Silvesternacht (Kapitel 1)

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Während sie sich den dünnen schwarzen Strumpf mit geübten Fingern über das Bein hoch rollt, schaut sie nachdenklich aus dem Fenster. Das leise charakteristische Knistern von Nylonseide in einem stillen Raum verbindet sich mit dem Geräusch klopfenden Regens draußen an der Fensterscheibe. Der Tisch beim Spanier ein paar Straßen weiter ist reserviert für zwanzig Uhr. Später am Abend wollen sie alle zusammen zum Bahnhof gehen, um das neue Jahr zu begrüßen.

Eine winzige Laufmasche am Oberschenkel hat ein dünnes Fädchen gezogen. Seufzend zieht sie den Strumpf aus. Sie schaut auf die Uhr an ihrem Handgelenk: Noch Zeit genug, noch beinahe zwei Stunden bis sie losmüsste um sich mit den anderen vor dem spanischen Restaurant zu treffen. Sie holt eine feine Nähnadel aus dem Nähkasten im Schreibtisch, setzt sich mit dem Strumpf in den hellen Lichtkegel der Schreibtischlampe und zieht mit der Nähnadel geschickt den kleinen Faden, der aus dem Strumpf ragt, auf die Innenseite des Nylons. Sanft reibt und zieht sie das zarte Strumpfgewebe an der porösen Stelle bis das Gewebebild bis auf eine leichte Unregelmäßigkeit an der reparierten Stelle ihr wieder ausreichend hergestellt erscheint, um damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Aus der Schreibtisch-Schublade zieht sie ein Fläschchen mit klarem Nagellack und fixiert das winzige Loch im Strumpf mit einem kleinen Tropfen, damit die beschädigte Masche nicht weiter hochreißt.

Sie pustet leicht auf die Stelle und zieht den Strumpf wieder auf rechts, knipst das Licht aus, stellt sich vor das Fenster und wiederholt die sorgfältige Prozedur des Strumpfaufrollens, um ihn dann über die Zehen des Fußes zu ziehen und genüsslich über das Bein hoch zu rollen. Der halterlose Strumpf schließt am oberen Ende in einer gummierten Spitzenborte ab, die sich nahtlos um ihren Oberschenkel schließt. Perfekt! Sie ist zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Reparatur: Nur wer wüsste, dass dieser Strumpf eine Laufmasche hatte könnte vermuten an welcher Stelle er ausgebessert wurde.  Außerdem würde der Rock über der Stelle liegen. Sie würde nur ein wenig darauf Acht geben müssen, dass der Saum nicht zu hoch rutschte. Es macht sie zufrieden, wenn sie eine Arbeit gut verrichten kann und sie denkt an einen Streit zwischen Julie und ihr, in dem Julie ihr gesagt hatte, dass sie perfektionistisch sei und immer alles hundertfünfzigprozentig erledigen müsse. Aus irgend einem Grund verletzte diese Aussage sie damals, als sei Perfektionismus gleichzusetzen mit einem zwanghaften Wahn und sie fragt sich wo dieser Hang, immer alles gründlich und richtig machen zu wollen in ihrem Wesen seinen Ursprung hat. Sie war schon immer so gewesen, selbst als kleines Mädchen schon. Nie riss sie ein Geschenk voller Ungeduld oder Vorfreude einfach an der Verpackung auf und warf diese fort, so, wie sie es bei anderen immer wieder sah. Es erschien ihr wie ein Frevel oder eine Abwertung dessen, was sich unter der Verpackung befand und das sorgfältig an den Ecken verklebte Geschenkpapier, die Schleifen und sonstige Verzierungen erhoben ein Geschenk zur geschenkten und aufgewendeten Zeit, es für den anderen einzupacken und fschön zu machen. Sie glaubte, dass ihr Hang zur Sorgfalt und Genauigkeit ein Produkt ihres Respektes und der Beachtung zur Freude aller Dinge sei. Doch wann immer sie jemand auf darauf aufmerksam machte, geschah dies meistens in Form von negativen Aussagen oder sogar Vorwürfen.

