Frage- und Antwortspiel.

Für Dich, liebe Chaos:

Liebe Leutz,

Bereits am 31. Dezember 2014 fragte mich die Bloggerin Chaos (hier: https://meinkopfchaos.wordpress.com)
ein paar Dinge.
Wie es so meine Art sein kann, versuchte ich mich erst einmal davor zu drücken.
Doch inzwischen finde ich mich unhöflich und obendrein unkommunikativ.
Außerdem ist mir die Dame sympathisch.
Darum habe ich mich entschlossen, mich dem Fragenkatalog zu stellen und endlich zu antworten.

Hier sind also die Fragen und meine Antworten.

Liebe Grüße an Frau Chaos und herzlichen Dank für Dein Interesse!

Die Karfunkelfee

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Stöckchen von Mein Kopfchaos vom 31.12.2014:

1.Was ist faszinierend und inspirierend?

Das Leben.

2.Welche Farbe hat der Himmel?

Blau. Nein. Grau. Also…im Moment Grau. Aber darüber ist er blau.

3.Schicksal oder Zufall?

Kein Zufall.

4.Übersinnliches?

Klaro. Bin doch eine Fee…..

5.Wie verbringst du deinen Silvesterabend?

Allein. Nein, nicht ganz: Mit meinen Zahnschmerzen. 🙂

6. Dein Wunsch fürs neue Jahr?

Heile, heile, Gänschen…

7. Die digitale Welt. Fluch oder Segen? Und Warum?

Der Fluch des Abstrakten und der virtuellen Unpersönlichkeit.
Der Segen, neue Menschen kennenzulernen und die virtuelle Unpersönlichkeit in Persönlichkeit und reale Kontakte zu verwandeln.

8. Du kannst drei Leute zu einem Abendessen einladen (tot oder lebendig). Wer bekommt eine Einladung?

Goethe (zum Reden)
Bocuse (zum Kochen)
Hugh Jackman (Tischdekoration)

9. Was ist das Schönste am Leben?

Die Liebe.

10. Die Liebe fürs Leben? Gibts die?

Schon möglich.

11. Du bist eingeschneit, was tun?

Mich schön warm halten und schauen, wie ich aus diesem Dilemma schnellstens herauskomme.

Das Lächeln des Chamäleons

  
Liebe Blogfreunde,
Eine Geschichte aus dem Jahr 2009.
Ich habe sie überarbeitet und stelle sie zum Überthema ‚Rassismus‘ ein.
Liebe Grüße,
die Karfunkelfee✨

Für H.

 

Der lange spitze Schatten der Sonnenuhr legt sich auf den warmen Asphalt des Schulhofs und teilt den Platz in zwei saubere Hälften. Vereinzelt zerschneiden helle Kinderstimmen, die vom großen Abenteuerspielplatz hinter der Schule herüberschallen die Stille des warmen Spätsommernachmittages und lassen den Schulhof verlassen und einsam wirken. Eines der Fenster im Erdgeschoss der Immanuel-Kant-Gesamtschule, einem schmucklosen Plattenbau aus den späten Sechzigern, steht weit offen. Ein einzelner Ton, zögerlich angeschlagen auf einem mittelmäßig gestimmten Klavier schreckt eine Amsel auf, die in der Erde nach Würmern sucht. Sie flüchtet in die Zweige der mächtigen Kastanie, die, umrahmt von einem Ring aus Waschbeton, vor dem Klassenzimmer steht. Die nächsten Minuten ist es still, die Kinderstimmen vom Abenteuerspielplatz sind verstummt und der Zeiger der Sonnenuhr auf dem Schulhof ist ein Stückchen weiter nach Westen gewandert. Mutig wagt die Amsel noch einen Versuch und flattert wieder hinunter an den Fuß des Baums, um den Wurm, den sie fast hatte, wiederzufinden, da klingt das Klavier wieder an. Diesmal eine ganze Tonfolge. Laut keckernd und schimpfend gibt die Amsel auf und fliegt in eine der Föhren, die den Schulbereich abgrenzen und einen kleinen Wald bilden, hinter dem der Abenteuerspielplatz liegt.Ein paar Noten werden angeschlagen, finden in einen schnellen Rhythmus, dann kommt eine Stimme hinzu: warm und tief, eine Stimme am Ende eines Mädchens und am Anfang einer Frau:

“Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Die Stimme stockt und sagt ein paar wütende Worte in einer fremden Sprache, einer schnelleren, weicheren und höheren Tonlage als die, in der sie singt.

Eine tiefe, männliche Stimme antwortet: „Versuch es noch einmal Samira, Nina Simone ist schwierig, ich habe es dir gesagt und Flüche helfen dir da nicht weiter, aber du kannst es schaffen! Los, ich will es bis zum Schluss, fang dort an, wo du aufhörtest, etwas spielerischer und leichter in den höheren Tönen, los komm, du machst das sehr gut!“

Nun spricht sie akzentfreies Deutsch, eine Stimmlage tiefer als ihre Heimatsprache: „Bis zur Aufführung morgen Abend, Herr Steiner? Bis dahin soll ich perfekt sein und Nina Simone leben, denn diese Musik singt man nicht, man muss sie leben. Oh, haram! Das schaffe ich nicht, Herr Musikgeneral Steiner! Suchen Sie sich eine andere Blaskapelle, diese hier spielt unrein!“

Er redet beschwichtigend auf sie ein, seine sanfte leise Stimme wechselt sich ab mit ihrer hohen Stimme, als sängen sie ein Duett in zwei Sprachen und keiner der Sänger hätte eine Ahnung vom Text des anderen.

Das Ganze gipfelt in einer schnellen Disharmonie von Tönen auf dem Klavier, sich jagend und in ihrer Schrägheit schon wieder schön, bis sie spielerisch einen Akkord bilden, dann jedoch abrupt abbrechen.

Erneut klingt ihre Stimme, laut intonierend und trotz der Wut harmonisch:

“Ain’t got no culture, ain’t got no family, fuck you all!”

Es knallt laut, als der Klavierdeckel auf die Tasten schlägt, dann hallen laute, quietschende, Schritte auf den frisch gebohnerten Gängen der Schule. Die Glastür nach draußen schließt sich lautlos und langsam. Am auffälligsten sind ihre Haare. In wilden Locken fallen sie ihr bis auf die Hüften hinunter. Eine Seite schimmert blauschwarz, die andere rotschwarz. In der Sonne scheinen sie farbzweigeteilt. Ihre Haut ist hellbraun, Latte Macchiato sagt sie selbst dazu, um sich Mut zu machen. Ihre Familie ist tot.

Sie weiß nicht viel darüber, sie starben alle bei einem Bombenanschlag in Kairo. Sie selbst hat das irgendwie überlebt und an der Stelle wo eine Erinnerung sein sollte, befindet sich bei Samira eine graue taube Stelle, die beinahe alles, was mit ihrer Familie in Verbindung steht, ausgelöscht hat. Dunkel erahnt sie noch den Bruder, den Vater. Am klarsten erinnert sie sich an ihre Mutter, wie sie an ihrem Bett sitzt, sie liebevoll anblickt und mit ihrer Hand die Locken aus ihrer Stirn streicht. 

