Eloise


  

Für U.

Der Mann sah sie durchdringend mit seinen braunen Augen an. Nervös knetete sie ihre Finger und besah sich ihre Hände, die, rissig und rau von der Arbeit, zusammengedrückt in ihrem Schoß auf den Knien lagen. Heute Mittag hatte sie fünf Kilo Möhren geschält, darum waren ihre Finger übersät von braunen Flecken. Am Nagelbett des Mittelfingers an der rechten Hand war die Nagelhaut eingerissen, eine Ecke stand hoch und jedes Mal, wenn sie mit dem Zeigefinger der anderen Hand darüber fuhr, stellte sich die kleine spitze Hautkante hoch und schmerzte. Sie schaute auf. Er starrte sie immer noch an. Fahrig ordnete sie ihre Haare. Ihr mit einem schmalen Haargummi gebundener Zopf strähniger blonder Haare war im Laufe des Tages in Unordnung geraten, einzelne Haarsträhnen hatten sich  heraus gestohlen und standen an den Seiten über ihren Ohren ab.

Die Straßenbahn war um diese Zeit zum Bersten voll, es war Feierabendzeit. An der Haltestange vor ihr hielt sich eine junge Frau mit einem kleinen, etwa vier Jahre alten in Pink gekleideten Mädchen an der Hand mit einem Arm fest

„Heißt du?, lächelte das Mädchen sie freundlich an und präsentierte ihr fehlende Schneidezähne. Sie antwortete nicht, gab stattdessen dem Drang nach, das schmerzende Hautstück am Mittelfinger abzubeißen. Ihre Augen huschten unruhig zwischen den um sie herumstehenden Menschen umher. Das kleine Mädchen lächelte immer noch und stupste leicht ihr Knie mit einem rosa wattierten Winterstiefel an.

„Heißt du?“, fragte sie erneut.

Es war ihr mittlerweile gelungen, das hartnäckige hoch stehende Stück Nagelhaut zwischen ihren Zähnen abzuknapsen, mit gesenktem Blick, verdeckt unter einer blonden Haarsträhne, die sich inzwischen erneut aus dem soeben neu geordneten Zopf wiederum gelöst hatte und nun in ihrem zu Boden gebeugten Gesicht hing. Auf dem Fußboden lag ein alter zerbröselter Hundekeks, ein glitzerndes Kaugummieinwickelpapier zwischen Straßenstaub und zerbrochenen Herbstblattfragmenten.

„Keine Ahnung“, brummte sie, „denk dir doch was aus.“

Durch die Straßenbahn ging ein Ruck. Das kleine Mädchen schwankte, ihr Oberkörper spannte sich und schien nach hinten fallen zu wollen, doch ihre Mutter, die hinter ihr stand, fing es routiniert auf.

„Heißt Eloise“, stellte das  kleine Mädchen fest und lächelte sie an. Ein pinkfarbenes Pflaster klebte über ihrer rechten Augenbraue. Es hatte sich an den Rändern gelöst, darunter kam eine kleine Wunde zum Vorschein.

„Heißt Eloise“, wiederholte sie, als benötigte sie keinerlei Bestätigung, als verfüge sie über irgendeine Art geheimes Wissen, das außer ihr niemandem zugänglich war.

„Eloise, das ist aber ein wunderschöner Name!“, mischte sich der Mann mit den braunen Augen ein.

„Heißt Eloise“ wiederholte das kleine Mädchen und nahm dabei den blauen Overall des Mannes, der von weißen Farbspritzern bedeckt war,  in näheren Augenschein.

„Ich heiße gar nicht Eloise!“, wehrte sie sich  gegen das über sie aufkommende Gespräch zwischen dem Mann,der sie nun unverhohlen anstarrte und dem kleinen Mädchen, das an einem mit blauen funkelnden Steinen besetzten Ring herumspielte, den es am Daumen trug, weil er viel zu groß für die schmalen Kinderfinger war.

Das kleine Mädchen zog den Ring vom Daumen ab und hielt ihn ihr hin:

„Schön, Eloise?“

Der Mann lächelte. „Der ist aber schön! Hast Du ihn geschenkt bekommen?“

Statt einer Antwort ergriff das Mädchen ihre im Schoß verkrampfte linke Hand und probierte, ihr den Ring über den möhrenfleckigen Zeigefinger zu ziehen.

