Totenstunden

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Der Kahn ist voll Lügen,

er droht zu sinken

Versprechen fliehen

sich bekennend im Wind

was gestern noch voll und wert gewesen

ist heute stumm und blind

entzweit das Vaterland

zu viele Leichen an Freundes Strand.

Rettungsboote überbemannt

von fremden Zweifeln überrannt

*

Die Erde voll von kaltem Sturm

Parteipolitik im Elfenbeinturm

was noch wählen noch glauben?

Verantwortung verrät sich

an zu fette Trauben

verschachert sich im Waffenhandel

verbirgt hinter hohen Worten

fremdenfeindlich Tat und Schande

*

Kühl der nüchterne Abschied im Morgen

unvertraut jedes zweite Gesicht

Mündungsfeuer in der Städte Sorgen

die Augen der besten Kinder bricht

Die europäische Waffe spricht

nicht von erhobenen Händen,

blutbesudelt das Selbstmitleid

fabriziert in eigenen Wänden

*

Traurig der Sturz der Totenstunden

in die gemeine Allgegenwärtigkeit

Groß die Trauer der Gesunden,

in dem was sie hinterblieben

im Mahlstrom der zukünftigen Zeit

wollten sie doch nur lieben!

*

Keiner wird hier stehenbleiben

die letzten Worte sind ungesprochen

niemand ist in der Lage zu beschreiben

wie viele Herzen gebrochen

jeder wähnt sich als Mensch mit Gemüt

betrachtet mit Argwohn was ihm noch blüht

diesseits und jenseits der Grenzen

Alle Prognosen sind von der Hetze

bis jetze zum Sterben heillos verfrüht

*

Tage der Rückkehr

beschieden im Wandern

doch nicht nach freiem Entschluss

vertrieben die Hoffnung

auf Frieden im Andern

im Lauf steckt zu viel Verdruss

Untaten entkommen auf schnellen Füßen

entbieten willigen Fahnengruß

Frieden will im Kleinkrieg sich büßen

mit  allem Gutwill sei jetzt Schluss!

*

Unruhig beobachtend Ankömmlinge

eifernd befragt, nichts vergessend

Verzeihen ist bis auf morgen vertagt

das eigene Schicksal kennt kein Ermessen.

Das Fleisch schlägt auf in asphaltenen Straßen

vor Wunden schreit laut die Nacht:

Nur im in die Fresse schlagen

zeigt sich die wirkliche Macht!

In der Willkür gerechter Gefühle

schlägt sich die letzte Schlacht

*

Wenn du bekriegst und wenn du besiegst

so sollst du traurig gehen

was du geliebt und was du gelitten

wirst du nicht wiedersehen

19 thoughts on “Totenstunden

  1. Arabella sagt:

    Das muss ich erstmal verdauen.

  2. Meine liebe Karfunkelige
    Jetzt bin ich tief berührt ob Ihrer Worte. Die Gefühle, die beim Lesen aufkamen sind identisch mit denen, die ich schon sein etlichen Wochen mit mir herum trage. Dieser Schmerz ob all der Gewalt weltweit! Ja, wir müssen uns leider eingestehen, dass wir nun einen weltweiten Krieg haben. Gewalt und Geldgier stehen im Vordergrund. Und ja, es macht mir Angst. Was wohl aus der Welt werden wird? Morgen, Übermorgen, in einem Jahr? Ob es diese Welt in 10/20 Jahren noch so gibt, wie wir sie kennen? Ich habe so etwas wie Weltuntergangs-Stimmung. Im Moment fällt es mir schwer, an das Gute in der Welt zu glauben. Oft fühle ich auch Wut, Hass. Ich kämpfe dagegen an, denn ich weiss dass uns gerade jetzt nur Liebe und liebe Gedanken weiterhelfen.
    Herzlichen Dank für Ihre traurigen Worte, ich selbst bin im Moment sprachlos. Es tut mir unendlich gut, in Ihnen auch eine Verfechterin des Friedens und der Menschlichkeit zu finden. Herzlichen Dank dafür.
    Mit lieben Gedanke an Sie, Ihre Mme Ruth

