Fuge 

 

In der Interzone  nasser Straße schleicht sich die Traurigkeit an, vermischt sich mit kaltem Wind, pfeift die Leichtigkeit des Sommers zur Räson. Das Denken ist ambulant, das Herz auf Intensiv, wird künstlich beatmet. Die Bilder im Kopf alle unter Wasser. Ersoffen, wie die schamlose Zurschaustellung kleiner Leichen. Respektlos wie in Phrasen gedroschene Beileidsbekundungen. Verzettelungen wollen den überforderten Eindruck in die Schranken koordinieren. Binäre Sehnsüchte sind Monotropfen in den Kadenzen einer Regenfuge. Die Erschöpfung ist durch zu viel Massives in der letzten Zeit groß gewachsen. Wo ist nur der Körper geblieben? Der Verstand fordert die Narrenkappe und Kapriolen, um die zusammengebrochene Seele wieder aufzurichten. Doch das Herz verweigert sich dem unbedarften Hedonismus vergangener Jahre und weint in dieser Karenzzeit, fleht nach dem Charme eines Zauberspruches, wie kein Gebet, keine noch so optimistische Rede eines Menschen sein könnte. Das Schweigen ist pandemisch, sogar den Mut hat es infiziert mit Verzicht. Das Denken sitzt in der Quarantäne des Körperkastells bei Wasser und trocken Brot. Kohortative Ideen setzen sich den allgegenwärtigen Hasstiraden entgegen um einem Kollaps entgegenzuwirken, der eine Lähmung nach sich ziehen könnte, die flächendeckend alle Bewegungen schockgefriert, noch lange bevor der Winter über das Land kommt. Kongruierend auch die verschütteten Ruinengefühle, Trümmerfelder, Kriegsgedanken, wie sie schwärzer nicht sein könnten. Die Rufe nach Licht, nach Wärme unter der kumulativen Tristesse des ausgedehnten Tiefdruckgebietes werden lauter, der Kopf ist weh, die Glieder schmerzen fiebrig unter Gänsehaut. Alle Wege scheinen verbaut oder führen nirgendwohin. Wie weit noch reichen die föderalen Fragen als optimistische Kraftnahrung? Glaziale Zeiten stehen bevor, kalt zersplittert der Wind die mühsam erlernten Lemmata in höchst subjektive Annahmen. Die Unruhe hat einen molluskenhaften Charakter, ist lethargisch, umstreift die ermattete Kondition in hungrigen Schleifen, die sich immer enger ziehen. Die Matura fordert nachhaltig das Aufwachen und Begreifen des Bewusstseins, das derart erschöpft und leergerannt ist, dass es davon träumt bis zur entweltlichten Endgültigkeit eines letzten frigiden Augenblicks weiterzuschlafen. Bis zu einem weiteren dem Leben entliehenen Tag.

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6 thoughts on “Fuge 

  1. „Das Schweigen ist pandemisch, sogar den Mut hat es infiziert mit Verzicht“, man sieht das Gute am Entgleisen: das Denken kommt von den Schienen runter.
    Wenn die Käthe eine Sprachimpressionistin ist, dann bist du eine Expressionistin, und zwar vom Feinsten.
    Gruß von neben den Geleisen,

    Michael

    • karfunkelfee sagt:

      Lieber Michael,
      Du hast trefflich erkannt, worum es mir ging: Raus aus den Gedankenschleifen. Manchmal ist eine komplette Auflösung bestehender Strukturen, auch derer des Denkens erforderlich, um neue Kraft und Ansätze aus dem so entstandenen Chaos zu entwickeln. Dann entgleisen Züge, weil die Schienen in die immer wieder zu gleiche eingefahrene Richtung führen, sie sich im immer wieder Darüberrollen zu stark abnutzten oder weil Hindernisse sie blockieren.
      Das Gute ist der Mut, dieses Chaos immer wieder zuzulassen, er erwächst aus der Trauer um das Entglittene und der Akzeptanz des unwiederbringlich Vergangenen.
      Vielleicht funken die ‚Käthe‘ und ich manchmal derart, weil wir im Ausdruck so schön gegensätzlich sind und im Eindruck voll verbunden?
      Es hebt sich auf das Schönste gegenseitig auf und erscheint mir wie eine Gleichung.
      Vom Feinsten.
      Und auch Dein wie so oft gedanken- und gehaltreicher Kommentar.
      Danke dafür!
      Viele liebe Grüße von
      Stefanie Karfunkelfee✨