Noch eine knappe Stunde Zeit. Schnell schlüpft sie in den bereit gelegten schwarzen engen Minirock und zieht die halb durchsichtige silberne Bluse über das Bustier. Sie hat sich bei ihrer Reparaturaktion des Strumpfes etwas in der Zeit vertrödelt. Auch etwas, das sie immer mal wieder von anderen gesagt bekam war, dass sie langsam und verträumt sei. Ihre Mutter sagte manchmal kopfschüttelnd, ihre Tochter sei so anders als sie selbst in diesem Alter gewesen war, dass sie manchmal denken würde, sie hätten ihr Baby im Krankenhaus vertauscht und ihr das falsche Kind in den Schoß gelegt. Als sie noch klein war, wünschte sie sich nichts sehnlicher als so zu sein wie ihre Mutter und eiferte ihr in allem nach. Doch später fand sie, dass ihre der Mutter so unähnliche Persönlichkeit auch Vorteile hatte. Sie schloss schnell und problemlos Freundschaften, war allgemein beliebt, weil sie keine großen Ansprüche an die anderen stellte. Ihre Mutter hatte nie viele Freunde gehabt. Auf die Frage, warum sie keinen großen Bekanntenkreis wolle, hatte ihre Mutter keine Antwort. Es hat sich einfach nicht ergeben, Kind, sagte sie und weiter nichts. Als sie vor ein paar Tagen mit Aylin in der Stadt für Silvester shoppen ging, kaufte sie sich extra für den feierlichen Anlass ein paar neue schwarze Stiefel. Sie sahen sehr elegant aus und es waren die ersten Schuhe, die sie sich kaufte, die wirklich hohe Absätze hatten. Aylin fand, die Stiefel sähen Porno aus und ihre Augen leuchteten wie zwei dunkle Sterne als sie das sagte.

Ihr Vater betrachtete ihre zehn Zentimeter hohen Absätze mit Argwohn und missbilligenden Blicken, doch ihre Mutter war der Meinung, man sei nur einmal jung und hübsch, es sei etwas völlig Normales, wenn junge neunzehnjährige Frauen sich stylen um so gut und reizvoll wie möglich auszusehen. Billig und aufgetakelt wie eine Nutte sähe sie aus, argumentierte ihr Vater mit verächtlichem Gesichtsausdruck, als sie ihren Eltern stolz ihre neue hochhackige Errungenschaft präsentierte.

Verletzt von den harten Worten ihres Vaters flüchtete sie auf ihr Zimmer und hörte von nebenan die erregten Stimmen ihrer Eltern. Wie kannst du nur!, schimpfte ihre sonst so beherrschte Mutter. Ist doch wahr!, dröhnte der Bass ihres Vaters dagegen an. Es gehöre sich ja nun wirklich nicht wie seine Tochter draußen herumliefe, wie eine läufige Hündin, eine offene Einladung zu Wer-weiß-was!

Ihre Mutter lässt sich nicht so schnell in Rage bringen. Ihr Vater, der ein hitziger schnell aufbrausender Mann mit höchst konservativen Lebensansichten ist, hat Respekt vor der gelassenen Souveränität seiner Frau. Doch in diesem Augenblick war von dieser Gelassenheit nichts mehr spürbar, denn ihre Mutter befand sich momentan in einem Ausnahmezustand äußerster Erregung. In ihrem Zimmer, mit dem Ohr an der Zimmerwand, hörte sie jeden einzelnen der energisch hin- und hertigernden schnellen Schritte ihrer Mutter. Alles an ihr strahlte Ruhe und stille Freundlichkeit aus, doch wenn sie so wie jetzt, höchst echauffiert war, verwandelte sie sich von einer durch und durch disziplinierten Persönlichkeit in jemanden mit der Ausstrahlung eines eingesperrten Raubtieres, das seine gesamten Kräfte und Energien darauf verwendet, freizukommen. Ihre Mutter spricht nicht sonderlich viel. In ihren Gesten und Blicken liegt oft so viel Beredsamkeit und Ausdruck, dass sie keine Worte benötigt.

Nun hatte ihre Mutter ihrem Vater etwas mitzuteilen und sie wusste mittlerweile, dass das Hin- und Herlaufen ihrer Mutter dieser dazu diente, dass sie ihre Gedanken besser fassen und formulieren konnte. Wie ein Strafverteidiger vor Geschworenen hielt sie jetzt ein flammendes Plädoyer über die Selbstbestimmung der Frau in der Gesellschaft und wie üblich hatte sie ihre Sätze gut vorbereitet, bevor sie begann zu argumentieren. Sie wusste, dass ihr Vater den Kleidungsstil seiner Tochter genauso missbilligte wie ihren lockeren Umgang mit Jungen, ihre ständig wechselnden Freunde und ihre Clique, in der mindestens fünf Mitglieder von ihm nicht als standesgemäß angesehen wurden, weil sie entweder Ausländer oder Kinder arbeitsloser Eltern waren. Sie hatte schon oft versucht mit ihrem Vater zu diskutieren, dass es ihr egal sei woher jemand käme und wer er sei, solange er sich wie ein Freund oder eine Freundin verhielte. Ihr Vater hatte für die idealistische Einstellung seiner Tochter kein Verständnis. In ihm existierte ein anderes Bild wie eine anständige junge Frau auszusehen und mit welchen Leuten sie sich zu umgeben hatte.

