Pass gut auf Dich auf.

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Mit ihm fahre ich am liebsten Bus. Einmal kämpfte ich mit einem dieser Fahrkartenautomaten. Da half er mir, mit dem Ding zu kommunizieren. Musst Du machen so. Sagte er in seinem gebrochenen Deutsch und machte das ‚o‘ hinten ganz weit auf, wie es eben nur die Russen können. Immer wenn ich mit ihm fahre, sprechen wir ein paar Worte. Er ist in den Sechzigern, hat kaum noch Haare und hellwache Augen, die, während er den behäbigen Bus über die Buckelpiste am Hellweg lenkt wie ein altes Pferd mit Rheuma, unaufhörlich hin- und herflitzen, wie kleine emsige Tiere sind seine Augen. Es haben sich viele kleine Falten darum gebildet, ein filigranes Liniennetz. Falten um Augen kommt von zu vieles Zwinkern, fachsimpelte er einmal leicht verlegen, als er bemerkte, dass ich mir seine Augen genauer ansah und fixierte ernst und stur die Windschutzscheibe des Busses, als sei das Leben ein einziger Ernst. Ich merkte an, dass wache Augen ab einem gewissen Alter um ein paar lächerliche Lächelfalten nicht drumherumkämen, schließlich hätten sie viel zu lächeln über die Verrücktheiten dieser Welt. Das schien ihn zu versöhnen und er erzählte mir von seinem Schwager, damals in Ukraine, in russischer Sommer, groß, süß und heiß, versuchte kaputtes Auto zu reparieren und am Ende auf Heuwagen von Nachbar ins Dorf zurückkehren musste. Auto steht heute noch da, grinste er lakonisch. So ist das in Russland. Dinge haben Zeit, wenn kein Geld da. Da, oh ja. Er lächelte und seine hellen Augen falteten sich wie ein feiner Plisseestoff um sein Gesicht herum.
Heute hatte ich meinen ersten Tag im Fitness-Studio. Es regnete Bindfäden, es war Abend und das Rücklicht am Fahrrad war kaputt. Also beschloss ich dekadenterweise Bus zu fahren. Als ich an der Wendeschleife ankam, sah ich bereits, dass ich mit meinem russischen Busfahrer unterwegs sein würde. Er stand vor dem Bus und rauchte. Ich hatte meinen Sportrucksack auf dem Rücken geschultert, war schnell gelaufen und spürte die Hitze im Gesicht. Meinen langen Zopf hatte ich unter die Jacke gesteckt, damit er nicht völlig vom Regen durchnässt würde. Der Busfahrer erkannte mich schon von weitem, trat gerade seine Zigarette aus und winkte mir fröhlich zu. Als ich näher kam, deutete er auf meine Haare und fragte: Langen Zopf abgeschnitten? Bist Du sumasshedshiy…bekloppt? Ich lachte und zog den Zopf aus der Jacke, zeigte ihn ihm. Er freute sich und deutete auf den Bus: Einsteigen, bitte! Wo willst Du hin,? Um diese Zeit? Ich stieg ein und zückte mein Portemonnaie. Ich muss nicht weit, sagte ich. Nur ein paar Stationen. Es regnet so. Ich habe mir heute Busfahren erlaubt, fahre zum Sport. Da werde ich gleich noch genug nass… vom Schwitzen!
Er schüttelte den Kopf. Um diese Zeit, brummelte er, Sport! Was machst Du jetzt für Sport, Frau, zhena? Seine Augen musterten mich aufmerksam. Reha-Sport, lächelte ich. Ich hatte dieses Jahr einen schweren Unfall mit dem Rennrad. War schlimm. Zähne raus, Haut überall ab, Prellungen. Rücken hat was abbekommen. Vorher mache ich was für die Ausdauer. Weil ich mit dem Renner nicht rauskann.
Was fährst Du für einen Renner? Fragte er. Ich suchte in meinem Handy nach einem Bild. vom Rennrad. Hier! Ich zeigte ihm ein Foto meines Rennrades im Sommer, vorm hohen Korn. Voller Stolz. Es hat nichts abbekommen bei dem Unfall! Ich begeisterte mich.
Da runzelte er die Stirn und schaute mich böse an: Du! Sagte er. Du! Hast was abbekommen. Du bist schlimmer als ein Cowboy, weißt Du das? Die sterben für ihre Gäule! Da wurde ich verlegen. Ja, sagte ich, Cowboys sind wohl so.
Mit Rücken ist nicht gut spaßen, sagte er und startete den Bus, der um die Kurve rumpelte und auf die Buckelpiste fuhr, die diese Straße war, voller Schlaglöcher, in denen jetzt das Wasser stand. Wir waren allein im Bus, noch war niemand zugestiegen. Ich zückte mein Portemonnaie: Muss noch ein Ticket kaufen. Der russische Busfahrer steuerte den Bus geschickt um ein fettes Schlagloch herum und winkte ab, die Augen konzentriert auf die dunkle Fahrbahn gerichtet. Papperlapapp!, sagte er. Wenn Du mit mir fährst, fährst Du umsonst. Sag ich Dir jetzt mal! Leben ist teuer genug!