Im Rahmen eines medizinischen Hilfsprogramms kam sienach dem Tod ihrer Familie nach Deutschland und durfte bleiben, weil ihre von einem Bombensplitter zertrümmerte Hüfte zwanzigmal operiert werden musste bis sie wieder laufen konnte. Als sie ihre ersten neuen Schritte ging, war sie acht Jahre alt und hatte bis auf ihre Erinnerung an die arabische Muttersprache nichts mehr, das sie mit der Heimat verband. Darum und weil sie keine Familie mehr hatte, die sich in Kairo um sie kümmern konnte, durfte sie in Deutschland in ein Kinderheim. Sie durfte dableiben. Jeder, auch die Ärzte, redeten ihr ein, das sei der Hauptgewinn. Doch das war es nicht. Ein Hauptgewinn wäre es gewesen Deutsche zu sein oder ein Kind ohne körperliche Einschränkungen mit ordentlich Muskeln unter der Haut. Das war ein Hauptgewinn, der keine Staatsangehörigkeit brauchte, es war egal, ob man russisch, deutsch, irakisch, palästinensisch oder sonst was war, denn wer stark war, hatte Stimmgewalt und konnte über andere entscheiden. Das galt auch für Mädchen, die stark genug waren. Die Nationalität war egal. Wer nur den Anschein von Schwäche zeigte, starb jeden Tag den kleinen Tod des Sklaven und war der Fußabtreter für den Frust der anderen, angefangen damit, dass man im Mädchenklo eingesperrt wurde, bis das Frühstück vorbei war und endend damit, dass mal wieder jemand in ihr Bett gepisst hatte, wie ein Hund, der einem anderen seine Verachtung durch das Niederste aller Geschäfte zeigte. Ihre ersten Jahre unter den anderen Kindern im Kinderheim waren die blanke Hölle. Dann siedelte man sie um in ein integratives Heim mit gesunden sowie auch beeinträchtigten Kindern und dort endlich fand sie Freunde und Anschluss an die anderen.


Samira setzt sich in die Mitte der Sonnenuhr auf dem Schulhof. Jemand hat mit gelber Graffitti-Farbe ein schiefes Lächeln auf den schwarzen Betonklotz gemalt, der Zeiger aus schwarzem Zement hebt sich scharf ab vom Sand, der im Zwielicht weiß wie frisch gefallener Schnee erscheint. Der Schattenzeiger ist mittlerweile verblasst, untergegangen mit der Sonne, die mit ihren letzten Strahlen nun auch Samiras blau-schwarze Seite der langen Haare in rötliches Licht taucht. Alles wird eins, denkt sie. Irgendwann wird alles eins. Aus ihrer braunen Segeltuchtasche klaubt sie ein Päckchen Zigarillos aus demDiscounter und steckt sich einen davon an. Sofort hört sie im Kopf die Stimme ihres Musiklehrers, Herrn Steiner, der ihr strengstens das Rauchen verboten hat. Sie sieht sich kurz um mit dem Instinkt eines Kindes, das ständig in seinen Handlungen beobachtet wird von anderen, inhaliert drei hastige Züge hintereinander, ignoriert das Schwindelgefühl und tritt den Zigarillo schnell mit ihrem Turnschuh aus. Sorgsam nimmt sie die Kippe auf und steckt sie in ein Marmeladenglas mit Schraubdeckel. Sie lässt sich nicht gern etwas zuschuldekommen und Rauchen ist auf dem Schulgelände streng verboten.

Sie schultert ihre Segeltuchtasche, steht auf und geht los. Beim Gehen spürt sie dumpfen Schmerz in der Hüfte, vom langen Sitzen. Dass sie ihr linkes Bein fast unmerklich nachzieht, spürt sie selbst kaum, doch ein paar Mädchen, versteckt hinter den Föhren, die an den Abenteuerspielplatz angrenzen, bemerken es durchaus. Als sie in den Waldweg einbiegt der zum Spielplatz führt, tritt ihr ein etwa fünzehnjähriges kräftig gebautes Mädchen in den Weg.

„Na, Samira? So spät noch unterwegs? Noch ein bisschen mit Steiner gespielt?“

Sie bleibt stehen. Sie wusste, dass das passieren musste, sie hegen schon so lange Hass auf sie, weil sie das Stimmtalent in ihrer Klasse ist. „Ain’t got no friends“, schießt es ihr durch den Kopf und sie überlegt, wie sie der Situation begegnen soll.

„Tanja, wir haben doch nur geübt, ich komm morgen doch nicht mal, entspann Dich!“

Die Angst fängt immer beim Atmen an. Angst lässt die Luft schwer werden, lässt die Luft gewichtig werden, wie etwas, das auf dem Brustkorb sitzt. Angst hat Substanz.

„Lasst mich bitte nach Hause gehen.“

„Du hast doch nicht einmal ein Zuhause, du blöde muslimische Terroristen-Schlampe!“

Samira überlegt, was sie tun kann. Die Angst hat viele kleine Füße bekommen, die ihr von den Zehenspitzen aufwärts in die Brust krabbeln und sich dort ausbreiten in Form von Wärme, ihre Brust brennt wie Feuer, ihre Arme und Beine kribbeln, ihr Kopf ist ein Haufen Ameisen, wuselnd, ohne Plan, die Königin ist tot, was soll ich machen, sie versucht strategisch zu denken, doch sie muss entsetzt feststellen, dass sie es nicht kann. Ihre Hüfte schmerzt dumpf pochend in einer Art Vorahnung weißglühenden Schmerzes, als wolle sie sie daran erinnern, dass Krieg alles ist, was Menschen interessiert und sie denkt an Nina Simone, die sie singen soll, morgen auf der Aufführung und an alles das, was sie nicht hatte, nie hatte, das, was die haben und hatten, die sie nun triezen und als selbstverständlich ansehen.

Ihr rassistischen Fotzen, denkt sie und schämt sich gleich wieder, weil Michaela, die Heimleiterin ihr sagte, dass dieses Wort der schlimmste Verrat am eigenen Geschlecht sei.

„Na, haben heute deine Allah-verherrlichenden-Terroristenfreunde wieder ein paar Leute in die Luft gejagt, weil es DER SACHE dient?“, grinst Tanja.

Michaela hat Unrecht, denkt Samira. Ich bin keine von denen und wenn ich das Wort sage, ist es kein Verrat. Denn zu deren Geschlecht gehöre ich nicht.

„Klar!“, ruft sie in die einsetzende Abenddämmerung und nimmt allen Mut zusammen in ihrer Stimme, „und hoffentlich denkt einer meiner muslimischen Terroristen-Freunde endlich mal daran, eine Bombe in eure Schultaschen zu schleusen, um euch rassistische Fotzen wäre es nämlich nicht schade, wenn ihr endlich atomisiert würdet!“

Dieses Mal fühlt sich das Wort nicht schlecht in ihrem Mund an, sondern richtig. Sie hat auch nicht an Allah gedacht, das tut sie schon lange nicht mehr. Sie verachtet Menschen, die an ihn glauben. Er ist ein Gespenst in den Geistern derer, die an ihn glauben und ein Machtinstrument in den Händen derer, die ihn benutzen. Er ist kein Instrument der Improvisation, wie das Klavier in der Schule. Dieses Instrument besitzt ein Eigenleben und egal, wie man es spielt, seine Eigenheiten spielen immer mit und die Liebe, die man spielt, wird reflektiert. Allah ist weniger als ein Instrument, der Imam ihrer Kindheit spiegelte seinen eigenen Geist so sehr auf Allah, dass Allah nicht mehr klingen konnte, er war nichts weiter als der Spiegel der Menschen, die ihn mit ihren Standpunkten besetzten. 

An Spiegelungen wollte sie nicht glauben und sie begriff, dass alle Religionen nichts anderes waren als die Reflektionen derer, die daran glaubten und dass auch hier das gleiche Prinzip der Hierarchie griff, wie sie es aus ihrem Heim kannte: Gott liebt immer den Stärksten und sein Name ist Nichts.


