Im Mond tanzen heut‘ Pferde

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Müßig, nun da die Ursache bekannt, einen weiteren Gedanken an ihren Hergang und ihre Folgen zu verschwenden. Dies wurde bereits ausgiebigst getan. Die Unfallursache geklärt. Menschliches Versagen im übermüdeten Zustand bei miserablen Wetterverhältnissen.
Es erfolgte ein umgehender Freispruch ohne abschließendes Urteil.

Der Blick aus dem Fenster in die Sonnenfarben am Ursprung des blutroten Untergangs ist wunderschön. Heilzeit bis der Ahorn wird knospen, antwortet das winterkahle Geäst. Sein hohles Klappern der Zweige vor dem Fenster bewegt seine Worte mit dem milden Wind.

Es ist lösungsorientiert und analytisch vorzugehen.Das linke Bein ist also unbrauchbar. Die Gewichte verlagern sich. Vergangene Schritte wähnten sich aufgehoben und sicher. Traue nie deiner Erfahrung! Es war ein langer Satz. Er brach in die Zukunft ein. Ich glaubte, sie in der Hand zu halten und wähnte mich unverletzbar. Ich übersah schlicht die tiefen Schluchten der Möglichkeiten oder wollte sie überspringen in meinem Ehrgeiz.
Immer wieder das Bild eines in Drachenblut badenden Siegfried, der für die Unkenntnis seiner wunden verletzlichen Stellen mit dem Tod bezahlte. Wie ich das Bild auch drehe und wende, hinterfrage, bleibt es doch eines von meinen. Zu vertraut lächelt Siegfried, zu sehr lernte ich den Lindwurm Fafnir lieben, weil er das wahre Opfer dieser menschlichen Tragödie war.
Manche Erfahrungen im Leben braucht man mehrmals, macht sie so lange, bis ihr Lehrgehalt sich einprägte und in das tägliche Handeln einfließen kann. Andere Erfahrungen braucht man nur ein einziges Mal um zu wissen, dass man alles dafür Notwendige tun wird, um sie nicht noch einmal machen zu müssen. Gebrochene Knochen gehören eindeutig in Kategorie zwei. Ein Knochen der an einer Stelle gebrochen wurde, wird an dieser selben Stelle niemals wieder brechen, weil sich die Knochendichte an dieser Stelle erhöht.

Mittlerweile verbirgt die Nacht zwischen den Jahren die hellichten Pläne kommender Tage mit einer Dunkelheit, die in der folgenden Nacht von Feuerwerk durchbrochen werden wird. Das Bild des Neujahrs ist das eines Menschen, der mit geöffneten Armen und einem Lächeln die neue Zeit begrüßt. Er trägt die gläserne Fracht seiner Erfahrungen mit aller Behutsamkeit, die ihm möglich ist. Draußen vor dem Fenster der Baumschatten, in den Konturen erahnbar, ein stummes Frühlingsbild.

Die Besinnung kommt im Versenken von sich selbst in das Draußen. Besinnung hat etwas mit Hingabe zu tun, im Vergessen es zu tun, vielmehr es zuzulassen mit allem, was es mit sich bringt. Es sind Herausforderungen an das Organisieren und der Rundum-Betreuung der Gefühle, die sich nun eine Weile nicht mehr sportlich austoben können. Stattdessen werden andere Dinge in den Vordergrund rücken. Die Kunst ist es, sich immer wieder anders zu erfinden. Die Anpassungsfähigkeit und ihre Ansprüche an das Improvisationstalent sollen geduldig sein. Die Figuren auf dem Schachbrett wurden neu gemischt, das Spiel unterliegt nun anderen Regeln. Einiges bleibt auch unverändert bestehen. Es tut gut, in der Nacht vor der Silvesternacht draußen zu stehen und die Luft die vom Wald Herbstduft herüberbringt, tief einzuatmen. In den abnehmenden Mond zu schauen, der in den letzten Nächten besonders hell strahlend erschien. Zwischen den Jahren kommt die Zeit zur Ruhe wie ein alter müder Gaul. Noch satt vom vielen guten Essen über die Feiertage hängt sie in den Seilen zwischen Weihnachten und Silvester. Für mich schon immer die besinnlichste Zeit im Jahr, auch in meinen vollzeit berufstätigen Jahren, in denen ich meistens arbeitete zwischen Weihnachten und Silvester.

