Haibun – Der Park im November

  

 Auf den langen gewundenen Wegen liegen verwirbelte Laubhaufen in glänzenden rotbraunen Schattierungen. Ich suche schwarze Schatten in der abendlichen Dämmerung. Es hat den ganzen Tag lang leicht geregnet. Mein Gesicht ist nass von feinem Wasserstaub. Als ich mir mit der Zunge über die Oberlippe streiche, schmecke ich noch das Salz auf meiner feuchten Haut. Nach drei Stunden Training im Studio schafft es der Regen immer noch nicht, es mir abzuwaschen. 

Rechts und links des Weges kleine waldige Abschnitte. Die Berge liegen verborgen unter Nebelmützen. Die Luft ist so lau, ich genieße die Stille im Park, den Regen und den Duft des nahen Waldes.

Die Bäume singend

ihr Lied tropft aus den Kronen

vor meine Füße

Eine Frau mit einem großen Hund undefinierbarer Rasse kommt mir entgegen. Das letzte Tageslicht spiegelt sich in ihren freundlich grüßenden Augen. Am Ende des Weges sehe ich den Sportplatz von gleißendem Flutlicht überschüttet. Ich schaue den wenigen Fußballern, die sich in der oberen linken Ecke versammelt haben eine Weile zu, lausche ihren jungen Stimmen und wünsche mir, dass sie nicht ausrutschen auf der nassen roten Asche.

Das große Spielfeld

in helles Licht getaucht

für so wenige Spieler

Ich löse mich aus der Betrachtung des Sportplatzes und gehe zügig weiter, überquere die Straße, auf der heute Abend kein Auto unterwegs ist. Es ist ein schönes Gefühl, durch den Regen zu laufen, sich überall am Körper warm zu fühlen. Einige Kinder mit Laternen kommen mir singend entgegen. Da fällt es mir ein: Heute ist Martinstag, Lichterfest! Die Eltern gehen ein Stück weiter hinten. Sie tragen brennende Fackeln. Ich gehe mitten durch die Gruppe hindurch und nehme etwas von ihnen mit mir. Eine Art Gemeinschaftsgefühl, das mich jedoch gleich wieder verlässt.

Laterne, Laterne

ich lief mit meinen Kindern 

oh, nun sind sie groß!

Der Spielplatz liegt behütet von der Dunkelheit. Der stille Weg windet sich zwischen den verlassenen Spielgeräten steil bergan. Dahinter erkenne ich die Umrisse der Grundschule. Es ist so dunkel geworden, dass ich die Hand vor Augen nicht mehr erkennen kann. Doch meine Füße finden den Weg auch ohne Beleuchtung. Er ist mir so vertraut wie mein Schatten. Bald werde ich zu Hause sein, freue mich darauf, die Füße hochlegen zu können, mit meinen Kindern zusammenzusitzen und später im Bett noch ein wenig lesen zu können. Mein Herz ist leicht und weich wie der milde Regen dieses Tages. Ich denke an die Menschen, die mir wichtig sind und wünsche ihnen gesund zu bleiben und denen, die es nicht sein können, es schnell wieder zu werden. Begegnungen kommen mir in den Sinn, die flüchtigen, die oberflächlichen und die, die für immer im Herzen bestehen bleiben. November ist ein ernster Monat und die Vergänglichkeit des späten Herbstes hat einen mahnenden Charakter, den Reichtum der Andersartigkeiten und das Geheimnis der Ähnlichkeiten, die Menschen miteinander verbindet, liebevoll zu bedenken. Manche bleiben, andere gehen und bleiben in der Erinnerung ein stiller Glanz. 

Sich so ähnlich sein

wie ein Herbstblatt dem anderen

welch ein großes Glück!
—-

Advertisements

23 Kommentare zu “Haibun – Der Park im November

  1. Arabella sagt:

    Ich möchte dir einen Antrag auf lebenslängliche Gemeinschaft machen.
    Du schreibst wunderbar, weil du es selbst bist.