Seine zarten hellbraunen Augenbrauen runzelten sich und auf der glatten Kinderstirn entstand eine steile Falte von der Anstrengung, denn ihr Zeigefinger erwies sich als sperrig und zu dick für den Ring. Ungeachtet ihres Protestes und der sich zurückziehenden verkrümmten fleckigen Finger zog das Mädchen den Ring von ihrem Zeigefinger ab und steckte ihn ihr an den Ringfinger. Die Fingerspitze war bräunlich von unregelmäßigen Flecken mit verwaschenen Rändern verfärbt.

„Lass das. Bitte…!“ Sie zog ihre Hand ruckartig fort und wich dem erschrockenen Blick des Kindes aus. Das Blau der funkelnden Steine in dem Ring setzte sich von der roten rissigen Haut ihres Ringfingers ab. Sie fand es seltsam, Schmuck an ihren Händen zu tragen und dachte an den wenigen Schmuck, den sie zuhause in einer kleinen blechernen Teedose aufbewahrte. Der Deckel war verbeult. Wenn sie ihn aufbekommen wollte, musste sie mit einem Schraubendreher unter den schmalen scharfen Rand fassen um ihn abzuheben. Auf der Dose abgebildet befanden sich Mönche in langen orangenen Gewändern, stehend in einem Kornblumenfeld. Vor vielen Jahren hatte sie die Dose zum Geburtstag von einer inzwischen verstorbenen Freundin geschenkt bekommen. Sie enthielt einen eher mittelmäßigen Darjeeling, dessen krümelige schwarz gekräuselte Reste sie irgendwann, sie erinnerte sich nicht mehr genau wann, weggeworfen hatte. Nur die Dose hatte sie behalten, weil sie sie schön fand. Als erst ihre Großmutter, dann später ihre Mutter starb, bewahrte sie die wenigen geerbten Schmuckstücke in dieser Dose auf. Es war kein besonders wertvoller Schmuck. Ein paar Silberketten mit kleinen Anhängern, mit Halbedelsteinen besetzt. Zwei Ringe, einer davon mit einem Achat, der, wenn sie ihn ins Licht hielt, rötlich geadert leuchtete. Der Ehering ihrer Mutter, schlicht, schmal und golden. Ein kleines silbernes Kommunionsmedaillon mit einem winzigen silbernen Rosenkranz, das Einzige, das ihr von ihrer Großmutter geblieben war.

Sie kehrte aus ihren Gedanken zurück und bemerkte, dass sich der Ring immer noch an ihrem Finger befand. Sie versuchte, ihn sich vom Finger abzuziehen, doch er ließ sich nicht abziehen. Das kleine Mädchen hatte ihr den Rücken zugedreht und verbarg ihren Kopf zwischen den Beinen der Mutter.

Es schüttelte sich ein wenig, als ob es weinte, die hellbraunen Locken wippten auf ihrem Rücken hin und her und bedeckten das Hello-Kitty-Katzen-Gesicht auf dem Rücken des Winteranoraks.

Sie fragte sich, ob das Kind vielleicht weinte, weil sie ihm den Ring noch nicht wiedergegeben hatte und sah den Mann mit den braunen Augen ihr gegenüber hilfesuchend an.

„Ich bekomme ihn nicht mehr ab“, sagte sie mit spröder Stimme, schaute ihn an und ihre Worte hingen irgendwo in der abgestandenen Melange der Gerüche in der  Luft der menschengefüllten Straßenbahn, vermischten sich mit den anderen Stimmen um sie herum. „Er sitzt fest!“ Sie versuchte erneut, den Ring vom Finger abzustreifen und bekam ihn gerade zum ersten Fingergelenk, doch nicht darüber hinweg. Die Haut faltete sich vor dem Gelenk hinter dem Ring auf , staute sich und nahm eine intensive himbeerrötliche Färbung an. Der Mann ihr gegenüber schwieg zu ihr hingewandt. Sie wurde unruhig und bewegte ihre Beine, ihre Füße, schaute zu dem Kind, das immer noch mit dem Kopf zwischen den Beinen der Mutter hing und im Rhythmus der Straßenbahn hin- und herschwankte wie  ein Gewächs aus dem Meer in bewegter Dünung.

