Aus den Geist(er)geschichten: Die Zeit fliegt

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Es ist wieder soweit. Der Sommer wird müde. Auf der Straße tanzen erste trockene kleine Blätter und üben für den großen Reigen des herannahenden Herbstes. Während des Fahrens die Augen vollgetrunken mit dem vollen Gold der hohen Ähren. Ein Trecker zieht vor mir heraus. Der Bauer winkt fröhlich. Schön, er hat mich nicht zu Fall gebracht, als ich mit fast vierzig Sachen heranknüppelte und dachte, dass ich Vorfahrt hätte. Doch mittlerweile kenne ich diese Jungs vom Lande. Sie haben nur Augen für ihre mit Ernte vollgepackten Wagen. Dieser Agrarökonom ist ein verkappter Niki Lauda. Ich fahre ihm voran, er braucht ein wenig mit seinem dicken Trecker um in die Pötte zu kommen. Doch dann dröhnt es hinter mir mit einem Mal gewaltig, als er seine vielen PS hochfährt und mit ziemlich knappen Abstand lustig hupend und grinsend an mir vorbeizieht. Ich hänge mich eine Weile in seinen Windschatten und lasse mich ziehen. Glücklicherweise hat er keinen Jauche-Anhänger hinter sich, sondern ist mit vollem Korn beladen. Ich muss niesen, gleich mehrere Male und dann lasse ich den starken Jungen davon treckern. Er dreht sich noch einmal um auf seinem Kutschbock, hupt, winkt und schenkt mir ein strahlendes Lächeln. Ja, denke ich, bist ja der Stärkere, schon okay und winke zurück. Über mir das gewaltige Blau des Augusthimmels, es spannt seinen Azurbogen über die tiefgrünen Bäume, tief atme ich den Farbenrausch ein. Es sind nur wenige Autos unterwegs, ich kann mich austoben, die Landschaft fliegt an mir vorbei, mein Herz ist stärker geworden, ruhig pumpt es das Blut Richtung Horizont, so weit mein Auge blickt. In meinen Ohren pfeift es, rechts ein armes plattgefahrenes Karnickel mit austretenden Eingeweiden am Straßenrand. Ich denke über Opfer nach und spurte eine Weile, bis mir die Luft ausgeht. Dann biege ich nach links in einen ruhigen Feldweg ein. Die Kette rasselt ein wenig, ich muss nachschmieren bei nächster Gelegenheit. Es wird still. Rechts und links von mir liegen die teilweise bereits abgeernteten Felder im tiefen Sonnenstand. Ich fahre auf ein Maisfeld zu. Amerika kommt mir in den Sinn. Dort leben die Verrückten. Sollte ich dorthin ziehen? Ich bin auch verrückt, ziehe durch, ohne Anzuhalten. Könnte wohl ein Bild schießen, doch zu schön ist die Stille, der laue Wind an den nackten Beinen, wie er sie streift und die Streichelsonne im Nacken, im Gesicht. Egal, denke ich, kommt hier in den Augustbeitrag eben ein Julibild mit einem Maisfeld. Es ist noch Zeit, der Farbrausch des tiefen Herbstgoldes, der Zeit der Stimmungen kommt erst noch. Heute will ich einfach nur einen guten Schnitt fahren, mich austoben, wild sein und dabei leise sein, dem späten Sommer lauschen, er flüstert: Ich bin noch nicht vorbei, noch bleibe ich ein wenig für dich hier, damit du Zeit hast von mir Abschied zu nehmen. Und ich danke ihm.
Ein paar Straßen weiter wird geheut. Ich sehe die gewaltigen Landmaschinen und denke, dass die Leute auf den Feldern eine andere Beziehung zu der von ihnen bewirtschafteten Erde haben als ich, ich Vogelfreie. Über mir kreist ein Krähenschwarm, laut krächzend schauend, wo es etwas zu holen gibt.