  2. Arabella sagt:

    Lege dem Tee einen Ring bei.;-)

  3. Es ist als wäre ich mit. Es ist als wären deine Zeilen eine Selbstverständlichkeit in sich .
    Einfach groß liebe Fee ♥

    • karfunkelfee sagt:

      Das nächste Mal nehme ich Dich mit…dann malst Du anschließend ein japanisches Regenaquarell in die stille Parklandschaft – mit einem schillernden Eisvogel, so, wie der aus Deinem schönen Eintrag…
      Danke, liebe Mia…✨

      • Liebe Fee, ich finde das können wir im kommenden Jahr durchaus ins Auge fassen. Es wäre mir eine große Freude. Und Malsachen kommen selbstverständlich mit. Ich danke dir ! ♥

      • karfunkelfee sagt:

        Echt….? Hui…da freut sich jetzt aber die Teutoburger Bergziege…(und die Fee auch…💃✨🌞)

      • Joar, es wird mal Zeit sich da ein bisschen feenverdächtig umzuschauen 😀

      • karfunkelfee sagt:

        Ich lebe in einer mystischen Gegend….hier gibt es Zwergenhöhlen, ,Hünensauds, seltsame Steinbotschaften im Wald, Räuberburgen, unterirdische Gänge, Städte, die es gar nicht gibt, ein Kinderkönigreich, einen Puddingfabrikanten und…sogar eine Karfunkelfee! Du wirst aus dem Malen gar nicht mehr herauskommen. Hier schreit grade der seltsame Kauz überm Wald und dreht seine Nachtrunde, hat sich in Erinnerung gebracht. Der mag nicht, wenn ich ihn unerwähnt lasse…schuhuuu…uhuuu …😊

      • Du weißt das ich morgen losfahren könnte bei der Beschreibung, oder? 😀
        Ich muss also zu einer Zeit kommen, in der der Nebel ein fast alltäglicher Gast ist. ♥ Wunderbar !

      • karfunkelfee sagt:

        Dichter Nebel ist hier bei uns ein Ganzjahresgast, er schaut immer mal vorbei. Klar, im Frühjahr und Herbst kommt er häufiger vorbei und hängt in den Teuto-Bergen herum. Manchmal tagelang, bis mir auch die letzte verdichtungswürdige Gelassenheit flöten geht und ich nur noch herumfluche in der allgegenwärtigen Waschküche. Doch lohnenswert ist die Gegend hier immer, vor allem wenn man viel Wald und Natur mag. Wohnte ich woanders, würde ich das hier schon vermissen…also…freu Dich drauf. Ein Besuch der Räuberburg lohnt! Schau mal hier: https://www.bielefeld.de/de/ti/sehenswuerdigkeiten/sparrenburg/besuch/
        Die Führungen gehen im April wieder los. Doch sehenswert ist der Teuto ganzjährig.
        Moment mal…Mach ich hier grad lokalpatriotische Werbung für Bielefeld und den Teuto…?
        Ich glaub’s ja einfach nicht… ich will Provision!!!
        Uik…😂
        You’re welcome…✨

      • Deine Werbung ist wirklich von Erfolg gekrönt. Stolz kann ich verkünden, das es mir eine große Ehre sein wird, ab April meine Haxen gen Sparrenburg zu schwingen. Mit Wanderstiefeln beschuht, einen beblockten Rucksack dazu, mit Kompass, Feuerstein, Nadel und Faden bepackt, mach ich mich auf den Weg. Um mit der Fee die Feenwälder zu erklimmen . Wären Sie, gute Fee, mit noch besserem Kuchen gut provisioniert? 😀

      • karfunkelfee sagt:

        Meine Werbung ist einfach…stellt sich mich Dir einfach an die Seite.
        Bist du offen?
        Ich grinse sooo…wie das nur Feen können…ich Reim jetzt nix auf: Hoffen!!!
        😎

      • Hoffen
        Betroffen
        Versoffen
        Übertroffen
        Ersoffen
        och nö—-
        Grinsen und neben die Fee stellen reicht.
        Offen? Wofür denn ? 😀

      • karfunkelfee sagt:

        Gestern ersoff ich in einem akuten Anfall von Schreibbesessenheit. Das passiert mir manchmal. Dann bekommt das Schreiben an sich geradezu etwas Zwanghaftes und ich kloppe wie eine Verrückte in die Tasten, weil meine Gedanken herumtoben. Kennst Du sowas? Schlimm nur, wenn ich versuche, zwischendurch auch noch irgendwie auf Nebenstreckengleisen halbwegs schlüssige Kommentare zu schreiben, während der Zug mit dem zu schreibenden Text auf dem Hauptgleis in irrwitziger Geschwindigkeit in die Nacht donnert. Auf diese Weise schrieb ich früher manchmal nächtelang durch. Es hat etwas Wahnsinniges. Als ich eine Biographie über Franz Kafka las, war das wie ein Aha-Effekt: der kannte dieses seltsame Phänomen auch! Gestern standest Du neben mir und erlebtest jemanden, der ziemlich textgeklammert und fokussiert war. Glücklicherweise unterliege ich solchen akuten Anfällen von Schreibbesessenheit nur noch selten, bin schon ruhiger geworden und danke jedesmal meinem Schöpfer, dass ich ’nur‘ schreibwütig bin und nicht etwa fanatisch trommelwütig oder sowas…meine armen Nachbarn und Kinder hätten sonst sehr zu leiden. Gestern musste ich sehr lange mit meiner Tochter Französisch üben. Anschließend war ich dermaßen fertig, dass ich nur noch Befriedigung im Schreibwahnsinn einer Geschichte fand. So ist das manchmal mit mir. Nächsten Frühling, wenn Du kommst, bin ich schon wieder mit dem Rennrad unterwegs. Der Sport hilft mir sehr, den Freiheitsdrang auszutoben. Darum bin ich manchmal im Herbst zu unausgeglichen und ruhelos. Zu viel Energie und Gefühl. Sollte man meinen, die Arbeit würde das bremsen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Mit der Offenheit tu ich mich manchmal schwer, auch wenn dies anders zu sein scheint. Fluch und Segen einer kommunikativen Seele.
        Darum offen hoffen. Hat in meinem Fall selbstdisziplinarische Beweggründe.
        Was für ein langer Kommentar!
        Selbst erklärend.
        Nein, auch Dir erklärend, warum ich gestern einen abwesenden Eindruck hinterließ.
        Meine Kinder kennen das. Wenn die in solchen Situationen etwas von mir wollen, ziehen sie an meinem Zopf wie an einer Klingelschnur und zwar solange, bis ich ihnen zuhöre. Virtuell funktioniert das allerdings nicht so gut…
        Herzliche Morgengrüße (leicht übernächtigt)…✨

      • Meine liebe Fee, jedes Wort von dir lese ich gern und du bist eben eine wirkliche Schreiberin. Davon gibt es nicht sooo viele. Verzeih meine Kurzangebundenheit.
        Mein Kopf ist wirr, erschrocken, geschockt, traurig und versucht zu sortieren. Bald ein wenig wieder mehr meine Liebe.
        Den Umgang deiner Kids übrigens find ich gut 😉

      • karfunkelfee sagt:

        Geht mir ebenso, liebe Mia. Alle meine Gedanken sind in Frankreich…

      • karfunkelfee sagt:

        Ich freu mich auf Dich! Himmel, ich muss schon mal die Bude aufräumen und die Kinder hinter den Ohren waschen und Pläne machen und…überhaupt…
        …finde ich diese Aussicht, Dich hier zu begrüßen, dann auch noch im Frühling, wenn die Bäume blühen, einfach formidable!!!
        Hier gibt es so tolle Zeichenmotive und borstige Westfalen zum Karikieren…das wird ein Fest!
        …✨

  4. meertau sagt:

    ja…. der november ist ein ernster monat…… und jetzt bin ich ein bisschen mitgelaufen….bei ihnen….
    merci

  5. Einen „Antrag“ will ich dir zu so später Stunde nicht machen, meinen Besuch auch nicht ankündigen, aber sagen, dass ich auch mal gern an dem Zopf ein wenig liebevoll zupfen möchte, was ja nur passieren kann, wenn du leiblich vor mir stehst – egal wo, notfalls auch im nassen Novemberblätterbielefeld – frühlingswarmes Berlin wäre mir aber lieber.
    Und tschüss für heute!

    • karfunkelfee sagt:

      Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das klappen könnte. Müssen noch ein wenig geduldig sein…
      Der nächste Frühling kommt schon in fünf Monaten…
      Autsch, das tat weh…! Fünf…? Oh…das ist noch so lang hin…✨

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s