Tchaikovsky – The sleeping beauty (Finale- Carabosse – The lilac fairy)

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Rückreise

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Seltsam, wie die Vergangenheit Atem holte und durch einen Telefonhörer, scheinbar mühelos die Unbeschwertheit der Jugend über dreißig Jahre hinweg zurück an mein Ohr brachte. Mit einem Mal war ich bei dir, stand ich neben dir, roch dein Rasierwasser in Sandelholz- und Patchoulinoten und es schien, als könne ich deine Familie sehen, ohne konkret zu wissen, ob du Kinder hast. Doch im Hintergrund hörte ich die Stimme einer Frau und deine Mutter hatte mir zuvor erzählt, dass es deine sei. Es blieb ein Gefühl ohne jede Bitterkeit, dass die tausend Kilometer zwischen uns am Ende eine zu große Distanz darstellten, um zueinander zu finden. Es genügte, deiner durch die Telefonleitung leicht verzerrten Stimme mit dem norwegischen Akzent zu lauschen, den ich so sehr bei dir mochte. Dieser heutige Juliabend legte seine Aquarellfarben, eher verwischt und ermüdet nach einem warmen Sommertag in die späte Dämmerung und am Himmel stand ein blasser kleiner Mond.

Du warst mein Ritter des Anstands, wir kamen nie über leidenschaftliche Küsse hinaus, denn ich war zu jung und du wusstest ganz genau, dass du das Potential besaßest, einem jungen Mädchen, wie ich es damals war, in jenem Urlaub, das Herz brechen zu können. Jetzt gerade erzähltest du mir von deiner Mutter und ihrem Geburtstag, von deinem Bruder und seinen Kindern und einen Moment lang war ich am Herrenhaus, oben auf dem Berg und blickte mit dir über den Fjord. Du sagtest, das Wetter sei schön, entspräche dem kurzen intensiven skandinavischem Sommer und ich sah das Licht über die blaugrünen kleinen Wellen des großen Fjordes tanzen und hatte dabei wieder Tchaikovsky im Ohr, als sei gestern heute und als stünden dazwischen nicht dreißig Jahre voneinander unabhängig geführten Lebens. Ich sagte nicht viel, es genügte mir, dir zu lauschen und während ich dir lauschte, die sich herandrängenden Fragen nach deinem Leben nicht zu stellen. Du bist in die Politik gegangen, wie es damals bereits dein Ziel war und in deiner immer noch jugendlichen Stimme schwang die Liebe zu deinem Land mit, das du mir einmal in Eindrücken schenktest, vor langer Zeit.

Ich hätte dich gern nach den alten Freunden gefragt, was aus ihnen in der Zwischenzeit geworden war. Das Abendlicht spielte in den Gardinen am Fenster, leicht bewegt vom warmen Wind. Noch während ich über die Frage nachdachte und dir jede Menge Glück und Gesundheit an den Hals wünschte, kam deine Mutter an den Apparat und ich bemerkte, dass die Vergangenheit tief ausatmete, brüchig wurde und sich in der schleppenden Last vieler gelebter Jahre in ihre Stimme mit dem Bremer Akzent legte. Mir wurde die Kehle eng als ich sie so sprechen hörte. Wie viel Zeit muss vergehen, bis sich das Alter in Jahren auf Stimmbänder legt? Und doch war es unverkennbar sie, einmal in den Sprechfluss gekommen, wieder mit der gleichen Lebendigkeit in ihrer Stimme, wie ich sie von ihr kannte. Ich wünschte ihr alles Gute und dachte an die Felsen, unten am Fjord, von denen aus wir in das kalte Wasser sprangen, bis mich der schwarze Labrador, schon lange in den ewigen Jagdgründen, wieder am Genick herausziehen würde, weil er tatsächlich glaubte ich könne im Fjord ersaufen.