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Madame, wenn das Gedicht berührt, bewegt, aufrüttelt..aussprechen könnte, was so viele Gemüter momentan bewegt…dann wäre es hilfreich und ich hätte es der derzeitig herrschenden Verunsicherung abgetrotzt als Mahnung, Mut und einem tieferen Wunsch, der sich ebenso wie in wütenden Gesichtern Bahn bricht in einer Art Zuversicht, die sich durch nichts anderes trägt als in der Bereitschaft, trotz aller Schwierigkeiten Bündnisse in Gleichgesinnten zu suchen. Ich habe Angst – wie alle anderen auch! Doch ich lebe schon zu lange mit anderen Kulturen und Mentalitäten Tür an Tür als dass ich nicht wüsste, dass Gemeinschaft ein deutsches Wort ist und dass diese Menschen, teils schon lange hier integriert, es vielleicht nicht ohne Akzent aussprechen können, doch es leben und was zählt ist doch letztendlich die Tat und nicht das Wort!
      Ich bin nicht bereit, mich zerfleischen zu lassen von Angst und wer mir feindselig in den Weg tritt, wird keine devote Haltung bei mir finden, sondern ruhigen Widerstand. Was wichtig ist, ist es, untereinander stark zu sein, nur so kann etwas geschaffen werden, das stark genug ist, sich den Vorurteilen und dem Hass entgegenzusetzen und ihn sanft aber bestimmt wegzudrängen. Hass und Gewalt, hochkochende Emotionen, sind primitive unterentwickelte Bewusstseinsformen. Das Umdenken findet in der Disziplinierung eigener Emotionen statt und setzt sich strukturiert fort. Es kann gelingen. Ich bin zuversichtlich und ich wünsche Ihnen diese Zuversicht weiterzugeben.
      Es hat Tage gedauert, bis ich alle Worte zusammen hatte. Ich habe viel gelesen, gehört, gesehen in den letzten Tagen seit Freitag und ich bin sehr traurig…
      …Sprache zu finden, einen Ausdruck, fiel mir schwer.
      Ich bin auch sehr zornig…
      Doch sprachlos machen will ich mich nicht machen lassen.
      Habe französisches Blut in den Adern und das rebelliert!
      Ganz liebe Grüße zu Ihnen in den Senegal. Grüßen Sie mir Afrika und die dunklen Menschen. Irgendwann reise ich dort einmal hin…ein lang gehegter Wunsch.
      Ihre Karfunkelfee, mit lieben Grüßen✨

  3. Ulli sagt:

    Das sind klare Worte für das Ist der Welt … als ich gerade vom Sturm erwachte und der Regen gegen mein Fenster trommelte, dachte ich an all die, die jetzt kein Dach über dem Kopf haben und wurde ganz verzagt, es sind so unendlich viele! Danke Karfunkelfee-
    herzlichst
    Ulli

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Ulli, ich liege auch wach…der Sturm hier hat sich mittlerweile gelegt, doch die Nachbarn unter mir haben jetzt einen Hund, er scheint noch sehr jung zu sein, jault und bellt- sie haben ihn auf dem Balkon angeleint, da fiept und heult der kleine Kerl jetzt vor sich hin…es ist schon sowas mit der Welt und der Verantwortung für die vielen Leben darin. Alleingelassen die ohne Dach über dem Kopf und auch allein sich fühlend mancher mit Dach…ich schrieb traurige und auch wütende Worte. Viel lieber noch würde ich welche schreiben wollen, die Lösungen anbieten könnten…
      für einen für viele…
      ich dank Dir fürs frühmorgendliche Lesen und Kommentieren…✨

