Aus den Geist(er)geschichten: Schön, dass es dich gibt, querido

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Die Wut baute sich langsam und beständig seit mehreren Tagen in mir auf. Erst war sie ein rotes Rinnsal, doch dann schwoll sie langsam an, wurde ein reißender Fluss. Ich hätte Porzellan zerschlagen können oder gegen Wände treten, so dermaßen sauer war ich. Doch ich wusste, dass dies alles immer nur schädlich und ungesund sein kann. Ich brauchte dringend ein Überdruckventil, um diesen Zorn in mir loszuwerden.

Der Tag begann grau und müde, steigerte sich dann gegen Mittag, überarbeitete sich, wurde nicht satt davon, sondern blieb hungrig in der Sonne und dem Sommer vorm Balkon. Der Geist parkte wie üblich an der alten katalanischen Truhe und flüsterte mir Rennrad-Mantras ins Ohr. Heute mal nicht auf spanisch, denn dazu war ich viel zu wütend. Ich flüsterte zurück, ob sich mal wieder schön auszupowern wohl das Beste sei? Klar antwortete der Geist in seiner stummen wortlosen Sprache, die niemand anderer außer mir versteht, weil es eine Geheimsprache ist, wie Kinder sie erfinden. Schon zog ich mich um. Draußen stieg das Thermometer auf badewannenwarme 25 Grad an. Genau richtig für eine Toberunde, dachte ich mir, pellte mich in die enge Hose und schlupfte ohne Socken in die Schuhe. Zum Trikot hatte ich heute keine Lust. Ich besitze ein altes T-Shirt aus meinen wildesten Jugendjahren. Schwarz, mit einem weißen Gespenst. Ich hatte es mir irgendwann für die Disco sexy zurecht geschnippelt: den Ausschnitt weiter, die Ärmel ab. Genau richtig für heute. Lady in black.

Ich nahm einen ganzen Liter Wasser mit, kenne meinen Durst recht gut. Als ich den Geist die Treppen hinuntertrug, kam mir der türkische Nachbar entgegen. Wollte mir helfen mit dem Rad, ein echter Kavalier, findet man nur selten. Ich lächelte Tausendwatt und sagte, es ginge wunderbar. Ist es schwer? ,wollte er wissen. Ich bat ihn, das Rad mal anzuheben. 7,6 Kg Leichtigkeit auf Rädern. Da grinste er verträumt und beäugte den Geist wie ein kleiner Junge. Es ist ein Traumrad, das weiß ich sehr genau.

