Rallentando

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Manchmal glaube ich dich zu erkennen in den unterschiedlichen Tempi der wechselnden Jahreszeiten. Doch sie gehen immer zu schnell vorüber: das leichte helle Frühlingslaub dunkelte bereits in den heißen Sommer, der wie alle Sommer ist und doch wieder nicht. Fragmentarisch zersetzt sich Wissen in Einzelbestandteile und alles wird fleischlich, alles Todsünde. Zum Teufel mit den Dogmen, dem Anstand allen Handelns. Es ist scheinbar logisch, so, wie der Herbst auf den sich neigenden Sommer trifft, ihm in tiefen Lichtstimmungen zurufend: Bleib doch! Warte noch! Was man sieht, ist noch zu erhoffen, doch auch das nur ein Trugschluss, bevor es sich im Wolkentreiben auflöst und so nicht wiederkehrt. Zurückspurend in eine Vergangenheit, die grüner schien, lichter, verklärt von den Idealen, die den Geist versehren und immer wieder aufs Neue trügen und beschweren. Als flöge alles nur so dahin: das Leben, die Zeit, das Gegenwärtige und nichts davon jemals bleibend. Ich suche dich im dauernden Wandel der Baumschatten auf den Straßen, im surrealen Himmelsblau und jeden weiteren Abend in der einsamen Agonie der Sonne, die unaufhaltsam schnell in die Nacht verblutet. Der Mond nimmt schon wieder zu, wirft lange Schatten in Straßenfluchten, wird ein unsichtbarer Dialog im Gebüsch hinter einem Waldweg. Sie: Magst Du mich noch? Er: Ich glaub, ich muss kotzen. Spielt es eine Rolle, dass sie zu viel getrunken haben? Oder liegt es an der scheinbaren Intimität, die in ihren Ohren sitzt wie Pfropfen, auf ihren Augen liegt wie Luftpolsterfolie und die ihre arthritischen Herzgelenke zur Reglosigkeit verdammt hat? Dann wieder die vage Vorstellung von dir, wer du sein könntest und wie du anders sein könntest als eine sich ständig zerbrechende Wiederholung von allem. Der langsame Wandel wird beständiger Herzenswunsch. Es flieht sich einsam in der Befangenheit anderer. In der Dunkelheit des Spiegels bleibt das vielmals geübte Lächeln unreflektiert. Worte werden zu Häschern, die vogelfreie Seele will sie um das ausgesetzte Kopfgeld prellen. Im langsamen Auslaufen steht der trotzige Wille. Ich weiß, dass Worte mir nicht folgen können, weil es nicht die richtigen sind. Erneut ist die Vision von dir entglitten. Noch liegt der warme Seidenwind auf der Haut, er hat auf ihr deinen verräterischen Duft hinterlassen. Es bleibt der vage autistische Wunsch, eine Ahnung von dir zu behalten oder zu berühren, die unhaltbar, unberührbar ist, weil alles zu schnell vorüberzieht für Vertrauen: die haltlose Nähe, die Gefühllosigkeit und nichts, das zu sagen wäre, weil alles beliebig oder belanglos scheint. Du bist das Ideal von Vertrauen. Mit Nachtkerzen umkränzt und mit Näglein besteckt. In deinen Augen darf ich mich spiegeln und deine Hand greift nach meiner als sei es ein weiterer Allgemeinplatz. So selbstverständlich wie das Wissen um deine körperliche Beschaffenheit und die Tiefe deines Geistes. Ruhend wie das Largo großer Wellen, intim wie dein Duft in der Geborgenheit des Wissens, dass niemand anderer als du diesem ganzen Verschwinden in endlose Weiten das Drängende nehmen kann, weil du ein beständiger Charakter bist. Weil du es bist.

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23 thoughts on “Rallentando

  1. wildgans sagt:

    Dies der heutige Verleser: Lustpolsterfolie.
    Warum nur fällt mir zum Text die Bezeichnung: „laszives Luder“ ein!?
    Unpassend aber auch. Oder?
    Gruß von Sonja

    • karfunkelfee sagt:

      Alles subjektives Empfinden. Darum nicht unpassend. Die Luftpolsterfolie verzerrt die Wahrnehmung und sorgt für einen unscharfen Blick in ihrem eher dämmenden Wesen. Verleser sind Paukenschläge in lasziven Sinfonien…
      Danke für Deine Gedanken✨😉

  2. kormoranflug sagt:

    Wer nach der Liebe fragen muss, hat schon verloren.

