Die Brücke

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Sie sitzen auf dem Brückengeländer, unter ihnen mäandert der kleine Bach träge vor sich hin. Der Sommer hat noch einen weiteren warmen Tag verschenkt. Sie lassen die Füße im Wasser baumeln. Ey, Marvin, hier, schau dir das mal an. Der ältere der beiden mit einem Schopf weißblonder Haare, hält seinem Freund das Handy vor die Nase: Ey, ich glaube es einfach nicht, sieh doch mal! Ist das wohl echt? Das hat einer meiner Facebook-Freunde gepostet, gerade eben. Der dünne große Junge mit den braunen Haaren starrt auf das ihm vor die Nase gehaltene Handy-Display, sieht dann seinen Freund an: Das ist doch ein Fake, oder? Der andere schüttelt den Kopf und bewegt leicht die Füße im Wasser. Schaut in das Sonnenlicht, das in den Bäumen spielt. Ich weiß nicht. Es ist in Syrien aufgenommen worden. Angeblich. Ich glaub nicht, dass es gefaked ist. Es muss echt sein. Gib mal her, das Ding. Ich will mir das mal näher ansehen. Der schlaksige Junge nimmt seinem Freund das Handy ab und zoomt das Bild größer. Sein langer Körper gerät unter Spannung, angestrengt versucht er mehr Details auf dem kleinen Bild im Display zu erkennen. Ey, Leon, was ist das für eine kranke Scheiße, sag an? Leon, ungefähr siebzehn Jahre alt, schaut in das Wasser des Baches. Und wenn schon. Ist doch bloß ein Facebook-Post. Ich glaube da längst nicht alles, was meine Freunde posten. Das sieht doch gestellt aus, oder? Marvin zoomt das Bild noch größer und hält es dicht vor seine Augen. Ey, Mann, das ist echt! Die sind alle tot! Die haben die alle aneinander aufgehängt. Schau mal! Wie Schweine haben sie die aufgehängt! An dieser Brücke da! Sieh doch mal genauer hin! Das ist echt, Mensch Alter, das ist völlig krank! Die Jungs da, sind doch höchstens mal acht oder neun Jahre alt! Die Frau sieht tot aus! Die sehen alle tot aus! Ey, was hast Du für Facebook-Freunde, Alter? Das geht doch mal gar nicht, oder?
Leon nimmt die Füße aus dem Wasser und verändert seine Sitzposition so, dass er nun rittlings auf dem Brückengeländer der kleinen hölzernen Brücke sitzt, die den Bach überspannt. Es ist heiß, über dreißig Grad. Auf den Armen der beiden Jungen perlt Schweiß. Komm, gib es mir wieder, lass mal sehen, Mann. Marvin reicht das Handy an seinen Freund zurück. Es ist ein wenig feucht, vom Anfassen. Nachdenklich schaut er auf den Gehweg mit den Spaziergängern. Ein alter Mann mit einem Pudel spaziert langsam den Weg entlang und etwas weiter vorn laufen zwei dunkelhaarige junge Mädchen, die sich an den Händen halten. Sie unterhalten sich während sie in Richtung Stadtzentrum durch den Park weitergehen. Als die Spaziergänger außer Sichtweite sind, wird es wieder still. Vereinzelt rufen Vögel in die Sommerwärme. Das ist ein geteilter Beitrag, warte mal, hier steht: von Estebàn Velazquez. Wer immer das auch sein mag. Und der hat ihn auch wieder geteilt. Ich hab ihn von Daniel Wagner. Das ist ein um hundert Ecken entfernter Verwandter meiner Sippe. So ein christlich Angehauchter, du verstehst? Der postet immer so komische Sachen. Von der Kirche und so Glaubensscheiße, Gebete und Kerzen, solche Sachen. Seltsamer Vogel. Manchmal postet er auch so Niedlich-Bilder, kennst du die? Marvin grinst schief: du meinst zahnende süßkitschige Rammel-Karnickelchen und solche Sachen? Spielende Kitzekätzchen und Kuschelhundis? Sowas? Leon prustet vor Lachen: Ja, Mann, genau! Solche Sachen eben. Du scheinst ihn zu kennen! Doch manchmal postet er halt auch solche Sachen wie das hier. Bilder von toten Embyos, misshandelte Tiere und lauter solche perverse kranke Scheiße eben. Da wird mir manchmal richtig schlecht von. Warte mal, was hat er da drüber geschrieben, hier lies mal: Dies Verbrechen an syrische Mutter mit zwei Kindern, hingerichtet, weil Christenglauben waren. Dies zurückführen auf Milizen islamistischen Radikal. Authentischen Bilder. Boah, Marvin, dieser Übersetzer macht mich fertig! Da ist lauter Spanisch zwischen, ich kann kein Spanisch! Und darunter ist Arabisch, das ist noch krauser!