Unten angekommen, stieg ich auf und sah zu, dass ich möglichst schnell Strecke gewann. Konnte die Siedlung nicht mehr sehen, die kotzte mich augenblicklich genauso an, wie alles andere, das mir sonst lieb, teuer und vertraut war. In mir tobte ein bissiges Ding herum, ein verletzter wütender Drache mit einem gefletschten Maul voller spitzer Zähne und gelben Augen. Der Fahrtwind kühlte mir das Mütchen, die Luft war herrlich und zwei Kilometer später raste ich mit voller Beschleunigung durch das erste schattige Waldgebiet. Ich wartete förmlich darauf, dass mich überholende Autofahrer anhupten und sehnte mich nach Kraftausdrücken, die ich ihnen hinterherschmettern konnte, doch heute war ein verhexter Tag und sämtliche Autofahrer die mir begegneten, waren überfreundlich und dermaßen gut gelaunt, dass ich kaum glauben konnte, wie mir geschah. Einen stach ordentlich der Hafer, er pfiff mir hinterher, als ich an der Ampel zeitgleich mit ihm losspurtete. Der Schweiß lief mir in Strömen. Mein Shirt war nass, mein Slip durchtränkt und einzelne salzige Tropfen liefen mir überall am Körper herum.
Nach 20 Kilometern legte ich eine Pause ein, um mich zu orientieren. Meine Wut tobte immer noch heißhungrig in mir herum, ich würde noch mindestens 20 Kilometer Vollgas fahren müssen, bevor es besser werden konnte. Mittlerweile hatte ich die tiefe Wut an die Oberfläche geholt. Das war gut, sehr gut sogar. Im nächsten Schritt konnte ich sie losfahren, aus mir heraus. Enttäuschung, Hass, Angst und Wut sind gallebittere Gefühle in mir, ich halte sie nicht lange aus. Meine Richtung stand fest, ich fuhr einen weiten Bogen. Vor mir lag eine lange Straße mit einem sehr guten Radweg, der menschenleer war und absolut geeignet um durchzusprinten. Zwischendurch hatte ich leichte Steigungen im Gelände, das war sogar noch viel besser. Fünf Kilometer lang fuhr ich mit dem Teufel auf den Fersen und einem Gefühl von Einsamkeit im Herzen, das dermaßen überwältigend war, dass es sogar die heiße Wut in mir übertönte.
Rechts und links zogen die Felder, die Wiesen mit ihrem vertrauten Duft an mir vorbei, den ich so liebte, der mich wild und wuschig machte. Vor mir lag lagen die Teutoberge in blauen Sommerdunst gehüllt, ich fuhr genau auf sie zu. Etwas in mir brach sich Bahn, etwas, das ich in den letzten Tagen zurückgedrängelt hatte, wann immer es hochsteigen wollte in mir. Es pulste feuerglühend durch mich hindurch, es schoss mir durch sämtliche Venen und mein Herz, wie verrückt schlagend, raste mit mir in die Zeit voran. Ich spürte, wie die Wut Stücke daraus riss und hineinbiss, ich fühlte die Trauer, die sich verkehrt hatte von Schwarz zu Feuerrot, mein Atem war hitzig wie Feuer geworden, brannte in meinem trockenen heißen Mund: ich ritt einen verletzten Drachen und ich wusste, dass das Vieh bis zum Äußersten gereizt war.
Am Ende der Straße schlug ich mich zwischen die Felder und fuhr lauter menschenleere kleine Landstraßen entlang, immer noch pumpte ich, so schnell meine Füße treten konnten. Der Mais stand mittelhoch. Steht schon echt beschissen hoch, das verfickte Korn, schrie ich gegen den Wind, der in meinen Ohren pfiff und Du kannst mich mal! Scheiße, verdammte! brüllte ich, so laut ich konnte und es war mir absolut egal ob es jemand hören konnte. Tränen liefen mir in die Augen und an meinem erhitzten Gesicht herunter, das Salz biss in meine Haut und endlich, endlich konnte ich langsamer werden. Ich stieg mit zitternden Beinen ab und legte den Geist sanft auf die Wiese neben mir, legte mich neben ihn, mitten in die Kornblumen. Das Gras stach in meinen verschwitzten Rücken und ich lachte. Ich lachte, als sei ich völlig wahnsinnig geworden: Hey Geist, schrie ich, jetzt bin ich komplett durchgeknallt! Eines seiner Laufräder bewegte sich langsam im Wind, die sich drehenden Speichen warfen einen filigranen Schatten auf meinen Körper und ich glaube, das war es, was mich endlich ruhig werden ließ. Ich streichelte das mattschwarze Gestänge und spürte, wie sich mein Atem in der Brust langsam legte, das Herz sich beruhigte. Die ganze Zeit über kam niemand, kein einziger Mensch, nur ein ferner Schwarm Sommerschwalben zog sirrend am Himmel weite hohe Kreise. Es war endlich vorbei. Zurück blieb eine Art Mattigkeit, eine totale Erschöpfung, die so tief war, dass sie mich ganz durchdrang.