Dann warst du wieder am Telefon und sagtest, du müssest nun zurück zu den anderen, mit deiner Mutter ihren achtzigsten Geburtstag feiern und ich staunte, wie vertraut du mir immer noch warst, bis die fröhliche Stimme meines Kindes mich in die Gegenwart zurückholte und ihr Lachen mich daran erinnerte, dass ich ihr gern das wilde Land, deinen Norden zeigen würde. Dann wieder die Idee, dass sie später einmal ihre eigenen Erfahrungen machen würde und der Wunsch, sie würde das, was unvergessen blieb, so wie ich, in alten Fotos bebildert und in Tagebucheinträgen beschrieben finden, als sei es erst gestern so gewesen und als sei es heute nicht ein weiterer unbekannter Sommer in einer Zukunft, die damals als ein schmaler weißer Streifen Licht in der Mittsommernacht am Horizont über der Wasserfläche des Skageraks stand. Im Kielwasser der Fähre Richtung Christiansund schwammen  die Tümmler und vor mir lag dein großes unbekanntes Land und ich war wie noch wie bei jedem neuen Kennenlernen, bis an den Rand angefüllt mit Freude, Abenteuerlust, Erwartung und Spannung ohne indes zu ahnen, dass das Neue die unwissende Wahrheit einer Ankunft tragen sollte, die sich heute, nach all den Jahren eher wie eine dankbare Heimkehr anfühlt.

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Die Magie der Gegenwart – Ein modernes Märchen

  
Ich überlegte, was ich anziehen sollte zu diesem sehr speziellen Anlass, der mich mitten ins dunkle Mittelalter führen sollte. Ich dachte an die bevorstehende Frequentierung von Menschenmassen und daran, dass viele Menschen auf einmal mir oft Angst einjagen. Doch ich bekam wie so oft, wenn etwas geschehen soll, unverhoffte Verstärkung. Meine Tochter, erst zweifelnd, dann sich anders besinnend, wollte nun doch gern mit mir mitkommen. Ich suche dort jemanden, erklärte ich ihr. Weiß ich doch, Mama, hast du erzählt. Die Frau K., mit der du dir schreibst. Wie wollen wir sie denn nun finden? Fragte meine Tochter und pellte sich in das Dirndl, das sie von der Schwägerin geschenkt bekommen hatte. Was meinst du? Zöpfe? Rechts und links? Klaro! Befürwortete ich ihren zünftigen Oktoberfestlook, der jedoch auch als Burgfräuleinlook durchging und zog das mittelalterlich anmutende zipfelige Hexenkleid vom Bügel. Das? Der Daumen meiner Tochter zeigte gen Himmel. Bombastisch, verhext! Hexhex! Kam es entzückt aus ihrer Richtung und verdonnerte somit sämtliche anderen Alternativen zurück auf den Bügel in den Schrank. 

 Auf dem Weg zur Bushaltestelle fragte mich erneut das Burgfräulein wie wir denn nun die Unbekannte finden sollten auf diesem riesigen Mittelalterfest? Vielleicht findet sie ja uns? Wandte ich hoffnungsvoll ein. Und wenn nicht? Dann finden wir sie… Sie trägt eine dunkelhelllila kleine Aster im Haar, sagte ich verträumt und verbannte den Rest des Gedichtes von Gottfried Benn auf den stahlblitzenden Pathologentisch, auf den er zwischen die Zähne geklemmt, gehörte. Sonst weiter nichts? Nur eine Blume im Haar? Fragte das Burgfräulein und spielte nachdenklich an den blonden Zöpfen. Ich schwöre bei meiner Feenehre, grinste ich. Und brombeerenen Nagellack. Und falls sie sonst nichts weiter trägt, werden wir sie mit Sicherheit finden unter lauter bekleideten Menschen. Ich zwinkerte verschwörerisch und fing mir einen entrüsteten Blick vom Burgfräulein ein. Mama, du nimmst mich schon wieder mal nicht ernst! Ich überkreuzte hinter dem Rücken zwei Finger: Dich nehme ich immer ernst, Euro Durchschnittlauchigst Prinzessin Knallerbse! Sagte ich und meinte es trotz Blitzableitergestik auch so. Dann beschrieb ihr eine schwarzhaarige Frau mit einem hellen Gesicht. Ah, ja. Kam es von meiner Tochter. Das ist ja richtig viel, was du von ihrem Aussehen weißt! Ich fügte hinzu: Außerdem hat sie noch Augen, dero vermutlich zweier Stücker, ferner ein Paar Ohren und sogar eine ganze Nase zum Riechen. Und einen Mund auch. Glaube ich jedenfalls… Ich fing mir einen herzhaften Rippenstoß ein. Aua! Protestierte ich und rieb mir die unsanft traktierte Seite. 

