Feline in den Perseiden

  
Hast du schon deine Vokabeln gepaukt? Auf Felines Ruf in das angrenzende Zimmer erfolgte viel sagendes Schweigen. Feline erhob sich vom Küchenstuhl, holte den Vokabelkasten und klemmte ihn sich unter den Arm. Ihre Tochter saß am Schreibtisch und malte ein Bild. Was malst du denn da? wollte Feline wissen. Sternschnuppen, kam die prompte Antwort. Ah, ja. Sternschnuppen. Glaubst du, du kannst mit dem Sternschnuppenbild morgen in der Schule deinen Englischlehrer beeindrucken? Ein langgezogenes Stöhnen markierte den Gemütszustand des Mädchens am Schreibtisch. Mama, du nervst! Feline zückte den Vokabelkasten und schwenkte ihn hin und her. Let’s go! Training imperative. Don’t you paint pictures, first you have to train your oxford english! Now please tell me, how you would write this word: don’t? Mama, lass das! Ich komm ja schon! Die Augen des Mädchens verdrehten sich genervt gen Zimmerdecke, dann legte sie ihre Buntstifte beiseite und schlurfte ergeben hinter Feline in die Küche. Sie übten eine halbe Stunde. Ihre Tochter hatte zu Felines grenzenlosem Entzücken Vokabeln geübt und beherrschte sie viel besser, als Feline es angenommen hatte. Draußen brütete die Sommerhitze, selbst die Vögel schwiegen. Feline schaute aus dem Fenster in die vom Wind leicht bewegten Blätter des Ahorns. Was machst du denn jetzt? Freibad mit deiner Freundin? Ihre Tochter hatte sich bereits den Bikini unter Shirt und Shorts gezogen, nun schubste sie den Küchenstuhl unwillig nach hinten und rannte mit Volldampf in ihr Zimmer um ihre bereits fertig gepackte Badetasche zu holen. Das Sternschnuppenbild wanderte auch mit hinein. Willst du es verschenken, fragte Feline sie. Ja, Amélie soll es haben. Ich habe es extra für sie gemalt. Es sind Perseiden. Mama, wie lange darf ich denn im Freibad bleiben? Ich will anschließend noch zu Amélie, wir wollen zusammen chillen. Feline überlegte einen Augenblick. Punkt acht Uhr bist du zurück. Okay? Dein Handy bleibt eingeschaltet und du bleibst erreichbar. Okay, Mama. Das Okay verfügte über mindestens zwanzig O’s, wenn nicht noch mehr. Die Haustür knallte ins Schloss und schlagartig wurde es still in der kleinen Wohnung. Feline hatte heute Zeit. Nun öffnete sich ein überraschendes Zeitfenster in ein paar Stunden müßiges Urlaubsgefühl. Sie überlegte was sie mit dem heißen Sommertag anstellen könne. In die Stadt fahren? Wäre es zu heiß? Eis essen gehen? Später vielleicht. Raus in die Natur? Oder Fahrradfahren? Feline zog die enge schwarze Capri-Leggings mit dem Spitzensäumchen an, das schwarze, oft und gern getragene dünne Baumwolltop mit dem Häkeleinsatz im Rücken und flache Slipper, denn wenn es so warm war, war ihr bequeme Kleidung am liebsten. Sie packte eine Tasche mit etwas Obst und ein paar Crackern, stopfte noch ein Handtuch und etwas Geld hinein sowie ihr Handy und nahm sich als grobes Ausflugsziel eine Motivjagd vor. Sie holte das Rad aus dem Keller, stieg auf und genoss beim Fahren den warmen Sommerwind auf ihrer Haut, die sie vorsorglich mit Lichtschutzfaktor fünfzig plus präpariert hatte. Sie fuhr durch die Vorstadtsiedlung in den Wald und am plätschernden Bach entlang, ließ sich ziellos in die Zeit treiben, trank mit den Augen das viele Grün und war dankbar Zeit zu haben, ein paar Stunden Sommerlaune zu genießen. Sie schoss ein paar Bilder von den schäumenden Bachschnellen und aß eine der weißfleischigen saftigsüßen französischen Nektarinen, trank Wasser dazu und dachte über die Qualität von Langeweile, Müßiggang