Das einzige, das jetzt noch in mir brannte, war mein höllischer Durst und ich trank beinahe einen halben Liter Wasser aus einer meiner Flaschen, langsam und in kleinen Schlucken, damit ich nicht alles wieder auskotzte. Es ist nicht gut, sich so leer zu fahren, das wusste ich und pulte einen schwitzigen Traubenzucker aus dem Bund meiner Hose, ließ den Kakaogeschmack langsam auf der Zunge zergehen und beobachtete eine Wolke, die aussah wie ein riesengroßer verdammter Schwanz samt Eiern dran, was mich wieder dazu brachte, mich kaputtzulachen, doch dieses Mal, weil ich über mich selbst lachen konnte und meine Phantasie, die mir etwas vorgaukelte. Protect me, from what I want, sagte ich zum Geist, stieg auf und fuhr langsam weiter.
Die Sonne kam und verschwand wieder hinter den Schönwetterwolken, der Wind kühlte meine heiße Haut, die vertraute Euphorie schaute vorbei und fühlte sich ein Weilchen glücklich bei mir, wie immer, wenn ich vollgepumpt mit Serotoninen bin.

Als ich zu Hause ankam, war ich über fünfzig Kilometer weit gefahren. Ich trug meinen mechanischen zweirädrigen Freund die Treppen hoch, wischte ihm die schmutzigen Reifen sauber und parkte ihn am vertrauten Ort. Ließ mich zu Boden gleiten, lehnte mich an ihn.
Schön, dass es Dich gibt, querido, sagte ich leise zu ihm.
Er gab keine Antwort.

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13 thoughts on “Aus den Geist(er)geschichten: Schön, dass es dich gibt, querido

  1. Jetamele sagt:

    Puh, das klingt aber schon anstrengend beim Lesen ….😉
    Da musste aber eine Energie einen Weg für sich finden, irgendwie raus zu kommen. Offenbar hat das funktioniert. Wie gut, dass du ‚heil‘ wieder dort angekommen bist, wo du gestartet bist. Wut hat eine so enorme, heisse Energie. Wenn die umgesetzt wird, dann gehen echt Raketen los!!!
    Irre gut beschrieben!!!

    • karfunkelfee sagt:

      Ja. Darum ist es wichtig, bei aller Wut, gut Acht zu geben. Es war anstrengend und auch verausgabend- doch bei alledem blieb immer genug Kontrolle. Man hat nur einen Körper und wenn man den zu sehr überfordert, passieren schlimme Sachen.
      Kontrolliertes Risiko also.
      Am Ende bleibt ein gutes Gefühl.
      Bewegung ist immer gut. Raus aus der Hütte, Nase in den Wind.
      Die Freude, gesund zu sein, sich bewegen zu können wie man will, ist ein ständiger stiller Begleiter.
      Danke…für Deine Worte.
      Auch diese, wohltuend.

      • Jetamele sagt:

        Das freut mich.😉
        Gut, dass du Acht gibst. Tatsächlich habe ich deinen Text gelesen und fast damit gerechnet, den Punkt zu erlesen, an dem die Kontrolle verloren wird, das Rad bricht, die Bremse reißt, der Weg ins Feld über Kopf geht … Ehrlich gesagt, hab ich noch einmal zurück gelesen, um zu überprüfen, wie genau du im Gras gelandet bist.😉
        Ja, Kontrollverlust kann gefährlich sein. Aber vielleicht verlieren wir in manchen Situationen auch einmal die Kontrolle. Ein Quentchen Glück, gute Selbstkenntnis und Wahrnehmung, sowie ein kleiner Schutzengel sind da sicherlich auch mit im Spiel. Aber Wut muss eben auch umgewandelt werden (können), schon gut, richtig durch sie hindurch zu gehen, bis die Erleichterung auftaucht.
        Liebe Morgengrüsse …

  2. Meine liebe Karfunkelige, was für ein Wutrausstrampeltext! Wie gut ich das kenne und nicht nur ich! Ich erlaube mir, Ihnen einen anderen Text nahezulegen, der famose Mo schrub ihn jüngst und Ihre Worte benennen ein fast gleiches Phänomen.
    Und die Antwort Ihres sprachlosen querido, die schwang schon vorher mit, im Sirren der Speichen. Solche Gutgeister wissen vorweg, was manchmal in Worten nicht einzusperren ist.
    Hier der Link zu Mo, Sie werden ihn lieben, deucht es mich, so wie ich:
    http://mobeumers.econceptum.com/kinetik/das-momentum/

