Komplementärkontraste


Es ist spät geworden. Josephine sitzt mit ihrer zwölfjährigen Tochter Nora im adventlich geschmückten Wohnzimmer, die beiden schauen sich Kurzfilme auf you tube an. Zwischendurch hackt Nora auf dem Display ihres Handys herum, tauscht Nachrichten aus mit ihren Klassenkameraden, mit denen sie in einer What’s-App-Gruppe verbunden ist. Jungs findet sie richtig doof, sagt sie und ändert zum gefühlt zweihundertfünfzigsten Mal ihren Status. Sie erzählt ihrer Mutter, was sie alles an Jungs doof findet: dass sie nicht verlässlich seien und ihre Freundinnen öfter als ihre Unterhosen wechseln würden. Dass Jungs imponieren müssen, furzen und rülpsen. Sie redet sich in Rage, während Josephine einen Short Film im Netz gefunden hat.
Schau mal, der hier, schlägt sie ihrer Tochter den Film vor und öffnet den Link: Der kleine Junge im Film hat nur einen Flügel. Die bösen Krähen verfolgen ihn. Er baut sich einen zweiten Flügel aus Pappe und eine Flugmaschine, stürzt natürlich damit ab. Das kleine Mädchen im Film rettet ihn, indem sie die Krähen ablenkt. Diese verfolgen sie und reißen ihr einen ihrer Flügel aus. Schnitt. Als der kleine Junge zu sich kommt folgt er den Tönen der Flöte, die das Mädchen an sich genommen hat. Er findet sie im Wald und die beiden erkennen, dass sie einander helfen können den Krähen zu entkommen, umarmen sich und fliegen davon.
Mama, das ist total oberkitschig!, protestiert Nora und wendet sich erneut ihrem Handy zu.
Ach, ja?,fragt Josephine und zieht eine Augenbraue hoch, oberkitschig, meinst du also? Vielleicht finden die Jungs euch Mädels genauso doof wie umgekehrt. Schon mal drüber nachgedacht? Du magst keinen Fussball, keine Games, keine schnellen Autos, du lehnst ab, was Jungs so mögen. Und doch versuchst du ihnen auf deine Weise zu imponieren.
Nora protestiert: Aber das mache ich doch nicht für die!
Ach, nein?, fragt Josephine. Und warum findest du dann in deinem vollen Kleiderschrank nie etwas zum Anziehen, wenn du dich zum Spielen mit einem von ihnen triffst?
Nora versucht ein strategisches Ablenkungsmanöver und geht in den direkten Angriff: Du hast mir gesagt, dass das zwischen Jungs und Mädchen in meinem Alter völlig normal ist, dass sie sich doof finden!
Josephine grinst und schaut sich den kleinen short film noch einmal an, vor allem das Ende.
Mach doch mal endlich diesen blöden Film aus, kommt es genervt von ihrer Tochter. Josephine stoppt den Film und fragt in den nun mit Stille gefüllten Raum: Bist du normal?
Du etwa nicht?, schnappt Nora ohne Verzögerung zurück.
Draußen stürmt es. Der Wind heult vor dem Fenster. Josephine beobachtet ein gezacktes Ahorn- Blatt, das in der Dunkelheit draußen vor der Fensterscheibe tanzt.
Normal? Nö, bin ich nicht, war ich noch nie und will ich auch nie werden, erwidert Josephine dann. Ich hatte in deinem Alter mehr Freunde als Freundinnen, kam mit den Jungs besser klar als mit den Mädels. Die waren mir zu kompliziert. Jungs fand ich ehrlicher und direkter, bei denen wusste ich besser, woran ich war. Sie haben sich nicht verstellt. Ich war oft mit ihnen zusammen, sie waren meine Kumpel. Ich fand sie nicht doofer als Mädchen. Wir haben Hausaufgaben zusammen gemacht und Musik gehört. Ich konnte sein bei ihnen wie ich eben war und es war okay. Du behandelst gerade in Kunst Farben, oder? Erzähl mir doch mal was über Komplementärkontraste!
Nora hat die Beine angezogen, die Arme um ihre Knie geschlungen und den Kopf mit den langen dunklen Haaren zur Seite gelegt. Ihre Augen sind geschlossen, sie versucht sich an das zu erinnern, was sie im Kunstunterricht gelernt hat. Dann erklärt sie:
Komplementärkontraste sind Farben, die sich durch ihre Gegensätzlichkeit gegenseitig zum Leuchten bringen, so wie z. B. Lila und Gelb oder Grün und Orange.
Nora ist sehr gut in Kunst, Josephine ist stolz auf ihre Tochter.
Super! Das hast du sehr gut und beispielhaft erklärt!, lobt sie Nora. So ähnlich verhält sich das auch mit Jungs und Mädels!
Mama, du bist wieder total kompliziert! protestiert Nora mit zusammengezogenen Augenbrauen und verpasst Josephine einen heftigen Armpuffer. Was hat das denn alles mit Jungs und Mädels zu tun, hä?
