrat das vertraute Krankenhaus. Der frisch Operierte lag im fünften Stock. Ich wetzte die Treppen hoch in den zweiten und wollte Monet und die Mohnblumen knipsen. Drei Minuten schwelgte ich mit der behuteten Dame und den Mohnblumen im Feld, dann hüpfte ich weiter in den dritten Stock. Dort war die Geriatrie untergebracht, die weiße Treppenhauswand schmückte irgendein postmodernes Kunstverbrechen, das aussah wie ein Verkehrsunfall mit Gedärmen. Bevor ich einen epileptischen Anfall bekam, hastete ich weiter hoch in den vierten Stock. Dort herrschte kontemplative Ruhe in Form eines Weisen auf einem Stein. Überdimensional. Genial. Sollte ich knipsen? Nein, nur noch ein Stock höher lag er doch schon. Keine lindgrünen Wände mehr. Orange und freundlich mit Makrofotografien von Blüten an den Wänden. Das Schwesternkabuff hatte leichte Ähnlichkeit mit dem Yellow Submarine von den Beatles. Vergnügt prustete ich ein paar Schwestern einen zackigen Himmelfahrtsgruß zu. Ich klopfte an die Tür seines Zimmers und freute mich über sein überraschtes Gesicht als ich eintrat. Er sah aus wie ein Marsianer. Überall hingen Schläuche aus ihm heraus. Hier ein Beutel und da eine Flasche, Drainagen und irgendwo dazwischen er. Er war weiß im Gesicht, doch seine Augen leuchteten. Ich verfluchte sein Missgeschick und setzte mich an den Bettrand. Er erzählte mir genau, was ihm geschehen war und letztendlich hatte er doch viel Glück in allem Unglück gehabt. Im Fernsehen bolzte sich gerade die Fußballdamenmannschaft FFC Frankfurt mit vollem Einsatz zu ihrem formidablen Champions-League-Sieg 2:1 gegen die Mädels von Paris St. Germain. Ein gutes Omen, befand ich. Dann kam Mustafa, der Pfleger und brachte Abendbrot. Da sah ich es mit schreckgeweiteten Augen: Eines meiner transparenten Silikon-Busenbedeck-Blümchen hatte sich unter meinem T-Shirt hergestohlen, war zu Boden gefallen und lag nun wie eine übergroße durchsichtige schwabbelige Linse vor dem Bett. Ich schwankte hin und her zwischen Entsetzen und einem völlig unpassenden hysterischen Lachanfall. Der Kranke fragte mich, was denn bloß los sei, ich sähe plötzlich so angespannt und spitz um die Nase aus. Och, nichts, gar nichts, sinnierte ich, sah zur Decke und behielt dabei genau Mustafa mit dem Abendbrottablett im Auge, jubelte weiter euphorisch dem Fernseher zu und zeigte so lange mit dem Finger auf die sich dort verausgabenden Fußballdamen bis beide Männer den Apparat an der Wand fixierten. Schnell kickte ich mit einem gezielten Tritt flach gegen die durchsichtige Silkon-Busenbedecklinse, die mit einem nahezu elegant anmutendem Satz unters Krankenbett flog. Was machst du denn da bloß? Wollte der Kranke wissen, während Mustafa das Tablett mit dem Essen vor dem Bett abstellte. Mustafa, das ist meine Tochter, wurde ich förmlich vorgestellt. Der Kranke im Bett lächelte und schmierte sich sein Butterbrot. Nun esse ich dir auch noch etwas vor, kam es vergnügt kauend von ihm. Fein, mach nur, ich bin nämlich völlig vollkornbrotresistent, konterte ich. Während Mustafa die Medikamente in die Spenderbox einsortierte, sprachen wir über die Familie und die Kinder, darüber wie ich meine Tochter im Auto beim Zurückschieben der Sitze hinten eingequetscht hatte und sie gequiekt hatte wie ein Ferkel. Dass mein Sohn auf dem Notsitz zusammengeklappt mit den Knien am Kinn hing wie ein großes „N“, weil Mama ebenfalls zu weit nach hinten gerutscht war. Wir lachten laut. Da war er endlich mal unbeschwert. Ich liebe es, wenn er lacht. Mustafa verließ leise wieder den Raum. Eine Weile blieb ich noch. Bevor ich ging, täuschte ich noch einen heftigen Wadenkrampf vor. Ich muss mich dringend mal strecken, sagte ich und versuchte dabei so gelangweilt wie möglich auszusehen, beugte mich zu meinen Schuhen herab und fummelte mit dem linken Fuß unauffällig die mittlerweile zugestaubte und trübe gewordene Silikonlinse unter dem Bett hervor. Auf der Toilette entledigte ich mich dann vorsichtshalber auch des zweiten Silikonteils, das bereits verdächtig schief und völlig deplatziert zur Seite hing und verfluchte Silikon im Allgemeinen und meine Prüderie im Besonderen. Aus mir wird wirklich niemals eine richtige Dame, dachte ich und war einen Moment lang versucht, die glibberige Silikonlinse einfach an den Spiegel über dem Waschtisch als Trophäe zu pappen. No-go! Was sollten die Krankenschwestern denken? Am Ende unterstellten sie ihm noch irgendwelche Ungehörigkeiten! Ich hörte ihn fragen, was es denn auf der Toilette so Lustiges zu quickern gäbe? Hast Du eine Ahnung, flüsterte ich dem Spiegel zu und verließ frisch händedesinfiziert die Lokalität. Spiel, Satz, Sieg, Fussball und Tango, triumphierte mein zufriedenes Ego und gab, bevor ich ging, noch ein Küsschen auf seine blasse Wange, die nun wieder ein wenig mehr Farbe hatte. Operationen sind doch Mist, oder? Bist bald wieder auf dem Damm! Er lächelte ein wenig schief, doch nicht ohne Optimismus.

