Gesang der Säulen

Nachträglich zum internationalen Tag der deutschen Sprache am 12.9.2015:

  
In der
Architektur der Himmelsrichtungen
der Gesang der Säulen
ausgesparte Zwischenräume
tragen schwer
am zerfetzten Konstrukt Himmel
wie kam ich hierher?

auf abgeflammten Trampelpfaden
die Wegranddickichte
frisch ausgeschlüpfte Erinnerungen
an Tanzschritte

suche ich
in immer weiteren
Jahresringen
in Zwischendistanzen
einen exakten
Parallelabstand
um das Nest
in der Mitte
heile heile
eine Weile Be-Bop…
die Bäume glühen


ich habe mich abgeschnallt
fliege immer noch
im Maschendraht der Sprache
fische Zeilen zwischen
Zaungrenzen
ein namenloser Pennäler
will mal wieder
das Fegefeuer schwänzen
war ich auf einmal da

mitten ins Leben gerotzt
wusch wie Schmutzteller
Liebe von mir ab
hatte alles verziehen
alles vergeben
nichts mehr da
fange noch einmal
im Satz an
wie war der Schritt
welcher Fuß
wer kommt mit?
ich bitt…

abwesend
beim Hinausgehen
im Zeitrafferstil
die Mythologien
wuchernder Gewächse
wie brüchige Blätter
abgestreift

über all dem stinkenden Dreck
wuchern in klaren Nächten
diffuse Sternhaufen
der geschichtsträchtige Blick läuft
in ungebärdigen Herden darüber
Jazz will die Pflicht
Themen zu improvisieren


der Mond ist eine Kidney-Bohne
Mutter Sonne schüchtern
ich glaube ich…
bin zu nüchtern…


stecke meine Nase
tief in einen sonderbaren Traum
eine Empfindung von Wärme
plötzlicher Windstoß
lüftet den Staubmantel
zieht den Hut
sagt:
wirst es
trotz zu langer Gespräche
an deren Ende
sich von
den üblichen Verdächtigen
keiner mehr rührt
doch noch schaffen
alles wird gut…


die auswändig gelernte
wilde Schrift
verbrannte
zu mundtotem Rauch
nach dem Feuersturm
im Archipel meiner Unruhe
demütig
im Kniefall
die gleichgültigen Mönche
um Nachsicht gefragt
einer lächelte
der riss mir doch glatt
die Luft weg…

8 thoughts on “Gesang der Säulen

  1. autopict sagt:

    Hätte stückweise zu meinen Säulenfotos gepasst… nicht komplett klar.
    Oder umgekehrt, ein paar Fotos hätten gepasst. Nur für den Bohnenmond, da wirds schwierig.
    Schön wild.

  2. Ich habe das jetzt drei Tage lang gelesen, nicht am Stück, oh nein. Aber jeden Tag erlas ich andere Wortbilder. Und gebot mir ob dieser Vielfalt eigentlich die Nuhr’sche Mahnung. Die ich nun dennoch wegtippeditappe, weil ich unbedingt loswerden muß wie reich Ihre Wortbilder doch sind!
    Danke einmal mehr für diese frei zugängliche Buchstabenbibliothek, meine liebe Karfunkelige, Sie sind ziemlich bonfortionös! Säulenschwindeligschwankmachendziemlich!
    Windzerzauste Grüße über den überdräuten Kamm, Ihre Käthe, gen Dräuung zugeneigt.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Käthe,
      Sicherlich kennen Sie das auch:
      Von allen Seiten arbeitet was zu und auf einmal wird der Berg so furchtbar hoch, dass er kaum noch zu überblicken ist, der Tag zu wenig Stunden hat.
      Der Geist überfrachtet sich, der müde Körper wird mitgeschleift. Die letzten Wochenenden war ganz wenig Zeit innen schön stille zu sein oder bewegt in der Natur unterwegs, jetzt Samstag hat mich mein Cheffe schon wieder für den Vormittag verplant, zwischen Kinderkrakeel und Waschmaschinen noch ein Interview und Artikel schreiben.
      Alles Dinge, die ich sehr mag, doch im Augenblick drängelt es sich zu sehr und dann…wenn ich manchmal im Bett lieg und so gern schlafen will, komme ich nicht zur Ruhe, bis ich mich mit einem Gedicht beruhige, das die Überbilderung in den Säulenwäldern der Gedanken aus mir herausbringt oder ich zicke dialogisierend mit einem imaginären Gesprächspartner herum, damit ich innerlich runterfahren kann.
      Es wird wieder anders, wenn alle Artikel geschrieben sind, ich mich in Ruhe auf das Magazin freuen darf und voll konzentrieren kann auf ein Ding, seien es Kinder, Demos, ein Schreibprojekt, die geliebte Natur oder Sport, der mich herrlich frei macht.
      Dann schreibe ich wieder kleine Gedichte mit klaren strukturierten Gedanken, Ausdruck innerer Ruhe, Texte ohne Fluchtcharakter und Brandungswellen.
      Ich mag es, wenn die Worte hochgischten und wenn Texte wie Flut sind…doch sie sind, wenn sie so sind oft wie Überdruckventile. Genauso wie der Humor, hinter dem manchmal verborgen ein großer trauriger Ernst steht, ratlos den Kopf schüttelnd und ein Tränchen ins karierte Hemd drückend.
      Die zerrissene Lage in unserem Land, die vielen Hiobsbotschaften, all das kommt noch hinzu.
      Kein leichter Herbst dieser Tage.
      Ich lese Günter Grass, Heinrich Heine und Brecht und nicke manches Mal still.
      Auf dem Nachttisch die wunderbare Christine Busta und Eva Strittmatter, sie streicheln so schön, wenn wo wund.
      So wie Sie und danke für Ihre Worte, fand jedes zu mir hin und tat wohl.

      Herzlichste Grüße, umtriebig und leicht überdreht von zu wenig Schlaf,

      Ihre Karfunkelige ✨

      Für Sie:

      Verwandlung

      Unaufhaltsam
      wie aus dem Felsen
      der Wasserfall –
      stürz ich Dir zu.

      Deine geduldige Tiefe
      macht mich morgen
      zum See.
      (Christine Busta)

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