Alles, antwortet Josephine, alles hat es damit zu tun. Das ganze Leben ist Farbenlehre. Lass doch mal dieses alberne Mädchengetue weg. Das Gezicke, das Getratsche, die Stutenbissigkeiten unter deinen Freundinnen, lackierte Fingernägel und das Gefühl irgendwie sein zu müssen für irgendwen. Das ist Eitelkeit und Jungs können die nicht sonderlich leiden, obwohl sie selber eitel sind, nur eben anders als Mädel. Jetzt denk mal an deine Freunde, die du magst, das sind einige.
Du bist gern mit ihnen zusammen, doch deinen Freundinnen sagst du, du hasst Jungs, findest sie doof. Ist das nicht auch eine Art Verrat an deinen Freunden, die du nicht doof findest? Schreibst dein Hass-Statement sogar in deinen What’s-App-Status, nur weil deine Freundinnen das auch alle machen.
Was sollen deine Freunde dazu sagen? Schreiben sie sowas über dich auch? Wie würdest du das finden wenn sie schreiben würden: Ich hasse Mädchen weil sie doof sind?
Nora ruft ihren Status bei What’s App auf und ändert ihn in einen Nikolaus-Smiley, schiebt ihren Fuß im Wollsocken zu Josephine hinüber und legt ihn auf deren Bein ab. Josephine legt den Arm um Noras schmale Schultern und zieht sie an sich.
Ist das alles total kompliziert, Mama!, stöhnt Nora und lässt ihren Kopf an Josephines Schulter fallen.
Nein, antwortet Josephine, das ist es gar nicht, Liebes. Es ist doch nur Farbenlehre. Du malst doch gern Bilder, oder? Mische deine Farben gut, damit sie leuchten können. Es ist das Prinzip der Gegensätzlichkeit. Du musst dich den Meinungen deiner Freundinnen weder angleichen noch entgegenstellen. Verhalte dich wie es dir dein Gefühl sagt, doch achte darauf, ob du jemandem Unrecht zufügst, bevor du etwas machst… .
Und was ist, wenn mich meine Freundinnen nicht mehr mögen, wenn ich mich ihnen nicht anschließe? Klar mag ich meine Freunde und wenn ich auch die meisten Jungs völlig beknackt finde, sind meine Freunde nicht damit gemeint, wenn ich sowas schreibe. Das wissen die doch auch!
Josephine hält dagegen: Es ist schon sehr gut möglich, dass deine Freunde wissen wie du wirklich denkst, ja. Weil sie dich eben gern haben, dir vielleicht verzeihen oder sich nichts davon annehmen. Doch es bleibt trotzdem eine ablehnende und negative Aussage gegenüber allen Jungs, auch ihnen. Und was sind das für Freundinnen, die dich nur mögen, wenn du ihnen nach dem Munde redest? Mögen sie dich weil du es bist, oder weil du sein willst und denken willst wie sie? Sein Fähnchen nach dem Wind zu stecken und seine eigentliche Meinung dahinter zu verbergen, bedeutet nicht unbedingt, dass man sich beliebter bei anderen macht. Du wirst dir selbst dabei untreu, doch du wünscht dir von anderen Treue. Auch von deinen Freunden.
Josephine ruft den kleinen Film zum dritten Mal auf.
Boah, Mama! Ich gehe jetzt schlafen. Nora steht auf und verzieht sich ins Badezimmer. Josephine hört, wie sie sich die Zähne putzt. Wasser plätschert und draußen vorm Fenster haben sich die Wolken verzogen. Ein paar Sterne blinken am Nachthimmel. Eine halbe Stunde später liegt Nora in ihrem Bett. Das Zimmer ist weich und dämmrig beleuchtet von der kleinen Blumenlampe an der Wand. Josephine beugt sich über ihre Tochter und atmet den sauberen Mädchengeruch tief ein. Dieser Moment, wenn ihre Tochter ihr die Arme entgegenstreckt, ist einfach unbezahlbar. Im Treppenhaus steht Noras Stiefel für den Nikolaus bereit. Am Treppengeländer klebt ein Post-it-Zettel: „Für den Nikolaus“ steht in sorgfältig gemalten Worten darauf. Die kindliche runde Druckschrift weist erste Charakteristika zu individuellen Veränderungen in die spätere Erwachsenenschrift auf. Es ist eine deutliche, klar konturierte und gerade ausgerichtete Schrift. Jospehine ist gespannt, wie die Schrift ihrer Tochter in zehn Jahren aussehen wird. Vor dem Zettel hat Nora ein Glas Milch und ein paar Kekse für den Nikolaus bereit gestellt. Josephine steckt Noras Nikolaus-Geschenk in den Stiefel. Nora hat schon wochenlang sehnsüchtig darauf gewartet: Es ist ein neuer Farbkasten für den Kunstunterricht.