und Alleinsein nach. Um sie herum war es still, bis auf vereinzelte Rufe der Waldvögel oder ein heimliches schnelles Rascheln im Gebüsch. Versonnen betrachtete sie eine Königslibelle, eine von den großen, die über dem Bach taumelte wie ein Schmetterling. Sie war fasziniert, als das Tier mit in der Luft  rotierenden Flügeln im Schweben innehielt und über dem Wasser stehenblieb. Sie sann über Hubschrauber nach. Doch irgendwie genügte Feline die Stille in der Natur heute nicht. Sie sehnte sich nach Menschen, nach den Geräuschen menschlichen Lebens und nach Bewegung.
Entschlossen stieg sie auf ihr Fahrrad und fuhr stadteinwärts. Die Luft flimmerte über der Straße, rechts und links drängten sich Häuser heran. Feline ließ sich durch die Schluchten der Stadt treiben und erreichte die belebte Einkaufsstraße. Sie stieg ab und schob langsam ihr Rad durch den Menschenstrom. Links neben ihr lief eine junge Frau mit hohen Absätzen in einem langärmeligen Kleid und schwitzte erbärmlich. Sie hielt sich an einem tropfenden Eis fest und manövrierte mit der anderen Hand einen Kinderwagen, in dem ein ungefähr zwei Jahre alter beharrlich schreiender Junge mit roterhitzten Backen saß, der von einer Wespe attackiert wurde. Dankbar dachte Feline an ihre große Tochter und dass diese brüllenden Kleinkinderzeiten endgültig hinter ihr lagen. Die junge Frau gab ihrem protestierenden Sohn das Eis in die Hand und schlug erfolglos nach der immer wütender werdenden Wespe. Drei entgegenkommende Mädchen im besten Revoluzzeralter kamen Feline entgegen. Alle drei starrten gebannt auf ihre Handy-Displays, ihre Ohren waren verstöpselt. Bevor sie Feline frontal rammen konnten, wich sie schnell aus und steuerte den Ständer mit bunten Postkarten vom Schreibwarengeschäft an. Eine hatte es ihr besonders angetan, sie stach aus den anderen heraus. Sie nahm sie und amüsierte sich königlich über das Bild: Ein alter Mann und eine alte Frau in einem Wartezimmer. Er mit einem Riesenlolli in der Hand und einem verschmitzten Blick zu der alten Frau, die neben ihm auf dem Stuhl saß und demonstrativ grimmig in eine andere Richtung schaute. Feline wurde schwarz vor Augen. Zwei Hände hatten sich um ihren Kopf herum und davor gelegt. Sie erschrak und zuckte unwillkürlich zusammen, wollte sich im Reflex schnell umdrehen, doch der, der hinter ihr stand, wusste dies geschickt zu verhindern. Sie konnte das breite Grinsen hinter sich nur erahnen und verfluchte ihre Unaufmerksamkeit. Feline schüttelte den Kopf, doch die Hände blieben hartnäckig vor ihren Augen. Der Jemand hinter ihr gab ihr keinerlei Anhaltspunkte, um wen es sich handeln hätte können. Welches Schweinderl hätten Sie denn gern? Bekomme ich ein paar helfende Hinweise? Fragte Feline, um herauszubekommen wer sie foppte. Stattdessen fragte eine männliche Stimme: Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Feline überlegte einen Moment und antwortete dann: Türkis. Das ist die falsche Antwort, sagte die unbekannte männliche Stimme. Leider werden Sie nun sofort von dem riesigen Killerkarnickel verspeist werden!
Immer diese Scheiß-Franzosen! spielte Feline die Szene aus dem Monthy Pythons-Film weiter. Er lachte und schwenkte sie zu sich herum. Dann nahm er die Hände von ihren Augen. Feline ahnte schlimmes Unheil. Das letzte Mal waren sie sich begegnet, als sie sich in einem Café verabredet hatten. Er war undefinierbar, überhaupt nicht einschätzbar und geradezu schrecklich mysteriös. Prompt entfuhr ihr: Au weia! Das Killerkarnickel! Es will mich fressen!