Tanjas Tritt trifft sie unvorbereitet in die Seite. Ihr Kopf fliegt nach links, während ihr rechtes Bein das Gewicht nicht ausgleichen kann, es ist ein fieser Tritt in ihre linke kranke Hüftseite, sie rudert mit den Armen, die Segeltuchtasche heddert sich um ihren Hals und würgt sie, während sie nach ihrem Gleichgewicht sucht, schließlich in den Knien einknickt, den Kopf nach hinten wirft, vom Gewicht der Tasche gezogen, greift sie mit beiden Armen nach ihrem Hals, um Luft zu bekommen, während von vorn zwei Fäuste mit voller Wucht in ihr Gesicht knallen und sie hört ihren Nasenbeinknochen brechen mit einem lauten Knacken in ihrem Kopf, ein Echo in ihren Ohren hinterlassend. Sie hört Stimmen, wie durch Watte, von fern. „Los Tanja, weg, der blöden Sau hast du es gegeben!“

Dann schnelle Schritte, rennend. Benommen und verkrümmt vor Schmerzen bleibt sie liegen. Aus ihrer Nase läuft Blut und sammelt sich in einer kleinen rot schimmernden Pfütze auf dem Gehweg.

Durch den Schleier vor ihren Augen sieht sie Spaziergänger auf dem Weg zum Spielplatz.

Ältere Menschen mit Hund, jüngere Menschen mit Hund. Jüngere Menschen mit Kind.

Niemand beachtet sie.

Gott ist längst tot, nur Samuel Beckett hat es begriffen, denkt Samira benebelt.

Als sie aufwacht, steht Allahs Halbmond am Himmel. Sie greift an ihr schmerzendes Gesicht, es fühlt sich geschwollen an und wund. Die Seite, in die sie getreten wurde, kann sie kaum bewegen. Vorsichtig fahren ihre Hände unter ihren Pullover, betasten vorsichtig die lange weiße gewundene Narbe, wo sie sie aufgeschnitten und das neue Gelenk eingesetzt haben, vor langer Zeit, die sich nun als neue alte Zeit anfühlt.

Es scheint nichts aufgerissen zu sein, doch es tut höllisch weh, als sie versucht, sich aufzurichten.

Langsam nehmen die Formen um sie herum Konturen an, sie erkennt den Weg, die schwarzen Föhren im Zwielicht, den Spielplatz. Vorsichtig dreht sie sich um.

Hinter ihr liegt ihre Tasche.

Sie zieht sie zu sich heran und greift in das Innere. Die Noten sind da, ihre Hefte, nichts fehlt.

Mühsam zieht sie sich hoch, scharfer Schmerz schießt durch ihre linke Hüfte. Sie steht auf, wie sie es ihr beigebracht haben damals, als sie neu laufen lernen musste. Wie ein Baby. Erst die Füße, dann den Rücken beugen, dann die Hände und langsam hoch krabbeln. Das geht. Schmerz lehrt Demut vor dem Körper: Ihre erste Deutsch-Lektion.

Vorsichtig richtet sie sich auf. Ein Kauz ruft in der Nähe. Einem Impuls nachgebend, verschränkt sie die Hände ineinander, legt die Zeigefinger ineinander und antwortet auf den Ruf. Kurz darauf ruft der Kauz wieder. Ein gutes Omen, denkt sie, schultert die Tasche und hinkt den Parkweg entlang, der sie ein paar endlose hundert Meter weiter zu ihrem Heim führt.

Michaela, die Heimleiteri öffnet die Haustür des Heims. Entsetzt und fassunglos sieht sie Samira an: „Los, sag an! Was ist passiert?“

Sie nimmt Samira die Tasche ab, legt ihr den Arm um die Schulter und führt sie vorsichtig zu dem durchgesessenen roten Stoffsofa. Samira lässt sich fallen und schreit kurz und spitz auf, als ihre Hüfte mit den durchgesessenen Federn des Sofas kollidiert.

Michaela kniet sich vor Samira und untersucht sie vorsichtig. Mit schräggelegtem Kopf sieht sie Samira durchdringend an. Diesem Blick hält keine Lüge stand, sei sie auch noch so gut.

„Ich wurde verkloppt, das ist passiert.“

„Warum?“

„Ich bin schuld am elften September. Unter anderem.“

„Das ist nicht neu. Sag mir was Neues.“

„Ich bin musikalisch.“

„Das bist du Samira, nun red‘ schon!“

„Terroristengruppe. Codename Tanja.“

„Alles klar, Samira“

Vorsichtig betastet Michaela Samiras Nase.

„Die ist gebrochen, Samira. Wir müssen ins Krankenhaus. Jetzt sofort. Und dann die Polizei verständigen, Anzeige erstatten.“

„Bitte nicht, Michaela! Ich kann dann nicht mehr in die Schule!“

„Samira, willst du das durchgehen lassen? Das muss angezeigt werden, sonst denken Menschen wie Tanja, sie kommen mit solchen Sachen durch, verstehst Du das nicht?“

„Und wer versteht mich? Soll ich es noch schwerer haben als so schon? Als Petze? Michaela, ich bitte Dich, lass uns die Bullen da raushalten!“ 

Doch die Heimleiterin bleibt unerbittlich: „Samira, ich muss das melden! Das geht zu weit!“ 

„Dann hau ich ab! Ich schwör’s bei dem, den es nicht gibt, Michaela! Fuck you all! Wenn Du mich verpfeifst, hau ich ab!“

Michaelas Blick ist sorgenerfüllt. Nachdenklich tigert sie vor Samira auf und ab. 

„Okay, Samira, okay…ich müsste Meldung machen, doch ich verstehe Dich… wir sprechen noch darüber. Jetzt erst mal ins Krankenhaus, ja?“ 

Ich muss mir erst die Tritte von dem Miststück von der Haut waschen, bitte….“ Samiras Blick ist wütend, dunkel, flehend.

„Okay, Samira. Schrei, wenn du Hilfe brauchst, und wehe, du tust es nicht“.

Die Dusche tut gut. Sie wärmt alle Stellen, die geprügelt worden sind.

Dieses ganze schöne heiße Wasser ist nur für mich allein, denkt Samira.

Anschließend beschaut sie ihre Blessuren im Spiegel.

Blutunterlaufene schwarzglühende Augen starren ihr kampfeswütig und müde zugleich aus dem Spiegel entgegen.

Ihre Nase ist blau und rot verfärbt, angeschwollen und schief, der gebrochene Knochen bildet einen Höcker auf dem Nasenrist, der vorher nicht da war.

Nun ist es wirklich eine Kanaken-Nase, denkt Samira.

Hat man keine Kanaken-Nase und ist ein Kanake wird man eben zurechtgetreten, bis man auch die passende Nase hat. So einfach ist das.

An ihrer linken Seite, knapp unterhalb des Beckenknochens befindet sich ein esstellergrosses blau-schwarzes Hämatom, das eine leichte Wölbung nach außen bildet.

Samira berührt es vorsichtig, es schmerzt höllisch und fühlt sich weich und nachgiebig unter der Oberfläche an.

„Fertig?“, hört sie die Stimme von Michaela unten aus dem Gemeinschaftsraum.

Ja, denkt Samira. Fix und fertig. Allerdings.

„Ich komme gleich!“, ruft sie und zieht schnell saubere Unterwäsche, eine frische Hose und einen Sweater mit einem halsfernen Ausschnitt an, den sie mit äußerster Vorsicht über ihr lädiertes Gesicht zieht.