 Wir warteten eine Viertelstunde auf den Bus. Es war warm, das Wetter spielte Hochsommer. Ich hoffte, dass dies so bleiben würde und beobachtete das Gewölk am blaudunstigen Spätnachmittags-Himmel. Mit uns fuhren auch ein paar ältere Herrschaften. Die Damen warfen uns verzückte Blicke zu. Wir waren schon ein herziges Gespann, angetan mit unseren dem Mittelalter so ähnlich wie nur möglich nachempfundenen Gewandungen. 
Die Sparrenburg, Bielefelds Augenweyde einer Räuberburg, war umlagert von mittelalterlicher Budenzauberey. Auf den Wegen tummelten sich unzählige Menschen. Uns begegneten Elfen und Feen in neckischen Zipfeltrachten, hochedle Hof-Damen in eleganten Seiden- und Samtroben mit und ohne Schleppe, die Röcke anmutig gerafft, Marketenderinnen in roten schwingenden Röcken, mit Glöckchen an den Hüften, kraftvolle Weibsbilder in Samt und Ledergewändern, samt Trinkhorn an der Seite sowie kernige Herren, zünftig in Wams und Leder, mehr oder weniger nacktes Brusthaar zeigend oder an schwer anmutenden Rüstungen schleppend, inklusive schweren Eisenschwertern. Die Luft roch nach gebratenem Fleisch und Feuer und vis-à-vis las eine Wahrsagerin im roten Zelt einer blonden Dame in Cargohosen die Zukunft, als säße diese nicht bereits mit gezücktem Smartphone sowie digitaler Spiegelreflexkamera in ihrem Zelt.
Da hängt ein ganzes totes Schwein am Spieß, Igitt! kam es entsetzt von meiner Tochter, die begann zu bocken wie ein altes Maultier. Da will ich nicht vorbeigehen, protestierte sie. Liebchen, fragte ich sie zuckersüß, was glaubst du eigentlich, was du am Leibe trägst? Das ist die mausetote Haut eines Tieres, philosophierte ich dramatisch. Sie strich sich das Lederröckchen glatt und konterte: Da musste kein halbes Schwein für sterben und sieht auch nicht so eklig aus! Da musste ich ihr allerdings Recht geben. Entspann dich, tröstete ich sie, komm, wir gehen dort entlang. Nein! Kam es widerspenstig von ihr, da hängen Kuhhäute aufgespannt! Ich überlegte, wie ich ihrem Widerwillen gegen das aufgespannte tote Viechzeuch überall begegnen könne und gab ihr den dringenden Auftrag, eine Frau mit einer dunkelhelllilafarbenen kleinen Aster im schwarzen Haar zu suchen. Brav fixierte sie die uns entgegenkommenden Damen und bemerkte dabei gar nicht, dass wir geradewegs an einer Bude mit lauter scheckigen Kuhfellen und verendeten angespannten Langhaarschafen vorbeiflanierten. Hier stinkt es angebrannt, kam es fürnehm naserümpfend von meiner pingeligen Begleitung. Fein, antwortete ich, Rauch konserviert, du bleibst everyoung, komm wir stellen uns mal ein bisschen in den Räucher-Dunst. Sie preschte daraufhin noch schneller voran und starrte angestrengt ein paar prächtig dekorierte, uns entgegenkommenden Hofdamen in Haare und Augen. Da! Die hat eine Blume im Haar, rief sie aufgeregt und zeigte höchst undanenhaft auf eine propere Walküre mit dekolletiert herfürquellendem Donnerbusen sowie feuerwehrrot gefärbter hochgetürmter Haarpracht und giftgrünem Gewand. Nee, die doch nicht! Ich schüttelte mich vor Lachen. Wieso denn nicht? Wollte das Burgfräulein wissen. Frau K. ist tausendmal hübscher, erstens und hat zweitens, schwarze Haare. Außerdem ist die da dreimal Frau K….Dann die da! Rief das Kind entzückt und zeigte auf eine schwarzhaarig bezopfte Gothic-Braut Anfang Zwanzig in kohlschwarzer Sado-Maso-Lederkluft samt Umhang und Peitsche, die uns daraufhin finster wie das Mittelalter selbst mit einem missbilligendem Blick heimsuchte. Das ist die Frau des Henkers, schwadronierte ich und wies auf den ihr zugehörigen Prachtkerl in Lederhose. Außerdem hat sie keine Blume im Haar, merkte ich weiterhin an und hübsch ist sie auch nicht! Woraufhin ich eine lebhafte Diskussion lostrat, was hübsch war und was nicht. Meine Tochter und ich pflegten völlig unterschiedliche Ansichten. Was ich hübsch fand, fand sie so lalà und was sie hübsch fand, fand ich so lalà oder gar überhaupt nicht.