Feline versuchte die in ihr aufsteigende völlig unpassende Hilflosigkeit zu unterdrücken, musterte verstohlen seine leicht abstehenden Ohren und verfluchte den Mechanismus, der ihre eigenen Ohren gerade dabei war unter Reizstrom zu setzen und feuerrot einzufärben. Es ging schon wieder los. Dieses Unselige das dafür sorgte, dass sie irrsinnige Fragen stellte und aus ihren ansonsten sorgfältig sortierten Gedankengängen undurchschaubare Labyrinthe ohne Ausgang und Ziel machte. Undefinierbar und suspekt wurden ihre Lieblingsschlagworte und noch während Feline mühselig versuchte den blauen Augen ihres Gegenüber auszuweichen, verspürte sie in ihren Füßen jenen unbändigen Drang, sofort und auf der Stelle Reißaus zu nehmen. Doch ihr seltsamer und völlig unverhofft aufgetauchter Bekannter kannte diese Eigenart von ihr bereits und war darauf vorbereitet. Nein, nein, sagte er lächelnd. Flüchten nützt überhaupt nichts. Stattdessen ein Zauberwort: Cappuccino mit Milchschaum? Feline dachte erfolglos über die eisige Gelassenheit großer weißer Gletscher in Norwegen nach, während es in ihr herumbrodelte. Sesam öffne dich, grinste sie und kam sich dabei vor wie die Aufzieh-Olympia aus Hoffmann’s Erzählungen.

Sie gingen ein paar Schritte nebeneinanderher. Feline genierte sich. Sie hatte sich nicht hübsch gemacht, sie sah in ihrer schwarzen gern getragenen Lieblings-Capri-Leggings mit dem schwarzen ebenso offensichtlich gern getragenen Trägertop aus wie ein Trauerkloß und außerdem hatte sie sandige Füße, weil diese noch eine Stunde zuvor im Bachbett gesteckt hatten um sich mit Wasser abzukühlen. Ihr Gesicht war mit Sicherheit fleckig und verschwitzt, sie hatte nicht geduscht, sich nicht nochmal die Haare gebürstet und obendrein war sie ungeschminkt. Ungeschminkt und fern der Heimat, holladiho, dachte Feline und hoffte inständig diese Begegnung irgendwie halbwegs würdevoll überstehen zu können. Sie liefen wortlos durch die Menschen in der Einkaufspassage.

Passenger, dachte Feline, alles Durchreisende, alles fließt und wir fließen mit. Die Bewegung beruhigte sie, sie fand es schön mit jemandem Seite an Seite zu gehen als solle es so sein und sie versuchte diesen Moment irgendwie in ihren Erinnerungen festzuhalten, damit er nicht verloren gehen könne wie so viele dieser anderen früher erlebten schönen und bewegten Momente, die ihr allzu flüchtig erschienen, unbeständig wie Wolken und unaufhaltbar durch die Finger rinnend wie Flusswasser.

Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Hier, sagte er und zog sie am Arm in einen blühenden Hinterhof. Sofort wurde es still und das Gelärme der Stadt dämpfte sich zu einem beständigen diffusen Summen, in dem das Summen der Bienen in den lavendelbepflanzten Kübeln um sie herum laut vernehmbar wurde. Der schwere süße Duft legte sich auf Felines Sinne während ihr Begleiter sich setzte und einer vorbeigehenden Bedienung zwei Cappuccinos mit extra viel Milchschaum in Auftrag gab. Hast dich fast gar nicht verändert, grinste er Feline an. Och, du aber auch nicht, die paar läppischen Jahre, die wir uns nun nicht gesehen haben schlagen doch gar nicht weiter ins Gewicht oder waren es tatsächlich nur ein paar Wochen? fragte sie und wunderte sich über ihren Mut, der sie in solchen Situationen wie diesen normalerweise elendiglich im Stich zu lassen pflegte. Nun kehrte auch die Nervosität wieder zu ihr zurück, zusammen mit dem Gefühl, sterbenslangweilig und total uninteressant zu sein. Es vermischte sich mit einer Ahnung, dass sie hier völlig fehl am Platze sei und eine böse Stimme versuchte ihr einzureden, er ginge nur aus purem Mitleid mit ihr einen Cappuccino trinken. Was denkst du gerade? wollte er nun wissen. Feline zögerte.
Du runzelst deine Stirn, hast du vielleicht gar keine Zeit? Doch, doch, beeilte Feline sich zu sagen und wartete sehnsüchtig auf ihren Cappuccino um irgendetwas zu haben womit sie sich beschäftigen könne, um die seltsame Lage zu entschärfen. Er lachte sie an, der Cappuccino kam, Feline schnappte sich schnell den langen beiliegenden Löffel und hielt sich verzweifelt daran fest, als sei der Löffel ein Rettungsanker, der irgendwie die Verbindung halten könne zwischen der gerade stattfindenden Begegnung und der Wirklichkeit, die sich Feline versuchte subtil in die totale Verwirrung zu entziehen. Überall kribbelte es in ihr herum, es war eine Sorte Kribbeln, die man nicht wegkratzen konnte, es war heiß und ihr wurde sonst nicht so schnell warm, doch nun spürte sie wie Schweißtröpfchen in ihrem Nacken unter dem geflochtenen Zopf perlten und überall an ihrem Körper herum, vor allem jedoch zwischen ihren Beinen, was ihr hochnotpeinlich war. Er kann das nicht sehen, beruhigte sie sich, er kann das nicht sehen, nun komm mal runter, du blödes Ei! Etwas in ihr schimpfte gnadenlos mit ihr, hielt ihr eine Standpauke, führte eine stumme beharrliche Zwiesprache und wollte keine Ruhe geben, bis sie zu sich selbst sagte: Halt endlich deine Klappe, du ewig plapperndes Ego! Das wirkte ein wenig, Feline war in der Lage, das Zuckertütchen zu nehmen, es zu öffnen und den Zucker aus dem Tütchen in den Cappuccino zu werfen, ohne dass irgendeine Katastrophe geschah, sie sich vollkrümelte oder sonst eine unverzeihliche Dämlichkeit oder Ungeschicktheit von denen geschah, die Feline üblicherweise verfolgten wie das Pech den Raben wenn sie sich in undefinierbaren und schlecht einschätzbaren Situationen wie dieser hier befand.

Er fixierte sie mit seinen hellen Augen, schwieg fröhlich und zufrieden vor sich hin, was Feline wahnsinnig machte. Sie dachte daran irgend etwas zu sagen. Da sie aber wusste, dass die Wahrscheinlichkeit jetzt etwas Falsches oder völlig Unpassendes von sich zu geben bei über hundert Prozent lag, schwieg sie ebenfalls und nun kam die Ruhe zurück zu ihr, endlich Ruhe und sie redete sich ein, dass es Gelassenheit sei. Der Cappuccino war sehr gut, schön stark und der Milchschaum absolut perfekt: feinporig und cremig. Links an der Mauer hatten sich Graffitti-Künstler im Young Urban Art Style verewigt. Feline zückte ihr Handy und schoss ein paar Bilder. Einer hielt sein Herz an langen Ringelstrümpfen, ein Buntstifte spuckender Hydrant prangte an der gegenüberliegenden Wand neben einem blaues Frauengesicht mit knallroten Lippen.
Die sind klasse, was? Er beobachtete Feline dabei wie sie aufstand und aus verschiedenen Perspektiven und Positionen Bilder schoss. Er nahm sein Handy und begann ebenfalls Bilder zu knipsen. Die Stühle ringsumher waren unbesetzt, es war eine Tageszeit, noch dazu mitten in der Woche, an der wenige Menschen Zeit hatten sich hinzusetzen und den Tag zu genießen. Er zeigte ihr seine Bilder. Das ist klasse, rief Feline, dieses hier! Eine tolle Perspektive, schau mal, du hast das Blau ihres Gesichtes in einen schönen tiefen Kontrast gebracht und der Hydrant wirkt wie ein Schatten daneben. Das ist toll!

