Midsun, Musen und die Männer

  

Gestern dachte ich den ganzen Tag an die Sommersonnenwende – Midsun. Widme ihr sonst immer einen Text und kam vor lauter anderer lästiger Arbeit nicht zum Schreiben. Ziemlich angefressen, mit der lamentierenden und protestierenden Muse im Rücken, fiel ich ins Bett, ignorierte aufgrund meines fortgeschrittenen Alters die nervende Hirngeburt in meinem Zimmer, bot ihr höflich eine Tasse Baldriantee an und beschloss, so gut es eben möglich war, ihre hartnäckige Anwesenheit zu ignorieren. Ich hörte das schnöde abgewiesene Geschöpf aus Richtung Schreibtisch flüstern: Ey, Alte, so alt wie Du bist, kannst Du gar nicht mehr werden! Um halb elf abends die Klüsen zuklappen? Früher warst Du anders drauf! Das bisschen Arbeit! Nächtelang schriebst Du durch! Komm, wir knutschen! Ich drehte mich zur Seite und murmelte was von elysischen Traumgefilden, dass wir uns dort wiedersähen und dass ich mir bereits die Zähne geputzt hätte. Prompt jammerte sie noch lauter als zuvor und begann mir etwas von Gewissenspflichten und lyrischem Verantwortungsgefühl zu erzählen. Willnichgehwoandersknutschen, kam es schwächelnd von mir. Christopher Lee ist tot, Pierre Brice ist tot und mir ist auch schon schlecht, setzte ich schlecht gelaunt hinterher und drückte eine Träne weg, weil zwei meiner Jugendtraummänner nicht mehr waren. Die Muse summte leise ein Requiem und säuselte zuckersüß: Und Hugh Jackman? Ist der etwa nichts? Zu weit weg…entgegnete ich lahm. Und Ed Sheeran? Was ist mit dem? Sie war hartnäckig. Er hat rote Haare, Baby! Er quietscht noch hinter den Ohren und genießt Welpenschutz, konterte ich, lass mich jetzt in Ruhe! Die Muse schwebte auf mein Bücherregal, schlug die Beine übereinander und fixierte mich. Es ist Sommersonnenwende, Frau! Schreib! Befahl sie nun in harschem zackigen Kommando-Ton und senkte die Stimme um mindestens drei Oktaven, um beeindruckender und autoritärer zu wirken. Ich stellte mich gleichgültig und tot wie ein überfahrener Igel. Angespannte Stille, von der ich genau wusste, dass sie nicht lange anhalten würde. Unschlüssig, was sie nun tun solle und traurig aus der Wäsche schauend, blätterte die Muse in Bert Brechts Werkausgabe herum, glättete ein Eselsohr in Ingeborg Bachmanns Anrufung des großen Bären und rückte den Rilke gerade in die Reihe zurück. 
Du hast Rainer Maria Rilkes Duineser Elegien zwischen dem Windows Handbuch und dem fetten Dictionary einfach so eingequetscht, sagte sie schließlich etwas weinerlich. Heul doch, brummte ich missmutig, hatte jedoch inzwischen ein schlechtes Gewissen. Rilke wäre empört über so viel mangelndes dichterisches Pflichtgefühl, kam es aus Richtung meines Bücherregals. Werde jetzt bloß nicht moralisch, entgegnete ich schläfrig und schwer. Ich knutsche lieber mit Morpheus! Morgen ist ein Arbeitstag, auf Sommerwiesen herumtanzen, Blumen pflücken und unters Kopfkissen legen an Midsun, Du kommst vielleicht auf Ideen! Polterte ich und wischte einen idyllischen blumenbekränzten Sommergedanken in luftigen weißen Mädchenkleidern beiseite, den die Muse mir versuchte heimtückisch und hinterrücks in meine traumschweren Synapsen zwischen die Hirnlappen zu pflanzen. Sowas Perfides! Das machen in Schweden nur die Jungfrauen! Die Muse grinste lakonisch: davon bist Du schon ein paar Jahre weit entfernt, was? Ich wurde langsam stinksauer und bemerkte gallig: Hey, Du Traumtänzerin, es regnet draußen junge Hunde, es ist arschkalt wie Winter in Schweden und die Kinder schlafen schon! Mal ein anderer Ansatz, um das lyrikbesessene Wesen auf meinem IKEA-Billy-Bücherregal endlich zum Schweigen zu bringen, dachte ich hoffnungsvoll. Schlafende Kinder sind schließlich heilig. Du bist sterbenslangweilig, flüsterte die Muse. Und Du bist prosaisch, theatralisch und Du nervst mich kolossal, flüsterte ich genervt zurück. Du hast nur ein einziges Leben, kam prompt von ihr die nächste Kampfansage, los, mach gefälligst was draus! Ich richtete mich im Bett auf: Musst Du immer diskutieren? Das letzte Wort haben wollen? Moralinsauer herumschwafeln? Mich vom Schlafen abhalten? Ich krieg Falten, Mann, äh, Frau, Muse, whatever! Gute Nacht. Kannst kuscheln kommen, wenn Du magst, aber halt endlich Deinen Sabbel, ich geh jetzt nämlich träumen. Träumen buchstabierte ich vorsichtshalber in Zeitlupentempo und intonierte das Wort obendrein in Englisch, Französisch und Spanisch. Wobei ich bei Spanisch ins Nachdenken geriet. Dreaming, understanding? Rêver, mon amour! Soñar, querido! Von mir? Erwartungsvoller Blick mit Augenklimpern. Die Muse legte hoffnungsvoll den dicken Goethe beiseite. Meinetwegen auch von Dir, sagte ich ergeben. Und von David Bowie, dem schönsten Mann der Welt und die verdammte Leier bleibt draußen! Die Muse runzelte die Stirn, verwandelte sich in etwas Vages, das entfernt David Bowie ähnelte und sprang mit einem bemerkenswerten Satz zu mir ins Bett, dass die Matratze bedrohlich wackelte und herumgluckste. Das Geschöpf hatte eiskalte Füße und stopfte diese in meine weichen warmen Kniekehlen. Ich konnte noch flüstern: Oh…Du kennst mich viel zu gut, Du geistgeborenes Miststück!