  4. Was Ulli schrieb, was du antwortest – das kann ich so gut verstehen, das kann ich nachvollziehen. Wie sehr bin ich froh, dass ich eine warme Wohnung habe, ein Dach über dem Kopf – und ich würde es sicher nicht viel länger als einen Monat aushalten (wollen), wenn es anders wäre.
    Das Leben ist ungerecht – wir haben, wir haben meist sogar im Überfluss, und so ein großer Teil der Menschheit hat weder Bildung noch Wasser noch anderes, was zum Leben unverzichtbar ist. – Nur heulen hilft auch nicht, aber die Grundfesten sind schon ganz schön erschüttert worden, auch wenn es sich schon lange, lange ankündigte.
    Meine liebe Fee, ich drücke dich einfach nur, mehr kann ich nicht machen

    • karfunkelfee sagt:

      Drücker und Umarmungen sind immer gut, danke Dir! Was andere aushalten, wie sie damit umgehen, ob Krankheit oder Armut, kann ich oft nur bewundern.
      Ich bin dankbar für alle Annehmlichkeiten, die ich haben darf, ob es Gesundheit ist, genug um satt zu werden oder die Menschen um mich, die mich lieben wie ich bin. Das ist sehr viel und viel mehr als manch anderer hat.
      Darum bin ich oft zufrieden, unglücklich, weil es so vielen anders geht und ich nicht unbetroffen davon wegschauen kann. Hab Verantwortung, sorge für meine Kinder. Lache dennoch mit anderen und über mich selbst, um gesund zu bleiben. Wichtig…auch in diesen Zeiten. Und diesen jungen Hund sperren meine Nachbarn heute Nacht nicht wieder auf den Balkon aus. Dafür sorge ich auch gleich und spreche mit denen. Er hat die ganze Nacht in der Kälte jämmerlich gekläfft und gejault.
      Drüxx zu Dir…✨

      • Hattest du Erfolg mit dem Hund??? Das ist ja wirklich eine Unverschämtheit, den kann man doch nicht einfach aussperren. Vielleicht soll er auf dem Balkon sein Dauerquartier bekommen – aber da muss die Tür zu den Menschen offen sein.
        Heute kommen Sohn und Hund zu mir – Sohn, um was zu arbeiten, Hund, um gestreichelt zu werden und eine Wiener zu fressen.
        Mit liebem Gruß

      • karfunkelfee sagt:

        Ja, Clara, hatte ich. Aufregen bringt garnix. Ruhig und freundlich bleiben. Mit Händen, Füßen und dem Herz reden. Letzte Nacht war es ganz leise, kein Gejaule, kein Gewinsel. Sogar das Baby schlief ausnahmsweise mal.
        Kleine Hunde sind wie kleine Kinder. Man kann sie nicht einfach alleine frieren lassen und weggehen.
        Und bei Dir? Hast Du dem tüchtigen Sohn auch ein Wiener Würstchen abgegeben? 😉✨

  5. Nochmal hier.. dieser Text ist wirklich groß. Und so ist es eben auch. Gern würde ich es bei einer Friedefreudeeierkuchen-Welt belassen. Bei dem was die Kindheit suggeriert. Die Guten die Bösen. Das Gute wird gewinnen. Tot wird erst, der sein Leben voll und ganz hinter sich hat. Wenn es dann Zeit ist… usw.
    Aber so ist es eben nicht. Derzeit sowieso. Das es scher war mit diesem Text glaub ich sofort. Er ist tief emotional und schwer. Ein schweres Thema. Dann in dieser Form.
    Du meine Liebe Worteverzauberfee. …

    • karfunkelfee sagt:

      Es gibt auch noch eine Friedefreudeeierkuchenwelt, es ist eine Parallelwelt und wir brauchen sie dringend. In ihr dürfen wir kindlich sein, Weihnachtsplätzchen backen, wunderbare bunte Bilder malen, Liebesgedichte schreiben, im Wald Schnee unter Schuhen knirschen lassen und Kastanien sammeln, unsere Menschen umarmen und idealistisch daran glauben, dass schon alles gut werden wird….wir brauchen diese Friedefreudeeierkuchenwelt, weil sie uns Kraft gibt und an das Gute glauben lässt, wenn um uns herum mal wieder überall Bomben explodieren, Menschen sterben, Epidemien ausbrechen und wir ratlos stehen, weil wir keinem einzigen Parteiprogramm und Politiker mehr vertrauen können und wollen. Das Leben liegt vor uns, manchmal ist es wie dieser schwer zu schreibende traurige Text…voll in die Fresse eben…und dann wieder sehen wir so ein Bild, auf dem zweie sich küssen und wir wissen wieder, dass wir Glück haben, weil wir leben, lieben dürfen, selbst dann, wenn wir leiden, wissen wir dass auch dies lohnenswert ist…
      Ganz lieben Dank, Mia! Ich habe mich über Deine Worte so gefreut!
      Schlaf schön…✨

  6. Liebste Karfunkelige, ich habe ihn schonmal überflogen, doch erst heute ließ ich mich fallen in diesen Ihren Text. Nehme mir Zeit und die nötige Luft, um nicht zu ersaufen in Ihrer Klage. Immer wieder taucht mein Blick auf, labt sich an sonnigem Himmelsblau und ich weiß, wie privilegiert mein Leben ist. Die heiße Teetasse wärmt die erstarren wollenden Hände und Süßholz, Zimt und Anis lösen den Knoten im Halse auf. Dieses wahrzunehmen und dankbar zu sein und eben abzugeben, was man vermag, das soll wenigstens unser Menschsein beinhaltet.
    Ich hinterlege warmliebe Grüße, immer die Ihre.

    • Liebe Käthe, so ging es mir auch… aber lies dazu auch den Kommentar den sie mir antwortete, die gute Fee… beide Texte passen so gut zusammen, findest du nicht? Liebsten Gruß, das Süßholz und den Zimt fast riechend, deine Mia, die mal mit kommentieren muss🙂

      • Mitkommentieren fetzt ja bonfortionös, Liebmiamein und genauso las ich die Klage auch. Die hochliebe Karfunkelige fand Worte, die selbst mir sich verschließen. Sie müssen gedacht, gesagt und geschrieben werden solche Worte, ohne darin zu ersaufen. Das ist verdammt schwer und frißt sich säurig unter die Haut. Wir müssen die Salbe des eigenen guten Lebens draufpacken, sonst werden wir grobnarbig…
        Liebgrüße an euch zwei Fabulösgesellinnen, eure Käthe.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Käthe, ich schreibe solche Gedichte wie dieses hier eher selten. Es ist meine Weise, die Dinge zu benennen, die mich lähmen oder mir Angst machen. Wie ich es Mia schon schrieb: es existieren mehrere Welten und die meine ist eine gesicherte und privilegierte, im Gegensatz zu so vielen anderen Schicksalen. Durch solche Worte mache ich es mir bewusst und darum bin ich dankbar, dass ich es sagen kann, auch wenn es dunkle und klagende Worte sind die ich schreibe während ich in der geheizten Stube hocken darf und mir die Finger an einer Tasse Tee wärmen und mir den Kopf darüber zerbreche wie ich meine Tochter in Deutsch und Englisch auf die Zwei gewuppt bekomme. Solch kleine Sorgen lassen sich nicht vergleichen mit diesem anderen, das auch Beachtung fordert und irgendein Handeln, im Kleinsten wie im Großen. In Nigeria und Mali tobt die Hölle, hier noch nicht. Angst und Ohnmacht sind schlechte Berater, umso wichtiger für mich, sie mir zu vergegenwärtigen, wie in diesem Gedicht…
      Ich las gestern seit langem mal wieder die schlesischen Weber vom Heinrich Heine, Peter vom See brachte mich drauf. Politgedichte und Zeitgenössisches, so gut, so feurig ich eben kann und will…und für mein Empfinden…auch muss.
      Danke für Ihre Worte, meine liebe Lipperland-Freundin…wie immer,
      Ihnen herzlich und verbunden zugeneigt,
      Ihre Karfunkelige✨

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