  
Fünfzig entgegenkommende Elfen und Hofdamen später, ließen wir uns ermattet neben dem handbetriebenen Karussell auf die Burgwiese fallen und überlegten, womit wir uns für die weitere Suche stärken könnten. Kommt sie überhaupt? Wollte das Burgfräulein wissen. Klar kommt sie! Brummelte ich. Wenn sie sagt, sie kommt, kommt sie. Woher weißt du das denn? Entnervter Seitenblick. Gespiele an den blonden Zöpfen. Weil sie das gesagt hat. Basta, Pasta. Ich holte die höchst moderne Plastikwasserflasche aus dem Rucksack und gab ihr etwas zu trinken. Was wollen wir futtern? Bloß kein Fleisch! Klare Ansage meiner Tochter. Fein, dann futtern wir eben Seelen, freute ich mich. Waaaas? Seelen? Die kann man doch nicht essen! Ich lachte. Hast du eine Ahnung! Und ob! Die kann man verkaufen, kaufen und sogar essen, kryptisierte ich mich weiter in ihren überraschten Blick. Komm schon! Ich zog das Burgfräulein an den Händen hoch und steuerte mit ihr im Schlepptau eine der Buden an. Neben der Bude stand ein gusseiserner großer schwarzer Ofen, aus dem es herrlich nach frisch gebackenem Brot duftete. 
Der Verkäufer stand hinter der Auslage und schwitzte in der Ofenhitze vor sich hin. Die ebenfalls feilgebotenen Rosinenbrötchen wurden hartnäckig von Wespenschwärmen umlagert. Der arme Mann tat mir Leid. Eine dickliche Marketenderin in blassblauer Tafttüllrobe wusste nicht was sie wollte und schwankte zwischen Seelen und Rosinenbrötchen. Ja, nun entscheiden Sie sich doch mal! Brummte der genervte Lederbewamste hinter seiner Auslage und wedelte ein paar Wespen fort, die aggressiv seinen kahlen schweißbeperlten Kopf umschwirrten. Die in Entscheidungsnot geratene Hof-Dame geriet nun ebenfalls ins Schwitzen und bekam rote Backen und ein fleckiges Dekolletée vor lauter Aufregung. Sie hat keine Blume im Haar! Flüsterte meine Tochter. Sie ist blond! Und obendrein gefärbt. Zischte ich zurück. Hä? Fragte der Verkäufer. Ein Glas mit Marmeladenwasser könnte Ihnen Erleichterung verschaffen, sagte ich freundlich. Geben Sie den Viechern was zum Naschen und Drinersaufenkönnen. Er brummte ob meiner Klugscheißerey etwas Unverständliches, ließ die erregte Kundin, die sich immer noch nicht entschieden hatte kurzerhand links liegen und fragte, was wir kaufen wollten. Wir wollen Seelen kaufen, Herr Seelenverkäufer, antwortete ich. Drei Stück, um genau zu sein. Ich gebe sechs Ablässe in blanken Talern dafür.
Er packte uns die ofenwarmen kleinen festen mit Kümmel und Sesam bestreuten Hefe-Weißbrote in eine Papiertüte und wischte sich mit einem feuchten Lappen den Schweiß von der roten schweißfeuchten Stirne. Sein Blick verriet mir, dass er mich für komplett meschugge hielt. Es ist kein Vergnügen, hier in der Wärme zu stehen, lächelte ich ihn an. Doch der arme Kerl war viel zu beschäftigt damit, sich die zornig um ihn herumbrummenden Wespen vom Leibe zu halten, als dass er auf höflichen mitfühlenden Small Talk aus war.   