Der Rest war Nacht, Schweigen und irgendeine Form von Schlaf.

32 thoughts on “Midsun, Musen und die Männer

  1. Zeffiretta sagt:

    Ach….wieder einmal großartigst. Es leben die Musen, besonders die lebendigen, einmal lebenden😉

    • karfunkelfee sagt:

      Tja…was wäre ein Schreiberdichterling ohne Muse? Sie können nervig sein, ja, doch sie sind Inspiration, Gedankenanstoß und die personifizierte Imagination von everyoung loving live…
      Danke für Dein Lob…✨

  2. Arabella sagt:

    Grandios, bonfortionös, ganz prima usw. usf.
    Warte doch einfach das Ende der Mitsommerfeierlichkeiten und deren Höhepunkt, den 24.Juni, ab. Und dann tanzen wir gemeinsam um das Feuer…wie wär’s?

  3. Ich kenne deinen Spruch: „Ey, Alte, so alt wie Du bist, kannst Du gar nicht mehr werden!“ etwas anders, nämlich: „So alt, wie du aussiehst, kannst du gar nicht mehr werden.“ – Der ist noch gemeiner als deine Variante.
    Wäre ich deine Muse, würde ich bei angebotenem Baldriantee aber so schnell weg sein – so schnell könntest du gar nicht gucken!
    Und ich bin jetzt schnell im Bett.
    Drüxxxxxxxxxxxxx von Clara

    • karfunkelfee sagt:

      Guten Morgen, Du Nachtkind. Wenn Du schreibst, vergnüge ich mich schon selig mit Morpheus. Stimmt, den Spruch kenne ich auch noch in Deiner Variante und darin ist er definitiv noch fieser. Vielleicht wollte es sich die Muse nicht gänzlich mit mir verderben, denn wenn sowas gekommen wäre, hätte ich das Fenster geöffnet, sie dreimal um den Lüster und dann hinaus in Regen und Kälte gescheucht, ohne eine Spur des Bedauerns. Doch es ist ja eine Muse, Tochter der Mnemosyne und des Zeus, Schutzgöttin der Erinnerung, die Musen sind immerhin Göttinnen und haben noch einen Ruf zu verlieren. Das darf man nicht vergessen. So ganz platt und unverschämt wie Menschen sind sie aus genau diesem Grund eben nicht.😉
      Du magst keinen Baldrian?
      Hm…naja…Pfefferminztee ist mir auch lieber, wirkt aber nicht so gut.
      Morgengrüße…✨

      • Ich hoffe, du willst es dir nicht mit mir verderben, liebe fee. Als meine familie in früheren Zeiten pfefferminztee trank, habe ich im anderen Zimmer gegessen. Allein schon vom Geruch wird mir übel

      • karfunkelfee sagt:

        Oh…jemine…so schlimm…😉
        Salbei- oder Ingwertee? Hoffnungsvoller Blick…
        Ah, nee…besser:
        Rooibos Sahne-Karamell
        Schnell her damit…
        Erdbeer-Vanille…
        sei mein nächster Wille…

