Das Lächeln des Chamäleons

  
Liebe Blogfreunde,
Eine Geschichte aus dem Jahr 2009.
Ich habe sie überarbeitet und stelle sie zum Überthema ‚Rassismus‘ ein.
Liebe Grüße,
die Karfunkelfee✨

Für H.

 

Der lange spitze Schatten der Sonnenuhr legt sich auf den warmen Asphalt des Schulhofs und teilt den Platz in zwei saubere Hälften. Vereinzelt zerschneiden helle Kinderstimmen, die vom großen Abenteuerspielplatz hinter der Schule herüberschallen die Stille des warmen Spätsommernachmittages und lassen den Schulhof verlassen und einsam wirken. Eines der Fenster im Erdgeschoss der Immanuel-Kant-Gesamtschule, einem schmucklosen Plattenbau aus den späten Sechzigern, steht weit offen. Ein einzelner Ton, zögerlich angeschlagen auf einem mittelmäßig gestimmten Klavier schreckt eine Amsel auf, die in der Erde nach Würmern sucht. Sie flüchtet in die Zweige der mächtigen Kastanie, die, umrahmt von einem Ring aus Waschbeton, vor dem Klassenzimmer steht. Die nächsten Minuten ist es still, die Kinderstimmen vom Abenteuerspielplatz sind verstummt und der Zeiger der Sonnenuhr auf dem Schulhof ist ein Stückchen weiter nach Westen gewandert. Mutig wagt die Amsel noch einen Versuch und flattert wieder hinunter an den Fuß des Baums, um den Wurm, den sie fast hatte, wiederzufinden, da klingt das Klavier wieder an. Diesmal eine ganze Tonfolge. Laut keckernd und schimpfend gibt die Amsel auf und fliegt in eine der Föhren, die den Schulbereich abgrenzen und einen kleinen Wald bilden, hinter dem der Abenteuerspielplatz liegt.Ein paar Noten werden angeschlagen, finden in einen schnellen Rhythmus, dann kommt eine Stimme hinzu: warm und tief, eine Stimme am Ende eines Mädchens und am Anfang einer Frau:

“Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Die Stimme stockt und sagt ein paar wütende Worte in einer fremden Sprache, einer schnelleren, weicheren und höheren Tonlage als die, in der sie singt.

Eine tiefe, männliche Stimme antwortet: „Versuch es noch einmal Samira, Nina Simone ist schwierig, ich habe es dir gesagt und Flüche helfen dir da nicht weiter, aber du kannst es schaffen! Los, ich will es bis zum Schluss, fang dort an, wo du aufhörtest, etwas spielerischer und leichter in den höheren Tönen, los komm, du machst das sehr gut!“

Nun spricht sie akzentfreies Deutsch, eine Stimmlage tiefer als ihre Heimatsprache: „Bis zur Aufführung morgen Abend, Herr Steiner? Bis dahin soll ich perfekt sein und Nina Simone leben, denn diese Musik singt man nicht, man muss sie leben. Oh, haram! Das schaffe ich nicht, Herr Musikgeneral Steiner! Suchen Sie sich eine andere Blaskapelle, diese hier spielt unrein!“

Er redet beschwichtigend auf sie ein, seine sanfte leise Stimme wechselt sich ab mit ihrer hohen Stimme, als sängen sie ein Duett in zwei Sprachen und keiner der Sänger hätte eine Ahnung vom Text des anderen.

Das Ganze gipfelt in einer schnellen Disharmonie von Tönen auf dem Klavier, sich jagend und in ihrer Schrägheit schon wieder schön, bis sie spielerisch einen Akkord bilden, dann jedoch abrupt abbrechen.

Erneut klingt ihre Stimme, laut intonierend und trotz der Wut harmonisch:

“Ain’t got no culture, ain’t got no family, fuck you all!”

Es knallt laut, als der Klavierdeckel auf die Tasten schlägt, dann hallen laute, quietschende, Schritte auf den frisch gebohnerten Gängen der Schule. Die Glastür nach draußen schließt sich lautlos und langsam. Am auffälligsten sind ihre Haare. In wilden Locken fallen sie ihr bis auf die Hüften hinunter. Eine Seite schimmert blauschwarz, die andere rotschwarz. In der Sonne scheinen sie farbzweigeteilt. Ihre Haut ist hellbraun, Latte Macchiato sagt sie selbst dazu, um sich Mut zu machen. Ihre Familie ist tot.

Sie weiß nicht viel darüber, sie starben alle bei einem Bombenanschlag in Kairo. Sie selbst hat das irgendwie überlebt und an der Stelle wo eine Erinnerung sein sollte, befindet sich bei Samira eine graue taube Stelle, die beinahe alles, was mit ihrer Familie in Verbindung steht, ausgelöscht hat. Dunkel erahnt sie noch den Bruder, den Vater. Am klarsten erinnert sie sich an ihre Mutter, wie sie an ihrem Bett sitzt, sie liebevoll anblickt und mit ihrer Hand die Locken aus ihrer Stirn streicht. 