Los, zeig mir mal deine, forderte er Feline auf und sie zog ihren Stuhl neben seinen, öffnete das Foto-Programm auf ihrem Handy und zeigte ihm die Bilder, die sie soeben geschossen hatte. Dieses hier ist besonders schön, wo hast du es gemacht? wollte er von Feline wissen. Oh, sagte sie, es ist von eben, ich war im Wald am Bach und habe die Schnellen fotografiert. Die Lichteffekte vom Wasser sind fantastisch! rief er begeistert und zum ersten Mal seit sie sich begegnet waren beschlich Feline eine Ahnung, er könne vielleicht ähnlich befangen sein wie sie selbst, vielleicht ähnlich schüchtern oder verhalten und sie freute sich über die vage Möglichkeit, dass es so vielleicht sein könne.

Eine Stunde verging, es war später Nachmittag und Felines Begleiter schlug einen Spaziergang vor. Sie bezahlten und traten aus dem kühlen Schatten des Hinterhofes auf die sonnengleißende Straße, tauchten wieder ein in den Menschenstrom. Wo wollen wir hingehen? fragte Feline. Weiß nicht, antwortete er, komm, lass uns einfach gehen, in der Sonne gehen, einfach laufen und uns bewegen.

Sie liefen bis ans Ende der Einkaufsstraße. Hier beginnt jetzt der Wald, sagte Feline und spürte wie sich wieder leichte Unsicherheit begann in ihr breit zu machen. Magst du mir die Stelle zeigen, an der du das Bild geknipst hast? Feline begann zögerlich: Hast du denn noch Zeit…? Er lächelte. Ja, ich habe. Heute habe ich mal Zeit. Komm, lass uns gehen. Während sie in den Schatten des Waldes eintauchten, fragte er Feline nach ihrem Leben, ob sie Kinder habe. Feline erzählte von ihrer Wohnung, von ihrer Tochter, mit der sie zusammen lebte und dem großen Sohn, der in die Lehre ging und bei seinem Vater wohnte. Er erzählte von seinem Job, der ihn ausfüllte und der wenigen Zeit, die für ihn und seinen Sohn blieb. Ich bin allein erziehend, ergänzte er und sie sprachen über Kinder, Erziehungsfragen und die Probleme, die sie in der Schule hatten, über den Fluch und Segen des Internets und darüber wie teuer das Leben geworden war. Dann schwiegen sie wieder und liefen einfach nebeneinanderher, in der Geborgenheit ihrer Gesellschaft.

Sie gelangten zu der Stelle am Bach, eine kleine Brücke überspannte ihn und Feline zeigte ihm die Perspektive, aus der sie heraus das Bild geschossen hatte. Doch jetzt hatten sich die Lichtverhältnisse verändert, die Schatten der tieferstehenden Sonne lagen über dem glitzernden Wasser. Er zog seine Schuhe aus und setzte sich an das sandige Ufer, hielt die Füße ins Wasser. Er klopfte auf eine Stelle neben sich und sah sie aufmunternd an. Feline entledigte sich ebenfalls ihrer ausgetretenen Slipper und setzte sich neben ihn. Sie saßen eng nebeneinander, berührten sich an den Armen, Feline fand dieses Gefühl sehr schön und genoss die stille spätnachmitagliche Sommerstimmung im Wald. Freute sich, sie mit ihm teilen zu können und darüber, dass sie sich einfach so wieder begegnet waren, ganz ohne Telefoniererei, Absprachen oder den Schnickschnack, der solchen Begegnungen üblicherweise vorangeht. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, sagte er, dass es doch ein seltsamer Zufall sei, dass sie sich gerade am heutigen Tag wieder über den Weg gelaufen seien. Witzig, lachte Feline, das Gleiche schoss mir auch gerade durch den Kopf.