Ich fliege in den Wald. Sofort ist es wieder still. Kühle Baumschatten umstreifen mich, grünes Licht tanzt in Punkten über das Moos. Ein Dompfaff ruft. Wo bist du? Ein Zilpzalp antwortet ihm: Hier! Doch bald bin ich fort, ich gehöre zu den ersten, die fortziehen. Dort ist der See, sein stiller Spiegel tränkt meine wasserdurstigen Augen mit Poesie. Still eingebettet in das Grün, wie ein Geheimnis des Waldes. Ich fahre langsamer, genieße das ruhige Bild auf meinen leisen schmalen Reifen. Der Asphalt ging in einen Waldweg über. Er ist gut zu befahren. Eine Wandergruppe kommt mir entgegen. Hey, ruft ein kleiner Junge und zeigt mit dem Zeigefinger auf mich: Mama! Schau mal! Ja, antwortet Mama, es ist nicht einfach, mit einem Rennrad durch den Wald zu fahren, muss sich wohl verirrt haben.Ich will auch so eins, quäkt der Kleine und beginnt mir hinterherzurennen. Ich lache übermütig und winke ihm zu. Fahre langsam weiter und denke: Im Verirren lernt man am besten das Neue und das Unentdeckte kennen. Lasse mich ziellos weiter durch den Wald treiben, als der Weg übersät mit Kalkstein weitergeht, fahre ich durch die Büsche auf einem schmalen besser befahrbaren Pfad am Tal entlang und dann hat mich die Straße schon wieder und ich nehme an Fahrt auf, werde schneller, immer schneller.

Das Tageslicht weicht den Abendschatten, noch fahre ich in der Sonne, doch sie hat meine eher helle Haut mit tiefem Gold überzogen, es wird Zeit, nach Hause zu fahren, obwohl ich noch Power hätte, weiter fahren könnte, immer weiter.
Hinterm Horizont geht’s weiter, sang Udo Lindenberg. Ich bin ein Passenger, eine Durchreisende in dieser späten Sommerzeit und ich wünschte, ich könnte diese Momente festhalten in all ihrer Schärfe und ihrer Klarheit, im gesamten Spektrum ihrer vergänglichen Schönheit. Wie immer auf meinen Fahrten über das Land, erfasst mich Dankbarkeit vor dem was ich sehe und fühle. Dass ich gesund sein darf und eine Reminiszenz an die Unvergesslichkeit des Augenblicks schreiben kann.

Noch ein einziges Mal bleibe ich stehen und blicke zurück auf die lange Straße, die ich fuhr. Hinter mir der Wald, seine tiefe Unermesslichkeit, dahinter das reife Land, hinter mir der Sommer, der mir wie immer schon, zu kurz erscheint und doch eine lange Strecke warmer Tage in Folge war. Ich richte den Blick auf den Horizont, er schwimmt im Licht des gehenden Tages, seine Stunden bis zur Nacht sind minutiös abgezählt, erste Violett- und Rosatendenzen treiben schlierig in das tiefe Blau hinein. Ich muss mich sputen, muss mich eilen, die Zeit flieht jetzt schneller als noch im Juli in die Dunkelheit eines kühlen Abends.
Noch einmal spurte ich, die Kette rechts, mit eingeschalteter Notbeleuchtung, volle Kraft voraus. Der Geist jagt die Straße hoch, das durchreisende Gefühl verstärkt sich, das Zeitfenster des vergangenen Sommertages beginnt sich langsam zu schließen. Als ich abends auf dem Balkon sitze, schon eingewickelt in eine Decke, zu den Sternen sehe, wünsche ich mir von ihnen noch ein paar warme Tage, noch ein wenig Süden und etwas Wärme. Ich glaube, sie haben mich erhört.

25 thoughts on “Aus den Geist(er)geschichten: Die Zeit fliegt

  1. Arabella sagt:

    Dieses Jahr schenkt dir noch viel Wärme…bestimmt…

  2. saetzebirgit sagt:

    Die Geschichte macht sofort Lust auf einen ausgedehnten Spaziergang…sehr schön!

  3. Wundervoll, meine Liebe, wirklich voller kleiner Wunder und dank Ihrer besonderen Gabe, die Wunder zu benennen, ein Stück Sommerpoesie der funkeligen Art. Ich Trödelradlerin fuhr wadenmuskelziepend begeistert mit Ihnen mit. Danke dafür und überhaupt, die Ihre, abersowasvonzugetan.