Im Rahmen eines medizinischen Hilfsprogramms kam sienach dem Tod ihrer Familie nach Deutschland und durfte bleiben, weil ihre von einem Bombensplitter zertrümmerte Hüfte zwanzigmal operiert werden musste bis sie wieder laufen konnte. Als sie ihre ersten neuen Schritte ging, war sie acht Jahre alt und hatte bis auf ihre Erinnerung an die arabische Muttersprache nichts mehr, das sie mit der Heimat verband. Darum und weil sie keine Familie mehr hatte, die sich in Kairo um sie kümmern konnte, durfte sie in Deutschland in ein Kinderheim. Sie durfte dableiben. Jeder, auch die Ärzte, redeten ihr ein, das sei der Hauptgewinn. Doch das war es nicht. Ein Hauptgewinn wäre es gewesen Deutsche zu sein oder ein Kind ohne körperliche Einschränkungen mit ordentlich Muskeln unter der Haut. Das war ein Hauptgewinn, der keine Staatsangehörigkeit brauchte, es war egal, ob man russisch, deutsch, irakisch, palästinensisch oder sonst was war, denn wer stark war, hatte Stimmgewalt und konnte über andere entscheiden. Das galt auch für Mädchen, die stark genug waren. Die Nationalität war egal. Wer nur den Anschein von Schwäche zeigte, starb jeden Tag den kleinen Tod des Sklaven und war der Fußabtreter für den Frust der anderen, angefangen damit, dass man im Mädchenklo eingesperrt wurde, bis das Frühstück vorbei war und endend damit, dass mal wieder jemand in ihr Bett gepisst hatte, wie ein Hund, der einem anderen seine Verachtung durch das Niederste aller Geschäfte zeigte. Ihre ersten Jahre unter den anderen Kindern im Kinderheim waren die blanke Hölle. Dann siedelte man sie um in ein integratives Heim mit gesunden sowie auch beeinträchtigten Kindern und dort endlich fand sie Freunde und Anschluss an die anderen.


Samira setzt sich in die Mitte der Sonnenuhr auf dem Schulhof. Jemand hat mit gelber Graffitti-Farbe ein schiefes Lächeln auf den schwarzen Betonklotz gemalt, der Zeiger aus schwarzem Zement hebt sich scharf ab vom Sand, der im Zwielicht weiß wie frisch gefallener Schnee erscheint. Der Schattenzeiger ist mittlerweile verblasst, untergegangen mit der Sonne, die mit ihren letzten Strahlen nun auch Samiras blau-schwarze Seite der langen Haare in rötliches Licht taucht. Alles wird eins, denkt sie. Irgendwann wird alles eins. Aus ihrer braunen Segeltuchtasche klaubt sie ein Päckchen Zigarillos aus demDiscounter und steckt sich einen davon an. Sofort hört sie im Kopf die Stimme ihres Musiklehrers, Herrn Steiner, der ihr strengstens das Rauchen verboten hat. Sie sieht sich kurz um mit dem Instinkt eines Kindes, das ständig in seinen Handlungen beobachtet wird von anderen, inhaliert drei hastige Züge hintereinander, ignoriert das Schwindelgefühl und tritt den Zigarillo schnell mit ihrem Turnschuh aus. Sorgsam nimmt sie die Kippe auf und steckt sie in ein Marmeladenglas mit Schraubdeckel. Sie lässt sich nicht gern etwas zuschuldekommen und Rauchen ist auf dem Schulgelände streng verboten.

Sie schultert ihre Segeltuchtasche, steht auf und geht los. Beim Gehen spürt sie dumpfen Schmerz in der Hüfte, vom langen Sitzen. Dass sie ihr linkes Bein fast unmerklich nachzieht, spürt sie selbst kaum, doch ein paar Mädchen, versteckt hinter den Föhren, die an den Abenteuerspielplatz angrenzen, bemerken es durchaus. Als sie in den Waldweg einbiegt der zum Spielplatz führt, tritt ihr ein etwa fünzehnjähriges kräftig gebautes Mädchen in den Weg.

„Na, Samira? So spät noch unterwegs? Noch ein bisschen mit Steiner gespielt?“

Sie bleibt stehen. Sie wusste, dass das passieren musste, sie hegen schon so lange Hass auf sie, weil sie das Stimmtalent in ihrer Klasse ist. „Ain’t got no friends“, schießt es ihr durch den Kopf und sie überlegt, wie sie der Situation begegnen soll.

„Tanja, wir haben doch nur geübt, ich komm morgen doch nicht mal, entspann Dich!“

Die Angst fängt immer beim Atmen an. Angst lässt die Luft schwer werden, lässt die Luft gewichtig werden, wie etwas, das auf dem Brustkorb sitzt. Angst hat Substanz.

„Lasst mich bitte nach Hause gehen.“

„Du hast doch nicht einmal ein Zuhause, du blöde muslimische Terroristen-Schlampe!“

Samira überlegt, was sie tun kann. Die Angst hat viele kleine Füße bekommen, die ihr von den Zehenspitzen aufwärts in die Brust krabbeln und sich dort ausbreiten in Form von Wärme, ihre Brust brennt wie Feuer, ihre Arme und Beine kribbeln, ihr Kopf ist ein Haufen Ameisen, wuselnd, ohne Plan, die Königin ist tot, was soll ich machen, sie versucht strategisch zu denken, doch sie muss entsetzt feststellen, dass sie es nicht kann. Ihre Hüfte schmerzt dumpf pochend in einer Art Vorahnung weißglühenden Schmerzes, als wolle sie sie daran erinnern, dass Krieg alles ist, was Menschen interessiert und sie denkt an Nina Simone, die sie singen soll, morgen auf der Aufführung und an alles das, was sie nicht hatte, nie hatte, das, was die haben und hatten, die sie nun triezen und als selbstverständlich ansehen.

Ihr rassistischen Fotzen, denkt sie und schämt sich gleich wieder, weil Michaela, die Heimleiterin ihr sagte, dass dieses Wort der schlimmste Verrat am eigenen Geschlecht sei.