Marvin hat die Füße aus dem Bach gezogen und lehnt am Geländer der Brücke. Er hat seine Stirn in nachdenkliche Falten gelegt und einen Finger an sein Kinn. Leon, wenn dieses Bild echt ist…schau doch mal bitte, wer das ursprünglich gepostet hat? Leon blickt angestrengt auf das Display seines Handys: Warte mal, hier, glaube ich, das ist der Autor: Azmi Dakhil Al-Assad. Ey, Marvin, der hat da gestanden und sich diese Leichen angesehen und ein Bild davon geschossen Irgendwie unheimlich, was da abgeht, oder? Ich meine, die wurden ermordet und da aufgehängt, weil sie Christen waren. Ich kriege echt Gänsehaut, Mann. Was geht da bloß ab in Syrien?
Gib das Ding nochmal her, Leon. Ich möchte mir das da nochmal genauer ansehen! Marvin streckt fordernd die Hand nach Leons Handy aus.
Ey, Marvin, bist du krank oder sensationsgeil oder was? Ich will das disliken. Daumen runter. Sowas geht gar nicht! Und den Daniel nehme ich aus meiner Freundesliste raus. Ich will von diesem kranken Arschloch nichts mehr sehen oder lesen! Er reicht Marvin jedoch das Handy hinüber und sieht ihn fragend an. Marvin betrachtet noch einmal das Bild und wendet sich dann seinem Freund zu: Auf der anderen Seite ist es aber doch auch wichtig, dass so etwas gezeigt wird, oder? Wir wohnen hier so sicher in Deutschland und wir haben es mit einer Menge Rechtsradikaler zu tun. In letzter Zeit konnte ich auf dem Schulhof rechte Parolen hören. Der Ausländerhass wegen der ganzen Flüchtlinge hat echt zugenommen. Vielleicht helfen solche Bilder ja oder bewirken etwas Gutes? Ich meine, Ahmed aus unserer Klasse ist letztens von ein paar anderen Jungs verprügelt worden, weil er denen sagte, sie sollen ihr rassistisches Maul halten und aufhören, ihre Parolen gegen seine Landsleute zu brüllen. Da haben sie ihn sich hergenommen. Die wissen doch gar nicht, was in Ländern wie Syrien, dem Libanon und im Irak abgeht mit den IS-Milizen! Ich finde solche Posts gut und wichtig.
Nein, Marvin, Alter! Das geht gar nicht! Solche Bilder bewirken doch nichts, außer dass sie diejenigen schocken, die sowieso dagegen sind. Ich find die grenzwertig. Werde das meinem Vater zeigen. Der soll da mal was zu sagen. Das sind echte Tote, Mann! Die haben doch auch eine Würde, oder? Statt die abzuschneiden und anständig zu begraben, halten die lieber ihre Kamera drauf, das ist doch irgendwie völlig pervers, oder? Ey, das brauche ich nicht, wirklich nicht!
Ich meine, dass es wichtig ist. Aufklärung und so. Auf jeden Fall! Aber so? Auf solche Weise? So Tote haben doch auch eine Würde, oder? Die wird ihnen doch genommen, wenn man die so abknipst und dann im Netz verbreitet. Das ist doch, als würde man die nochmal umbringen. Schlimm, dass die gestorben sind, ja. Doch ich finde das irgendwie völlig krank, wenn man dann die Leichen fotografiert und jedem ihre Gesichter zeigt.
Marvin schaltet das Handy aus. Okay, Leon, ich glaube, ich weiß schon, was du meinst. Ich stimme dir zu. Doch Aufklärung ist auch wichtig! Komm, wir gehen mal. Die beiden Jungen ziehen sich die Schuhe an, die sie ins Wiesengras geworfen haben. Wollen wir zur Eisdiele? Okay, gute Idee, Marvin. Gehen wir.