  3. Hallo, meine liebe Fee – ich frage momentan weder nach der Liebe noch nach der lasziven Lu(s)ftpolsterfolie, sondern eigentlich nur nach meinem Bett. Die Zeit ist ran, aber der Kopf gibt noch keine Ruhe. – Heute musste ich wieder einige Igel kämmen – aber am Abend hatte ich bei einer Freundin mit noch zwei anderen einen sehr lustigen Dokoabend mit Kartenglück und Kartenkönnen.
    Gut’s Nächtle!

    • karfunkelfee sagt:

      Du Nachteule – warst wieder auf bis in die Puppen! Sei lieb gegrüßt von der Ferfechterin fragwürdiger Freuden. Bei mir ging’s gestern wie üblich kontemplativ zu, stürmisch stürmte nur der Sturm (von wegen Sturmhöhe, Emily Brontë ist auch nicht mehr das, was sie mal war…)und jetzt johlt schon der Kirchenchor aus der Freichristlichen Gemeinde vis-à-vis das Hallelujah, ordentlich aufgedonnert mit Schlagzeug, Klampfe und Solo-Einlage. Lobet den Herrn! Um jeden Preis! In diesem Sinne,
      klösterliche Keuschgrüße in die Big City von der Fee ✨

  4. Wieder ein Sosososotext, meine Liebe. So gut. So weise. So tiefberührend innendrin, mit unsichtbarer Tinte in die Innenhaut gefüllert, man sieht die Worte nicht, doch mit jedem Pulsen, jedem Beben spürt man die feinen Nadelstiche. Und es ist ein Sosehnsuchtstext, der die inneren Segel aufbläht, die Schwingen weitet und unter die Röcke gleitet. Ich danke Ihnen für diesen Fühlgenuß. Ihr du ist vielleicht in vielen Menschenkindern versteckt, genau wie meines. Sie und ich, wir sind ein du, das kann doch sein…

    Dazu passt, daß ich heute kurzentschlossen auf der Burgwiese der Sparrenburg tanzen werde. Sie könnten mich nahe beim Pan Peter finden, so er denn mitspielt heute bei der Truppe. Corvus Corax, ab halb sieben. Ich bin die mit der brombeerroten Sommeraster im Haar und dem passendem Nagellack. Wir würden einander erkennen, deucht es mich…

    Herzvolle Sonntagsgrüße, die Ihre.

    • karfunkelfee sagt:

      Meine Liebste, ich werde sehen, dass ich mich aus meinem Kinderzirkus entweder loseise oder meine Prinzessin mitbringe.
      Doch ich habe verstanden und würde mich irre freuen, Sie endlich mal persönlich kennenzulernen.
      Ab und zu muss ich mal wieder einen fragenden Text schreiben…ich platze sonst und das gäbe eine Riesensauerei von herumfliegenden Wörtern, Silbengekröse und Synapsenmasse. Das kann ich meinen armen Nachbarn doch nicht antun! Es sind so liebe Leute.
      Also…die Idee ist im Kopf und sie hat gezündet. Der Denkmotor spotzt noch ein bisschen herum und dann kommt er in die ‚Chänge‘ wie der gemeine Bielefelder gern herumslangt.
      Ich freu mich…
      See you later alligator!✨

      • karfunkelfee sagt:

        Die Idee nimmt Form und Farbe an, liebe Frau Knobloch: Ich bin dabei mich unter Schwertmaß zu stauchen um den Brückenzoll zu umgehen. Sie erkennen mich an der Nase, wenn irgendwo was wie herumfunkelt und an den ungeschnittenen langen Zotteln, die ich zum Zopfe zusammenpferchen werde. Kann sie auch offen lassen, dann wirke ich kleiner. Allerdingsens befürchte ich, selbst dann, nicht unter 1,20 m Schwertmaß durchzuflutschen. Die Brückenwächter sind bis zu den Zähnen mit Lanzen bewaffnet und schwadronieren in höchst seltsamen alterthümlichen zappendusteren Mittelalterworten. Vielleicht kann ich sie mit Wunderkerzen beeindrucken. Licht hilft fast ümmer. Aber nur fast…
        Werde so gegen 19:00 Uhr aufschlagen und Sie suchen. Was sagten Sie? Eine dunkelhellila Aster in der Haarpracht? Egal, ich frag einfach nach Gottfried Benn…,dann finde ich Sie schon…✨🌸

      • Liebste, so lese ich diese Zeilen erst heute, schüttele lächelnd den Kopf über die Zottelbezeichnung, sie graziles Wildwesen, Sie! In mir schwadroniert eine Geschichte über unsere Begegnung, wie ich Sie erkannte, ohne Sie zu kennen, weil Sie und ich ja doch ein du sind…
        Daß ich mich verscheißherzchenpupillisiert habe, haben Sie ja bereits in meinen Augen gelesen.
        Grünblinkblitzige Grüße auch an die Feschbezopfte, Ihre Käthe.