    • karfunkelfee sagt:

      Mir fleuchte vorgestern etwas mit Postflügelchen in den Kasten. Sowas von schöner Gruß…ich habe Sie mitgenommen in Gedanken…auf all den letzten schönen Fahrten…mit tüchtig Speed in den Beinchen…
      Nur Fliegen ist schöner deuchte mir, dass Sie jucheiten…
      Oder war das der Fahrtwind?
      Das himmlische Kind?
      Ich denk an Sie, übermorgen in Richtung Hövelhof unterwegs…
      Freu mich schon wie Bolle auf die Tour und die Kette ist frisch geschmiert…
      Also: Sonntag…wenn es Ihnen da plötzlich huschig im Gemüte wird und das Herz loshuppst, die Waden unkontrolliert zucken und ein unbändiger Bewegungsdrang Sie überkommt…dann wissen Sie was los ist…😉
      Feenstaub…✨
      Liebste Grüße….💞

      • Ich danke Ihnen schon im voraus für diese wonnigliche Sonntagshuschigkeit und sende liebste Grüße zurück ins Himmelblau und Sonnenleuchtgelb, stets die Ihre.

  4. Jetamele sagt:

    Was für ein wunderbarer Text. Beim Verirren bin ich nachdenklich hängen geblieben, vielleicht weil es mich gerade akut so anspricht. Es stimmt schon, durch das verirren lernt man soviel Neues kennen, selbst wenn es Zeit udn Energie kostet, man phasenweise nicht weiß, wohin es weitergehen soll und ob das Verirren womöglich trotz allem ein ‚richtiger‘ Weg war … irgendwann kommt man dennoch irgendwo an. Verirrt, verwirrt, bereichert, wie auch immer. Schön in das Sommerabendlau eingeflochten, ich fühle sie auch langsam, die endliche warme Stimmung, die der Spätsommer mit sich bringt. Ich mag sie sehr und ahne den Abschied, der wiederum Neues, Goldenes mit sich bringt, wie auch immer. Vielen Dank für diese Worte und meine dazu gesponnenen Gedankenspielereien. Lieben Gruß!😉

    • karfunkelfee sagt:

      Bei meinen Touren geschieht es immer mal wieder, dass ich mich verirre und suchend herumkurve. Im schlimmsten Fall kenne ich keinen einzigen Ortsnamen mehr und muss mich durchfragen, damit ich nicht in die völlig falsche Richtung fahre. Doch das Verirren hat mir vieles gezeigt:
      Erstens: Kein Waldgebiet war so groß, dass ich die Zivilisation nicht mehr wiederfand.
      Ich wandere im Herbst viel, oft und ausgiebig im Teuto herum.
      Zweitens: Bezugspunkte merken. Sonnenstand, markante Geländemerkmale. Fischer merken sich die Küstenmerkmale, wenn keine Sterne da sind zum Navigieren.
      Drittens: Hurra, ich kann sprechen! Irgendwo Rennen doch meistens Menschen herum, außer man verläuft sich wirklich übel im Wald. Aber ich würde glatt auch einen Fuchs anquatschen und nach dem Weg fragen.
      Der eigentliche Reiz besteht wirklich darin, bei keiner festgelegten Route unbekannte Eindrücke zu erleben, Gegenden zu erforschen, die man andernfalls nie frequentiert hätte. Das schmeckt nach Abenteuer und Entdeckerdrang und manchmal findet man wahre Schätze an schönen Orten oder hat tolle Begegnungen.
      Im Leben läuft es ähnlich und ja, das Risiko besteht immer, dass man auch etwas Schlimmes erlebt.
      Verirren, das ist die Suche nach dem noch unbekannten Weg.
      Verwirrend, ja…
      Verwirrung kann auch etwas sehr Schönes sein…😉😎
      Danke für Deine gehaltvollen Wortspielereien…✨

      • Jetamele sagt:

        Gern geschehen, hat mich angeregt, dein Text.
        Ja, Verwirrung kann herrlich sein. Und oder aber kompliziert. Und manchmal schmerzhaft. Und irritierend. Aber auf jeden Fall birgt sie Neues und Erfahrungen. Ganz wichtig. Würde ich ungern drauf verzichten, wobei ich zugebe, aktuell würde ich etwas Orientierung in einigen Dingen durchaus begrüßen😀 Aber das ist eine andere Geschichte.
        Spannend, du und deine Fahrradtouren. Ich habe meist eine recht gute Orientierung, allerdings komme ich selten dazu, im konkreten Leben einfach irgendwo drauf los zu gehen oder zu fahren, ich gehe lieber als dass ich fahre. Verlaufen habe ich mich selten. Ich habe einen Vater, der mit uns früher unendlich viel gewandert ist, mit dem KONNTE man sich nicht verlaufen, der ist ein wandelndes Navigationsgerät😀
        Heute wandere ich selten weit und sehr selten einfach drauflos. Aus gegebenen Umständen. Und weil ich dazu neige, doch immer auf die Karte zu schauen und mir alles einzuprägen oder die Karte zu zücken.
        Aber du hast Recht, auch da kann es wie eine Schatzsuche sein, das mal nicht zu tun, es gibt so viel zu entdecken und meist wird einem irgendwann ein Fixpunkt begegnen oder ein Mensch, den man fragen kann.
        Wie du allerdings mit dem Fuchs kommunizieren würdest, das würde ich mal echt interessieren. Aber wer weiß, vielleicht landet du noch auf einen Tee oder Whiskey (was weiß ich, was Füchse so trinken bzw. anbieten) in seinem Bau ….😉
        Gute Nacht, gute Fee!!

      • karfunkelfee sagt:

        Du hast mich gerade dazu angeregt, mich für ‚Füchsisch‘ zu interessieren. Das Geheimnis der Kommunikation zwischen Mensch und Tier ist eines, das mich seit jeher fasziniert. 😉
        Ich wünsche Dir eine gute Zeit und danke Dir, dass Du mich teilhaben lässt an Deinen Erlebnissen. Der Orientierungssinn wird oft unterschätzt und im Wald finde ich mich besser zurecht als im Straßengewirr einer Stadt. War schon immer so…😉
        Ganz viele liebe Grüße und ein schönes WE✨

  5. Ganz toller Text, hat mir große Lesefreude bereitet! Viele Grüße!

  6. Liebe Fee, nur kurz zu diesem sehr schönen SommerSonneWindRadfahrLandwirtschaftstext – schön, dass du über dem schnellen Fahren nicht das Schäkern vergisst – die Jungs hoch auf so einem „Bock“ freuen sich bestimmt darüber, wenn ihnen eine mehr als flotte Radfahrermaid den Tag verschönt.
    Liebe Grüße zu dir, mir „brennt auch der Hintern“ – aber anders, als den Kranichen.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Clara, wie könnte ich das Schäkern je vergessen, das Lächeln, das Lachen und das Gefühl einer Antwort darauf weitet mein Herz, stärkt mein Kreislaufsystem mindestens genauso effektiv wie die drei Stunden überland heute im Sattel.
      Heut ist Sonntag, doch die Bauern müssen arbeiten, haben einen harten Job, während ich mit meinem Rennrad durch die Gegend toben darf. Die Strecke heute war besonders schön, zwar nicht so schnell, 75 km, heftiger Gegenwind -dafür wenige Autos und Spätsommergenuss pur!
      Liebe Grüße zu Dir. Dir brennt der Allerwerteste? Ja, bist Du etwa ein himmelhoher Düsenjet…?

  7. Hast du schön geschrieben.
    Ich erlebe die Natur ähnlich, nur auf anderem Terrain.
    Mein Kitzel liegt nicht in brennenden Beinen, eher in „krieg ich die Kurve oder eher nicht“😉

    Der Duft der Wiesen, Felder und vor allem der Waldkräuter ist ein Erlebnis.

    • karfunkelfee sagt:

      Beim Motorradfahren, beim Cruisen durch die Landschaft ist der Duftreiz ähnlich, doch wird durch den Helm gebremst.
      Schmetterlinge im Bauch, wenn die Maschine in die Schräglage driftet, sich in die Kurve legt.
      Auch dieses Gefühl kenne ich und mag es.
      Ich habe den Duft der Sommer-Wiesen, des Waldes und der Kräuter wohl in der Nase, doch leider kommt er derzeit aus der Erinnerungskonserve.
      Aaah…die gelben Rapsfelder im Frühling…

  8. In meinem Helm geht mehr Luft durch als an deiner Nase😉

    Ich bin etwas schneller unterwegs als du🙂

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