 Während das Burgfräulein und ich uns in Richtung Hauptbühne auf den Weg begaben, naschten wir von unseren ofenwarmen knusprigen Seelen. Sie schmeckten köstlich. Unterwegs schoss ich Bilder vom bunten Treiben und auch eins vom Burgfräulein. Wir lachten und staunten über die Vielfalt, die uns begegnete, die bunten Buden, die märchenhaft gekleideten Menschen und die Normalos in Alltagsklamotten, die neben dem bunten Mittelaltervolk langweilig und alltäglich daherkamen. Wir sahen etliche Frauen mit Blumen in den Haaren. Doch keine einzige trug eine echte dunkelhelllila Aster im Haar. Wohin gehen wir jetzt? Fragte das Burgfräulein. Zu Corvus Corax, den Königen der Spielmannsleute, antwortete ich ihr. Wohin??? Erstaunter Blick. Wilde raue Gesellen, lachte ich. Wir hörten bereits die Dudelsäcke und wildes Getrommel und Gepfeife. In diese Richtung müssen wir, meine Holde, sagte ich und zog das Burgfräulein in den dichter werdenden Menschenstrom, Richtung Gedränge. Der Platz vor der Hauptbühne, auf der bereits die musikalischen Mannsbilder ihr Publikum begeisterten und mittels eines langen Lederschlauches, der wie ein Tornadorüssel in der Menge hing, ihre Fans mit Met abfüllten, war restlos überfüllt. Hier sollen wir eine Blume im Haar finden? Fragte mich das Burgfräulein entgeistert. Na, klar, lachte ich und wenn wir sie nicht finden, findet sie uns. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und hielt Ausschau nach einer kleinen Aster und einem hellen Gesicht mit schwarzem Wimpernvorhang.  

