Rückreise

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Seltsam, wie die Vergangenheit Atem holte und durch einen Telefonhörer, scheinbar mühelos die Unbeschwertheit der Jugend über dreißig Jahre hinweg zurück an mein Ohr brachte. Mit einem Mal war ich bei dir, stand ich neben dir, roch dein Rasierwasser in Sandelholz- und Patchoulinoten und es schien, als könne ich deine Familie sehen, ohne konkret zu wissen, ob du Kinder hast. Doch im Hintergrund hörte ich die Stimme einer Frau und deine Mutter hatte mir zuvor erzählt, dass es deine sei. Es blieb ein Gefühl ohne jede Bitterkeit, dass die tausend Kilometer zwischen uns am Ende eine zu große Distanz darstellten, um zueinander zu finden. Es genügte, deiner durch die Telefonleitung leicht verzerrten Stimme mit dem norwegischen Akzent zu lauschen, den ich so sehr bei dir mochte. Dieser heutige Juliabend legte seine Aquarellfarben, eher verwischt und ermüdet nach einem warmen Sommertag in die späte Dämmerung und am Himmel stand ein blasser kleiner Mond.

Du warst mein Ritter des Anstands, wir kamen nie über leidenschaftliche Küsse hinaus, denn ich war zu jung und du wusstest ganz genau, dass du das Potential besaßest, einem jungen Mädchen, wie ich es damals war, in jenem Urlaub, das Herz brechen zu können. Jetzt gerade erzähltest du mir von deiner Mutter und ihrem Geburtstag, von deinem Bruder und seinen Kindern und einen Moment lang war ich am Herrenhaus, oben auf dem Berg und blickte mit dir über den Fjord. Du sagtest, das Wetter sei schön, entspräche dem kurzen intensiven skandinavischem Sommer und ich sah das Licht über die blaugrünen kleinen Wellen des großen Fjordes tanzen und hatte dabei wieder Tchaikovsky im Ohr, als sei gestern heute und als stünden dazwischen nicht dreißig Jahre voneinander unabhängig geführten Lebens. Ich sagte nicht viel, es genügte mir, dir zu lauschen und während ich dir lauschte, die sich herandrängenden Fragen nach deinem Leben nicht zu stellen. Du bist in die Politik gegangen, wie es damals bereits dein Ziel war und in deiner immer noch jugendlichen Stimme schwang die Liebe zu deinem Land mit, das du mir einmal in Eindrücken schenktest, vor langer Zeit.

Ich hätte dich gern nach den alten Freunden gefragt, was aus ihnen in der Zwischenzeit geworden war. Das Abendlicht spielte in den Gardinen am Fenster, leicht bewegt vom warmen Wind. Noch während ich über die Frage nachdachte und dir jede Menge Glück und Gesundheit an den Hals wünschte, kam deine Mutter an den Apparat und ich bemerkte, dass die Vergangenheit tief ausatmete, brüchig wurde und sich in der schleppenden Last vieler gelebter Jahre in ihre Stimme mit dem Bremer Akzent legte. Mir wurde die Kehle eng als ich sie so sprechen hörte. Wie viel Zeit muss vergehen, bis sich das Alter in Jahren auf Stimmbänder legt? Und doch war es unverkennbar sie, einmal in den Sprechfluss gekommen, wieder mit der gleichen Lebendigkeit in ihrer Stimme, wie ich sie von ihr kannte. Ich wünschte ihr alles Gute und dachte an die Felsen, unten am Fjord, von denen aus wir in das kalte Wasser sprangen, bis mich der schwarze Labrador, schon lange in den ewigen Jagdgründen, wieder am Genick herausziehen würde, weil er tatsächlich glaubte ich könne im Fjord ersaufen.