        Mir geht es übrigens wie Dir, wenn ich Yoghurt oder Buttermilch rieche…von dem Geruch wird mir elendig übel.
        Nein, nein. Niemand sollte konsumieren müssen, was ihm unbekömmlich ist oder eklig. Ich habe auch meine Kinder nie gezwungen zu essen, wovor sie sich gruseln und sei es noch so gesund. Bei meinem Sohn sehr schade, denn er mag überhaupt kein Obst. Das glich ich mit allen Sorten Gemüse aus, das isst er zum Glück. Bis auf Sellerie.
        Und dass den nicht alle Kinder mögen, ist verständlich.😉

      • Liebe Fee – verlassen wir mal lieber den Sektor Tee und gehen zu ungesünderen Getränken über. – Karamellgeschmack ist schon okay, wenn du das Rooibos davor weglässt – wenn, dann schwarzer Tee mit Geschmack.
        Vielleicht kommt dein Sohn später auf den Geschmack und holt dann alles mit Obst nach, was er jetzt versäumt.
        Das mit der Pfefferminze war keine Übertreibung. Wir hatten zu Ehezeiten einen Garten, in dem der Ex auch Pfefferminze angebaut hatte. Betrat er nur mit diesem Kraut die Wohnung und kochte Tee, siedelte ich um.
        Sellerie mögen auch alle Erwachsenen nicht – inzwischen esse ich ihn als Spurenelement in einem Salat.

      • karfunkelfee sagt:

        Alle Erwachsenen mögen keinen Sellerie?
        Oh oh..ich wusste es…ich bin keine Erwachsene und auch kein Kind…doch Sellerie…ach, lecker!!!😂
        Wenn Sohnemann nach seinem Vater gerät, mag er später Äpfel.
        Das lässt hoffen…;)
        Ende offen…

      • Da hatte ich mich falsch ausgedrückt. Ich meinte, auch nicht alle Erwachsenen essen sellerie . Aber ist ja auch egal.

      • karfunkelfee sagt:

        Ist schon gut…😉
        Die Geschmäcker sind glücklicherweise verschieden.
        Ich kaue ja sogar den scharfen Ingwer roh, weil ich den Geschmack so mag und die Schärfe auch…
        Sellerie ist speziell, doch meinen Kindern jubele ich ihn kleingefitzelt unter wo es geht, weil er so supergesund ist…
        Sie essen ihn…hurra!
        Aber…sie sind auch pränatal an Pfefferminztee gewöhnt….😎😉

  4. finbarsgift sagt:

    Leicht, humorvoll, und auch der olle tote William S. schmunzelt zufrieden: endlich mal jemand, die weiß, wie man, äh frau zu schreiben hat, des nachts: wie es euch gefällt!

    • karfunkelfee sagt:

      Old Bill hätte sein helles Vergnügen mit mir durchgeknallter Kreatur. Ich nehme seine Werke und Worte wörtlich wie mir manchmal, immer öfter scheint.
      Der Sommernachtstraum ist keine Ausgeburt der shakespear ’schen Phantasie. Puck gibt es tatsächlich und
      …something’s rotten in the Kinderkönigreich…definitiv…
      Dänen lügen nicht…
      😉

  5. wildgans sagt:

    Hirngeburten und nächtelanges Schreiben, da braucht es Hebammen oder …ammeriche.
    Was ist irgendeine Art von Schlaf?
    Frisch geborene schreien viel, du torkelst stillend herum oder wie?

    • karfunkelfee sagt:

      Die Vorstellung, hungrige Hirngeburten mit Schrifttum als Nahrung zu stillen ist allein schon in der bloßen Vorstellung schlafdurchkreuzend bildlich dicht und dabei durchaus realistisch. Da ich aufgrund hellhöriger Wohnsituation und nächtlich ramenternder Nachbarn kaum mal länger als drei Stunden am Stück schlafe, bin ich allerdings nächtens derart übermüdet, dass mir die Worte ausgehen wie einer Mutter die Milch.
      Also gibt es bloß Fläschchenkost, metaphorisch: minimalistisch aneinandergepappte Müdeworte, was die Hirngeburten mit unablässig hungrigem Gebrüll quittieren. Ich hoffe, das Dauerschlafdefizit hat keine unterentwickelten und rachitischen Texte zur unerbittlichen, doch logischen Folge. 😉

  6. Ganz starker, beeindruckender, spannender Text, den ich hier heute bei dir entdecken durfte. Chapeau!
    Viele Grüße
    Herbert

    • karfunkelfee sagt:

      Lieber Herbert, ich freu mich immer sehr, wenn Du zu mir zum Lesen vorbeischaust. Und über Deinen Kommentar freue ich mich besonders! Vielen lieben Dank und Grüße von Stefanie✨

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