„Na, haben heute deine Allah-verherrlichenden-Terroristenfreunde wieder ein paar Leute in die Luft gejagt, weil es DER SACHE dient?“, grinst Tanja.

Michaela hat Unrecht, denkt Samira. Ich bin keine von denen und wenn ich das Wort sage, ist es kein Verrat. Denn zu deren Geschlecht gehöre ich nicht.

„Klar!“, ruft sie in die einsetzende Abenddämmerung und nimmt allen Mut zusammen in ihrer Stimme, „und hoffentlich denkt einer meiner muslimischen Terroristen-Freunde endlich mal daran, eine Bombe in eure Schultaschen zu schleusen, um euch rassistische Fotzen wäre es nämlich nicht schade, wenn ihr endlich atomisiert würdet!“

Dieses Mal fühlt sich das Wort nicht schlecht in ihrem Mund an, sondern richtig. Sie hat auch nicht an Allah gedacht, das tut sie schon lange nicht mehr. Sie verachtet Menschen, die an ihn glauben. Er ist ein Gespenst in den Geistern derer, die an ihn glauben und ein Machtinstrument in den Händen derer, die ihn benutzen. Er ist kein Instrument der Improvisation, wie das Klavier in der Schule. Dieses Instrument besitzt ein Eigenleben und egal, wie man es spielt, seine Eigenheiten spielen immer mit und die Liebe, die man spielt, wird reflektiert. Allah ist weniger als ein Instrument, der Imam ihrer Kindheit spiegelte seinen eigenen Geist so sehr auf Allah, dass Allah nicht mehr klingen konnte, er war nichts weiter als der Spiegel der Menschen, die ihn mit ihren Standpunkten besetzten. 

An Spiegelungen wollte sie nicht glauben und sie begriff, dass alle Religionen nichts anderes waren als die Reflektionen derer, die daran glaubten und dass auch hier das gleiche Prinzip der Hierarchie griff, wie sie es aus ihrem Heim kannte: Gott liebt immer den Stärksten und sein Name ist Nichts.


Tanjas Tritt trifft sie unvorbereitet in die Seite. Ihr Kopf fliegt nach links, während ihr rechtes Bein das Gewicht nicht ausgleichen kann, es ist ein fieser Tritt in ihre linke kranke Hüftseite, sie rudert mit den Armen, die Segeltuchtasche heddert sich um ihren Hals und würgt sie, während sie nach ihrem Gleichgewicht sucht, schließlich in den Knien einknickt, den Kopf nach hinten wirft, vom Gewicht der Tasche gezogen, greift sie mit beiden Armen nach ihrem Hals, um Luft zu bekommen, während von vorn zwei Fäuste mit voller Wucht in ihr Gesicht knallen und sie hört ihren Nasenbeinknochen brechen mit einem lauten Knacken in ihrem Kopf, ein Echo in ihren Ohren hinterlassend. Sie hört Stimmen, wie durch Watte, von fern. „Los Tanja, weg, der blöden Sau hast du es gegeben!“

Dann schnelle Schritte, rennend. Benommen und verkrümmt vor Schmerzen bleibt sie liegen. Aus ihrer Nase läuft Blut und sammelt sich in einer kleinen rot schimmernden Pfütze auf dem Gehweg.

Durch den Schleier vor ihren Augen sieht sie Spaziergänger auf dem Weg zum Spielplatz.

Ältere Menschen mit Hund, jüngere Menschen mit Hund. Jüngere Menschen mit Kind.

Niemand beachtet sie.

Gott ist längst tot, nur Samuel Beckett hat es begriffen, denkt Samira benebelt.

Als sie aufwacht, steht Allahs Halbmond am Himmel. Sie greift an ihr schmerzendes Gesicht, es fühlt sich geschwollen an und wund. Die Seite, in die sie getreten wurde, kann sie kaum bewegen. Vorsichtig fahren ihre Hände unter ihren Pullover, betasten vorsichtig die lange weiße gewundene Narbe, wo sie sie aufgeschnitten und das neue Gelenk eingesetzt haben, vor langer Zeit, die sich nun als neue alte Zeit anfühlt.

Es scheint nichts aufgerissen zu sein, doch es tut höllisch weh, als sie versucht, sich aufzurichten.

Langsam nehmen die Formen um sie herum Konturen an, sie erkennt den Weg, die schwarzen Föhren im Zwielicht, den Spielplatz. Vorsichtig dreht sie sich um.

Hinter ihr liegt ihre Tasche.

Sie zieht sie zu sich heran und greift in das Innere. Die Noten sind da, ihre Hefte, nichts fehlt.

Mühsam zieht sie sich hoch, scharfer Schmerz schießt durch ihre linke Hüfte. Sie steht auf, wie sie es ihr beigebracht haben damals, als sie neu laufen lernen musste. Wie ein Baby. Erst die Füße, dann den Rücken beugen, dann die Hände und langsam hoch krabbeln. Das geht. Schmerz lehrt Demut vor dem Körper: Ihre erste Deutsch-Lektion.

Vorsichtig richtet sie sich auf. Ein Kauz ruft in der Nähe. Einem Impuls nachgebend, verschränkt sie die Hände ineinander, legt die Zeigefinger ineinander und antwortet auf den Ruf. Kurz darauf ruft der Kauz wieder. Ein gutes Omen, denkt sie, schultert die Tasche und hinkt den Parkweg entlang, der sie ein paar endlose hundert Meter weiter zu ihrem Heim führt.