  2. Heißkalt wird mir bei Ihren Worten und aufgesprungen bin ich am Ende und wie eine hungrige, eingesperrte Tigerin in der Stube gekreist…. Dann nochmal gelesen und in die Kommentare geschaut… Und mit einem Seufzen, als hätte mir jemand die blickeinengenden Gitterstäbe auseinandergebogen, bin ich nun doch wieder worterfüllt. Für einen Moment dachte ich, meine Silben wären mir nur noch gewöllig herauszukrächzen möglich. Krass und erschreckend. Wie das Entgleisen…

    Und danke an euch beide, ich lese staunend und dankbar, wie ihr mich seht. Das Bild einer Gleichung, liebste Karfunkelige, das hatte ich auch schon…
    Heute war ich mal wieder verwegen unterwegs, manchmal muß man die Wut in Lachen umlegen, ein gutes Gefühl, wenn es gelingt.
    Schönstsonntagsgrüße, Ihre Käthe.

    • karfunkelfee sagt:

      Gestatten, Liebste, ich musste einfach mal platzen…in all diesem mich Umgebenden bekam ich keine rechte Luft mehr zum Atmen. Das blöde Modderwetter und Herumgestürme tat sein Übriges hinzu, da wollte sich mein Herz, das alte Hopsding hinter den Worten verklausutürmen und tat Selbiges auch…
      Der Verstand arbeitet dann wie eine schützende Wand und wehrt alles Äußere ab.
      Jetzt habe ich wieder Luft, bin zwar sehr müde…(liegt am Wetter und mächtig viel Arbeit), doch was soll’s. Das schöne am Tiefdruck ist, dass er, so beständig und ausdauernd dauerhaft er auch manchmal tun mag und es sich gerade mal so richtig schön bequem machen will -er es ja doch nicht schafft zu bleiben und dann dem Hochdruckeinfluss wieder den Platz räumen muss. Wie tröstlich das zu wissen!🌞
      Manchmal kann es schön sein wo zu lesen oder zu hören wie wer wen wahrnimmt und sieht.
      Macht gute Laune und frischgefüllte Weggedanken für den nächsten Streckenabschnitt.
      Ich kann zwar keine Gleichungen herleiten wie ein studierter und versierter Mathematikus, doch ich mag das Wesen der Gleichungen – vor allem wenn sie am Ende aufgehen und schöne einprägsame Sätze bilden…
      Herbstsonntäglich stürmische Wildwaldgrüße,
      Ihre Karfunkelige✨

      • Ach, Sie Wildrauhwaldfeechen! Wie könnte ich Sie nicht mögen…
        Die Woche wird hochdrückig nach Spätsommerherzenslust, versprochen! Und nach Kübeley ist der Druck auch erträglicher und der Pustewind verjagt noch die dunkelsten Wolken, aber sowasvon.
        Immer die Ihre, zugetan, nochsowasvonniger.

      • karfunkelfee sagt:

        Ich nehm Sie beim Wort! Der Wald heute tat gut. Da ist, wenn schon nicht immer bei manch anderem, tröstlicher Verlass drauf. Ich habe dem Wind Ihre Grüße überbracht. Ariel zeigte sich schwer entzückt. Windgötter sind sehr empfänglich für zugetane Gedanken. Die Minispinnen könnten mildes Gepuste gut gebrauchen. Dauernd verheddern sie sich in meinem Lavendel. Ich erzählte denen etwas von Menschenwünschen. Wussten Sie, das Spinnenkinder lachen können? Freifliegen prusteten die und spuckten Seide was das Zeug hält…
        Das soll denen erst mal einer nachmachen….
        Wo war ich…?
        Es ist spät und Ihre Worte tun wohl.
        …das wollte ich sagen.
        ‚Nochwasvonniger‘ klingt wonnig!
        Ihre verwegenen Verse..na da hamSejawieder…aber das gehört woanderswohin.
        Von Herzen zugetane Grüße,
        die Ihrige Karfunkelige✨

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