„Ich geh schon vor und spann die Pferde an!“, ruft Michaela.

Samira hinkt vorsichtig, das linke Bein hinter sich her ziehend, die Treppe herunter. Im Gemeinschaftsraum haben sich mittlerweile ungefähr 35 Kinder und Jugendliche versammelt, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Nationalität. Sie haben es sich auf den ausgedienten, gespendeten Sofas, Sesseln und Matratzen in dem großen Raum gemütlich gemacht und schauen Fernsehen oder stehen in der Ecke zu Grüppchen an den drei Flippern, die eine Firma dem Heim gestiftet hat.

„Hey, Samira!“, ruft ein älteres Mädchen, „wo steckst du den ganzen Tag?“

„Unter den Füßen einer reinrassig arisch deutschen Landestochter, Ayscha“, grinst Samira schief und geht langsam zur Tür.

„Ey!“, ruft ein an Lippe und Auge gepierctes Mädchen mit rot-violetten Stoppelhaaren ihr vom Flipper aus zu.

„Sind nicht alle so, Sister.“

„Ich weiß“, lächelt Samira, „war auch nicht allgemeinherrlich gemeint. Du bist sowieso meine Beste!“

Das Mädchen spitzt die Lippen, küsst ihre Hand, pustet Samira einen Kuss zu und ruft:

„Kriegst die Reichsflagge als Himmel über dein Bett, Liebste und am Hakenkreuz kannst du deine kranke Hüfte hochziehen!“

„Du verstehst mich immer, Baby!“, lacht Samira trotz der Schmerzen. Vivian ist ihre beste Freundin.

Michaela wartet schon mit dem Wagen.

Im Krankenhaus wird die Nase geschient.

„Nun ist es wieder eine echte Römernase“, sagt der Chirurg.

Samira hasst ihn und fragt dennoch:

„Kann ich damit singen?“

„Wenn die Schwellung die Stimmbänder nicht zu sehr beeinträchtigt und die Kopfschmerzen nicht zu heftig sind. Deine Stimme könnte etwas dumpfer klingen. Natürlich ist es besser, Sie schonen die Nase, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, junge Dame, oder?“ 

Samira hat großes Glück gehabt mit der Hüfte. Alles ist noch am Platz, nichts ist aus den Angeln gesprungen, nichts gebrochen.

Sie bekommt Codein-Tabletten gegen die Schmerzen und Heparin-Salbe. Die gebrochene Nase ziert ein breiter Verband.

„Wir können Sie einweisen, für heute Nacht“, sagt die Schwester.

Bittend sieht Samira Michaela an.

„Können wir nach Hause fahren?“

Michaela lächelt.

„Klar, Schätzchen.“

Am nächsten Morgen ist Samira früh auf, lange vor den anderen.

Sie geht in den kleinen Raum mit dem Fenster zum Park, der für Musik reserviert ist. Er ist ausgestattet mit einem alten Klavier, einer Gitarre mit abgenutzten Seiten und einem Tambourin, dem längst das Fell gerissen war, und dem es wieder genäht wurde von irgend jemandem.

Kira ist schon da. Sie ist noch keine fünf Jahre alt und liebt Musik über alles.

Sie zappelt mit ihren dünnen Beinen und Armen und wartet.

„Singst du für mich, Samiramis?“

Samira lächelt.

Der Proberaum im Heim bezieht seinen besonderen Reiz durch die helle Flut vom Morgenlicht. Es fällt durch ein einzelnes riesiges Fenster im Souterrain ein und beleuchtet die klare weiße Distanz der Raufasertapeten des Raumes weich und voller Nachsicht, es fällt liebevoll auf die sorgsam gelagerten Instrumente, die alt sind, doch gepflegt, teilweise in alten Büroregalen gelagert.

Samira setzt sich an das Prunkstück des Raumes, einen alten abgenutzten Flügel, der die Szenerie beherrscht wie ein Maestoso sein Orchester.

Sie spielt ein paar Töne und übt Tonleitern.

„Ich kann nicht, Kira.“

Kira zieht an ihren rotblonden Korkenzieher-Zöpfen und kokettiert mit ihren Augen, als wäre sie mindestens vierzig Jahre alt.

„Bitte sing für mich, Samiramis! Ich will mitkommen heute Abend! Ich will mir dir zusammen singen!“

Samira kniet sich vor Kira und nimmt ihre Hände:

„Kleines, ich kann heute Abend doch gar nicht singen. Guck doch mal, wie ich aussehe. Ich kann nicht mal jetzt singen. Ich kann nur singen, wenn ich mich stark und mutig fühle. Und du bist überhaupt noch viel zu klein für eine Veranstaltung so spät am Abend, das erlaubt Michaela bestimmt nicht!“

Doch Kira gibt nicht klein bei. Sie beherrscht ihre Klaviatur im Moment weit besser als Samira.

„Samiramis, du singst schöner als alle Vögel im Garten und du bist auch viel schöner als sie. Und mit einem Verband auf der Nase finde ich dich immer noch viel schöner als die Michaela, die ist immer zickig und streng und ein bisschen hässlich und außerdem lügt die manchmal auch. Du bist wie das Chamäleon im Zoo. Du lächelst immer und wechselst deine Farben.“

Kira zieht einen Schmollmund und dreht die großen schwarzen Augen ganz nach oben.

„Ja“, sagt Samira und nimmt Kira in die Arme, „da hast du etwas Schlaues gesagt. Ich bin ein Chamäleon, wechsele um mich anzupassen einfach mal schnell meine Farbe und lächele.“

„Ich habe alles gehört, Kira, du Satansbraten!“, lacht Michaela, die unvermittelt in der Tür steht, wie lange, wissen Samira und Kira nicht, vermutlich lange genug.

„Du darfst mit.“

Kira macht einen Luftsprung vor Freude und springt Michaela an den Hals. 

„Danke, Michaela, Du bist toll, danke, danke…!“

„Und ich werde auch noch gefragt? Mich schickst du nach Tanja-Land? In Bombengebiet?“,

grinst Samira halbherzig.

“Ich gehe nicht davon aus, dass ich dich fragen muss, oder ist der starke Stolz dem schwachen Vorurteil gewichen? Erinnere ich mich richtigdaran, dass du seit vier Monaten für diesen Auftritt an deiner Schule übst? Würdest du es dir nehmen lassen? 

Samira grinst. 

„Warum kennst du mich besser als ich mich selbst, Michaela?

Michaela setzt sich zu Samira ans Klavier und spielt ein paar Noten aus einem Song der Dresden Dolls:

„After the show you can not sing wherever you want

But for now lets all pretend that we’re gonna get bombed, so sing…

Samira, ich erwarte dich um halb acht an der Pforte. Abendgarderobe. Wir sind zu acht. Jetzt hast du noch ein wenig Zeit zu üben. Ich zähl auf dich und die anderen auch. Vivian hat mich sogar gefragt, ob ich ihr einen Rock leihe! Ich bin gespannt, wie ein kleines Schwarzes an unserer Punk-Lady aussehen wird. Sie wird völlig neue Trends setzen für diesen Modeherbst.“

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung mit Tanja lacht Samira aus vollem Herzen und hält sich mit Tränen in den Augen die geschiente und bandagierte Nase fest. 

Ein paar Minuten später ist der Musikraum erfüllt von den Tönen des Klaviers und Samiras Stimme. 

Der Nachmittag ist stürmisch, es ist, als stimme selbst die Natur sich auf Krieg ein. Es gibt keine Schatten, die sich auf irgendetwas legen könnten und das gibt Samira Hoffnung für das, was sie tun will.