Michaela, die Heimleiteri öffnet die Haustür des Heims. Entsetzt und fassunglos sieht sie Samira an: „Los, sag an! Was ist passiert?“

Sie nimmt Samira die Tasche ab, legt ihr den Arm um die Schulter und führt sie vorsichtig zu dem durchgesessenen roten Stoffsofa. Samira lässt sich fallen und schreit kurz und spitz auf, als ihre Hüfte mit den durchgesessenen Federn des Sofas kollidiert.

Michaela kniet sich vor Samira und untersucht sie vorsichtig. Mit schräggelegtem Kopf sieht sie Samira durchdringend an. Diesem Blick hält keine Lüge stand, sei sie auch noch so gut.

„Ich wurde verkloppt, das ist passiert.“

„Warum?“

„Ich bin schuld am elften September. Unter anderem.“

„Das ist nicht neu. Sag mir was Neues.“

„Ich bin musikalisch.“

„Das bist du Samira, nun red‘ schon!“

„Terroristengruppe. Codename Tanja.“

„Alles klar, Samira“

Vorsichtig betastet Michaela Samiras Nase.

„Die ist gebrochen, Samira. Wir müssen ins Krankenhaus. Jetzt sofort. Und dann die Polizei verständigen, Anzeige erstatten.“

„Bitte nicht, Michaela! Ich kann dann nicht mehr in die Schule!“

„Samira, willst du das durchgehen lassen? Das muss angezeigt werden, sonst denken Menschen wie Tanja, sie kommen mit solchen Sachen durch, verstehst Du das nicht?“

„Und wer versteht mich? Soll ich es noch schwerer haben als so schon? Als Petze? Michaela, ich bitte Dich, lass uns die Bullen da raushalten!“ 

Doch die Heimleiterin bleibt unerbittlich: „Samira, ich muss das melden! Das geht zu weit!“ 

„Dann hau ich ab! Ich schwör’s bei dem, den es nicht gibt, Michaela! Fuck you all! Wenn Du mich verpfeifst, hau ich ab!“

Michaelas Blick ist sorgenerfüllt. Nachdenklich tigert sie vor Samira auf und ab. 

„Okay, Samira, okay…ich müsste Meldung machen, doch ich verstehe Dich… wir sprechen noch darüber. Jetzt erst mal ins Krankenhaus, ja?“ 

Ich muss mir erst die Tritte von dem Miststück von der Haut waschen, bitte….“ Samiras Blick ist wütend, dunkel, flehend.

„Okay, Samira. Schrei, wenn du Hilfe brauchst, und wehe, du tust es nicht“.

Die Dusche tut gut. Sie wärmt alle Stellen, die geprügelt worden sind.

Dieses ganze schöne heiße Wasser ist nur für mich allein, denkt Samira.

Anschließend beschaut sie ihre Blessuren im Spiegel.

Blutunterlaufene schwarzglühende Augen starren ihr kampfeswütig und müde zugleich aus dem Spiegel entgegen.

Ihre Nase ist blau und rot verfärbt, angeschwollen und schief, der gebrochene Knochen bildet einen Höcker auf dem Nasenrist, der vorher nicht da war.

Nun ist es wirklich eine Kanaken-Nase, denkt Samira.

Hat man keine Kanaken-Nase und ist ein Kanake wird man eben zurechtgetreten, bis man auch die passende Nase hat. So einfach ist das.

An ihrer linken Seite, knapp unterhalb des Beckenknochens befindet sich ein esstellergrosses blau-schwarzes Hämatom, das eine leichte Wölbung nach außen bildet.

Samira berührt es vorsichtig, es schmerzt höllisch und fühlt sich weich und nachgiebig unter der Oberfläche an.

„Fertig?“, hört sie die Stimme von Michaela unten aus dem Gemeinschaftsraum.

Ja, denkt Samira. Fix und fertig. Allerdings.

„Ich komme gleich!“, ruft sie und zieht schnell saubere Unterwäsche, eine frische Hose und einen Sweater mit einem halsfernen Ausschnitt an, den sie mit äußerster Vorsicht über ihr lädiertes Gesicht zieht.

„Ich geh schon vor und spann die Pferde an!“, ruft Michaela.

Samira hinkt vorsichtig, das linke Bein hinter sich her ziehend, die Treppe herunter. Im Gemeinschaftsraum haben sich mittlerweile ungefähr 35 Kinder und Jugendliche versammelt, unterschiedlichen Alters, Geschlechtes und Nationalität. Sie haben es sich auf den ausgedienten, gespendeten Sofas, Sesseln und Matratzen in dem großen Raum gemütlich gemacht und schauen Fernsehen oder stehen in der Ecke zu Grüppchen an den drei Flippern, die eine Firma dem Heim gestiftet hat.

„Hey, Samira!“, ruft ein älteres Mädchen, „wo steckst du den ganzen Tag?“

„Unter den Füßen einer reinrassig arisch deutschen Landestochter, Ayscha“, grinst Samira schief und geht langsam zur Tür.

„Ey!“, ruft ein an Lippe und Auge gepierctes Mädchen mit rot-violetten Stoppelhaaren ihr vom Flipper aus zu.

„Sind nicht alle so, Sister.“

„Ich weiß“, lächelt Samira, „war auch nicht allgemeinherrlich gemeint. Du bist sowieso meine Beste!“

Das Mädchen spitzt die Lippen, küsst ihre Hand, pustet Samira einen Kuss zu und ruft:

„Kriegst die Reichsflagge als Himmel über dein Bett, Liebste und am Hakenkreuz kannst du deine kranke Hüfte hochziehen!“

„Du verstehst mich immer, Baby!“, lacht Samira trotz der Schmerzen. Vivian ist ihre beste Freundin.

Michaela wartet schon mit dem Wagen.