—-

41 thoughts on “Komplementärkontraste

  1. Arabella sagt:

    Wenn sich Männer und Frauen gegenseitig zum Aufleuchten bringen, ist die Welt wieder so gut, wie sie in Kindertagen war.

    Eine feine Geschichte vom Leben .
    Danke.

    Nikoherzliges ( hab ich bei Herrn Ärmel gelernt)

  2. Ich kann Sie sehen, also nicht Sie, doch jawohl, ähem, ich kann Nora und Josephine sehen und finde beide oberallererstesahneklasse! Falls sie einer von beiden heute nochmal im Spiegel begegnen, zwinkern sie ihr oder eventudel beiden doch einfach mal grünaügig zu, meine liebe Karfunkelige.
    Veljanovträumende Flackergrüße, die Ihre, tiefenentspannttagwerkend noch.

    • karfunkelfee sagt:

      Wenn ich schlecht kaschieren will, machte es mir bei dieser Geschichte Spaß! Ich bin heute bereits beiden im Spiegel begegnet und zwar habe ich nicht so schöne grüne Augen wie Sie, meine Liebste, aber zwinkern kann ich mit meinem Satz Augen wie verrückt, das wissen Sie ja…😉
      Ich denk an Sie.
      Soso oft und immer gern!
      Ganz herzliche Funkelgrüße nach übern Knapp zu Ihnen hin…
      Ihre Karfunkelige✨

    • karfunkelfee sagt:

      Da lächelt er…fein fein, denn das soll Sinn und Zweck dieser kleinen Geschichte sein…✨

      • Genau. Kommentieren muss ich das nicht. Es reicht, die parallelen Szenen der Realität darauf abzugleichen und ein Lächeln ins Gesicht gezaubert zu bekommen.