Was trug ich, als wir beide uns kennenlernten? Weißt du das noch? Auch, wo wir uns kennenlernten? In diesem vom ganzen Dorf verrufenen Nachtclub? Oder hast du das etwa erfolgreich in die letzte Ecke unserer vorehelichen unrühmlichen Vergangenheit verdrängt?

Sie hörte ihren Vater antworten, dass das damals etwas völlig anderes gewesen sei und sie sei eine Frau von immerhin schon einundzwanzig Jahren gewesen, die genau gewusst habe, was sie wolle und was sich gehöre im Gegensatz zu einem unausgegorenen neunzehnjähriges Mädchen mit lauter romantischen Flausen im Kopf, das noch ein halbes Kind sei. Danach gab es eine längere Gesprächspause. Sie lag mit dem Ohr an der Wand und war gespannt, was ihrer Mutter als Gegenargumentation einfallen würde. Diese bevorzugte weiterhin die erfolgreiche Strategie des Angriffs:

Bist du wirklich so dermaßen in der Zeit zurück geblieben, dass du nicht einmal mitbekommen hast, dass das Liebeskarussell für junge Leute sich heute früher beginnt zu drehen? Die Zeiten haben sich geändert! Willst du deiner Tochter deine veralteten Lebensansichten ums Herz legen wie eine Eisenkette mit Fussfessel? Sie ist doch nur einmal jung! So, wie ich es war! Ich trage meine kurzen Röcke heute noch und ich laufe auf hohen Absätzen, schon weil mein Job das mit sich bringt! Jede Frau will sexy aussehen! Auch unsere Tochter und was ist daran so falsch? Vertraust du ihr so wenig, dass du denkst, sie könne nicht auf sich selbst Acht geben? Sie muss doch ihre Erfahrungen machen! Was glaubst du eigentlich, was ich ihr beibringe? Ich bin schließlich ihre Mutter und ich hoffe, ich habe ihr genügend praktisches Wissen vermitteln können um auf sich aufzupassen.

Atemlos wartete sie auf die Entgegnung ihres Vaters. Ihre Mutter schien sich wieder gesetzt zu haben, denn das ruhelose Geräusch ihrer Schritte war verstummt.

Die Stimme ihres Vaters klang ruhig und gefasst.

Wie soll sie sich denn schützen vor dem, was da draußen geschieht? Wie willst du sie schützen?

Sie zieht sich an wie ein leichtes Mädchen und präsentiert dadurch ein Bild der Willigkeit und der Geilheit. Weiß sie denn, wie das auf Männer wirkt, vor allem auf diejenigen, die aus Kulturkreisen stammen, in denen die Frau ein Mensch zweiter Kategorie ist? Ist sie darauf vorbereitet, sich gut genug gegen Zudringlichkeiten wehren zu können? Kannst du das als ihre Mutter wirklich beurteilen? Traust du dir das zu und übernimmst du die Verantwortung dafür, wenn ihr doch etwas  geschieht?

Sie dachte, dass das Gespräch wie Ping Pong sei, ein Hin und ein Her von Argumenten und sie selbst sei darin irgend ein Ball von vielen, doch im Grunde genommen ginge es um etwas völlig anderes als ihre Person, um etwas Grundsätzlicheres wie vielleicht Liebe.

Was weißt du denn über das, was ich mit unserer Tochter bespreche? Von Frau zu Frau? Denkst du tatsächlich, ich würde sie unvorbereitet in diese männerdominierte Wildbahn da draußen lassen? Schätzt du sie so ein, dass sie sich jedem Kerl gleich an den Hals wirft und bewertest das anhand ihres Äußeren? Was ist das für eine überholte unzeitgemäße und altbackene Moral, die dein Wertebewusstsein und deinen Idealismus in Bezug auf die freie Entfaltung und Entwicklung menschlicher Persönlichkeiten in anmaßende oder fügsame Geschlechterrollen aufspaltet? Soll sie sich zensieren in dem, was sie gern anziehen möchte? Das wäre doch wie ein stummes und sich fügendes Zugeständnis an diejenigen, die meinen, Frauen keinen Respekt entgegenbringen zu müssen, sie reglementieren und unterordnen zu können. Wenn du deine Tochter unterstützen willst, dann enge sie nicht ein und maßregele sie andauernd, sondern stärke lieber ihre Selbstsicherheit und ihr Selbstbewusstsein, denn das, was du machst, ist kontraproduktiv dafür. Nicht jeder Mann ist der böse Wolf und der Vater sollte seiner Tochter nicht solche Angst machen vor Männern.