Ich habe in den letzten Wochen oft an dich gedacht. Er betrachtete die Bäume und sie lauschten dem Wind, der darin spielte und rauschte. Ich an dich auch, gestand Feline und schaute auf ihre Füße, die sie im Ufersand vergraben hatte. Warum hast du nicht angerufen? wollte er wissen. Du hattest doch meine Nummer? Weiß nicht, zu viel zu tun oder so….begann Feline und versuchte sich wieder auf eisige Weiten in Schneelandschaften zu konzentrieren, weil ihr die Hitze im Nacken hochstieg.

Weiß ich auch nicht…oder so….kam es prompt, etwas flapsig von ihm zurück und Feline spürte wieder die Unsicherheit wie eine schwere Decke, die sich auf sie legte und alles andere im Keim zu ersticken drohte. Du hättest doch auch anrufen können…begann Feline erneut einen Satz und verlor den Rest der Wörter, die sie noch hinzufügen wollte im Irgendwo ihrer unschlüssigen Gedanken.
Er stand auf und streifte sich im Gras den Sand von den Füßen, zog die Schuhe an. Feline tat es ihm nach, holte ihr Rad, das sie an einen Baum gelehnt hatte.

Wo wohnst du? Feline zeigte mit dem Finger auf den breiten Waldweg. Hinter dem Wald, hinter den sieben Bergen bei einem Zwerg, grinste sie und setzte sich in Bewegung. Darf ich dich begleiten? Er war stehengeblieben und wartete auf eine Antwort. Mach doch, entgegnete Feline und versuchte die Freude zu verbergen, die heimtückisch in ihr hochstieg und versuchte sie dahingehend zu manipulieren, dass sie über Wurzeln stolpern würde oder über weitere Worte, die sie lieber unausgesprochen ließ, um jetzt nur nichts Falsches zu sagen.

Bis zu Felines Wohnung waren es ungefähr drei Kilometer durch den Wald und weitere zwei durch die Vorstadtsiedlung. Sie trotteten nebeneinanderher, berührten sich ab und zu wie beiläufig beim nahen Laufen nebeneinander und Feline fragte sich, ob sich ihr Begleiter wohl auch mit Stromstößen jener Sorte auskannte, wie sie ihr jedes Mal den Rücken hochschossen, wenn sie ihn so nah bei sich spüren konnte. Schließlich standen sie vor dem Wohnbloc, in dem Feline mit ihrer Tochter wohnte. Eine Weile standen sie einfach nur da, wie Unbekannte, die nichts weiter mit sich anzufangen wissen als herumzustehen, scheinbar aneinander unbeteiligt und unwissend wie man sich weiterhin verhalten solle. Er hatte sein Handy aus der Tasche geholt und zeigte ihr die von ihr abgespeicherte Telefonnummer. Da stand ihr Name: Feline und daneben ihre Telefon-Nummer. Wie heißt diese Straße, welches Haus ist es? fragte er und suchte die nummerierten Eingänge des Mietblocks ab, in dem Feline wohnte. Im Himmelreich 9, antwortete Feline.
Nein, du scherzt, oder etwa doch nicht? Er lachte laut. Echt?
Ja, echt! Feline kannte solche Reaktionen auf ihre ungewöhnliche Adresse bereits.
Das ist ja himmlisch, grinste er, legte seine Arme um Feline und murmelte in ihr Ohr: Es ist schwierig, eine Frau, die ein Fahrrad schiebt zu umarmen.

Alles in Feline sackte zu Boden: Herz, Hirn, Humor und jeglicher Verstand. Sie konnte keine Antwort geben, ließ es geschehen und hielt sich für den momentan glücklichsten Menschen der Welt. Ach, Augenblick, verweile doch, du bist so schön, dachte sie und hoffte inständig, dass sie es leise genug gedacht hätte, damit er es nicht hören könne.
Bis zum nächsten Mal, dann aber ohne Zufall.
Er stand einen Augenblick unschlüssig, als überlege er, was er nun noch tun solle oder besser lassen, doch dann umfasste er Felines Gesicht mit den Händen und küsste sie schnell und sanft.