Um sieben Uhr steht sie vor ihrem Schrank und sieht nichts, was sie tragen könnte für einen Anlass, der sie gleichzeitig köpfen und krönen kann. Sie wählt eine schlichte schmale, schwarze Hose und einen hochgeschlossenen schwarzen Rolli, den sie mit äußerster Vorsicht über ihre verletzte Nase zieht.

Sie findet ein elegantes Bolero-Jäckchen dazu, weiß jedoch nicht, wann sie es je getragen hätte und warum es sichüberhaupt in ihrem Schrank befindet.

Sie sieht im Spiegel ihre dicken verquollenen Augen, die ganze rechte Seite ihrer Wange ist rot geschwollen, ihre bandagierte Nase steht schief, ihr voller Mund wirkt verkniffen.

Samira grinst ihrem Konterfei verschwörerisch zu und versucht zu zwinkern, was ihr Gesicht noch grotesker wirken lässt.

La belle de nuit und wer schöner ist als ich, ist geschminkt, auf geht‘s…feixt sie ihrem Spiegelgegenüber zu und bildet mit Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand ein etwas krummes V für Victory.

Michaela wartet unten mit dem Wagen. Kira ist dabei, komplett in Pink und Barbie gekleidet, mit strahlenden Augen. Vivian, im schwarzen engen Minirock mit schwarzen Netzstrümpfen und T-Shirt in Tarnfarben, trotzig und intensiv, umarmt Samira vorsichtig, etwas unbeholfen und flüstert ihr zu: 

„Du schaffst das, Sister!“ Noch weitere sechs engere Freundinnen aus dem Heim vervollständigen den kleinen Trupp. Ängstlich und zittrig setzt Samira sich zwischen ihre Freundinnen, umtost von den stürmischen Begrüßungsrufen der anderen, die Tasche mit den Noten fest umklammernd.

Die großen Fenster der Aula in der Schule sind hell erleuchtet, der Parkplatz ist vollgestellt mit Autos. Ältere Leute in Abendgarderobe vermischen sich mit jungen Leuten in Jeans und T-Shirts.

Michaela geht mit den anderen zur Kasse.

Samira sucht ihren Lehrer, Herrn Steiner. Sie entdeckt ihn, als er die Herrentoilette verlässt.

Er sieht sie sich von Kopf bis Fuß an und schüttelt traurig den Kopf.

„Ich habe es schon gehört, Samira. Du beweist großen Mut! Nun kannst du Nina singen, das weiß ich!“

Als ihr Name aufgerufen wird, geht sie hinaus und denkt an Tanja. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ein Chamäleon in leuchtenden Farben. Es streckt ihr seine lange Zunge entgegen und lächelt sie an.

Die Bühne ist grell erleuchtet, die Gesichter im Publikum verschwommene konturlose weiße Flecken im Licht. Sieben weiße Ovale gehören zu Michaela und ihren Freundinnen. Sie lächeln sie an, sitzen vierte Reihe links hinten. Innerlich zittrig und doch ruhig setzt sie sich an das Klavier, spielt die ersten charakteristischen Takte des Stückes, als ein erster leiser Applaus hinten links vierte Reihe, kommt. Kira. Sie kann es mal wieder nicht abwarten. Ihre Stimme rutscht von allein in die ersten langsamen, eröffnenden Töne,

sie sieht nach ihrem Musiklehrer, der hinter dem Vorhang verborgen ist, ihr verschwörerisch zuzwinkert und still den Takt mit den Händen schlägt.

Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Sie atmet aus und sieht in die Reihen vor sich.

Ihre Stimme wird laut, höher und vibriert in ihrem Kopf nach:

“I got life, i’ve got life’s, i’ve got headaches,

and toothaches and bad times too like you …”

I got my arms, my hands, my fingers,

my legs, my feet, my toes,

and my liver, got my blood..

I got life, and i’m going to keep it

as long as i want it, I got life…..

Sie schwingt kurz und spielerisch hoch, um tief zu fallen, in ihren Augen

leben die Worte ihr eigenes kurzes Blues-Leben, doch sie singt, was sie

ist, darum lebt die Musik mit ihr für einen kurzen Moment, der alle Augen schließen lässt,

der vibrieren lässt, was sie jetzt ist. Sie spielt noch ein paar Sätze auf dem Klavier und improvisiert, lässt ihre Stimme singen, spielen, trauern um das, was sie besingt, von dem sie sich nicht besiegen lassen wird. Langsam lässt sie die Takte auslaufen, rhythmische Vibrationen, bis zum letzten tiefen Ton. Vorsichtig hebt sie den linken Fuß vom Pedal des Klaviers. Er ist schwer wie Blei.

Der Moment klingt nach, es ist sehr still im Saal.

Dann bricht der Beifall los, ein Raunen geht durch die Reihen, sie sieht Kira wie einen rosa Flummi in Reihe Vier auf und ab springen. 

Die meisten im Publikum sind mittlerweile aufgestanden, trampeln mit den Füßen und klatschen begeistert. Pfeifen und Bravo-Rufe werden laut. 

Samiras Nase schmerzt vom Singen und die linke Hüfte schickt dumpf pochende Schmerzsignale in ihr Gehirn. Mühsam steht sie auf und verbeugt sich unbeholfen. Der Applaus schwillt weiter an, scheint nicht aufhören zu wollen, umbrandet sie. Sie fühlt sich, als würden ihr jeden Moment die Beine wegknicken und sucht vergeblich nach dem verhassten Gesicht von Tanja im Publikum. Allem Anschein nach ist Tanja nicht gekommen oder sitzt so, dass sie sie nicht erkennen kann. Es ist ihr egal. Samira ist erleichtert und glücklich. Zum ersten Mal, seit sie in Deutschland lebt, fühlt sich ihr Leben als Fremde mit anderer Haut und Sprache wie ein Hauptgewinn an.

(Juli 2009)