„Was soll ich jetzt nur tun?“, fragte sie in die Menschen, die um sie herumstanden hinein. Doch niemand nahm von ihr Notiz oder bemerkte ihre Worte, die sie leise gesprochen hatte.

Sie holte zögernd Luft, klemmte ihren Rucksack, den sie zwischen ihre Füße gestellt hatte fester ein, und wiederholte, lauter nun, energischer:

„Was soll ich jetzt nur tun?“

Draußen vor dem Straßenbahnfenster zog Landschaft vorbei, verschwimmend im rötlichen Abendlicht einer frühen Winterdämmerung.

Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und betrachtete den intensiv blauen funkelnden Ring an ihrem Finger.

„Heißen Sie Eloise?“, fragte eine Stimme sie.

Sie schaute auf.

„Heißen Sie Eloise?“

Der Mann mit den braunen Augen senkte verlegen den Kopf und strich mit großen abgearbeiteten Händen über seinen schmutzigen Arbeits-Overall.

„Nein, ich heiße nicht Eloise!“, entgegnete sie und fragte sich, warum ihre Stimme einen heißen, wütenden Klang dabei annahm.

Er lächelte sie freundlich an.

„Wie schade.“

An der nächsten Station stiegen viele Berufspendler hinzu. Sie brachten den Duft nach frischer Luft in die muffige Straßenbahn und ihre Gesichter waren gerötet vom Laufen. Sie standen mit den Händen in den Halteschlaufen, die Türen der Straßenbahn schlossen sich hinter ihnen. Ihre frischen luftigen Augen verglasten hinter den staubigen Fenstern, stoisch beäugten sie ihre Aktentaschen und Rucksäcke, hörten Musik, schwankten im langsam vorwärtsdriftenden Takt der Schienen.

Das kleine Mädchen hatte sich zu ihr umgedreht und starrte auf den Ring mit den blauen Steinen an ihrem Finger. Tränen hatten Rinnsale auf ihren roten Wangen hinterlassen.

Sie schaute den Mann an, der sie weiterhin fixierte.

Sie wollte dem Mädchen sagen, dass es ihr sehr Leid täte, dass sie ihr ihren Ring nicht zurückgeben könne, dass er an ihrem Finger festsäße, dass alles ihr furchtbar Leid täte, auch dass sie nicht Eloise hieße und sie nicht verantwortlich sei für das Elend, dass alles so sei wie es ist und noch viel mehr.

Die Mutter des Mädchens quittierte ihren fragenden Blick mit stillem Vorwurf in den Augen und schaute dann schnell aus dem schmutzigen Fenster der Bahn. Draußen zog ein armseliges Häuserviertel vorbei. Graffittis prangten auf Häuserwänden mit zerbrochenen Fenstern in der von Straßenlaternen schlecht beleuchteten Dunkelheit.

„Hey, Du!“ Sie fasste nach einer Hand des kleinen Mädchens.

Es strich sich fahrig eine hellbraune Locke aus der blassen Stirn und wandte den Kopf in ihre Richtung.

„Ich heiße zwar nicht Eloise“, sagte sie zu dem Mädchen und ihre Stimme klang seltsam brüchig, unbekannt, gläsern und weich, „doch für Dich bin ich es.“

Zögerlich streichelte ihre Hand mit dem Ring, den sie nicht  mehr vom Ringfinger herunterbekam, über die kleine Hand des Mädchens, kratzte über die weiße feinporige Haut der Kinderhand, erfasste einzelne zarte Glieder und ertastete sanft die Brüchigkeit der noch wachsenden Knochen.

„Bitte entschuldige, ich hab so schrecklich raue Hände von der Arbeit“, sagte sie und lächelte. Das Fenster der Straßenbahn spiegelte ihr Lächeln eher unbeholfen.

Die Straßenbahn hielt an einer belebten Straße. Wieder stiegen viele Menschen zu. Von weiter hinten rückte im engen Gang eine junge Mutter mit Kinderwagen nach.

„Wir müssen jetzt aussteigen, Maria“, sagte die Mutter zu dem kleinen Mädchen, „komm!“ Sie warf ihr noch einen kurzen Blick zu und zog das kleine Mädchen hinter sich her, Richtung Ausgangstür.