    • karfunkelfee sagt:

      Ich habe Mo’s Text gerade gelesen, er ist umwerfend! Sie haben Recht, ein Text zum Liebhaben. Erfordert ein paar medizinische Vorkenntnisse und strotzt vor bissigem Humor. Beim ‚Klappspaten‘ brach in meinem Oberstübchen unisono lautes Gelächter aus und meine Anatomie inklusive Psyche samt ihr anhängselnden Gefühlen waren endlich mal einer Meinung:
      Gegen diffuse Wutzustände hilft Auspowern und etwas Lustiges, das man noch nicht kennt. Ich fühlte mich ein wenig erinnert an Otto und seinen Disput zwischen Großhirn und Milz. (Soll ich mich auch ballen…??)
      Ein fabulöser Text von Mo Beumers, der mir sehr aus der Seele spricht.
      Mein sprachloser mechanischer querido , Sie haben völlig Recht, braucht keine Worte zu machen. Das ist einer von der Sorte, die einfach da sind, wenn man sie braucht.
      Auf die nächste Tour mit ihm freue ich mich jetzt schon.
      Ganz herzlichen Dank für den famosen Lesetipp,
      Ihre Karfunkelige✨

      P.S. Habe bereits bei Mo mein textlich sympathiebekundendes Like hinterlassen.

      • Aaaahhh, ich hoffte so, daß er Ihnen gefällt und war mir innendrinnig sicher. Fein, ich freue mich…

        Ich sende sonnenhuschige Grüße gen Knapp und wünsche behendes Ausqueridoieren und erholsame Kornblumenpausen, immer die Ihre.

      • karfunkelfee sagt:

        Sie haben ein gutes Gespür, meine Werteste.
        Ich freu mich mit…wie immer dankbar für einen feinen Lesetipp.
        Ihre lesevergnügte Karfunkelige✨

  3. autopict sagt:

    Text wie Aktion voller Energie. Da tank ich mal auf😉
    Schönes Wochenende nach Feehausen.

    • karfunkelfee sagt:

      Ja, los, ist noch genug Power übrig. Doch diese, gewandelt in gute Laune und Tatendrang. Liebe Grüße und einen perseidischen Kometenregen ins bunte Vielvölkerhausen. ✨

  4. Das ist eine wunderbar geschriebene Wut-Liebesbrief-Orgie. Lachen musste ich besonders bei dem 1000-Watt-Lächeln und dem aus dir sprechenden Stolz über das geringe Gewicht.
    Bei Wutspitzenzeiten – was fährst du auf gerader Strecke ohne Rückenwind an Spitzengeschwindigkeit? Ich denke doch, dass du einen Tacho am Rad hast.
    Grüß deinen Geist und alles um dich herum, was zwei Beine hat!

    • karfunkelfee sagt:

      Ja. Das hast Du wunderbar umschrieben und im Kern getroffen, worum es mir wirklich ging. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nicht auf die Spitzengeschwindigkeit unter Wutantrieb geachtet.🙂
      Fahre mit hoher Trittfrequenz wegen schlanker Beine.
      Ich teste es mit Kette rechts aus und gebe Dir den Wert dann durch.😉✨

      • Wir sind mal vor Jahren auf dem Deich (oder Brücke) zwischen Texel und Deutschland(?) gefahren – allerdings schwere Räder, volles Gepäck mit Lowrider- und Satteltaschen, aber Rückenwind. – Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich 42 auf dm Tacho sah. Da es die anderen aber bestätigten, muss es wohl wahr gewesen sein.

      • karfunkelfee sagt:

        Kommt durchaus hin! Wenn Du bei niedriger Trittfrequenz Vollgas gibst.;)

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