Ich krallte mich an der Haltestange fest und dann erzählte er mir von seinem Großvater. Draußen flohen vor der spiegelnden Windschutzscheibe die Mittelstriche auf der Straße, der Regen strichelte an die Busfenster.
Hat nicht gut aufgepasst. Wollte Baumstamm ausgraben und dachte, er sei ein Bär. Zog und ruckte solange, bis es unten krachte. In seinem Rücken. Da war was gebrochen! Der Doktor vom Dorf kam, schaute. Dann hat er Gerüst gebaut mit Riemen. So, wie für Pferde, wenn sie Beine brechen. Kennst Du?
Der Bus hopste über ein weiteres Schlagloch und stoppte an der Haltestelle am Waldrand. Ein älterer Mann mit weißen Haaren, einem Stoffbeutel am Arm und ein junges Mädchen mit Kopfhörern stiegen hinzu. Salyut Stanislaw, kak dela? ,fragte der ältere Mann auf Russisch und der Busfahrer wechselte ein paar schnelle freundliche Worte mit ihm. Dann suchte er sich einen Sitzplatz drei Sätze hinter dem jungen Mädchen, das ausdruckslos, mit gesenktem Kopf mit dunkelrot lackierten Fingernägeln auf das Display des Handys einhackte, das sie aus der Tasche ihres Mantels gezogen hatte. Der Bus ruckte an und das Mädchen schaukelte leicht vor und wieder zurück. Der Busfahrer wandte sich mir wieder zu. Er hat Gerüst wie für kranke Pferde gebaut, nur nicht senkrecht, vy ponymayete, verstehst Du? Sondern waagerecht. Wie ein Bettgestell mit Lederriemen. Er wurde darin festgeschnallt. Mein Großvater. Dort drin hing er dann völlig unbeweglich. Für drei lange Monate! Wurde gefüttert, saubergemacht, wenn musste. Kannst Du Dir vorstellen das bei stolze starke Mann?
Der Bus war beim Sportzentrum angekommen. Alles hell erleuchtet. Niemand stieg zu. Ja, sagte ich, ich kann mir das vorstellen. Heute legen sie Menschen mit gebrochenen Rücken in Gipswannen und fixieren sie. Doch der Arzt dieses Dorfes war klug. Damals gab es noch keine Gipswannen. Hat sich Dein Großvater erholt?
Der Bus schlingerte um eine Kurve und lud an der nächsten Haltestelle weitere Fahrgäste ein: Eine dicke Frau um die Siebzig mit fettigen grauen Haaren, einen schlaksigen hochaufgeschossenen Jungen mit lauter Pickeln im Gesicht, ein Pärchen, das sich knutschend auf den hintersten Sitz verzog. Ein kleiner Audi zog aus einer Parklücke, hatte den Bus nicht gesehen. Vor den Scheiben die Dunkelheit, nur hektische rote Bremslichter, als der Bus hupte und der Audi abrupt abbremste. Der Kopf des Mädchens mit dem Handy ruckte nach vorn, der weißhaarige ältere Mann hielt sich schnell an einer Haltestange fest, als der Bus einen Schlenker machte und um das aus der Parklücke herausragende Heck des Audis herum lavierte. Der russische Busfahrer schaute mich aus wachen Augen zwinkernd an: Da, Großvater hat sich erholt. Doch wurde er nie wieder wie vorher, bevor das passierte. Hatte Angst bekommen vor dem Leben. Hatte geglaubt, er sei ein Bär. Er wurde ernst und gab Gas mit dem Bus, der über die laubbedeckten Straßen holperte.
Ich dachte nach. Dann erzählte ich ihm, wie ich nach dem Unfall wieder auf das Rennrad stieg. Erst sehr unsicher und ängstlich. Dann, wie ich über die Rennradforen im Internet jemanden fand, der mit mir zusammen Touren fährt, mir die Sicherheit zurückgibt. Ich habe die Angst besiegt, sagte ich ihm. Mir hat ein Freund gewaltig dabei geholfen, ich habe nach ihm gesucht. Wer half Deinem Großvater die Angst zu besiegen? Der Busfahrer überlegte und wir waren beinahe an der Haltestelle angekommen, an der ich auszusteigen hatte. Er fuhr rechts in die Haltestellenbucht, überlegte und seine kahle Stirn legte sich in Dackelfalten: babushka war tot, doch die Leute aus dem Dorf kümmerten sich um ded. Er konnte sich wieder bewegen. Doch nikogda, wie sagst du?… niemals lief mehr weit. Hatte zu viel Angst. Da war noch was übrig geblieben. Da war was nicht richtig zusammen gewachsen.
Ich schulterte meinen Rucksack. Lässt Du mich auch hier vorn raus? Fragte ich und ging zur Fahrertür, die nur Fahrgästen zum Einstieg geöffnet wird. Darf ich hier raus?
Er sah mich an mit einem langen Blick aus den hellen Augen mit den vielen Lächelfalten und zog an meinem langen geflochtenen Zopf, der mir über die Schulter hing, fragte: Mogul li ya? (darf ich?)
Zabot’tes‘ o sebe, sagte er. Ich fragte: Was heißt das?
Er antwortete: Pass gut auf Dich auf!