Sie sah ihnen hinterher, wie sie die Straßenbahn verließen und betrachtete den Ring am Finger wie einen gestohlenen Schatz. Der Mann  mit den braunen Augen ihr gegenüber war mittlerweile darin vertieft, eine Nachricht auf das Displays seines Handys, das er inzwischen aus seiner Overalltasche gezogen hatte, zu tippen. Irritiert hielt sie Ausschau aus dem Fenster. Nachdenklich drückte sie an dem blauen funkelnden Ring herum. Das Fleisch ihres Ringfingers wirkte leicht geschwollen und war stark gerötet an der Stelle, an der sie versucht hatte, den Ring vom Finger abzustreifen. Sie blickte aus dem Fenster der Straßenbahn und sah das kleine Mädchen mit ihrer Mutter an der Ampel stehen und auf Grün warten. Heftig pochte sie an die Scheibe der Straßenbahn und benutzte dazu den mit blauen Steinen besetzten Ring des Mädchens, um das Klopfgeräusch zu verstärken. Es wandte den Kopf und blickte in ihre Richtung. In den schmierigen Staub der Straßenbahnfensterscheibe schrieb sie in deutlichen Großbuchstaben: Eloise.

Die Ampel schaltete auf Grün, die Straßenbahn fuhr an, eine Welle lief durch die Körper der Mitfahrenden, die sich fortsetzte bis sie auch den allerletzten Wagen erreichte.

—-

21 thoughts on “Eloise

  1. Zeffiretta sagt:

    Rührend. Was du aus einem Namen, der Tram, einem Maedchen und einem Ring am Finger geschichteln kannst.
    Eloise, Elisa, Else… diese Namen gefallen mir sehr.

  2. Christiane sagt:

    Ach, das ist schön. Ich finde schon immer, dass wir alle bestimmte Vorstellungen zu Namen haben, und dass dann, wenn wir plötzlich selbst einen geschenkt bekommen, etwas passiert (als ob man sich ein neues Kleid anzieht) … simpelstes Beispiel ist bestimmt, wenn jemand zu „Hasi“ oder „Mausi“ quasi mutiert, aber das passiert auch mit anderen, „normalen“ Namen. Mir jedenfalls.😉
    Liebe Grüße
    Christiane

    • karfunkelfee sagt:

      Namen können wie Kleider sein, ja. Doch sind sie wichtig? In dieser Geschichte geht es vielleicht darum, dass sie es nicht sind oder nur dann werden können, wenn es jemandem etwas bedeutet. Wenn man den Namen trägt wie ein Kostüm oder Kleid, das nicht unbedingt passen muss, das man vielleicht selbst nie freiwillig tragen würde.
      Hasi und Mausi mögen Mutanten sein, später streifen sie das Kostüm einfach wieder ab- samt Schnuppernäschen und Mäuseschwanz.
      Liebe Grüße zu Dir✨

      • Christiane sagt:

        Ja, ich finde Namen im sogenannten wirklichen Leben wichtig. Und die Veränderungen, die sie auslösen (können). Wer hat sich denn noch nie gewünscht, anders zu heißen?😉
        Tolkien war mit seinen Namen auch sehr sorgfältig, Sprachenerfinder und Mythenschöpfer, der er war ….
        Liebe Grüße
        Christiane

      • karfunkelfee sagt:

        Ich brauchte lange, um herauszufinden, dass andere mir wohl Namen geben können, die sie für mich passend befinden, es jedoch an mir selbst liegt, ob ich zulassen will, dass sie mich verändern.
        Liebe Grüße zurück…✨

  3. Arabella sagt:

    Meine Eloisenfee…ich fühle die Welle bis hier her.:-)

  4. Ulli sagt:

    Was für eine wunderbare Geschichte, liebe Fee … was sind wir Erwachsenen doch oft spröde! Nein … ich nicht – lach

    • karfunkelfee sagt:

      …ich kann spröde sein wie Glas…
      …vor allem wenn mich etwas oder jemand verunsichert…
      ist reiner Selbstschutz….
      …also bei manchen und manchmal…
      Danke für Deinen Kommi, ich freu mich…☺️✨

  5. Clara HH sagt:

    In dieser Schönheit und Berührtheit kommt es wohl leider nicht oft vor, zumindest kaum in unseren brechend vollen Verkehrsmitteln. Aber wir können uns wünschen, dass es vorkommt, dass uns Menschen für einen Sekundenschlag in der Menschheitsgeschichte ansprechen, uns annehmen, uns „berühren“.
    „Zahnarztclara“ sagt altklug: „Wenn das Mädchen keine Schneidezähne hat, ist es hoffentlich schon 6 Jahre – alles andere wäre eine kleine Katastrophe“.
    Altklug-Modus wieder weg und liebe Grüße zu dir.