 Wir hatten uns direkt neben der Fan-Bude von Corvus Corax positioniert, in der man höchst unmittelalterliche Fanartikel wie CD’s und T-Shirts erwerben konnte. Die Luft war erfüllt von Dudelsackpfeifen und Trommeln, wildem Gesang, einer Mischung aus Latein und Deutsch, die Bretter der Bühne und der Wiesengrund vibrierten vom Stampfen vieler ungebärdiger Füße. Die wilden Gesellen von Corvus Corax steckten in engen Lederhosen, der schwarzhaarige langmähnige Sänger trug einen prächtig goldbrokatdurchwirkten Umhang über der schwarzbehaarten nackten Brust. Mama, die sind ja fast nackig! Kam es fasziniert vom Burgfräulein. Ich erklärte ihr kurz und bündig, was die Bedeutung von ‚archaisch‘ ist und summte verträumt den Anfang von „Ja, so san’s, ja, so san’s die alten Rittersleut’….“, was nun intonationsmäßig und musikalisch überhaupt kein bisschen zum wilden Treiben auf der Bühne passen wollte. Hinter uns tanzte einer, der sich in eine Decke gewickelt hatte und dauernd brüllte: Lauter! Sind wir hier auf einer Beerdigung? Lauter doch! Sein Blick war schwer irre und leicht durchgedreht wahnhaft, während sich der blondbezopfte sich tranig hin und herwiegende Wikingerjüngling unmittelbar neben mir scheinbar in einem fortgeschrittenen Zustand wahnhafter Entrücktheit zu befinden schien. Geistesabwesend streifte er mit der das wüste Treiben dirigierenden Hand meinen Arm, seine Augen fielen in mein Dekolletee und er lächelte dermaßen abwesend und verklärt, dass ich mich fragte, ob er entweder einmal zu oft den langen Metschlauch in den Schlund bekommen hatte oder zu oft gezogen an anderen glückseligmachenden Drogen. Ich leuchtete ihn zackig grinsend an, lachte und schwenkte die Arme, womit ich mir einen vollends verliebten Blick seinerseits einfing. Mama, was ist denn mit dem? Wieso starrt der Dich so an? Ist der verknallt? Wollte meine Tochter wissen und zeigte unanständigerweise mit dem Zeigefinger auf den Winkingerzopf. Der ist jenseits von Gut und Böse, vollends der Musik verfallen, versuchte ich den zaghaften Ansatz einer Erklärung, die nicht ins Detail der Mutmaßungen gehen wollte und überprüfte sicherheitshalber, ob sich meine Mirabellen noch dort befanden, wo sie hingehörten. Wieso schwankt der denn so? Wollte nun das Burgfräulein weiter wissen. Vielleicht war er in seinem vorigen Leben ein Zirkuselefant? Spekulierte ich zurück und bemerkte mit einem Seitenblick den schwerhörigen Stampfefuß mit der Indianerdecke, der mir nun bedrohlich nah von hinterwärts auf die Pelle zu rücken begann. 
Der Platz wurde immer voller. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und äugte nach schwarzhaarigen Damen mit Blumen im Haar. Da waren wohl ein paar Schwarzhaarige, sogar ziemlich Hübsche dabei, doch keine einzige trug eine kleine Aster im Haar und schon gar nicht hatte eine von denen brombeerroten Nagellack, soweit ich das abschätzen konnte bei den hin- und herfuchtelnden Armen und all dem Gestampfe und Gewoge der stark euphorisierten Leiber um mich herum.  

 Da traf mich ein jadegrüner Blick. Ich wusste – das war sie! Sie sah mich durchdringend an und winkte mir zu. Ha! Schrie ich triumphierend und hopste vor Aufregung auf meinem Quadratmillimeter Freifläche herum, touchierte den Wikingerjüngling und trat beinahe dem Indianer hinter mir auf den Tanzfuß. Sie drehte sich zur Seite und da sah ich die kleine Aster im schwarzen Haar schimmern. Ich zupfte mein Burgfräulein am Blusen-Ärmel, legte den Arm um sie, damit niemand von den wild Tanzenden um uns sie treffen konnte und bugsierte sie zu der schwarzhaarigen lächelnden Dame mit der dunkelhelllila kleinen Aster im Haar. Ach, Gottfried Benn, dachte ich. Schau nur, wie schön heute die Astern leuchten und wie lebendig sie doch sind, Du alter Schwerenöter…

Stefanie? Fragte die kleine, höchst quirlige Aster mit einem Hauch Berlin in der sanften Stimme. Ich sah nur noch grüne Pupillendingserey und Wimpernvorhänge samt und verkomplettiert mit brombeerfarbenem Nagellack und schloss das Gesamtkunstwerk unendlich erleichtert, sie gefunden zu haben in all dem Gewühl endlich in die Arme. War das eine Freude! Wir hörten den CoraxCorvussen noch eine ganze Weile gemeinsam zu und klatschten begeistert mit. Meine Tochter war verzückt von der Willkür des uns gnädigen Schicksals und das Fest hatte seinen Höhepunkt gefunden. Der Himmel war so erleichtert, dass er sich prompt grau umwölkte und zu weinen begann. Wir stärkten uns mit Bier und Tee und viel zu sagen war nicht nötig. Manches Erkennen findet wortlos statt und lässt, wenn es denn leibhaftig vonstatten geht, nichts als die pure stumme Freude zurück. 
Ich dachte an die Magie der Gegenwart und an Verlorenes, Gefundenes und Bewahrtes, umgeben von bretonischen Märschen, alten Trinkliedern und prostete im Stillen dem eben noch wild behuldigtem Bacchus mit meinem Mango-Maracuja-Tee zu. Ich könnte jetzt viel über diese Begegnung mit einem besonderen Menschen schreiben, die, wie manche Begegnungen eine Zeit des Anlaufes benötigte. Doch die Magie der Gegenwart ist so beschaffen, dass sich sucht was sich finden will und besonders dann, wenn es vom logischen Verständnis her so gut wie aussichtslos erscheint. Der von Menschenmassen getrübte Blick fand die Nadel im Heuhaufen der Leiber um uns herum. Oben im Himmel lachten sich mal wieder sämtliche Götter darüber kaputt, dass wir Menschen glauben, alles verstehen zu können oder wissenschaftliche Erklärungen suchen zu müssen für Dinge, die sich jedweder Logik oder dem Verständnis der Vernunft entziehen.  