Aus den Geist(er)geschichten: Die Zeit fliegt

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Es ist wieder soweit. Der Sommer wird müde. Auf der Straße tanzen erste trockene kleine Blätter und üben für den großen Reigen des herannahenden Herbstes. Während des Fahrens die Augen vollgetrunken mit dem vollen Gold der hohen Ähren. Ein Trecker zieht vor mir heraus. Der Bauer winkt fröhlich. Schön, er hat mich nicht zu Fall gebracht, als ich mit fast vierzig Sachen heranknüppelte und dachte, dass ich Vorfahrt hätte. Doch mittlerweile kenne ich diese Jungs vom Lande. Sie haben nur Augen für ihre mit Ernte vollgepackten Wagen. Dieser Agrarökonom ist ein verkappter Niki Lauda. Ich fahre ihm voran, er braucht ein wenig mit seinem dicken Trecker um in die Pötte zu kommen. Doch dann dröhnt es hinter mir mit einem Mal gewaltig, als er seine vielen PS hochfährt und mit ziemlich knappen Abstand lustig hupend und grinsend an mir vorbeizieht. Ich hänge mich eine Weile in seinen Windschatten und lasse mich ziehen. Glücklicherweise hat er keinen Jauche-Anhänger hinter sich, sondern ist mit vollem Korn beladen. Ich muss niesen, gleich mehrere Male und dann lasse ich den starken Jungen davon treckern. Er dreht sich noch einmal um auf seinem Kutschbock, hupt, winkt und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Ja, denke ich, bist ja der Stärkere, schon okay und winke zurück. Über mir das gewaltige Blau des Augusthimmels, es spannt seinen Azurbogen über die tiefgrünen Bäume, tief atme ich den Farbenrausch ein. Es sind nur wenige Autos unterwegs, ich kann mich austoben, die Landschaft fliegt an mir vorbei, mein Herz ist stärker geworden, ruhig pumpt es das Blut Richtung Horizont, so weit mein Auge blickt. In meinen Ohren pfeift es, rechts ein armes plattgefahrenes Karnickel mit austretenden Eingeweiden am Straßenrand. Ich denke über Opfer nach und spurte eine Weile, bis mir die Luft ausgeht. Dann biege ich nach links in einen ruhigen Feldweg ein. Die Kette rasselt ein wenig, ich muss nachschmieren bei nächster Gelegenheit. Es wird still. Rechts und links von mir liegen die teilweise bereits abgeernteten Felder im tiefen Sonnenstand. Ich fahre auf ein Maisfeld zu. Amerika kommt mir in den Sinn. Dort leben die Verrückten. Sollte ich dorthin ziehen? Ich bin auch verrückt, ziehe durch, ohne Anzuhalten. Könnte wohl ein Bild schießen, doch zu schön ist die Stille, der laue Wind an den nackten Beinen, wie er sie streift und die Streichelsonne im Nacken, im Gesicht. Egal, denke ich, kommt hier in den Augustbeitrag eben ein Julibild mit einem Maisfeld. Es ist noch Zeit, der Farbrausch des tiefen Herbstgoldes, der Zeit der Stimmungen kommt erst noch. Heute will ich einfach nur einen guten Schnitt fahren, mich austoben, wild sein und dabei leise sein, dem späten Sommer lauschen, er flüstert: Ich bin noch nicht vorbei, noch bleibe ich ein wenig für dich hier, damit du Zeit hast von mir Abschied zu nehmen. Und ich danke ihm.
Ein paar Straßen weiter wird geheut. Ich sehe die gewaltigen Landmaschinen und denke, dass die Leute auf den Feldern eine andere Beziehung zu der von ihnen bewirtschafteten Erde haben als ich, ich Vogelfreie. Über mir kreist ein Krähenschwarm, laut krächzend schauend, wo es etwas zu holen gibt.

Ich fliege in den Wald. Sofort ist es wieder still. Kühle Baumschatten umstreifen mich, grünes Licht tanzt in Punkten über das Moos. Ein Dompfaff ruft. Wo bist du? Ein Zilpzalp antwortet ihm: Hier! Doch bald bin ich fort, ich gehöre zu den ersten, die fortziehen. Dort ist der See, sein stiller Spiegel tränkt meine wasserdurstigen Augen mit Poesie. Still eingebettet in das Grün, wie ein Geheimnis des Waldes. Ich fahre langsamer, genieße das ruhige Bild auf meinen leisen schmalen Reifen. Der Asphalt ging in einen Waldweg über. Er ist gut zu befahren. Eine Wandergruppe kommt mir entgegen. Hey, ruft ein kleiner Junge und zeigt mit dem Zeigefinger auf mich: Mama! Schau mal! Ja, antwortet Mama, es ist nicht einfach, mit einem Rennrad durch den Wald zu fahren, muss sich wohl verirrt haben.Ich will auch so eins, quäkt der Kleine und beginnt mir hinterherzurennen. Ich lache übermütig und winke ihm zu. Fahre langsam weiter und denke: Im Verirren lernt man am besten das Neue und das Unentdeckte kennen. Lasse mich ziellos weiter durch den Wald treiben, als der Weg übersät mit Kalkstein weitergeht, fahre ich durch die Büsche auf einem schmalen besser befahrbaren Pfad am Tal entlang und dann hat mich die Straße schon wieder und ich nehme an Fahrt auf, werde schneller, immer schneller.

Das Tageslicht weicht den Abendschatten, noch fahre ich in der Sonne, doch sie hat meine eher helle Haut mit tiefem Gold überzogen, es wird Zeit, nach Hause zu fahren, obwohl ich noch Power hätte, weiter fahren könnte, immer weiter.
Hinterm Horizont geht’s weiter, sang Udo Lindenberg. Ich bin ein Passenger, eine Durchreisende in dieser späten Sommerzeit und ich wünschte, ich könnte diese Momente festhalten in all ihrer Schärfe und ihrer Klarheit, im gesamten Spektrum ihrer vergänglichen Schönheit. Wie immer auf meinen Fahrten über das Land, erfasst mich Dankbarkeit vor dem was ich sehe und fühle. Dass ich gesund sein darf und eine Reminiszenz an die Unvergesslichkeit des Augenblicks schreiben kann.

Noch ein einziges Mal bleibe ich stehen und blicke zurück auf die lange Straße, die ich fuhr. Hinter mir der Wald, seine tiefe Unermesslichkeit, dahinter das reife Land, hinter mir der Sommer, der mir wie immer schon, zu kurz erscheint und doch eine lange Strecke warmer Tage in Folge war. Ich richte den Blick auf den Horizont, er schwimmt im Licht des gehenden Tages, seine Stunden bis zur Nacht sind minutiös abgezählt, erste Violett- und Rosatendenzen treiben schlierig in das tiefe Blau hinein. Ich muss mich sputen, muss mich eilen, die Zeit flieht jetzt schneller als noch im Juli in die Dunkelheit eines kühlen Abends.
Noch einmal spurte ich, die Kette rechts, mit eingeschalteter Notbeleuchtung, volle Kraft voraus. Der Geist jagt die Straße hoch, das durchreisende Gefühl verstärkt sich, das Zeitfenster des vergangenen Sommertages beginnt sich langsam zu schließen. Als ich abends auf dem Balkon sitze, schon eingewickelt in eine Decke, zu den Sternen sehe, wünsche ich mir von ihnen noch ein paar warme Tage, noch ein wenig Süden und etwas Wärme. Ich glaube, sie haben mich erhört.

Wie der helle Tag

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Dort unten muss dringend aufgeräumt werden. Seit drei Jahren schon türmt sich im Keller der Berg Sachen, die von den Kindern heruntergebracht wurden, weil du dich davor drücktest wo und wie es nur möglich war. Doch von Tag zu Tag bedrängt es dich mehr, dort endlich anzufangen Ordnung zu schaffen und die alten unbrauchbaren Dinge auszusortieren, endlich zu entsorgen oder zu verschenken. Dieser Tag ist ein guter Tag um zu beginnen. Draußen scheint die Sonne, es ist schönes Wetter. Der helle Tag bildet einen hellen Kontrast zu der Dunkelheit, dem schummrigen Licht, der Enge, in der du arbeiten musst. Du gehst hinunter in den Keller dieses Mehrfamilienhauses, das dich mit seinem Keller so massiv an etwas lange Zurückliegendes erinnert, das sich nicht großartig unterscheidet von dem Mehrfamilienhaus, in dem du zuvor wohntest mit dieser Art von Keller. In den vier Jahren, die du dort in dem anderen Haus wohntest, Doch in jenem anderen Keller dieses anderen Hauses, in dem du zuvor wohntest, gab es kleine vergitterte Fenster durch die das helle Tageslicht fiel und das war der eigentliche und gravierende Unterschied zu dem Höhlensystem aus stockdunklen engen Betongängen mit Bretterverhauen, in dem nun dein jetziger Keller untergebracht ist.