Diese schwebenden Tage zwischen den Jahren, in denen die Vergangenheit der Zukunft die Hand entgegenstreckt. Das neue Jahr, das nach frisch gefallenem Schnee und Kälte duftet wie in vergangenen Jahren? Oder eines, das auch mit Vogelgesang in der Nacht und Frühlingsgefühlen beginnt?

So vergehen Minuten, bis ich bemerke, dass meine rechte Seite steif vom einseitigen Stehen ist. Es ist Zeit für etwas vorsichtige Gymnastik und Bewegung. Die Koordination der Bewegungsabläufe steht an oberster Stelle. Kein Körper sitzt gern lange. Meiner überhaupt schon gar nicht. Ich bin ein Bewegungsmodell. Also muss ich mir Bewegung verordnen, so gut es geht und ich das heilende Knie nicht überlaste.

Ein paar Sternlein prangen am Himmel und liefern sich eine Lichtschlacht mit den weihnachtlichen Glühlämpchen in Nachbars Vorgarten. Die Sternlein verlieren. Eine Wolke schiebt sich vor den Mond.

Letzte Gedanken bewegen sich hin zum Unvorhergesehenen und Ungewissen. Der Unfall war genau so ein unvorhersehbarer Lebensaspekt wie die Freunde, die sich spontan und impulsiv dazu entschlossen haben, mich am letzten Tag des Jahres sehen zu wollen. Über den Unglücken des Lebens sollen auch die kleinen und großen Wunder, wenn etwas Schönes geschieht, gesehen werden. Der strenge Lehrer Leben schickt sie mir um mir zu zeigen, dass er mir durchaus wohl gesonnen ist, damit ich Kraft genug habe meinen Mut, meine Hoffnungen und meine Träume leben zu wollen.

Die Wolke ist am Mond vorbeigezogen, hell leuchtet er mich an. Ich wünsche mir von ihm guten Schlaf und schenke meine letzten Gedanken der Liebe und der Freundschaft. Es sind beides so betörend schöne und strahlende Geschöpfe. Immer mal wieder begegnen sie mir und im letzten Jahr gleich mehrere in Form von Menschen, die mir entgegenkamen. Sie sind meine freiesten und verwegensten Weggefährten.

Freundschaft

Im Mond tanzen heut’ Pferde,
sie laufen frei und wild
In ihnen wohnt
der Liebe Herde
ich finde sie
in meinem Bild
Am Himmel springen Wolken
gleich Schatten hin und her
In diesem ewigen Schauspiel
kenne ich mich
immer mehr

19 thoughts on “Im Mond tanzen heut‘ Pferde

  1. wildgans sagt:

    Der strenge Lehrer Leben – das kannste laut sagen. Ja, besonders Du!
    Genau das ist richtig, zwischen den Jahren locker lassen. Das ist schön, tut gut, macht Mut- gleich nehm ich mir `nen Hut.
    Weiterhin gute Genesung!

    • karfunkelfee sagt:

      In der Akzeptanz der Autorität des Lebens liegt die Bereitschaft lernen zu wollen. Damit akzeptiere ich auch die Unerbittlichkeit mancher Lektionen. Der Dank an den Meister, dem Leben selbst, bei allem Respekt, fällt manchmal schwer zu entrichten.🙂

      Komm gut und vor allem gesund in und durchs neue Jahr.

      Herzliche Grüße✨

  2. Arabella sagt:

    Das lese ich später…ganz in Ruhe.

  3. Arabella sagt:

    Als sei es so das wir darauf hingewiesen werden, nicht zu tief in Geliebtes zu fallen.
    Deine Gedanken entzünden ein Feuerwerk in meinem Kopf.
    Es wird wieder gut werden und du noch besser.
    Herzlich umarme ich dich, du wahrhaft gzte Fee.

    • karfunkelfee sagt:

      Dein erster Satz spricht mir aus der Seele. Genauso betrachte ich diese Dinge auch! Da fällt mir der alte Nietzsche doch wieder ein: Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Ich umarme zurück, das tut immer gut. Herzlichst, Deine Fee…✨😘

  4. Das Leben ist direkt und unerbittlich, der Ponyhof den Kindern vorbehalten.

    Du wirst die Zeit schon meistern. Das Ende ist absehbar.
    Gute Besserung.