Dann warst du wieder am Telefon und sagtest, du müssest nun zurück zu den anderen, mit deiner Mutter ihren achtzigsten Geburtstag feiern und ich staunte, wie vertraut du mir immer noch warst, bis die fröhliche Stimme meines Kindes mich in die Gegenwart zurückholte und ihr Lachen mich daran erinnerte, dass ich ihr gern das wilde Land, deinen Norden zeigen würde. Dann wieder die Idee, dass sie später einmal ihre eigenen Erfahrungen machen würde und der Wunsch, sie würde das, was unvergessen blieb, so wie ich, in alten Fotos bebildert und in Tagebucheinträgen beschrieben finden, als sei es erst gestern so gewesen und als sei es heute nicht ein weiterer unbekannter Sommer in einer Zukunft, die damals als ein schmaler weißer Streifen Licht in der Mittsommernacht am Horizont über der Wasserfläche des Skageraks stand. Im Kielwasser der Fähre Richtung Christiansund schwammen  die Tümmler und vor mir lag dein großes unbekanntes Land und ich war wie noch wie bei jedem neuen Kennenlernen, bis an den Rand angefüllt mit Freude, Abenteuerlust, Erwartung und Spannung ohne indes zu ahnen, dass das Neue die unwissende Wahrheit einer Ankunft tragen sollte, die sich heute, nach all den Jahren eher wie eine dankbare Heimkehr anfühlt.

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11 thoughts on “Rückreise

    • karfunkelfee sagt:

      Och…jo, ist eine Wehmut von der schönen und friedlichen Sorte.
      Vermischt mit Fernweh und etwas genereller Nachdenklichkeit über Unabänderlichkeiten und das Älterwerden.
      Hauptsächlich jedoch ist es eine Erinnerung an ein außerordentlich faszinierendes Land.

      • Faktoid sagt:

        Wehmut ist doch auch mal etwas Schönes. Das ist so eine Art Schmerz, die einen fühlen lässt, dass man nicht abgestumpft ist. Hach und Skandinavien ganz allgemein, ich mag den Norden.

  1. bruni8wortbehagen sagt:

    eine wunderschöne und kaum wehmütige Erinnerung, eher eine leicht melancholische mit einem erfreulichen Ende, das angedeutet neue Gedanken produziert

    Liebe Grüße an Dich von Bruni

    • karfunkelfee sagt:

      Wehmut, das ist der Mut, ein Weh zuzulassen und wie Faktoid anmerkte, ist sie ein Ausdruck für Gefühl, sogar viel davon.
      Ich mag die Wehmut und auch die Melancholie und darum ist es schön, wenn jeder das seine aus meiner ’sentimental journey ‚ für sich herausempfindet.
      Ja. Das Ende ist erfreulich und es produziert hoffentlich noch viele neue Gedanken, zu einer Zeitspanne weniger Wochen, die so intensiv und erfüllt erlebt wurde, dass ich hoffe, das alles eines Tages in eine lange Erzählung fließen lassen zu können.
      Bislang kamen immer mal wieder fragmentarische Texte heraus, eine Erzählung und mehrere Gedichte.
      Doch die Erinnerung ist so gewaltig wie das Land, das ich bereiste und so scharf wie ein Gletschergrat.
      Lieben Dank für Deinen schönen Kommi und viele Grüße✨

  2. meertau sagt:

    ein wunderschöner Text !

  3. Das habe ich einmal im Leben erlebt – nicht telefonisch, sondern echt und life. – Das erste, sehr verliebte Zusammensein zwischen 1964 und 67. Dann nie mehr was gehört, gesehen, wissen wollen, weil der Schmerz immer noch brannte. – Doch dann Anfang der 80er Jahre ein für ihn nicht bekanntes Wiedersehen, da er inzwischen u.a. im Erfurter Dom Kunstführungen machte.
    Wir erkannten uns sehr schnell und die Freude war wirklich beiderseitig.

    • karfunkelfee sagt:

      Eine sehr schöne Erinnerung…danke fürs Teilhabenlassen.
      Wenn es so sein kann, dass bei der Wiederbegegnung ungetrübte beiderseitige Freude entsteht, ist eine solche Erinnerung ein warmer schöner Schatz im Herzen…

  4. wildgans sagt:

    „Ritter des Anstands“ –🙂

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