Im Krankenhaus wird die Nase geschient.

„Nun ist es wieder eine echte Römernase“, sagt der Chirurg.

Samira hasst ihn und fragt dennoch:

„Kann ich damit singen?“

„Wenn die Schwellung die Stimmbänder nicht zu sehr beeinträchtigt und die Kopfschmerzen nicht zu heftig sind. Deine Stimme könnte etwas dumpfer klingen. Natürlich ist es besser, Sie schonen die Nase, das brauche ich Ihnen nicht zu sagen, junge Dame, oder?“ 

Samira hat großes Glück gehabt mit der Hüfte. Alles ist noch am Platz, nichts ist aus den Angeln gesprungen, nichts gebrochen.

Sie bekommt Codein-Tabletten gegen die Schmerzen und Heparin-Salbe. Die gebrochene Nase ziert ein breiter Verband.

„Wir können Sie einweisen, für heute Nacht“, sagt die Schwester.

Bittend sieht Samira Michaela an.

„Können wir nach Hause fahren?“

Michaela lächelt.

„Klar, Schätzchen.“

Am nächsten Morgen ist Samira früh auf, lange vor den anderen.

Sie geht in den kleinen Raum mit dem Fenster zum Park, der für Musik reserviert ist. Er ist ausgestattet mit einem alten Klavier, einer Gitarre mit abgenutzten Seiten und einem Tambourin, dem längst das Fell gerissen war, und dem es wieder genäht wurde von irgend jemandem.

Kira ist schon da. Sie ist noch keine fünf Jahre alt und liebt Musik über alles.

Sie zappelt mit ihren dünnen Beinen und Armen und wartet.

„Singst du für mich, Samiramis?“

Samira lächelt.

Der Proberaum im Heim bezieht seinen besonderen Reiz durch die helle Flut vom Morgenlicht. Es fällt durch ein einzelnes riesiges Fenster im Souterrain ein und beleuchtet die klare weiße Distanz der Raufasertapeten des Raumes weich und voller Nachsicht, es fällt liebevoll auf die sorgsam gelagerten Instrumente, die alt sind, doch gepflegt, teilweise in alten Büroregalen gelagert.

Samira setzt sich an das Prunkstück des Raumes, einen alten abgenutzten Flügel, der die Szenerie beherrscht wie ein Maestoso sein Orchester.

Sie spielt ein paar Töne und übt Tonleitern.

„Ich kann nicht, Kira.“

Kira zieht an ihren rotblonden Korkenzieher-Zöpfen und kokettiert mit ihren Augen, als wäre sie mindestens vierzig Jahre alt.

„Bitte sing für mich, Samiramis! Ich will mitkommen heute Abend! Ich will mir dir zusammen singen!“

Samira kniet sich vor Kira und nimmt ihre Hände:

„Kleines, ich kann heute Abend doch gar nicht singen. Guck doch mal, wie ich aussehe. Ich kann nicht mal jetzt singen. Ich kann nur singen, wenn ich mich stark und mutig fühle. Und du bist überhaupt noch viel zu klein für eine Veranstaltung so spät am Abend, das erlaubt Michaela bestimmt nicht!“

Doch Kira gibt nicht klein bei. Sie beherrscht ihre Klaviatur im Moment weit besser als Samira.

„Samiramis, du singst schöner als alle Vögel im Garten und du bist auch viel schöner als sie. Und mit einem Verband auf der Nase finde ich dich immer noch viel schöner als die Michaela, die ist immer zickig und streng und ein bisschen hässlich und außerdem lügt die manchmal auch. Du bist wie das Chamäleon im Zoo. Du lächelst immer und wechselst deine Farben.“

Kira zieht einen Schmollmund und dreht die großen schwarzen Augen ganz nach oben.

„Ja“, sagt Samira und nimmt Kira in die Arme, „da hast du etwas Schlaues gesagt. Ich bin ein Chamäleon, wechsele um mich anzupassen einfach mal schnell meine Farbe und lächele.“

„Ich habe alles gehört, Kira, du Satansbraten!“, lacht Michaela, die unvermittelt in der Tür steht, wie lange, wissen Samira und Kira nicht, vermutlich lange genug.

„Du darfst mit.“

Kira macht einen Luftsprung vor Freude und springt Michaela an den Hals. 

„Danke, Michaela, Du bist toll, danke, danke…!“

„Und ich werde auch noch gefragt? Mich schickst du nach Tanja-Land? In Bombengebiet?“,

grinst Samira halbherzig.

“Ich gehe nicht davon aus, dass ich dich fragen muss, oder ist der starke Stolz dem schwachen Vorurteil gewichen? Erinnere ich mich richtigdaran, dass du seit vier Monaten für diesen Auftritt an deiner Schule übst? Würdest du es dir nehmen lassen? 

Samira grinst. 

„Warum kennst du mich besser als ich mich selbst, Michaela?

Michaela setzt sich zu Samira ans Klavier und spielt ein paar Noten aus einem Song der Dresden Dolls:

„After the show you can not sing wherever you want

But for now lets all pretend that we’re gonna get bombed, so sing…

Samira, ich erwarte dich um halb acht an der Pforte. Abendgarderobe. Wir sind zu acht. Jetzt hast du noch ein wenig Zeit zu üben. Ich zähl auf dich und die anderen auch. Vivian hat mich sogar gefragt, ob ich ihr einen Rock leihe! Ich bin gespannt, wie ein kleines Schwarzes an unserer Punk-Lady aussehen wird. Sie wird völlig neue Trends setzen für diesen Modeherbst.“

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung mit Tanja lacht Samira aus vollem Herzen und hält sich mit Tränen in den Augen die geschiente und bandagierte Nase fest. 