Langes Schweigen.

Dann die seufzende und resignierte Stimme ihres Vater: Du verstehst mich nicht. Ich habe doch nur Angst.

23 thoughts on “Silvesternacht (Kapitel 1)

  1. Arabella sagt:

    Kluge Denkansätze in einer Welt, die Frauen nicht gleichberechtigt behandelt.

  2. Sie schaffen es, dieses sehr fragile Thema in der Waage zu halten. Was mich nicht wundert, weil ich Sie kennenlernen durfte. Aber be-wundern darf ich Ihren sicheren Schreibstil. Meine Liebe, ich freue mich auf weiteren Lese/Blick/Hör- Genuß und sende eiskristallüberzuckerte Grüße.
    Ihre Käthe, terrassenlichtanlassend.

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Käthe, es ist zweifellos ein fragiles Thema und gerade darum ist es wichtig, dass ich mich an dieses glühend heiße Eisen herantraue. Ihr Lob hat mich sehr gefreut. Ich lerne ständig weiter, auch was meinen Sprachstil betrifft. Ich möchte ihn noch mehr schulen und befreien, doch das erfordert viel Übung und vor allem: viel Schreiben und dazu habe ich jetzt ja Gelegenheit. Die Geschichte umfasst vier Kapitel, vielleicht stelle ich heute Abend den zweiten Teil ein. Fertig geschrieben ist die Geschichte, ich arbeite nur noch stellen weise am Feintuning und merze stilistische Hoppelsprünge aus. Ich freue mich schon darauf, Sie wiederzusehen…:) Schneekristallüberpuderte Sonntagsgrüße mit hochgelegten Beinen von Ihrer Karfunkeligen

  3. Flowermaid sagt:

    … freue mich auf die weiteren Kapitel!😀

  4. Clara HH sagt:

    Obwohl ich ein wenig hinterherhänge mit dem Lesen, habe ich erst Kapitel 1 gelesen, bevor ich mich an die zwei mache.
    Da Frauen so oft die Gedanken, Triebe und Handlungen von Männern nicht einschätzen können, hat meiner Meinung nach auch der Vater ein wenig Recht – nicht in dem Abschätzigen, wie er den Kleidungsstil seiner Tochter beurteilt, aber in der Angst und in der Vorsicht.
    Ich denke immer noch an den Film mit Jody Foster (schreibt sich wohl anders), wo sie in der Hinterstube eines Gasthauses von mehreren Männern vergewaltigt wird und wo dann zum Ausdruck gebracht wird: „Die hats doch so gewollt, so, wie sie sich angezogen hat.“
    Jetzt lese ich den zweiten Teil, bevor ich ins Bett gehe.
    Gut’s Nächtle!

    • karfunkelfee sagt:

      Liebe Clara, der Vater spricht aus seiner Lebenserfahrung heraus. Die Angst um die Tochter macht ihn drastisch. Die Mutter hingegen sieht die Tochter, die zur Frau wird und wünscht sich eine freie zensurlose Entwicklung ihres Kindes. Der Film „Angeklagt“ ist mir prägend in Erinnerung. Eine meisterhafte Glanzleistung von Jody Foster mit zeitlosen und aktuellen Fragen. Ich reiße in meiner Geschichte einige Themen an, die Generationen immer wieder bewegen und in den Konflikt miteinander bringen. Hinein spielt die aktuelle verschärfte Situation. Die Silvestervorfälle in Köln, auch in meiner Stadt animierten mich, diese Geschichte aufzuschreiben. Sehe ich die Mädchen in der Stadt, sehe ich sie und ihre Freundinnen. Es sind ganz normale Jugendliche, wie ich sie in der Stadt erlebe und manchmal ihren Gesprächen lausche. Ich bin gespannt, was Du sagst, wenn du das Ende gelesen hast. Liebe Grüße….

      • Clara HH sagt:

        Der Vater spricht nicht nur aus seiner Lebenserfahrung, sondern er wird auch noch wissen, welche Qualen ihm die Beherrschung vielleicht selbst als junger Mann bereitet hat.
        Ich bin wirklich gespannt, wie es weiter geht.

      • karfunkelfee sagt:

        Beherrschung kann für jeden zur Qual werden. Ob Trieb oder Bedürfnis, beides will gestillt werden. Fein, Dein Mitlesen und tiefes Eingreifen in die Geschichte. Deine Kommentare machen mir Freude…

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