      • karfunkelfee sagt:

        Das sind die Geschichten, die ich am allerliebsten schreibe:
        Die ein Lächeln zaubern, die ein Licht anzünden, die es warm werden lassen.
        Weil sie in all dem was uns umgibt, in all den Fragen, den Unsicherheiten und unseren Bedürftigkeiten, so gern beflügeln und tragen wollen.
        Jedes Lächeln ist eine Feder.

      • Eine Feder, die schön kitzelt.

      • karfunkelfee sagt:

        Sich selbst zu kitzeln ist kein einfaches Unterfangen. Genauso, wie sich selbst zum Lachen zu bringen. Warum also sich nicht immer wieder gern mal kitzeln lassen oder zurückkitzeln? Wenn man ein Kind ist, ist dies das Normalste der Welt und so selbstverständlich wie Prickelbrause auf dem Handrücken. Warum nur brauchen Erwachsene andere Kicks? Bunjeejumping oder Fallschirmsprünge? Ist es die Abstumpfung oder die Angst davor, dass Kitzeln Nähe zulassen muss?
        Lachen schafft Nähe und Vertrauen.
        Darum verlieren die Leute ihre Unschuld und suchen sich lieber unverfänglichere Reize als den kindlichsten, der sie tief in ihrer Seele aufreißen könnte in ihren Empfindungen.
        Darum gehen sie immer schneller, weiter und höher und rechtfertigen ihren verborgenen Wunsch erfühlt zu werden im Ziel des Ehrgeizes sich unberührbar zu machen.
        Ups.
        Achtung!
        Das war unverdünnte Philosophie!
        😉

      • Unterschätze nie die Wirkung einer einfachen Feder.

      • finbarsgift sagt:

        Ich liebe sie, deine filosofie, unverdünnt am liebsten🙂

      • karfunkelfee sagt:

        Das hast Du jetzt aber schön gesagt…danke…hach…✨😊

      • karfunkelfee sagt:

        Erstes Bild: I no naka no kawazu taikai o shirazu. (Der Frosch im Brunnen ahnt nichts von der Weite des Meeres)
        Zweites Bild: saru mo ki kara oshiro (selbst ein Affe fällt mal vom baum)
        Drittes Bild: Kiko no ikioi.
        Wenn man den Tiger reitet, kann man schwer absteigen.

        Ich lese gerade viel über Japan.
        Japanische Sprichwörter mag ich sehr😊✨

      • finbarsgift sagt:

        Wowwwwww, liebe kluge Fee, was für ein zauberhafter besonderer Kommi wieder mal von dir, TOLL!

        Von meiner Japanischen Vorliebe weißt du ja, insbesondere auch ad Haikus und Japanischer Ästhetik…

      • karfunkelfee sagt:

        Darum ja, WEIL ich das von Dir weiß…😉
        Japan hat so tolle Sprichwörter, Gedichte, Philosophie…wenn ich darin abtauche, wird es in mir ruhig und friedlich…✨

      • finbarsgift sagt:

        …genau so geht es mir auch…

  3. autopict sagt:

    Ein Hoch auf die Farbenlehre, lasst uns nicht alles s/w sehen!
    Advente mal noch schön!

    • karfunkelfee sagt:

      Schwarz-Weiß? Ist der dunkelhellste Komplementärkontrast überhaupt. Dazwischen spielt unendliche Farbvielfalt. Sie wahrzunehmen, macht das Leben warm und weich.
      Wer Farben fühlen kann, ist reich.
      Ich advente …😊
      Ich wünsche Dir einen guten Sonntagsausklang.
      Komme immer wieder so gern schauen in Deinen farbenfrohen Blog.
      Immer wieder.
      Schon was Neues?
      Gleich mal hin…✨

      • autopict sagt:

        Nee, nix Neues. Hier ist die Luft raus. Ein wenig kommentiert gestern und heute und ein wenig kreuz- und quergelesen. Einige alte Blögge (oder Blogs), die selig ruhen, hab ich nochmal gesucht. Ja. Dann war die Puste weg. Das hier jetzt noch und dann fällt mir glaub nix mehr ein.
        Also, advente mal weiter. Ich mach wieder auf Dornröschen. Autopict goes Dornröschen.
        CU.