    • karfunkelfee sagt:

      Das hast Du sehr schön gesagt…’dass uns Menschen für einen Sekundenschlag in der Menschheitsgeschichte ansprechen, annehmen, berühren‘
      Und ja- es kommt nicht oft vor- vor allem eher selten in einer mit berufsgestressten und müden Pendlern überfüllten S-Bahn- doch manchmal kommt es eben doch vor…😊

      Danke für den Tipp mit den Schneidezähnen! Du hast völlig Recht. Manchmal müssen Milchzähnchen gezogen werden, wenn sie zu krank wurden vom vielen Nuckeln an Fläschchen mit zuckrigen Getränken. Die kleine Lady, der ich in der S-Bahn begegnete und die der Protagonistin als Patin diente, war viereinhalb und ihr fehlten die Schneidezähne. Ich weiß allerdings nicht, auf welche Weise sie sie vorzeitig verlor…kann auch durch einen Unfall passiert sein. In jedem Fall: bloß immer sagen, wenn Dir bei mir mal Ungereimtheiten auffallen. Bei unschlüssigen oder falschen Darstellungen würde dann lektorisch sofort korrigiert und richtig gestellt. Correctness ist schon mein Wunsch, bevor ich meine Texte der Öffentlichkeit zum Lesen zur Verfügung stelle…
      Also in jedem Fall Danke…
      Und liebe Grüße zu Dir…✨

  6. Flowermaid sagt:

    Wenn man „die Unversehrte“ heißt, dann kann man sich trotz aller erlittenen Verletzungen ein unversehrtes inneres Kind bewahren… auf jeden Fall bist du eine traumvolle Erzählerin😀

  7. Arabella sagt:

    Im allerletzten Wagen der Straßenbahn wartete eine Frau.
    Kornblumenblau waren ihre Augen und niemals hatte sie sich ihrer Hände wegen geschämt.
    Der Saft der Möhren, beim Schälen über sie fließend, hatte verhindert, das ihre Hände alterten.
    Weich waren sie und fest.
    Jedes Ding anfassend, so wie es ihm wohltat.
    Den Kopf in den Nacken zurück gelehnt, die Augen geschlossen, stieg in ihr die Welle nach oben, nahm sie auf und mit.
    Weich und gerade wurde wurde der steife Rücken.
    Eloise, ihre Enkeltochter, hatte verstanden, das Glück wächst, wenn man es teilt.
    „Glück und Glas, wie leicht bricht das“ sanft raunten die Worte nach, die sie von ihrer eigenen Großmutter gelernt hatte, als sie den Wellenring weitergeben musste.
    Es ruckte hart, als die Bahn hielt.
    Endstation.
    Nicht für Träume.
    Nicht für die Weihnachtsnacht.
    Über der sich leerenden Bahn lag ein weiches Licht. In ihm konnte sie den Namen der neuen Trägerin erkennen.
    Naomi.

    • karfunkelfee sagt:

      Für meine abergläubische Großmutter war es kein Problem, wenn ihr mal eine Tasse oder ein Porzellanteller zerdepperte. Doch bei Glas sah die Sache anders aus. Sie wurde blass vor Schreck und sagte diesen Spruch: Glück und Glas, wie leicht bricht das!
      Noch schlimmer war es, wenn ihr ein Spiegel zu Bruch ging, dann jammerte sie: Sieben Jahre Unglück!
      Naomi liebt Schmuck. In den Wellenring müssen ihre Finger allerdings erst noch hineinwachsen.
      Ich werde ihr Deine zauberhafte kleine Geschichte vorlesen. Wie ihre Mama liebt sie Geschichten über alles und was man liebt, gibt man gern weiter wenn es dem Beschenkten Freude bereitet. Diese teilt sich…
      Vielen lieben Dank!✨🌹

  8. Wie wunderbar erzählt! Du hast einen so schönen, sicheren Zugang zur Metaphorik des Alltäglichen, Literatur vom Feinsten!

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