 Später, wieder Zuhause, voll von festlichen Eindrücken, im Pyjama auf dem Bett des Burgfräuleins, kam die Frage: Mama, wie konnte das möglich sein? Zwischen all diesen Menschen, diesen einen speziellen zu finden? Ich antwortete ihr: Dieser Mensch hat uns gefunden, weil er uns suchte, so wie wir ihn. Dann kann es gelingen. Auch, wenn alles dagegen spricht und auch, wenn die Suche vorher aussichtslos war. Wir haben in dem Moment gefunden, wo wir darauf vertrauten und die Hoffnung frei ließen. Weißt du noch? Du sagtest: Wir finden sie niemals, Mama! Und ich antwortete dir: Dann ist jetzt die Hoffnung besonders groß, in diesem Moment, wo wir sie loslassen, so, wie die wilden Kerle auf der Bühne ihre Musik losgelassen haben, ohne darauf zu warten, dass ihre vielen treuen Fans diese Musik mögen oder toll finden. Weißt du noch, wie wir suchten? Manchmal muss man sich im Leben von Wunsch und Willen auf manche falsche Fährte locken lassen und in viele Augen blicken, nur um festzustellen, dass es nicht die richtigen sind. Aber Mama, wollte mein Kind wissen, woran erkennen wir, welche Augen wir suchen müssen? Wenn es doch alles die falschen sind? Ich sagte: Weil die richtigen Augen uns suchen, so wie wir sie. Nur so funktioniert die Magie. Wir sind alle miteinander verbunden. Durch unsichtbare Drähte, durch Antennen. Wenn einer nicht gefunden werden will, wird er es auch nicht werden, denn sein Blick wendet sich ab und seine Seele bleibt unbeteiligt. Doch die Kräfte der Anziehung wirken magnetisch. Was sich sucht, findet sich auch. Empirischer Wert. Mama, was ist empirisch? Ich grinste. Empirisch? Feldforschung. Das, was du durch gezielte Beobachtung lernst. Ein wissenschaftlicher Begriff. Mama, ist das Empire State Building auch empirisch? Ich lachte. Da kannst du deine beiden blonden Zöpfe drauf verwetten! Weißt du, wie viele Wolkenkratzer zusammenkrachen mussten, bevor man wusste, wie man das Ding bauen musste, damit es stehenbleiben konnte?
Du warst heute das hübscheste Burgfräulein auf der Sparrenburg. Ich nahm sie in die Arme und drückte sie an mich. Fein, dass du mitgekommen bist! Nächstes Jahr gehe ich als Hofdame. Kam es verträumt und kostümverliebt aus meinem Arm. Und du? Gehst du wieder als als Hexe verkleidete Fee…? Als das, was ich eben bin, grinste ich. Eben, sagte sie. Kannst ja doch nichts anderes sein, oder? Nein, lachte ich und zupfte an ihren Zöpfchen. Ich bin, was ich bin. Eine Fee. Sowas vermaledeit Verhextes aber auch!