      • karfunkelfee sagt:

        Freund, das lass ich Dir nicht durchgehen! Du fehlst! Und das schon länger…
        Du bekommst gleich Post von mir.

  4. meertau sagt:

    wie wunderbar…. die liebe, die abneigung, die unsicherheit und die farbenlehre….. hach… ich soifze vor mir hin, während ich diese dialoge lese. merci.

    • karfunkelfee sagt:

      Frau Meermaid, ich höre Ihr Soifzen mit den Wellen um Ihre Insel branden…es ist ein schönes Soifzen, haben Sie herzlichen Dank!

      Herzliche Grüße aus dem erkahlten windigen Teuto zu Ihnen ans Meer, meine Liebe ✨

  5. Ulli sagt:

    Wie mir das gefällt, dass sich die Konträren gegenseitig zum Leuchten bringen! Toller Zusammenhang, tolle geschichte, genau richtig, um jetzt ins Bett zu gehen.
    Danke für den karfunkeligen Feenstaub zur guten Nacht
    Ulli

  6. finbarsgift sagt:

    TOLL, dein Post!
    TOLL, die Kommentare!

    Da bleibt mir nur, dir einen schönen Tag zu wünschen,

    herzliche Herbstsonnengrüße
    vom Lu

  7. bruni8wortbehagen sagt:

    Ein wunderschöner guter Text, liebe Fee.
    Ein interessantes Mutter/Tochter-Gespräch, das bei Dir zu belauschen ist. Tja, fast hätte ich gesagt, in diesem Alter ist das so, aber ist es nicht auch noch so ähnlich, wenn wir etwas älter geworden sind?

    Irgendwie wollen wir die andere Seite unbedingt kennenlernen und finden sie cool oder einfach nur passend, aber wir lassen es uns nicht gleich anmerken, verstecken unsere wahren Gefühle und passen uns den Stimmungen von anderen zu gerne an.
    Na ja, noch später wird es wieder anders, aber so wirklich einfach wird es nicht mit dieser anderen Seite, die uns so magisch anzieht und der wir doch auch so vieles vorwerfen…

    Dieser Satz von Dir ist genial, liebe Fee und ich empfinde es genau so:
    Das ganze Leben ist Farbenlehre. Und ohne Farbiges rings um uns, schauen wir alt aus der Wäsche.