Im zweiten Stock begegneten mir wieder Monet und seine Mohnblumen. Ich betrachtete erneut die Dame im roten Feld, darüber blaute der Wiesenhimmel. Das ist wenigstens eine Dame, dachte ich noch. Drauf gepfiffen! Dann hüpfte ich die Stufen herunter, aus dem Krankenhaus heraus und den Rosenberg hinab zur Straßenbahnhaltestelle. Die Straßenbahn war gerade gekommen und stand am Gleis, ich musste nur noch die Gleise überqueren und rannte darum wie der Teufel, um noch einsteigen zu können. Der Fahrer sah gelassen zu, wie ich heranhetzte, warf mir einen wie mir schien, hämischen Blick zu und gab dann grinsend Gas. Arschloch!, dachte ich und war einen Moment lang versucht, völlig undamenhaft den Mittelhandknochen….aber nein. Da sei Monet vor. Und die Lady mit dem Hut in den roten Mohnblumen.

Advertisements

16 Kommentare zu “Vater, Tochter und Monet

  1. Zeffiretta sagt:

    Toll wie immer

  2. Man liest es, als wäre man dabei gewesen. Aber lassenSe die Spitzen ruhig blitzen beim nächsten Male, vielleicht ein Kaschiertüchlein, lose über den Nacken geschlungen…
    Aber was weiß ich schon über Damen!
    Liebe Grüße, sophieennächtig und kalttaubenetzt, Ihre Frau Knobloch.

    • karfunkelfee sagt:

      Blitzen reimt sich auf Spitzen wie verrückt. Das Tüchlein um den Nackend tut in der eisheiligen Zeit noch noth, sonst krächzt es heiser wie eine Krähe, statt wonnige Frühlingsweisen zu schmettern. Doch freue ich mich schon auf sommerlaue Tage und Nächte.
      Herzlichst über Kamm und Hermann hinwegkarfunkelnd, die Ihrige✨🌞

      • Oh, hats hier heute gefunkelt, meine liebste Karfunkelige! Hach und Dank und überhaupt…
        Schwarzaufweissverliebte Grüße, Ihre Käthe, abersowasvonzugetan. Sie sind sowas von Spitze, egal ob silikonisiert oder nicht…

        Heute Morgen vergaß ich die besten Wünsche für den kranken Herrn Papa anzufügen, gedacht habe ich es mehrfach. Alles Liebe für Sie und Ihre Lieben, von Herzen.

  3. Came over to see what your blog was like, and realised that you may have fantastic English, but you blog in German! Of course.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s