Was machst du heute Abend, Alter? Wollen wir zocken oder skypen? Marvin kickt einen Tannenzapfen vor sich her. Leon ist unschlüssig. Weiß noch nicht. Da ist eine Demo in der City. Will vielleicht mal dahin. Ist eine muslimische Kundgebung gegen Rechts, Nazis und so. Marvin verzieht zweifelnd und missbilligend sein Gesicht: Pah! Als würden die damit etwas erreichen! Parolen gegen Parolen brüllen, was? Terror gegen Terror! Ich meine, was soll das denn bringen? Das ist doch ein gegenseitiges Treten gegen Schienbeine und weiter nichts. Wie zur Bestätigung tritt er noch einmal kräftig gegen den Tannenzapfen, der gegen einen Baum fliegt und einen leisen Knall erzeugt als er vom Stamm abprallt und auf den Boden fällt. Was würdest du denn tun? fragt Leon seinen Freund. Marvin streicht sich gedankenverloren eine widerspenstige braune Locke aus der Stirn. Ey, was hältst du davon, wenn wir Ahmed besuchen? Seine Mutter macht diesen Bulgur-Salat. Da steh ich voll drauf. Und ich sehe seine Schwester Sarife wieder, die ist echt hübsch, Mann. Leon lacht los: Sag bloß, du stehst auf die? Eine leichte Röte überzieht Marvins Gesicht. Ja, ich find die halt nett. Sie hat gute Ansichten. Ey, pass bloß auf, was du sagst, Alter!
Schon gut, Mann. Sie ist eine Hübsche, aber vergiss nicht: sie ist eine Muslimin, du musst vorsichtig sein, die sehen das gar nicht gern, wenn sich ein deutscher Junge in eine von denen verknallt. Marvin hat sich einen neuen Tannenzapfen gesucht und kickt diesen in das nächste Gebüsch. Laut raschelnd flüchtet ein kleines Tier durch das Untergehölz.
Ich weiß, Kumpel. Ich pass schon auf, dass ich keinen Ärger bekomme. Ahmeds Familie ist echt streng. Was ist, kommst du mit? Leon überlegt, bewegt unschlüssig den Kopf hin und her. Los, ruf Ahmed an und frag, ob er Zeit hat. Ich komme mit. Marvin, meinst du es wäre gut, mal mit Ahmed über diesen Facebook-Post zu sprechen? Oder das seiner Familie zu zeigen? Die sind doch Syrer!
Ich weiß nicht, Leon. Vielleicht wäre es gut. Frag doch mal deinen Vater, was der dazu meint. Ich meine, die sollten wissen, was für Bilder bei Facebook verbreitet werden. Damit sie vorbereitet sind, oder so.
Leon bleibt stehen: Vorbereitet? Er runzelt die Stirn. Was meinst du mit „vorbereitet“?
Marvin bückt sich und hebt einen der länglichen Kiefernzapfen auf, dreht ihn in der Hand und betrachtet ihn. Na, wegen des Bildes von der toten erhängten Familie. Das schürt doch auch wieder Hass gegen Muslime, oder? Gegen den Islam und so. Gewalt gegen Gewalt. So erscheint mir das. Die Familie von Ahmed sollte wissen, was da bei Facebook verbreitet wird.