Ein paar Minuten später ist der Musikraum erfüllt von den Tönen des Klaviers und Samiras Stimme. 

Der Nachmittag ist stürmisch, es ist, als stimme selbst die Natur sich auf Krieg ein. Es gibt keine Schatten, die sich auf irgendetwas legen könnten und das gibt Samira Hoffnung für das, was sie tun will.

Um sieben Uhr steht sie vor ihrem Schrank und sieht nichts, was sie tragen könnte für einen Anlass, der sie gleichzeitig köpfen und krönen kann. Sie wählt eine schlichte schmale, schwarze Hose und einen hochgeschlossenen schwarzen Rolli, den sie mit äußerster Vorsicht über ihre verletzte Nase zieht.

Sie findet ein elegantes Bolero-Jäckchen dazu, weiß jedoch nicht, wann sie es je getragen hätte und warum es sichüberhaupt in ihrem Schrank befindet.

Sie sieht im Spiegel ihre dicken verquollenen Augen, die ganze rechte Seite ihrer Wange ist rot geschwollen, ihre bandagierte Nase steht schief, ihr voller Mund wirkt verkniffen.

Samira grinst ihrem Konterfei verschwörerisch zu und versucht zu zwinkern, was ihr Gesicht noch grotesker wirken lässt.

La belle de nuit und wer schöner ist als ich, ist geschminkt, auf geht‘s…feixt sie ihrem Spiegelgegenüber zu und bildet mit Zeige- und Mittelfinger ihrer rechten Hand ein etwas krummes V für Victory.

Michaela wartet unten mit dem Wagen. Kira ist dabei, komplett in Pink und Barbie gekleidet, mit strahlenden Augen. Vivian, im schwarzen engen Minirock mit schwarzen Netzstrümpfen und T-Shirt in Tarnfarben, trotzig und intensiv, umarmt Samira vorsichtig, etwas unbeholfen und flüstert ihr zu: 

„Du schaffst das, Sister!“ Noch weitere sechs engere Freundinnen aus dem Heim vervollständigen den kleinen Trupp. Ängstlich und zittrig setzt Samira sich zwischen ihre Freundinnen, umtost von den stürmischen Begrüßungsrufen der anderen, die Tasche mit den Noten fest umklammernd.

Die großen Fenster der Aula in der Schule sind hell erleuchtet, der Parkplatz ist vollgestellt mit Autos. Ältere Leute in Abendgarderobe vermischen sich mit jungen Leuten in Jeans und T-Shirts.

Michaela geht mit den anderen zur Kasse.

Samira sucht ihren Lehrer, Herrn Steiner. Sie entdeckt ihn, als er die Herrentoilette verlässt.

Er sieht sie sich von Kopf bis Fuß an und schüttelt traurig den Kopf.

„Ich habe es schon gehört, Samira. Du beweist großen Mut! Nun kannst du Nina singen, das weiß ich!“

Als ihr Name aufgerufen wird, geht sie hinaus und denkt an Tanja. Vor ihrem inneren Auge sieht sie ein Chamäleon in leuchtenden Farben. Es streckt ihr seine lange Zunge entgegen und lächelt sie an.

Die Bühne ist grell erleuchtet, die Gesichter im Publikum verschwommene konturlose weiße Flecken im Licht. Sieben weiße Ovale gehören zu Michaela und ihren Freundinnen. Sie lächeln sie an, sitzen vierte Reihe links hinten. Innerlich zittrig und doch ruhig setzt sie sich an das Klavier, spielt die ersten charakteristischen Takte des Stückes, als ein erster leiser Applaus hinten links vierte Reihe, kommt. Kira. Sie kann es mal wieder nicht abwarten. Ihre Stimme rutscht von allein in die ersten langsamen, eröffnenden Töne,

sie sieht nach ihrem Musiklehrer, der hinter dem Vorhang verborgen ist, ihr verschwörerisch zuzwinkert und still den Takt mit den Händen schlägt.

Ain’t got no home, ain’t got no shoes

Ain’t got no money, ain’t got no class

Ain’t got no skirts, ain’t got no sweater

Ain’t got no perfume, ain’t got no beer

Ain’t got no man…”

Sie atmet aus und sieht in die Reihen vor sich.

Ihre Stimme wird laut, höher und vibriert in ihrem Kopf nach:

“I got life, i’ve got life’s, i’ve got headaches,

and toothaches and bad times too like you …”

I got my arms, my hands, my fingers,

my legs, my feet, my toes,

and my liver, got my blood..

I got life, and i’m going to keep it

as long as i want it, I got life…..

Sie schwingt kurz und spielerisch hoch, um tief zu fallen, in ihren Augen

leben die Worte ihr eigenes kurzes Blues-Leben, doch sie singt, was sie

ist, darum lebt die Musik mit ihr für einen kurzen Moment, der alle Augen schließen lässt,

der vibrieren lässt, was sie jetzt ist. Sie spielt noch ein paar Sätze auf dem Klavier und improvisiert, lässt ihre Stimme singen, spielen, trauern um das, was sie besingt, von dem sie sich nicht besiegen lassen wird. Langsam lässt sie die Takte auslaufen, rhythmische Vibrationen, bis zum letzten tiefen Ton. Vorsichtig hebt sie den linken Fuß vom Pedal des Klaviers. Er ist schwer wie Blei.

Der Moment klingt nach, es ist sehr still im Saal.

Dann bricht der Beifall los, ein Raunen geht durch die Reihen, sie sieht Kira wie einen rosa Flummi in Reihe Vier auf und ab springen. 