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Liebe Blogfreunde, hier geht es zu der Gegendarstellung meiner märchenhaften Begegnung, wir haben ohne es zu voneinander zu wissen, zeitgleich aufgeschrieben:

https://bittemito.wordpress.com/2015/07/27/geschichtstraechtigeschoenpraechtiggeschichte/

It’s a Kind of Magic✨

Viel Spaß beim Lesen,

Eure Karfunkelfee

 

Rallentando

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Manchmal glaube ich dich zu erkennen in den unterschiedlichen Tempi der wechselnden Jahreszeiten. Doch sie gehen immer zu schnell vorüber: das leichte helle Frühlingslaub dunkelte bereits in den heißen Sommer, der wie alle Sommer ist und doch wieder nicht. Fragmentarisch zersetzt sich Wissen in Einzelbestandteile und alles wird fleischlich, alles Todsünde. Zum Teufel mit den Dogmen, dem Anstand allen Handelns. Es ist scheinbar logisch, so, wie der Herbst auf den sich neigenden Sommer trifft, ihm in tiefen Lichtstimmungen zurufend: Bleib doch! Warte noch! Was man sieht, ist noch zu erhoffen, doch auch das nur ein Trugschluss, bevor es sich im Wolkentreiben auflöst und so nicht wiederkehrt. Zurückspurend in eine Vergangenheit, die grüner schien, lichter, verklärt von den Idealen, die den Geist versehren und immer wieder aufs Neue trügen und beschweren. Als flöge alles nur so dahin: das Leben, die Zeit, das Gegenwärtige und nichts davon jemals bleibend. Ich suche dich im dauernden Wandel der Baumschatten auf den Straßen, im surrealen Himmelsblau und jeden weiteren Abend in der einsamen Agonie der Sonne, die unaufhaltsam schnell in die Nacht verblutet. Der Mond nimmt schon wieder zu, wirft lange Schatten in Straßenfluchten, wird ein unsichtbarer Dialog im Gebüsch hinter einem Waldweg. Sie: Magst Du mich noch? Er: Ich glaub, ich muss kotzen. Spielt es eine Rolle, dass sie zu viel getrunken haben? Oder liegt es an der scheinbaren Intimität, die in ihren Ohren sitzt wie Pfropfen, auf ihren Augen liegt wie Luftpolsterfolie und die ihre arthritischen Herzgelenke zur Reglosigkeit verdammt hat? Dann wieder die vage Vorstellung von dir, wer du sein könntest und wie du anders sein könntest als eine sich ständig zerbrechende Wiederholung von allem. Der langsame Wandel wird beständiger Herzenswunsch. Es flieht sich einsam in der Befangenheit anderer. In der Dunkelheit des Spiegels bleibt das vielmals geübte Lächeln unreflektiert. Worte werden zu Häschern, die vogelfreie Seele will sie um das ausgesetzte Kopfgeld prellen. Im langsamen Auslaufen steht der trotzige Wille. Ich weiß, dass Worte mir nicht folgen können, weil es nicht die richtigen sind. Erneut ist die Vision von dir entglitten. Noch liegt der warme Seidenwind auf der Haut, er hat auf ihr deinen verräterischen Duft hinterlassen. Es bleibt der vage autistische Wunsch, eine Ahnung von dir zu behalten oder zu berühren, die unhaltbar, unberührbar ist, weil alles zu schnell vorüberzieht für Vertrauen: die haltlose Nähe, die Gefühllosigkeit und nichts, das zu sagen wäre, weil alles beliebig oder belanglos scheint. Du bist das Ideal von Vertrauen. Mit Nachtkerzen umkränzt und mit Näglein besteckt. In deinen Augen darf ich mich spiegeln und deine Hand greift nach meiner als sei es ein weiterer Allgemeinplatz. So selbstverständlich wie das Wissen um deine körperliche Beschaffenheit und die Tiefe deines Geistes. Ruhend wie das Largo großer Wellen, intim wie dein Duft in der Geborgenheit des Wissens, dass niemand anderer als du diesem ganzen Verschwinden in endlose Weiten das Drängende nehmen kann, weil du ein beständiger Charakter bist. Weil du es bist.

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