——

19 thoughts on “Pass gut auf Dich auf.

  1. finbarsgift sagt:

    Wie schön, mitten aus dem Leben heraus geschrieben, du und der Russe und der Busfahrer, dein schwerer Radunfall, Erinnerungen daran, ja, pass gut auf dich auf, das rufe auch ich dir aus dem wilden Süden laut und deutlich zu,
    dein Freund Lu!

    • karfunkelfee sagt:

      Lieber Lu, Du weißt ja, wie das mit manchen Erfahrungen ist: man macht sie und dann braucht es Zeit, um sie zu verarbeiten und Lehren daraus zu ziehen. Ich bemühe mich darum, auch aus schlechten Erfahrungen, einen positiven Gewinn zu generieren. Sei es eine Geschichte über einen besonderen Busfahrer oder die Tatsache, dass das Leben auch wild und spannend sein kann wenn man gut auf sich aufpasst sowie das schöne Gefühl, dass andere an Dich denken. Es hinterlässt hohen Lebenswert, findest Du nicht auch…?
      Liebe Grüße aus dem wilden Ostwestfalen von Deiner Feenfreundin✨

  2. Arabella sagt:

    Der Russe sollte dich beim Rad fahren begleiten.
    Du Sausewind.
    So schlimm gestürzt und hoffentlich bald wieder ganz genesen.
    Ganz tiefe Wünsche und beste Grüße an dich.<3

    • karfunkelfee sagt:

      Beim Rennradeln begleitet mich der Sportkumpel. Er ist ein erfahrener Rennradler und sehr umsichtig. Dies ist der tiefere Sinn der Geschichte: Gerade dann, wenn man etwas Schlimmes erlebt hat, ist es wichtig, die Angst zu überwinden und neu zu beginnen. Rennradfahren ist kein ungefährlicher Sport! Ich hoffe, ich habe gut gelernt aus dem, was mir passiert ist und zu zweit fährt man sicherer als allein!
      Vielen lieben Dank für Deine Wünsche, sie werden mich gut behüten!
      Liebe Grüße ins Wochenende✨

  3. Arabella sagt:

    Der Russe sollte dich ständig begleiten.
    Und ..ein Glück, dass der Zopf noch dran ist.
    Dein Sturz tut mir mit weh.
    Ich wünsche baldigste, vollständige Genesung und drück dich ganz fest

  4. Liebe Karfunkelfee, du schreibst wunderschön.

    • karfunkelfee sagt:

      Was für ein wunderschönes Kompliment, ich danke Dir herzlich!
      Eben las ich den Text nochmal. Ein paar Kleinigkeiten muss ich noch verbessern. Wortdoppelungen und das Russische hätte ich gern kursiv….also ist der Text noch nicht ganz feingeschliffen. Und gerade deswegen freue ich mich noch mehr über Deine Worte.
      Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, Madame. ✨

  5. Das ist ja eine Geschichte, wie sie das Leben nicht schöner schreiben könnte. Da ist so viel von dir drin und von Menschen aus anderen Ländern, wie sie sich bei uns eingelebt haben und dennoch mit ihrem Herzen noch in ihrer Heimat sind.
    Ich sage auch: „Pass gut auf dich auf, wenn es niemand anderes macht, denn dein Ghost will immer mit dir durchgehen😉 “
    Die Nacht-Clara grüßt mit kleinen Augen!

    • karfunkelfee sagt:

      Manche Geschichten schreibt das Leben sogar sehr schön. Vielleicht schreibe ich sie deshalb so gern auf. Damit setze ich dem allgegenwärtigen Schrecken etwas entgegen. Vielleicht möchte ich gern zeigen, dass Integration kein Fremdwort bleiben muss, sondern dass es auch vertraut werden kann wie eine andere Sprache. Die Voraussetzung für Verständnis ist die Lernbereitschaft.
      Mein Ghost staubt zu! Furchtbar! Ich schau mir dauernd Frühlingsbilder an, um mich über diese Moddermatschzeit hinwegzutrösten. Ich bleib dabei: Dem Herbst und Winter kann ich nix abgewinnen! Immer muss man sich überall bedecken, einwickeln und in Räumen vor diesem Schietwetter verstecken. Da ich anscheinend wechselwarmes Alligatorenblut in den Adern habe (welcher meiner Verwandten hat mir DAS bloß vererbt…???) drehe ich nicht durch, keine Sorge! Ich muss mich zu Bewegung zwingen! Vielleicht sollte ich mich vollfressen und in der hiesigen Zwergenhöhle den Winter einfach verschlafen. Ach, ja…mal wieder richtig durchdrehen…mit dem Ghost…Sehnsucht lass nach!😊✨

  6. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein toller Text, liebe Fee. Dein Busfahrer ist ein besonderer Mann, der diesen augenzwinkernden Humor der Russen hat und so viel Gemüt, daß wir fast neidisch werden könnten *lächel*

    Fast fünfzehn Jahre arbeitete ich mit Weißrussen zusammen, die mehr oder weniger gut Deutsch spachen und alle waren sie mir sehr ans Herz gewachsen… und ihre Gemütstiefe überraschte mich immer wieder.

    Herzliche Grüße an Dich von mir, liebe Fee

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Bruni, wie üblich greifst Du Dir genau das heraus, was ich im Kern gern herausarbeiten wollte und beschreibst eine sehr sympathische Mentalität. Gemütstiefe trifft es genau. Danke für Deine wie immer klugen Worte…
      Ganz liebe Grüße auch zu Dir…von Deiner Fee✨

      • bruni8wortbehagen sagt:

        *g*, *meine* Männer waren aus Sibirien, vom Baikalsee , eine sehr bunt gemischte Truppe, aber diese Gemütstiefe hatten sie alle u. mochten sie jemand, wären sie für ihn durchs Feuer gegangen, wenn es hätte sein müssen…, liebe Fee.
        Deinen Busfahrer kann ich mir gut vorstellen *lächel*

        LG von mir ♥

      • karfunkelfee sagt:

        Bei der nächsten Fahrt werde ich ihn fragen aus welcher Stadt in Russland er kommt…und das werde ich Dir dann erzählen…! So…so…vom Baikalsee…jaja…ich habe zu dieser Geschichte Musik aus einem Doku-Film gepostet. Die Menschen in dem Dokumentarfilm sind so wie Du ‚Deine‘ Männer beschreibst. Wenn mein Busfahrer ein Baikal-Mann ist, lache ich mich kaputt! Denn das wäre total magic…✨🌟💫
        Schlaf schön…träumschön…😴✨

  7. Das könnte durchaus sein, liebe Fee. Es muß wunderschön dort sein. Liebe Grüße von mir

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