Heute ist ein guter Tag um zu beginnen sagst du dir, nimmst dir ein scharfes kleines Messer mit um die leeren Kartons, die du entsorgen willst, so zu zerschneiden, dass du sie flach zusammengefaltet und aufgestapelt in den großen Altpapiercontainer legen kannst. Du bewaffnest dich mit Tüten und mit jeder Menge Mut, um diese Aktion endlich in Angriff zu nehmen, komme was da wolle. Du fühlst dich mutig und stark, so, als könne dir dies alles nichts anhaben, obwohl du weißt, dass dies eine mühsam erarbeitete Kondition ist, die du gepflegt hast an vielen Tagen, an denen du immer wieder mal Abstecher in den Keller machtest, um alte Dinge wegzuwerfen oder zu suchen und jedes Mal dauerte es etwas länger, bis die Beklemmung dich erfasste und du schnell wieder nach oben gelaufen bist, zum Licht, in den hellen Tag hinauf, mit schlagendem Herzen und mit weichen Knien.
Jetzt gehst du die vielen Treppen hinunter, bis du unten vor der Tür zum Keller stehst. Der automatische Lichtschalter an der Wand wird dir alle fünf Minuten das Licht im Gang ausknipsen, so dass es wieder stockdunkel um dich herum ist, doch für alle Fälle hast du eine Taschenlampe dabei und in deinem zwei Meter im Quadrat messenden Bretterverschlag aus rohen Latten und hervorquellendem weißem Isolierungsmaterial ist ein schwaches elektrisches Licht in Form einer Glühbirne angebracht, das eingeschaltet bleiben wird, egal, wie lange du dort unten sein wirst. Man könnte sagen, dass du dich wirklich gut vorbereitet hast, denn du kennst dich, bist wie eine Bulldogge: hast du erst einmal damit begonnen zu arbeiten, dich festgebissen an und in dem was du tust, möchtest du weiter und weiter und immer weitermachen, bis die Arbeit getan ist. Du bist guter Dinge als du unten im Vorkeller die schwere feuerfeste Tür zu dem dahinter liegenden verzweigten Gängelabyrinth aufdrückst und dir das staubtrockene muffige Schwarz der Kellerdunkelheit entgegenquillt. Die Luft ist schwer von Staub, die Dunkelheit hat eine schlecht atembare Konsistenz. Es ist eine Dunkelheit mit einer Substanz wie ein dunkler Traum.

Überall in diesen Kellergängen befinden sich kleine dunkle Nischen und Mauervorsprünge. In kurzem Abstand hintereinander folgen die durchnummerierten Bretterverschläge, in denen sich die Habseligkeiten der anderen Mieter befinden. Die Gänge verzweigen sich, biegen ab oder führen geradeaus weiter in die Dunkelheit. An der Decke laufen dicke Heizungs- und Wasserrohre entlang, machen Geräusche, gluckern oder blubbern. Auf dem dicken Rohr in der Mitte des Ganges prangt in blutroten Buchstaben das Wort „Sex“, wie eine Drohung, wie etwas, das in die Dunkelheit eines Kellers wie diesen hier zu gehören scheint. An einem anderen Rohr steht in krakeligen Buchstaben: Ich hasse Weiber! und das ist es, was dir schwer, immer wieder schwer zu schaffen macht, wenn du dich diesen beiden Aussagen entgegenstellen musst in der Gewissheit, dass sie manchmal wahr sein können.

Du betätigst den automatischen Kippschalter, das Dunkel wird in dämmriges Licht getaucht und du gehst ein Stück weit in den Gang hinein, biegst dann links ab in den nächsten Gang bis fast am Ende, bis hin zum Bretterverschlag mit der Nummer 23. Das ist dein kleiner dir zugewiesener Raum für alles, was nicht mehr benötigt wird oder zu viel Platz wegnimmt um oben in der Wohnung bleiben zu können. Du steckst den kleinen Schlüssel in das Vorhängeschloss, öffnest die Tür und schiebst das alte Fahrrad auf den Gang. Dann beginnst du zu räumen, zu schieben, Säcke zu sichten und hinaus auf den Gang zu stellen. Eine Viertelstunde später bist du in deine Arbeit vertieft und hast zwei Säcke mit alter Kleidung aussortiert und zum Waschen vorbereitet. Du möchtest sie gern verschenken. Du hast alte Kartons auseinander geschnitten unter Zuhilfenahme deines kleinen scharfen Messers und du hast sie fein säuberlich zu einem Stapel aufgeschichtet, den du gleich zum Altpapiercontainer nach draußen bringen willst. Du arbeitest still im Gang vor dich hin, ohne auch nur ein einziges Mal den Blick zu dem Geschmiere am Heizungsrohr aufzurichten oder zu den anderen nummerierten Bretterverschlägen die den Nachbarn gehören. Das Licht ging in der Zwischenzeit dreimal aus und dreimal warst du darauf vorbereitet und hast rechtzeitig auf den Schalter gedrückt, der das Licht wieder einschaltet. Doch beim vierten Mal warst du nachlässig. Deine Taschenlampe liegt auf einem Karton in deinem kleinen Kellerraum, der zu winzig ist, um dort arbeiten zu können. Aus deinem kleinen Kellerraum drang das funzelige und schwache Licht der Glühbirne nur sehr spärlich durch die Tür. Sie ist inzwischen leise zugefallen und du hast es nicht bemerkt. Das automatische Licht im Gang schaltet sich plötzlich ab und diese Kellerschwärze überfällt dich überraschend, du hast nicht damit gerechnet, nicht gut Acht gegeben und du bist mit einem Mal völlig orientierungslos in dieser Schwärze um dich herum.

Die Luft im Keller ist stickig und warm, ein Gemisch aus dem Mief alten abgelagertem Mülls, Staub, Öl sowie einem vagen Hauch von Waschmittel aus irgendeinem der anderen Gänge und Räume. Du siehst deine Hand vor Augen nicht, so dunkel ist es um dich herum. Dein Herz beginnt heftig zu schlagen und zu pochen, der kalte Schweiß bricht dir aus. Dir wird übel, es überfällt dich schlagartig und du gehst in die Knie, weil dich deine Beine nicht mehr richtig tragen wollen, schwach sind, in sich zusammen knicken wie Streichhölzer, obwohl du muskelbepackte Beine hast, starke Beine, die eigentlich deinen Körper mit Leichtigkeit durch sämtliche Kellerdunkelheiten dieser Welt tragen können. Du versuchst die Übelkeit zu bekämpfen, um dich nicht übergeben zu müssen und der kalte Schweiß bricht dir aus. Dein Verstand betet derweil Mantras: Atme! Atme! Ein und Aus. Hier ist niemand, sagt deine Verstandesstimme im Kopf. Niemand ist hier, du bist ganz allein. Dir kann überhaupt nichts geschehen, es ist völlig unlogischer Unsinn, dass dir jetzt übel wird und schwindelig und sich alles um dich zu drehen beginnt, selbst das um dich zu drehen, was du nicht einmal sehen kannst. Atme ein und aus und wieder ein und suche endlich diesen verfickten Lichtschalter, den du außer Acht gelassen hast. Eine andere Stimme im Kopf kreischt los: Es ist allein deine Schuld, du schwache Missgeburt! Du bist schuld, dass das alles geschehen konnte, du allein! Du jämmerliche elende Versagerin, du Lusche! Hier sitzt du, kotzt dich gleich voll und alles nur, weil du zu dämlich bist, einen blöden Lichtschalter im Auge zu behalten!