Ey, Marvin, jetzt mach mal halblang! Das sind einfach Muslime, das sind doch keine Radikalen!
Nee, Leon, das nicht, aber die Radikalen sind auch Muslime und das ist das eigentliche Schlimme an der Sache. Oder glaubst du, die Christen, die sich solche Bilder reinziehen oder posten, machen da noch große Unterschiede? Schau dir bloß mal diese Hater-Kommentare an unter dem Bild. Und das sind Christen, die sowas schreiben: Murkst die Muslime alle ab. Die gehören alle abgeschossen. Ey, Mann, 115 Kommentare im O-Ton! Noch Fragen?
Die sehen was sie sehen wollen und hauen beim nächsten Muslimen, der ihnen über den Weg läuft drauf, das meine ich…ich halte solche Mord-Bilder für richtig gefährlich!
Das, wo es sowieso gerade hochkocht in unserem Land. Die haben eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf bei Hameln angezündet. Hat mein Vater mir erzählt. Da war noch eine Familie aus Simbabwe drin. Die konnten gerade noch entkommen…voll für’n Arsch, solche Aktionen, wenn du mich fragst! Daran siehst du doch, wie vernagelt Deutschland wirklich ist!
Echt, Mann? Habe ich noch gar nicht mitbekommen! Was geht ab hier und wo soll das noch hinführen?
Marvin lässt den Zapfen fallen und kickt ihn wieder vor sich her. Seine Miene ist ernst, er knetet, während er läuft seine Hände. Leon, der neben ihm herläuft streicht sich durch das weißblonde Haar und kratzt an einem Mückenstich an seinem Arm.
Also, was ist? will Marvin wissen. Wollen wir das Bild der toten syrischen Mutter mit ihren Kindern Ahmeds Vater zeigen? Mit ihnen reden, dass sie sich vorsehen sollen? Sie warnen?
Okay, überzeugt. Ich finde Ahmeds Vater etwas unheimlich, weil er immer so ernst aus der Wäsche schaut. Doch mich würde auch interessieren, was sie zu solchen Bildern sagen, was für eine Meinung sie haben. Außerdem willst du ja sowieso nur dahin, um Sarife wiederzusehen…
Leon grinst Marvin an.
Ey, Alter, wenn du jetzt noch einmal ihren Namen erwähnst, dann gibt das Ärger!
Ich tickere mal gerade Ahmed an, ob er Zeit hat.
Marvin holt sein Handy aus der Tasche und tippt eine kurze Nachricht auf What’s App an Ahmed.
Er steckt das Handy wieder ein und geht weiter mit Leon. Die Sonne spielt in den Blättern der Bäume, Schatten tanzen auf dem Weg. Die beiden Jungen schweigen, jeder ist in seine Gedanken vertieft.
Aus Marvins Hosentasche ertönt ein kurzes Pling.
Er zieht das Handy aus der Tasche.
Ey, Leon, das ist Ahmed. Er sagt, er hat Zeit.