Er drehte sich um und flüchtete aus der Situation, ließ Feline stehen ohne sich noch einmal nach ihr umzusehen und war bereits um die nächste Ecke verschwunden, während Feline völlig benebelt und berauscht minutenlang bewegungslos einfach dastand und versuchte die Blätter der längst abgeblühten japanischen Kirsche vor dem Haus zu zählen.
Sie kam bis 759.

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9 thoughts on “Feline in den Perseiden

  1. Arabella sagt:

    Dichtung oder Wahrheit?😉

  2. Das ist zu schön und gleichzeitig zu menschentypisch, das muß eine wahre Geschichte sein, meine Liebe! Wir Menschenkinder stehen uns einfach zu oft selbst im Weg, denken uns kleiner, häßlicher und unperfekter, als wir sind und bedenken nicht, daß es dem Gegenüber genauso gehen kann.
    Ach, ich liebe Ihre Geschichten, sie sind so sprudelig lebendig geschrieben, meine heissen Füße wollen nun auch bei den Schnellen im Sand rumwühlen…
    Schattengrüße aus dem anderen Hinterhof, der auch mehrblumig duftet, immer die Ihre.

    • karfunkelfee sagt:

      Nun raten Sie mal, an welchen Hinterhof ich wohl klammheimelich beim Geschichteschreiben dachte? Und nein, die Geschichte ist leider eine Ausgeburt meiner Phantasie, denn wie Sie es bereits anmerkten, stehen wir Menschenkinder uns oft zu sehr im Weg, haben zu hohe Ansprüche und Erwartungen und sind zu undankbar, wenn wir Menschen begegnen, die uns so ähnlich sind in unseren Gefühlen oder Ansichten, dass wir glauben, es gäbe viele von der gleichen Sorte, man müsse nur lange genug danach suchen oder darauf warten, dass sie uns begegnen.
      Manche werden darüber einsam und alt, manche sterben über den verpassten Chancen sogar weg und ganz wenige bleiben sich und sind unendlich dankbar, sich gefunden zu haben, auch wenn dies bedeutet, zwei in der Regel arbeitserfüllte Leben zueinanderzubringen, Hindernisse zu überwinden oder manchmal sogar weite Distanzen. Eine Liebe, die dies alles schafft, überwindet auch die allzu menschliche Angst einander eingestehen zu können, dass man nicht perfekt ist.
      Danke für Ihr schönes Lob, es tut riesig gut, denn lebendig und menschlich sollen meine Geschichten sein und meine Feline und ihren ominösen Bekannten habe ich inzwischen sehr ins Herz geschlossen. Es ist gut möglich, dass ich über diese beiden leicht verrückten und schüchternen Chaoten noch mehr schreibe. Denn düstere Sachen stecken mir auch im Hinterkopf, doch diese hebe ich mir für düsterere Tage auf, als wir sie derzeit haben. Sonnentage, leicht und unbeschwert wie der Sommer selbst.
      Kühlen Sie Ihre Füße, meine Liebe, Flüsschen und Bäche sind im Teuto zwar rar, doch wer sucht, der findet.
      Herzlichst, Ihre Karfunkelige✨💫

      • Liebste, den Satz: „Eine Liebe, die dies alles schafft, überwindet auch die allzu menschliche Angst einander eingestehen zu können, dass man nicht perfekt ist.“ ist eine der trefflichsten Definitionen für die Liebe selbst, die ich je las. Liebe ist, den anderen nicht perfekt sehen zu müssen. Ja. Punkt.

        Was für eine Bereicherung, mir Ihr Lächeln jetzt vorzustellen und Ihren so samtlieblichen Augenaufschlag… trotz Düstersachen im Hinterkopfe bleiben Sie bitte noch so ein Weilchen flatterdingszart, meine Liebe, es paßt zu Ihnen.
        Von Herzen, die Ihre.

      • karfunkelfee sagt:

        Da halt ich jetzt einfach meinen Mund….manchmal tut das not…
        Fühlen Sie sich gedrückt.
        Lächelnd.
        Blinkblink…
        ✨🌹

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