Du würgst und spürst, wie dein Magen sich in deinem zitternden Körper wieder und wieder hebt und senkt. Es ist wie Achterbahn fahren. Du umkrampfst das Messer in deiner Hand wie einen Rettungsanker und die Stimme in deinem Kopf schreit erneut: Schneid dich bloß nicht, du armseliges Stück Scheiße, am Ende bist sogar so dämlich, dich mit dem Messer zu verletzen und dann hast du den Salat und es geht dir noch beschissener als so schon!
Du atmest, wie du es dir beigebracht hast vor langen, langen Jahren, lange bevor du ahntest, dass du selbst einmal genau so einen Keller besitzen würdest wie du ihn fürchtest und nicht wusstest, dass du dich diesem Keller irgendwann einmal würdest stellen müssen, so oder so. Diesem Keller, den man von innen abschließen, verriegeln kann, so dass es kein Entkommen mehr daraus gibt. Dein Hals fühlt sich jetzt wund und geschwollen an, das Schlucken fällt dir schwer und deine Hand fährt hinauf zu deiner Kehle um zu fühlen, ob dort vielleicht ein Messer sitzt, keines von der Sorte, wie du es gerade in der Hand hältst, sondern eines von diesen Springmessern aus Edelstahl, bei denen man auf einen Knopf drückt, so dass die Klinge herausgeschossen kommt. Du lauscht in die Dunkelheit, ob dort eine Stimme etwas flüstert, dass sie dir die Kehle durchschneiden wird, wenn du nicht still bist und nicht stillhältst. Du fühlst mit einem Mal wieder Schmerzen und du spürst wie du besinnungslos werden willst, dein Geist nach oben fliehen will und aus deinem Körper heraus, während in dir die Stimmen alle durcheinander zu schreien begonnen haben und der Verstand leise und ruhig versucht, die Oberhand zu gewinnen. Du denkst, dass du Angst hast und dass diese Angst unbegründet ist, weil dort unten niemand ist und nur das Licht ausgegangen ist, mehr nicht. Du klammerst dich an deinem Geist fest und bittest ihn inständig bei dir zu bleiben, nicht fortzugehen, du versprichst ihm, jetzt sofort durch die Wellen der Übelkeit und des Schwindels und des Herzrasens hindurch diesen verdammten Lichtschalter zu suchen und das Licht einfach einzuschalten, dann sei alles sofort wieder gut und in Ordnung.

Langsam, mit zitternden Knien stehst du auf, soweit es die Wellen der dich überflutenden Übelkeit zulassen und tastest nach dem Lichtschalter. Erst findest du ihn nicht, deine Finger gleiten suchend und tastend über den rauen Beton der Wand, ertasten das rohe Holz der Latten, erfühlen das grobkörnige Isolierungsmaterial, weiche zarte Spinnweben, berühren dann ein Vorhängeschloss. Deine Hand ist feucht und zittert, du musst dich anstrengen, damit du nicht einfach ohnmächtig wirst in diesem ganzen tiefen Schwarz um dich herum. Deine Hand sucht weiter, wünscht sich inständig den kleinen Kippschalter zu finden, braucht scheinbar Stunden oder noch länger, Zeit spielt in diesem Vakuum des ohnmächtigen Momentes keinerlei Rolle mehr. Die Dimensionen haben sich längst in etwas Unbegreifliches verzerrt, das deiner Wahrnehmung und deiner Begrifflichkeit der Welt in allem was sie ist entzogen ist und ihr widerspricht. Du denkst an Draußen, an die Sonne und das Tageslicht und daran, dass es Tag ist, doch das war es damals auch, nur dort nicht, wo du warst und dort wo er war. Der Tag ist nur ein vermeintlicher Schutz vor einer Nacht wie sie in manchen Kellern vorherrschen kann, einer ewig währenden Nacht, die nur ab und zu einmal durchbrochen wird, wenn jemand hinuntergeht und sie mit kurzfristigem Licht durchbricht. Durch die Substanz der Dunkelheit, die durch deine Finger rinnt, während du nun noch verzweifelter weitersuchst und bereits beginnst zu glauben, es gäbe diesen verdammten Lichtschalter überhaupt nicht, er habe sich irgendwie durch eine Hinterhältigkeit des Schicksals in Luft aufgelöst, ertastest du schließlich das Ding endlich doch noch und betätigst ihn zwanzigmal nacheinander. Mit einem Klacken legt er sich um und leuchtet den Gang wieder aus. Nichts hat sich inzwischen verändert. Nicht die Wäschewanne hinter dir, nicht die säuberlich gestapelten Kartons zu deinen Füßen und auch nicht das Fahrrad, das immer noch hinter dir steht, weil du es hinausgeschoben hast. Die Tür zu deinem Kellerraum hat sich vollends geschlossen, darum drang kein Licht mehr nach draußen, als die automatische Gangbeleuchtung sich nach fünf Minuten abschaltete. Siehst du? sagt dein Verstand leise im Kopf und hört sich an wie eine sehr vernünftige und ordnungsliebende Stimme. Siehst du? Es ist alles gut und niemand ist hier und nichts hat sich verändert. Doch, widersprichst du der Stimme in deinem Kopf. Ich. Ich habe mich verändert in dieser Zeit und du weißt das.

Dann schaust du auf deine Uhr und beeilst dich, immer noch auf wackligen Knien, das Papier in die Altpapiertonne zu bringen. Als du zurückkehrst betätigst du zur Sicherheit gleich mehrmals nacheinander den automatischen LIchtschalter, obwohl du genau weißt, dass das überhaupt nichts bringt und das Licht deswegen auch nicht länger anbleiben wird, doch du tust es trotzdem. Weil es dir Sicherheit gibt. Dann schiebst du das Fahrrad wieder in deinen kleinen Bretterverschlag zurück und willst ihn abschließen. Kaum bekommst du den winzigen Schlüssel in das Vorhängeschloss, er rutscht immer wieder heraus oder das Schloss dreht sich weg und du fluchst gotteslästerlich und versuchst es erneut und denkst, dass dies nur Besoffenen passiert und dass du gerade einen höllischen Trip hinter dir hast, ganz ohne Alkohol, doch trotzdem mit einem gehörigen Kater. Irgendwie gelingt es dir endlich dieses Schloss abzuschließen und du drückst schnell noch einmal vorsichtshalber auf den Kippschalter für die Gangbeleuchtung, bevor du dir im Laufschritt die mit alten aussortierten Sachen vollgelegte Wäschewanne auf die Arme lädst und den Gang entlangflüchtest um zur Tür zu gelangen.
Du trägst die Wanne bis ganz nach oben in deine Wohnung und lässt sie einfach im Flur stehen. Dann gehst du auf deinen blühenden Balkon und atmest tief ein und aus.
Es kommt dir so vor, als hättest du keine halbe Stunde im Keller verbracht, sondern einen ganzen Tag und du denkst, dass du morgen wieder in diesen Keller gehen wirst um weiterzuarbeiten, jeden verdammten Tag und jeden verdammten Tag ein wenig länger diese Dunkelheit aushalten wirst von der du weißt, dass sie dir nichts mehr anhaben kann, weil du sie inzwischen zu gut kennst und auch das, was in ihr wohnt und zuhause ist. Während du einatmest und die Blumen riechst, den Duft des frisch geschnittenen Grases unten auf der Wiese, denkst du über Ausdauer nach und daran, dass es Dinge gibt, die einfach getan werden müssen und dass es gilt, sich seinen Vergangenheiten zu stellen, wie sie auch gewesen sein mögen. Jeden verdammten Tag ein wenig beherzter und weiter und immer ein wenig mehr. Solange, bis sie ihren Schrecken vollends verloren haben in den Weiten der Nacht, die in der Seele genauso zu Hause ist wie der helle Tag.

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