——

10 thoughts on “Die Brücke

  1. wildgans sagt:

    Beim Lesen ging mir Vieles durch den Kopf!
    Und: wo soll das noch hinführen?
    Menschen können nicht in einem Wahnsinn leben! Wahnsinn, von denen geschaffen, die niemals Liebe gespürt haben…

    • karfunkelfee sagt:

      Wenn Dir diese Fragen beim Lesen durch den Kopf schossen, tut die Geschichte was sie tun soll:
      Den Motor anwerfen.
      Menschen leben in diesem Wahnsinn und sie kommen darin um.
      Es gar nicht genug Fragen geben, am besten welche, die nach Möglichkeiten suchen, zu helfen, zu vermitteln und am wichtigsten: endlich zu beginnen miteinander zu sprechen, nicht nur in Parolen zu denken oder Phrasen zu dreschen, sondern hinzusehen, eben wohin dies alles führt…
      Wo Fragen aufkommen, ist Interesse, wo Interesse ist, ist auch immer Hoffnung…
      Wo Ignoranz, Intoleranz und Gleichgültigkeit regieren, wurde die Liebe niedergestreckt und aufgegeben…

  2. Hier bei uns ist schon seit langem vieles nicht mehr in Ordnung mit Gefühlen und Mitgefühl, denn sie sonst könnten Leute oder Jugendliche Vergewaltigungen filmen und dann ins Netz stellen, Verkehrsunfälle filmen und so weiter. – Und jetzt hat diese Gefühllosigkeit eine andere Richtung bekommen – was für die Deutschen früher die Juden waren, sind jetzt alle Flüchtlinge und Asylsuchende – wenn nicht sogar alle Ausländer zusammen.
    „Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht“ … und denke ich am Tage an Hass und Wut und Mob, dann wird alles nur noch schlimmer.
    Ich glaube, ich muss langsam ins Bett!

    • karfunkelfee sagt:

      Darum sind Geschichten wichtig, die genau das thematisieren. Wir leben im Zeitalter der sozialen Plattformen und What’s App. Wir können es anprangern und bessere Zeiten beschwören, doch unsere Kinder wachsen damit auf, es ist für Sie selbstverständlich geworden. Wie alles andere auch haben diese Neuerungen neben den schlechten auch gute Seiten. Eine davon ist die unmittelbare Art und direkte Weise, Dinge schnell zu verbreiten und zu informieren. Schlecht, weil sich zu schnell und oberflächlich Meinungen gebildet werden und gut, weil sich genauso schnell Diskussionen in die Tiefe graben können, gegenläufige Strömungen entwickeln. Doch dafür muss das Bewusstsein geweckt und geschult werden. Und das zu tun, obliegt wieder den Älteren. Durch Ablehnung ist nichts gewonnen, Offenheit ist wichtig und manchmal fällt auch mir es schwer, bei solchen Unaussprechlichkeiten wie einem solchen Foto im Netz einen kühlen klaren Kopf zu bewahren…
      Also was mach ich mit meiner Wut?
      Ich schreibe eine Geschichte über zwei nachdenkliche Kinder, die einen kommunikativen offenen Weg einschlagen:
      Drüber reden, die Eltern informieren und Ahmeds Familie besuchen, sprechen miteinander…sich darüber klar werden, was da eigentlich passiert und wie mit Menschen und ihrem Schicksal umgegangen wird…
      Sensibel reagieren, um der Gefühllosigkeit etwas entgegenzusetzen…

      Ab ins Bett, Du Nachtkind, der Schönheitsschlaf braucht seine Zeit. Ich Klapp jetzt auch die Klüsen zu…
      Schlafschön…✨

      • Das „Nachtkind“ sitzt jetzt hier an der Kiste – von ausgeschlafen kann keine Rede sein.
        Das einzige, was ich als Bedenken bei solchen wunderbaren Geschichten habe: Diese Leute, die ihr Verhalten Fremden und Flüchtlingen gegenüber dringend überdenken und verändern sollten – die lesen solche Geschichten nicht. Und wenn, dann sind ihre Gedanken und Reaktionen andere als bei Menschen, die noch mit mitleidvollen Gefühlen ausgestattet sind.
        Mein Kopf und mein Herz sind schwer!

      • karfunkelfee sagt:

        Ich kann Dich verstehen. Freue mich über jeden, der mitliest, nicht wegschaut. Auch die Kinder bekommen das mit- wir sprechen drüber. Über den Hass, das Unverständnis, die Angst, die Vorurteile und auch über das Überfordertsein und auch darüber, dass Arroganz , Gedankenlosigkeit und Ablehnung nicht nur auf deutscher Seite zu finden sind. Dass es auch bei den anderen Vorurteile, Abgrenzung und Feindseligkeiten gibt.
        Auch das gehört mit dazu, auch dass es genügend Leute gibt, die sich schlicht weigern unsere Sprache lernen zu wollen oder unsere Gebräuche zu respektieren.
        Das gehört auch mit dazu. Gutmenschdenken, nein Danke! Wir leben alle zusammen auf einem Haufen und dieses Zusammenleben erfordert Arbeit, Toleranz und Offenheit und ein Aufeinanderzugehen von ALLEN Seiten.
        Manchmal werde ich darüber auch schwer und ernst…denke: Wozu das alles? Du bist eine einzige unter so vielen…
        Lass doch die Politiker machen…die haben studiert, werden dafür entlohnt.
        Doch dann kommt wieder dieser ewige Rebell in mir hoch und ich denke: wenn ich nun aber doch welche erreiche, meine Kleiderspenden ankommen, jemandem zuhören, einem jungen Mann in der Straßenbahn, der mir seine Geschichte erzählt mit Händen und Füßen, über Sprachprobleme klagt (Deutsch schwer!), doch dennoch guten Mutes bleibt, Arbeit zu finden…dann denke ich sofort wieder anders darüber und fange an zu hoffen, zu wünschen und schlimm unrealistisch zu werden, ja, geradezu furchtbar naiv und weltfremd und das ist mir alles scheißegal!!!
        Ich zieh mein Ding durch, so gut es geht und Geschichten schreiben, na ja…das ist eben mein Ding, das ich ganz gut kann.
        Ein Weg von vielen Wegen, eine Stimme von vielen.
        Guten Morgen wünsch ich Dir und einen frohgemuten leichten Kopf…✨

      • Liebe, liebe Fee – das Schlimme ist nur, dass der Mensch ein wenig Privatsphäre braucht, das bedeutet, Platz für sich. Und die ist momentan für die Angekommenen nicht im entferntesten gegeben. Und wir Deutschen regen uns dann noch darüber auf, dass so viel Agressivität und den Ankömmlingen herrscht – bei uns liegen die Nerven schon bei weitaus geringeren Sachen als einer lebensgefährlichen Flucht blank – ich glaube, bei uns gäbe es dann ganz andere Reaktionen, u.a. vielleicht Amokläufe. –

      • karfunkelfee sagt:

        Da wird auf hohem Niveau gejammert, ich stimme Dir zu!
        Das Jammern wird überall laut: beim Einkaufen, in der Schule, auf der Straße.
        Ich frage mich jeden Tag, wann wieder ein paar Parolenbrüller mit einer Geifermeute im Schlepptau die Gewaltlatte einen Mess-Strich tiefer hängen…
        Radikal wegschauen kann ich nicht, werde oft gefragt, angegangen, weil mich die Situation umtreibt, O-Ton: Hast Du keine eigenen Probleme, dass Du Dir einen Kopf über die Probleme der Welt machst?
        Immer mal wieder. Ich kann ignorieren und wie! Das ist meine leichteste Übung! Vor allem aber kann ich Leute ignorieren, die mir solche Fragen im O-Ton stellen. Da werde ich mit einem Mal ein richtig dickfelliger Elefant und obendrein stur wie ein Maulesel, maulfaul wie ein Faultier , behäbig wie ein Flusspferd und blind wie eine Fledermaus.
        Gestrig ein solches Gespräch geführt.
        Du siehst mich störrisch schweigen.
        Statt an Amokläufe will ich an Besseres denken, damit durch Angst und negative Denke Schlechtes nicht angezogen wird.
        Auch wenn Deine Sorge durchaus begründet ist und ein berechtigt düsterer Blick in die ungewisse Zukunft…

      • Liebe Fee, wenn ich die Nazizeit mit der furchtbaren Judenverfolgung, die im allerkleinsten anfing und sich zu solchen Hasstiraden steigerte, selbst erlebt hätte, ich wäre jetzt noch viel skeptischer. – Ich bin nur noch müde, kaputt und zerstreut – gerade suche ich wieder wie wild einen Einzelschlüssel von meiner Jetztwohnung, den ich gerade heute vom Sohn abgeholt habe. Er hat sich unauffindbar versteckt. – Ich bin ja auch schon Stammgast beim Heiligen Antonius. Wahrscheinlich habe ich ihn im Laden liegen gelassen.
        Gute Nacht!

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