    • karfunkelfee sagt:

      Ich seh schon, das wird nix mehr mit meinem ewigen alten Kinderwunsch nach einem Ponyhof-Aufenthalt. Doch meiner Tochter wurde dieser Wunsch schon zweimal erfüllt. Sie ist ja auch noch ein Kind. Sollte ich allerdings irgendwann in meinem Leben auf einem Ponyhof landen (sei es als Pferdepflegerin oder Reitpersonal), lasse ich es DICH garantiert wissen mit einem sowas von breiten Grinsen im Gesicht…:) Na, klar wird gemeistert. Das Leben fordert heraus und es schenkt. Beides will Beachtung. In der Mitte irgendwo bin ich. Wenn irgendwo das Ende einer schweren Zeit absehbar ist, kann man die Besserung oft schon ahnen und fühlen, auch wenn sie noch ein wenig Zeit braucht um anzukommen.

  5. Clara HH sagt:

    Liebe, liebe Fee, es ist so schön zu lesen, wie du trotz deines unvorhergesehenen „Festgenageltsein“ an deinen Genesungsstuhl, dem du natürlich immer und immer wieder entfleuchst, deine gute Stimmung und deine Poesie nicht verlierst.
    Ich wünsche deinem Knieknochen, dass er weiß, in welchem sportlichen Körper er steckt und sich entsprechend benimmt beim Heilen.
    Na dann einen guten Jahresabschluss mit Freunden, wo du dich hoffentlich wohl fühlst und gut aufgehoben.
    Liebe Grüße von deiner lebensälteren Freundin Clara

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe C., ich mache alles, damit mir Schalk und Poesie nicht abhanden kommen. Die Beiden gehören zu meinen liebsten Wesensanteilen. Die müssen gepflegt werden. Meinem Knieknochen rede ich gut zu und vertraue ihm vor allen Dingen. Mein Körper wird wissen was er tut und ich mache alles, um ihn zu unterstützen beim Gesundwerden. Auf heute Abend freue ich mich sehr, in Gesellschaft von Menschen, bei denen ich mich sogar sehr wohl fühle. Ich wünsche auch Dir einen guten Jahresausklang, einen friedlichen und freundlichen, herzliche Grüße von Deiner (jüngeren) Freundin aus dem kleinen B.

  6. autopict sagt:

    Vielleicht ist es gut, dass nicht alles vorhersehbar ist. Nein, mit Sicherheit ist das gut. Im Einen oder anderen Fall vielleicht unfair oder ungerecht, aber was wäre wenn das eine oder andere vorhersehbar gewesen wäre?
    Sei es drum, aus deinem Text spricht viel Zuversicht, sicher auch diesen Tagen zwischen den Jahren geschuldet, die Wende zu den längeren Tagen hin ist vollbracht. Und dann geht es doch wieder voran, irgendwie immer, und die Zuversicht ist es, die uns am nächsten Tag wieder glückselig in den Lebensspender Sonne blinzeln lässt.
    Solche Themen erinnern auch mich immer wieder an eigene Erfahrungen, oder Erlebnisse, verdrängt, aber nicht vergessen, unbewusst vielleicht lebensbestimmend und das ist es Zeit, sich auch selbst und sein tun zu hinterfagen. Kein Fehler.
    Wünsche dir einen guten Jahreswechsel, und ein tolles 2016.
    LG.

    • karfunkelfee sagt:

      Im Rückblick kann man oft besser verstehen, warum etwas geschah. Das hilft dabei, sich mit den unangenehmen Vorsehungen versöhnlicher zu arrangieren. Soren Kierkegaard, der dänische Philosoph sagt: Das Leben kann nur in der Schau nach rückwärts verstanden, aber nur in der Schau nach vorwärts gelebt werden.
      Er ist mit seinem Zitat einer meiner Liebsten geworden, weil ich jedes Wort darin mittlerweile unterschreibe. Was ist fair? Und was ist unfair? Wenn ich die Welt mit einbeziehe in diese Überlegung, muss ich sagen, dass das Leben bislang immer fair mit mir war. Ich habe bekommen, was ich verdiene. In so ziemlich jeder Beziehung mit Ausnahme von ein paar wenigen. Und auch diese unangenehmen Herleitungen zu den Geschehnissen und warum sie passieren konnten, vielleicht sogar mussten, werden am Ende Gleichungen sein und ein rundes Ergebnis aufweisen. Dies ist ein stilles Wissen in mir und ich habe allen Respekt vor dem, was mir im Leben widerfahren könnte und es nicht tat oder tut oder noch besser: tun werden wird. Das ist zweites Futur und ich möchte daran glauben, dass ich bislang immer im Leben auch Glück hatte, riesengroßes sogar, denn es hätte bei vielen Dingen viel schlimmer kommen können und das tröstet mich zu wissen. In den Tagen zwischen den Jahren denke ich immer viel nach, nicht nur jetzt, in meiner Zwangssituation. Ich stelle fest, dass etwas in mir positiv gestimmt ist, was lange Jahre negativ gestimmt war. Ich habe im vergangenen Jahr viel über Taoismus gelesen. Ich bin weit davon entfernt, diese kluge Religion wirklich zu verstehen, doch sie predigt Gelassenheit und Vertrauen in die Dinge, Weitsicht und solche epischen Bandbreiten. Auch Risiken will und werde ich immer eingehen. Doch die Verantwortung für das, was mich umgibt und mich selbst darin, wächst mit jedem Tag. Auf manche Erfahrungen im Leben hätte ich gern verzichtet. Doch wenn ich es recht bedenke, haben sie mich immer weiter gebracht, mein Denken verändert, mein Fühlen. Sie hielten mich beweglich und veränderlich. Also hinterfrage ich nicht sie, die scheinbar unvorhersehbar eintrafen, später vorhersehbarer wurden, sondern ich hinterfrage meine Handlungsweisen, die dazu führen konnten, dass alles eintrat wie es anschließend kam. Im Kopf spiele ich manchmal für mich die Dinge durch, wenn sie anders gekommen wären. Das Ergebnis ist nicht unbedingt besser. Immer kam ich zu dem Schluss, dass diese schlechten Erfahrungen mein Denken umzwangen, es mir unbequem machten, bis ich etwas ändern musste, damit die Lebensqualität, die die Gesundheit maßgeblich bestimmt und erhält, wieder erhöht werden konnte. Meine Ansprüche schraubte ich gewaltig herab. Auf dem untersten Level angekommen, lassen sich die Messlatten auf erreichbare Höhen einstellen. Es ist kein Fehler, zu stürzen. Doch es ist einer, dem Sturz keine Beachtung zu schenken und weiterzumachen wie bisher.
      Ich wünsche Dir einen guten Jahreswechsel und für Dich und Deine Familie ein gesundes und glückliches Neues Jahr 2016. Liebe Grüße

  7. meertau sagt:

    alles Gute liebe Fee!!!

  8. bruni8wortbehagen sagt:

    Lächelnd erkenne ich, wie gut Du Dich freigeschrieben hast, liebe Fee, und es ist eine große Aufgabe, sich der Rundum-Betreuung von Gefühlen widmen zu müssen, aber sehr notwendig, eine sozusagen unerbittliche Notwendigkeit, die Du zwingen wirst, weil es so sein muß und nicht anders sein kann und gleichzeitig werden lädierte Knochen geschont und die Heilung schreitet voran.

    Herzlichst
    Bruni
    ,

    • karfunkelfee sagt:

      Man könnte von ‚betreutem Fühlen‘ sprechen, von (mit Krücken) zu Boden gerungener Ungeduld und der Schalk treibt in all dem Chaos munter sein Unwesen und versucht die Lage zu entthreatalisieren. Ich habe (fast) alles unter Kontrolle. Zumindest das, was an mir unbeweglich ist.
      Uik…💃
      Danke für Deine lieben Worte.
      Herzliche Grüße zurück…✨

      • bruni8wortbehagen sagt:

        *lach*, ich erkenne unschwer Deinen Humor, den Du mit straffen Zügeln zu halten versuchst🙂
        Dein Superwort enttheatralisieren war fast so etwas wie ein Seetest für mich, liebe Fee *kicher*. Ich brauchte eine Zeit, um alle Buchstaben zu beruhigen, weil sie immer durcheinander tanzen wollten *prust*

        Ich weiß genau, daß so eine Zeit schwierig ist und für quirlige Menschen, deren Geist und Glieder sich ständig bewegen wollen, wie bei Dir, doppelt so schlimm wie für mich z.B., die auch mal lahm herumsitzen kann *lächel*

        Herzliche Morgengrüße an Dich

      • karfunkelfee sagt:

        Seetest gefällt mir ausnehmend gut! Und Du…hast natürlich treffsicher wie immer den, weil zum Herumsitzen verdammten, Zappelgeist in mir erkannt, den nur ein großer Schalk im Zaume halten kann. Herzliche Nachmittagsgrüße an Dich zurück….

  9. lächelnde Grüße an Dich zur Nacht, liebe Fee

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