Die meisten im Publikum sind mittlerweile aufgestanden, trampeln mit den Füßen und klatschen begeistert. Pfeifen und Bravo-Rufe werden laut. 

Samiras Nase schmerzt vom Singen und die linke Hüfte schickt dumpf pochende Schmerzsignale in ihr Gehirn. Mühsam steht sie auf und verbeugt sich unbeholfen. Der Applaus schwillt weiter an, scheint nicht aufhören zu wollen, umbrandet sie. Sie fühlt sich, als würden ihr jeden Moment die Beine wegknicken und sucht vergeblich nach dem verhassten Gesicht von Tanja im Publikum. Allem Anschein nach ist Tanja nicht gekommen oder sitzt so, dass sie sie nicht erkennen kann. Es ist ihr egal. Samira ist erleichtert und glücklich. Zum ersten Mal, seit sie in Deutschland lebt, fühlt sich ihr Leben als Fremde mit anderer Haut und Sprache wie ein Hauptgewinn an.

(Juli 2009)

18 thoughts on “Das Lächeln des Chamäleons

  1. Arabella sagt:

    Es gibt viele Tanjas. Gesichtslos in der Masse, genau das sind sie!

    • karfunkelfee sagt:

      Ich habe in der Geschichte offen gelassen, ob Samira den Mut hat zur Polizei zu gehen. Doch ich würde mir wünschen, dass sie ihn findet. Denn sie hat viele Freunde – in ihrer Gruppe und auch in der Schule. Diese Menschen stehen hinter ihr und stärken sie. Damit Leute wie Tanja ein Gesicht verpasst bekommen und Grenzen gesetzt, die so wichtig sind…

  2. Ich konnte alles hören, die Wut, die Angst, das das Brechen der Knochen, die tuchige Tropfenwärme der Dusche und den Trotz, der aus Kummer und Zorn sich tönend emporhob…

    Meine Liebe, einmal mehr schreiben Sie mich schwindelig, es ist eine Kunst, die nicht viele beherrschen. Und das Thema ist wohl leider so lange aktuell, wie Menschen in Schubladen denken, ich fürchte fast… ach!

    Hinundhergerissene Grüße von nebenan, die Ihre, augenwassernd.

    • karfunkelfee sagt:

      Ich schreibe Sie so gern schwindelig…was für ein tolles schönes Lob!
      Ich kann nicht gut politisch ausführen oder lange Beiträge zum Zustand unseres Landes schreiben, das können andere besser formulieren, sachlicher, kompetenter.
      Diese ganze Flüchtlings- und Rassismusdiskussion in unserem Land macht mich sehr traurig…
      Meine Großeltern waren selbst Flüchtlinge, manche halfen, andere wehrten sie ab – auch hier war eine Zweiteilung der Meinungen erkennbar. Doch sie haben nach der großen Flucht aus Schlesien hier eine neue Heimat gefunden, dank der Menschen, die ihnen beistanden, die in der Überzahl waren im Gegensatz zu denen, die sie am liebsten dorthin zurückgeschickt hätten von wo sie kamen.
      Anmaßung, Unwissenheit, Vorurteilen und Arroganz kann man nur begegnen, indem man deutlich macht, dass man dies ablehnt. Ich zeige Flagge und wehre mich gegen braunen stinkenden Schmier wo und wie ich das am besten bewerkstelligen kann: Schreiben, schreiben und immer wieder schreiben…
      Ich hoffe, dass die spitze Feder die Gewalt einer Waffe besiegt und will in aller Naivität und Weltfremdheit daran glauben!
      Liebste Grüße zu Ihnen🌹✨

      • Weder lähmende Trauer, noch rausgerotzte Wut bringt uns weiter oder erreicht gar die Matschhirne, die einfach nicht begreifen wollen, daß wir alle Brüder und Schwestern sind. Klaren Standpunkt beziehen, da wo es erforderlich ist und natürlich auf die einem am vertrautesten Weise. Diese Ihre Kurzerzählung söllte zum Beispiel in Schulen gelesen werden, trotz oder gerade wegen der beschriebenen Brutalität.

        Schreiben Sie, meine Liebe, schreiben Sie, ihre Worte rühren an und bohren sich ein und wenn nur eine Tanja sich darin erkennen würde, oder besser noch drölfzig Tanjaopfer, dann haben Sie die Welt ein Stückchen besser gemacht. Ein miniklitzekleines Stückchen, aber das waren Sie ganz allein!

        Noch flugs eine Anmerkung: Nina, meine Ewigliebe Nina, danke auch für diese Herzanrührerey!
        Liebste regensehnsüchtige Grüße aus dem trockenen Teutoabwindland, immer die Ihre.

  3. Meine liebe, liebe Fee, zu meiner üblichen Stunde habe ich endlich deine berührende Geschichte gelesen. Wie traurig ist es, dass so ein Schicksal Tausenden von Einwanderern bei uns passiert und immer mehr passieren wird – leider. Es ist schon lange kein Hauptgewinn mehr, in Deutschland aufgenommen zu werden, sondern ich sehe es mehr und mehr als Niete an, gerade in diesem unfreundlichen Land untergebracht zu werden, wo die Wut das Herz und den Verstand überrennt. Ich wünschte so sehr, es wäre anders!
    Ganz lieb grüßt dich Christine

    • karfunkelfee sagt:

      Christine, es ist nicht nur bei uns so! Auch in Österreich wird gegen die Fremdenfeindlichkeit angegangen. Es gibt ein Projekt, in dem literatur- und deutschbegeisterte Menschen Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten. Ich habe mich mit Leuten abgesprochen, denen ich säckeweise Kinderkleidung und warme Wintersachen mitgeben werde. Die Fremde Sprache und die kalten Temperaturen hier machen den Menschen aus den warmen Ländern schwer zu schaffen. Es gibt auch Workshops in den Kirchen, wo Flüchtlinge ihr Land und die Kultur sowie ihre Geschichte vorstellen und erzählen können. Jeder kann beitragen, etwas tun und sei es, den oft unsicheren Leuten ein herzliches Lächeln zu schenken oder ihnen die Hand zu drücken oder ihnen den Weg zu erklären wie sie in die City kommen, ihnen ein Busticket kaufen oder ihnen erklären wo sie die Hilfestellen finden. Denn oft haben sie nur einen typisch deutschen Behördenzettel und verstehen nicht, was darauf geschrieben steht.
      Die anderen, die Hasser und die Gewalttätigen werden durch viele, die helfen, geschwächt. Aufklärung ist wichtig, denn Wut und Vorurteil entsteht oft durch Unwissenheit. Die Medien geilen sich an Fällen auf, in denen das noch geschürt wird. Die breite Masse schluckt begierig, was Meinungsmacher Ihnen zu fressen vorwerfen. Das ist viel schwieriger zu entkräften. Doch war das nicht schon immer so…?
      Denke an die ‚Wochenschau‘, die die ‚tapferen Ostfront-Jungs‘ noch verherrlichte, als diese schon überrannt und vertrieben waren.
      Morgengrüße, Du Liebe✨

      • Liebes (R)Fe(h)elein, ich bin gern bereit, meinen Beitrag an „Willkommen“ zu leisten, doch die anderen schreien und zündeln so viel lauter und die Medien kotzen mich nur noch an – zum Glück bin ich abends so hundekaputt, dass ich kaum noch den Fernseher anschalte.
        Jetzt gehe ich mir gleich beim Orthopäden eine Spritze abholen – ich hoffe, die hilft. – Da ich für den „Besuchssamstag“ die Wohnung weitestgehend besucherfreundlich haben will, schleppe ich immer mehr zum Abfall oder in den Keller, als mir gut tut. – Schadet meinem Gelenk gar nichts, hätte sich ja eine andere Trägerin aussuchen können!!!!

      • karfunkelfee sagt:

        Pass schön auf Dich auf, Du…
        Es muss nicht perfekt sein. Deine Besucher sollten das wissen und anerkennen.
        Ich weiß…bin auch so…möchte immer alles ’schön‘ und ‚vorzeigbar‘ haben, wenn Gäste kommen. Doch die Gesundheit geht vor. Oda?

        Zum Ausländerthema:
        Ich lese Nachrichten. Manchmal regen sie mich auf. Oft sogar. Wenn wieder mal ein Einzelfall herausgegriffen wird, der dann sinnbildlich zum Prädedenzfall hochstilisiert wird. Hauptsache, das Volk hat Brot, Spiele und sein Löwenopfer. Ich halte den Kurs und denke überhaupt nicht daran, zu resignieren. Wenn mir die Luft auszugehen droht, blicke ich mich um zu denen, die für etwas Gutes kämpfen und sich engagieren. Die machen mir dann wieder Mut und vertreiben die Resignation aus meiner Denke, die Medien und schlechte Nachrichten zeitweise genauso anrichten wie bei Dir.

        Halt die Ohren steif,
        Drüxxx von Stefanie✨

  4. akpancho sagt:

    Liebe Stefanie, ich danke Dir für diese Geschichte die mir sehr unter die Haut ging.Du schreibst so realistisch das ich Samira vor mir sehe.Und ihren Mut bewundere. Rassistische Gedanken sind so weit verbreitet,ich weiß nicht warum Menschen denken sie sind etwas besseres.Helfen würde vielleicht schon wenn jeder in seinem Umfeld dazu Stellung beziehen würde.Viel zu viele nicken irgendwelche Stammtisch-Nazi-Parolen einfach ab ohne sich darüber Gedanken zu machen.Und merken nicht das sie sich damit mit denen in eine Reihe stellen.
    Es gibt so viele Tanja`s.Sagen wir`s ihnen das es anders ist.
    Einen schönen Samstagnachmittag für Dich liebe Stefanie.
    Liebe Grüße, Andreas

    • karfunkelfee sagt:

      Diesen Satz möchte ich herausgreifen:
      ‚Warum denken Menschen, sie seien etwas Besseres?‘
      Ich sende ihn in ALLE Richtungen und in ALLE Ohren.
      Jeder, In- und auch Ausländer (auch die integrierten) sollten dazu Stellung beziehen. Denn niemand ist davon auszuschließen.
      Stammtischparolen gibt es überall, sie verbreiten Vorurteile und dienen als Rammbock.
      Und ganz wichtig:
      Dass es genügend Leute auf allen Seiten gibt, die diesen etwas entgegensetzen und die gewillt sind, aufeinander zuzugehen und miteinander zu sprechen.
      Davon wünsche ich mir viele.
      Samira ist stark, weil ihre Freunde und andere Menschen an sie glauben und ihr den Rücken stärken.
      Sie stehen hinter und zu ihr.
      Durch Zusammenhalt können Menschen wie Tanja entkräftet werden, Stammtischparolen widerlegt und das Bewusstsein geweitet werden.
      Es ist eine Kraftdemonstration auf eine gewaltfreie Art und Weise.
      Danke für Deinen gedankenvollen Kommentar!
      Liebe Grüße zurück,
      Stefanie✨

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