    Herzliche, etwas verspätete Nikolausgrüße
    von Bruni an Dich

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Bruni,
      Jetzt hast Du mich wieder zum Nachdenken gebracht. Das kannst Du einfach, weil Du Dich in die Texte tief eindenkst, Fragen aufwirfst…
      Jetzt denke ich gerade über Faszination nach. Ich fand es bei meinen Freunden immer besonders schön, dass ich mich vor ihnen eben NICHT verstellen musste. Sie akzeptierten meine Bockigkeit, meinen Trotz und verziehen mir manche Garstigkeit. Klar fing ich mir auch mal einen Seitenhieb ein. Doch wer austeilt, muss auch einstecken können. Kompliziert wurde es eigentlich erst für mich als diese vermuckte Liebe ins Spiel kam. Da wusste ich mit einem Mal überhaupt nicht mehr, was und wie ich eigentlich nun sein sollte. Da ich immer Kumpel hatte und wenige Freundinnen, konnte ich auch nicht von Mädchen lernen wie das denn nun eigentlich funktioniert mit dem gewissen Etwas. Mittlerweile habe ich es aufgegeben es verstehen zu wollen. Waren mir Mädchen auch manchmal suspekt und ich denen umgekehrt durch meine sperrige Unverblümtheit mindestens genauso sehr (O-Ton Freundin: Aus Dir wird NIE eine feine Dame!), hat sich dies inzwischen glücklicherweise durch das Älterwerden relativiert. Dieses „Anpassen“, von dem Du schreibst, bedingt sich m.E. zum einen durch das (immer noch) anerzogene Rollenbild der duldenden Frau und zum anderen versteckt sich dahinter die Angst, den Mann zu verlieren, wenn man ihm nicht die Wünsche von den Augen abschmust. Das ist gefährlich, denn Frau läuft Gefahr, sich dabei selbst zu verleugnen, zu unterdrücken, unzufrieden zu werden und vor allem: unweiblich. Das Wesen der Weiblichkeit ist mitnichten die duldsame Anpassung. Wurde uns aber jahrhundertelang aufoktroyiert von Kirche, Kerlen & Konsorten. In jedem von uns schlummern im Innern des Wesens zwei Geschlechter, unabhängig davon was wir nach außen darstellen: Mann oder Frau. Wenn wir es zuwege bringen, Mann und Frau in uns endlich mal gleichzuberechtigen, dann funktioniert die Farbenlehre auf das Allerschönste. Denn dann erst bringen sich die geschlechtlich bedingten Gegensätze tatsächlich gegenseitig zum Leuchten, weil sie nicht mehr dauernd damit beschäftigt sind, den inneren Kampf auszutragen, was sie denn nun eigentlich lieber sein wollen: Mann oder Frau. Sanft oder hart? Gefühlvoll oder lösungsorientiert analytisch? Einparken oder nicht einparken? Vorurteil oder die Freiheit, Unzulänglichkeiten nicht mehr geschlechtlich zu typisieren, weil man sich dann größer und viel bestätigter fühlt.
      So, oder so ähnlich verstehe ich es….
      Ganz liebe Herbstgrüße und Dank für Deinen klugen Kommentar von Deiner Deiner Fee✨

  8. Clara HH sagt:

    Wie schön zu lesen. Geschmunzelt habe ich z.B. hier: „die sich durch ihre Gegensätzlichkeit gegenseitig zum Leuchten bringen, so wie z. B. Lila und Gelb oder Grün und Orange“
    Irgendwie musste ich an Anna denken, die ja jetzt genau in diesem Alter ist. Ich finde es nach wie vor bedauerlich, dass ich nicht mehr solche Dialoge mit ihr führen kann. – Als Ausgleich kann ich sie bei dir lesen.
    Für den Nikolaus etwas hinzustellen – das finde ich einen grandiosen Gedanken!
    Gute Nacht, mein Bett ruft jetzt mit breiter Stimme!

    • karfunkelfee sagt:

      Es ist so eine schöne Aussage, sich durch Gegensätzlichkeiten gegenseitig zum Leuchten zu bringen…das war eine solche Steilvorlage…dass die Wörter zur Geschichte sich ganz von selbst fügten. Noch ein paar Dialoge mit einer gewissen kleinen blonden Pubertätäräterin im allerbesten hyperrenitenten Rotztrotzalter und schwups! fertig war die Geschichte. Ja. Sie vergisst so ziemlich alles (vor allem das was sie soll…), sogar ihren Kopf würde sie vergessen, wäre er nicht an ihr festgewachsen. Aber dem Nikolaus etwas zu Essen und zu Trinken hinzustellen – DARAN denkt sie. Ach, jemine…ist das alles kompliziert!😉
      Mein Bett ruft mich jetzt auch (plitschplatsch)…ich bin müde gesportelt, war beim Spinning…juchhei! 🚴✨

  9. wederwill sagt:

    Liebe Fee, übrigens habe ich diesen Beitrag besonders genossen, nicht nur, weil er so schön erzählt, sondern auch deshalb, weil meine mittlere Tochter Nora heisst🙂
    Herzliche Nach-Nikolausgrüße von
    Marlis

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Marlis, ich mag den Namen ‚Nora‘ so gern. Was für ein schöner Zufall, drängt sich mir zu sagen auf. Und das, obwohl ich an keine Zufälle glaube…😉
      Herzliche Nach-Nikolausgrüße zu Dir zurück…✨

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s