      • karfunkelfee sagt:

        Manchmal findet so ein gegenseitiges Erkennen ganz wortlos statt, weil’s ja schon längst geschah – das ist manchmal im Leben so, das sind die unsichtbaren Drähte, die weder Handys noch sonstige bewörterte Kommunikation benötigen, das, was mir immer wieder sagt, dass Leben eben nicht nur Geborenwerden, Alltag und Realität ist, sondern viel mehr. Ich rechnete mir inmitten der ganzen Leute um uns herum die Chancen aus, jemanden mit einer Blume im Haar zu finden und mein Herz lachte sich scheckig über meinen armen Verstand und fragte ihn, wie oft er noch denken wolle, dass solcherart Begegnungen mittels Logik forcierbar seien. Es folgte ein kurzer Disput mit dem Oberstübchen und dann einfach das stille Vertrauen in den Lauf der Dinge. Ein grünäugiger Text scharwenzelt mir im Hirn herum und zwischen Heart and Head herrscht diese schöne seltene Einigkeit darüber, die immer da ist, wenn sie händchenhaltend etwas aus der Seele freischreiben wollen.
        Sie sind so besonders, wie ich es ja schon wusste und das Sehen war längst überfällig.
        Ich brauche manchmal ein wenig Anlauf für sowas, doch hatte ja jede Menge Rückenstärkung von meinem bedirndelten Lederstrumpf in Funktion eines zünftigen Burgfräuleins.
        Sie war höchstlichst entzückt über die Begegnung und als wir später im Pyjama kichernd auf ihrer Bettkante huckten (sie durchfroren mit dampfendem Kamillentee und Honig drin und ich mit dampfenden Erinnerungen, ebenfalls natursüß), ließen wir die Sucherey nach Ihnen nochmals Revue passieren und fanden alles im Nachhinein höchst magisch. Aber Mama, sagte sie, Du bist ja schließlich auch eine Märchenfee, das ist alles ganz normalo!
        Recht hat’se!
        Ich sende einen lieben Drücker übern Knapp, Hermann der Cherusker winkt grünspatig grinsend und sagt: Nur ein paar Kilometerchen übern Teuto. Na, das ist doch was!
        Allerherzlichst, die Ihrige…Karfunkelige✨
        (Wildwuchs, jahaha….😉)

      • Nur eine Zahl noch, meine Liebe: 27.000 Menschen. In diesem menschlichen Ozean eine beasterte Panpeterbeschmachtende, ein zurückhaltender Lieblingsfamosgeselle, eine scheueschöne Karfunkelige und eine feschbezopfte Großaugenstaunende. Wie hätten wir uns nicht finden können?!
        Frohgemuthe Grüße, die Ihre, regenbeplatscht und wangenverhuscht ob des besonderen Lobes.

      • karfunkelfee sagt:

        Meine Liebe, einen Text weiter habe ich das Märchen wort- und fotobebildert.
        Es war eine tolle Begegnung – eben wie in einem richtigen Märchen.
        Nichts für schnarchlangweilige Dauerrealisten oder hartnäckige Idealismusgegner.
        Lesen Sie selbst.
        Wie lautete letztens die Überschrift einer meiner Artikel…?
        ‚Klasse statt Masse‘
        Gestern fand sich Beides.
        Holde Grüße…
        auch an Ihren sehr sympathischen Begleiter.
        Ein Famosgeselle, fürwahr!
        ✨🌺💖

      • Ich las es eben leicht offenmundig und rang um erste Worte, nachdem ich selbst fast gleichzeitig meine Geschichte dazu freigab. Ich glaube, wir söllten uns noch gegenseitig verlinken, diese Parallelität ist unfassbar…
        Anmärchenglaubende Grüße, die Ihre.

      • karfunkelfee sagt:

        Das wird glatt gemacht.
        Sie haben es mit einer Fee zu tun, meine Werteste. Die sind voll auf Magie…
        Da geschehen Parallelitäten und Zaubersachen wie es draußen selbstverständlichst regnet oder die Sonne scheint.
        Himmlisch, solch Gezaubere, was…?😉✨
        Jetzt geh ich lesen und dann verlink ich Sie mit links…
        Hach…lauter Sonnenschein im alten Hopsding in der Brust…einfach unsterblich…sowas…💖✨

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